Wir sind jetzt auch da

10.02.2017Wir sind jetzt auch da

Evelyn Klengel berichtet, wie sie sich als Direktorin des Vorderasiatischen Museums behauptete.

Aufgezeichnet von Kristina Heizmann

In der DDR sind Frauen immer gefördert worden, ich habe mich in dieser Hinsicht nie benachteiligt gefühlt. Im Gegenteil, ich konnte mich qualifizieren und ein Studium absolvieren, das mich von der wissenschaftlichen Hilfskraft schließlich auf verantwortliche Positionen führte. Zu den Förderungsmaßnahmen gehörten Frauenaspiranturen, bei denen man freigestellt, seine Dissertation beenden und wieder in den Beruf zurückkehren konnte, oft auch auf eine höher eingestufte Stelle. Es gab bei den Staatlichen Museen eine ganze Reihe von Direktorinnen, aber das war auch in der DDR natürlich nicht die Regel. Ich spreche hier ausdrücklich von der Museumsinsel, auf der sich das Vorderasiatische Museum befindet. In der DDR gab es außerdem nicht viele vorderasiatische Archäologen und Keilschriftforscher. Wir hatten mit diesen etwas exotischen Spezialfächern eine dem politischen Druck weniger ausgesetzte Stellung als die Kollegen in den Sammlungen der Moderne.

Evelyn Klengel, von 1990-1997 Direktorin des Vorderasiatischen Museums
Evelyn Klengel © SPK / Werner Amann

Mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in West-Berlin war der Kontakt verboten. Das galt aber auch umgekehrt. Es gab trotzdem zahlreiche Begegnungen, vor allem auf Dienstreisen oder auf Ausgrabungen. Ich war des Öfteren in den Irak eingeladen, wo ich auf Tagungen beispielsweise Frau Strommenger traf, die im Museum für Ur- und Frühgeschichte in West-Berlin eine Vorderasiatische Sammlung betreute.

Einmal haben wir in einem Grabungshaus auch in einem Zimmer geschlafen. Offiziell gab es diese Kontakte aber nicht und wenn es Anfragen zur Ausleihe von Objekten aus unseren Sammlungen gab, wurde immer erst gefragt, ob sich die Stiftung West daran beteiligt. Wenn ja, dann lehnte das Ministerium für Kultur, dem die Museen unterstanden, meist ab. Im Ministerium wurde auch entschieden, ob man reisen durfte, ob man ein sogenannter „Reisekader“ war. Ein schrecklicher Ausdruck.

Wir haben Ende der Achtzigerjahre festgestellt, dass sich die Situation in der DDR zusehends verschlechterte, auch in den Museen. Die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung war hoffnungsloser geworden, die Versorgungslage wurde immer prekärer. Auch die Tatsache, dass wir eigentlich eingesperrt waren, bedrückte jeden von uns. Als sich 1989 die Situation immer mehr zuspitzte, dachte ich: Lange kann das nicht mehr gehen. Ich habe geglaubt, dass die DDR irgendwann wirtschaftlich zusammenbrechen würde, aber dass dieser Staat dann auf diese friedliche Weise so plötzlich zu Ende gehen würde, hat niemand erwartet.

Evelyn Klengel

Geboren 1932 in Berlin
Seit 1952 am Vorderasiatischen Museum (Ost-Berlin) auf der Museumsinsel. Ab 1970 Kustodin, von 1990-1997 Direktorin

Natürlich haben wir uns 1989 auch gefragt, wie geht es weiter mit den Museen? Zuerst blieb ja alles wie bisher, Schade war Generaldirektor und fast alle blieben auf ihren Posten. Aber als sich dann abzeichnete, dass wir zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz kommen würden, gab es natürlich auch Verwerfungen und Ängste.

Das war nicht überraschend, denn so gut wie alle Sammlungen waren doppelt besetzt und es waren immer die Westdirektoren, die aufgrund des geltenden Beamtenrechts die Direktorenposten der zusammengeführten Sammlungen übernahmen, da es in der DDR keinen Beamtenstatus gegeben hatte. Diese Sorge hatten wir im Vorderasiatischen Museum nicht, da es kein Parallelmuseum in West-Berlin gab. Das bedeutete aber auch, dass es bei uns keinen Personalzuwachs gab wie in fast allen anderen Sammlungen.

Ich ging dann auch zu den ersten Direktorenkonferenzen, wo ich manchmal sehr deutlich sagen musste: Das Vorderasiatische Museum ist jetzt auch da! Das war alles nicht leicht, weil wir plötzlich mit anderen Vorschriften, mit anderen Kollegen und einer anderen Leitung konfrontiert waren. Ich weiß noch, wie ich mich in einer der Sitzungen, bei der auch über Gelder verhandelt wurde, gemeldet und Geld für die ständige Ausstellung gefordert habe. Da wurde ich angestaunt, denn es standen nur Gelder für Sonderausstellungen und nicht für die Modernisierung der Sammlungen zur Verfügung. Es hat lange gedauert, bis man erkannte, dass auch die Dauerausstellungen dringend der Modernisierung bedurften. Nach und nach haben wir es trotzdem geschafft und einzelne Raumtrakte umgestaltet.

Ich glaube, dass ich mich als Frau in diesen Auseinandersetzungen neu beweisen musste. In der gesamtdeutschen, zusammengeführten Direktorenschar gab es nämlich relativ wenige Frauen. Und ich hatte den Eindruck, dass die Männer – auch wenn man das vielleicht nicht verallgemeinern sollte – mehr zusammenhielten und vieles schon besprochen worden war, ehe die Sitzung begonnen hatte. Da musste ich schon neue Wege finden, zu verhandeln und mich durchzusetzen.

Ischtar-Tor (Rekonstruktion des äußeren Tores), 6. Jahrhundert v. Chr., glasierte Keramikziegeln, Höhe 14,75 x Breite 26,41 x Tiefe 4,38 m
© bpk / Vorderasiatisches Museum, SMB

Vorderasiatisches Museum

Das Vorderasiatische Museum beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen orientalischer Altertümer. Zudem kann es ein Wunder vor Augen führen: die Mauern von Babylon. Sie zählten einst zu den sieben Weltwundern der Antike, bis sie verfielen. Ein Teil von ihnen aber wurde geborgen und rekonstruiert: das farbenprächtige Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon. Durch sie und zahlreiche weitere Objekten entsteht ein Bild von 6.000 Jahren Kunst- und Kulturgeschichte in Mesopotamien, Syrien und Anatolien. Das Vorderasiatische Museum präsentiert seine Sammlungen im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel.

Website des Vorderasiatischen Museums

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