Mit Wäschekörben in den Osten

02.02.2017Mit Wäschekörben in den Osten

Plötzlich in der Pole-Position: Dagmar Droysen-Reber über die neue Rolle des Staatlichen Instituts für Musikforschung am Kulturforum nach dem Mauerfall.

Aufgezeichnet von Kristina Heizmann

Wissen Sie, an dem Tag, an dem die Mauer geöffnet wurde, ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich saß vor dem Fernseher und habe geweint. Am 10. November herrschte dann große Unruhe unter den Mitarbeitern meines Hauses. Man lief zum Brandenburger Tor, sah die Menschenmengen, kam zurück und fragte sich: Was passiert jetzt?

Dagmar Droysen-Reber, ehemals Direktorin am Staatlichen Institut für Musikforschung
© SPK / Werner Amann

Dagmar Droysen-Reber

Geboren 1928 in Barmen
Seit 1965 am Staatlichen Institut für Musikforschung, ab 1984 Direktorin des Musikinstrumenten-Museums (West-Berlin). Von 1984-1991 Stellvertretende Direktorin des Staatlichen Instituts für Musikforschung, von 1991-1994 dessen Direktorin.

Als das Musikinstrumenten-Museum 1984 eröffnet hatte, lag das Haus ja noch direkt an der sogenannten Entlastungsstraße, die nach dem Mauerbau für die Verkehrsführung in West-Berlin notwendig geworden war. Und direkt dahinter, uns gegenüber, stand die Mauer.

Nach dem 9. November verschwand sie dann so schnell, wie sie gebaut worden war. Ohne die Mauer war unser Haus ganz neu und viel besser zugänglich geworden! Es lag auf einmal an der großen Brache des Potsdamer Platzes und wir konnten plötzlich bis zum Gendarmenmarkt hinübersehen. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Die Entfernung schien kurz, aber die Brache war riesig und sehr schwer begehbar.

In den Siebzigerjahren hatte ich den damaligen Präsidenten Hans-Georg Wormit gefragt, warum das Institut ausgerechnet an der Mauer gebaut worden war.

Er sagte, Sie werden sehen, wenn die Wiedervereinigung einmal kommt, dann stehen wir schnell in engem Kontakt mit den Museen und der Staatsbibliothek – und er hat Recht behalten! Schon kurz nach dem Mauerfall habe ich in der Staatsbibliothek Unter den Linden den Bestandskatalog des Musikinstrumenten-Museums von 1888 wiedergefunden. Und wenig später rief mich der Leiter der Musikabteilung an und sagte, sie hätten im Magazin Bücher mit dem Stempel „Musikforschung“ gefunden. Ob das wir seien. Dann sollten wir doch mal vorbeikommen. Da sind wir 1992 also mit
großen Wäschekörben dorthin gegangen und haben körbeweise Bücher in unser Institut getragen!

Schulführung im Musikinstrumenten-Museum, im Vordergrund Cembali aus dem 18. Jahrhundert
© SPK / Pierre Adenis

Staatliches Institut für Musikforschung

Das Staatliche Institut für Musikforschung ist das größte außeruniversitäre Forschungszentrum für Musikwissenschaft in Deutschland. Es widmet sich der historisch-theoretischen Reflexion über Musik und deren Vermittlung. Hierfür präsentiert es in seinem Musikinstrumenten-Museum die Entwicklung der europäischen Kunstmusik vom 16. bis zum 21. Jahrhundert für ein breites Publikum. Bereits 1888 gegründet, besitzt das Museum über 3.000 historische Musikinstrumente und bietet vielfältige Veranstaltungen – vom wissenschaftlichen Symposium, über Konzerte, bis hin zu interaktiven Klanginstallationen.

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