Maul halten, Ohren aufsperren

03.02.2017Maul halten, Ohren aufsperren

Das Ende des Kuschelklimas: Bernd Kluge vom Münzkabinett über Verteilungskämpfe und Existensängste nach der Wende.

Aufgezeichnet von Kristina Heizmann

Nach dem Mauerfall kamen die Veränderungen ziemlich schnell auch im Museum an. Die hauptamtliche Parteisekretärin, das Auge und die Stimme der SED, hatte es klugerweise vorgezogen, überhaupt nicht mehr zu erscheinen. Andere konnten es sich nicht so einfach machen. Für den Generaldirektor Ost, Günter Schade zum Beispiel, wurde die Sache fast ein Existenzkampf. Der letzte Kulturminister der DDR hatte ihn abgesetzt und Schade wusste nicht mal, ob er sich auf seine eigenen Leute verlassen konnte.

Bernd Kluge, ehemaliger Direktor des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin
Bernd Kluge © SPK / Werner Amann

Es bildeten sich Räte, in denen sich Wissenschaftler, Restauratoren und andere Berufsgruppen basisdemokratisch organisierten. Das gegen Schade ausgesprochene Misstrauensvotum ist in einer Abstimmung aller Museumsmitarbeiter dann mehrheitlich abgelehnt worden. Die Führungsspitze der Museen war nahezu komplett in der SED (anders gelangte man in der DDR kaum in
Führungspositionen) und ist in der Wende nahezu ebenso komplett ausgetreten.

Die Monate der Wende zwischen November 1989 und Oktober 1990 waren eine bewegte Zeit, in der auf der Museumsinsel Demokratie geübt wurde, mit vielen sympathischen und manchmal auch skurrilen Zügen. Mit der Überführung der Staatlichen Museen unter das Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war diese Phase sofort beendet.

Die Generaldirektoren Ost und West, Günter Schade und Wolf-Dieter Dube, hatten früh zueinandergefunden. Die Zusammenführung der Museen haben beide und der Stiftungspräsident Werner Knopp gut, verantwortungsvoll und ohne große Verwerfungen auf beiden Seiten gemanagt – auch weil die Führungselite Ost fast ausnahmslos ihre neue Rolle in der zweiten Reihe ohne größeres Murren annahm. Dube als neuer Generaldirektor Ost und West verstand es, sich Respekt zu verschaffen. Da wurde auf Direktorenkonferenzen auch schon mal kräftiger abgewatscht. Dieser Führungsstil war neu, so etwas kannten wir im Osten nicht, wo jeder – zumindest im Museum – ziemlich ungestört vor sich hinfriemeln konnte.

Bernd Kluge

Geboren 1949 in Cottbus
Seit 1972 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kustos am Münzkabinett der Staatlichen Museen (Ost-Berlin). Von 1992-2014 dessen Direktor

Dass jetzt mehr Effektivität gefragt war, war mir recht, und noch mehr, dass sich die Nichtmitgliedschaft in der SED von einem Karrierehindernis in einen Karrierevorteil verwandelte.

Die größte Unruhe herrschte unter den Handwerkern. Im Osten hatte jedes größere Museum seine eigenen Gewerke – Schlosser, Tischler, Maler. Die meisten verdienten gut und häufig besser als die Wissenschaftler. Nach der Wende wurde klar, dass sich in diesem Gehaltsgefüge einiges ändern würde. Am Tag der Übernahme durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gab es im Kultursaal des Pergamonmuseums eine große Personalversammlung, auf der die neue Führung – Knopp, Dube und der Personalchef Eckhard Leberl – vor der gesamten Ostbelegschaft auftraten.

Dem armen Leberl sind die wüstesten Zwischenrufe und Fragen an den Kopf geknallt worden und er musste sich als „Kapitalist“ des Westens gegen die Arbeiter im Osten verteidigen. Das war die lebhafteste Personalversammlung der Staatlichen Museen, die ich je mitgemacht habe. Die Existenzängste waren mit Händen zu greifen – jeder stand jetzt vor dem Neubeginn.

Der Personalüberhang durch die Doppelinstitute führte zu den gefürchteten „kw“ (kann weg) -Stellenvermerken. Auch das Münzkabinett verlor sehr bald zwei Wissenschaftlerstellen, obwohl es zu den wenigen Museen der Stiftung gehörte, die nur auf der Ostseite vorhanden waren und durch die Zusammenführung nichts hinzugewann. Im Gegenteil: Alles auf uns zurollende Neue musste ohne die Hilfe eines erfahreneren westlichen Zwillingsinstituts bewältigt werden.

Wir fielen dabei in manchmal ziemlich kaltes Wasser, in dem wir uns das Schwimmen auch noch selber beibringen mussten. Im nun einsetzenden Verteilungskampf mit härteren Bandagen waren wir ja ungeübt und anfangs galt es, das Maul zu halten und die Ohren aufzusperren, um nicht als naiver Ossi aufzufallen. Dabei war mir – ausgerechnet – mein als klassischer Wessi verschriener Generaldirektor Wolf-Dieter Dube eine echte Hilfe. Ich trauerte dem angenehmeren, damals im Westen gerne als Kuschelklima benoteten Arbeitsklima Ost auch nicht nach – so wie bisher konnte es ja nicht weitergehen. Zum Trauern war auch gar keine Zeit, denn in der nun beginnenden notwendigen Generalinstandsetzung der Museumsinsel waren alle Hände voll zu tun.

Dabei durfte ich den Triumph erleben, das Münzkabinett im Jahre 2004, genau 100 Jahre nach seiner Einrichtung im Kaiser-Friedrich-Museum (dem heutigen Bode-Museum) im wiedergewonnenen alten Glanz der Kaiserzeit in sein zweites Jahrhundert zu führen. Wem wird so etwas in seinem Berufsleben schon zuteil?

Johann Georg (1571-1598), Kurfürst von Brandenburg, Kurfürstentum, Münzherr, 1587
© Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett / Lutz-Jürgen Lübke

Münzkabinett

Das Münzkabinett zählt zu den bedeutendsten numismatischen Sammlungen der Welt. Es stellt im Bode-Museum auf der Museumsinsel Berlin aus. Zudem bereichert es die Schau der Antikensammlung im Alten Museum mit einer Auswahl seiner besten Stücke der antiken Münzprägung.
Neben Münzen gehören Medaillen zu den wesentlichen Objekten des Münzkabinetts. Darüber hinaus hat es in seinen Beständen Papiergeld, Siegel, Marken und Rechenpfennige, weitere Geldarten sowie historische Werkzeuge der Münzstätte Berlin.

Website des Münzkabinetts

Weitere Informationen

Weitere Artikel dieses Dossiers