Aushilfe zur Aushilfe

06.04.2017Aushilfe zur Aushilfe

Gegen den „einigungsbedingten Mehrbedarf“: 1990 wurde Peter Altekrüger erster neuer Mitarbeiter der SPK aus dem Osten.

Aufgezeichnet von Carolina Ritter

Natürlich kannten wir Studenten in Rostock das Ibero-Amerikanische Institut (IAI), aber es war ein mythischer Ort für uns. Wir wussten, dass es ihn gibt, aber er war für Studenten unerreichbar. Ich habe Lateinamerikawissenschaften in Rostock studiert und damals gab es an Hochschulen der DDR keinen Online-Katalog und kaum Recherchemöglichkeiten. Kataloge und Informationen waren nur vor Ort einsehbar und als Studenten durften wir natürlich nicht ins westliche Ausland reisen. Wir kamen an den riesigen Bestand des IAI also selbst nicht heran. Aber unsere Lehrkräfte fuhren hin und wieder nach West-Berlin und haben für uns recherchiert oder sogar mal eine Kopie gemacht.

Peter Altekrüger, Ibero-Amerikanisches Institut
Peter Altekrüger © SPK / Werner Amann

Einen Fotokopierer bekam unsere Fakultät (Sektion genannt) erst 1988. Allerdings fehlte erst der Toner, dann spezielles Papier, und als ich beides besorgt hatte, scheiterte die Inbetriebnahme daran, dass der erforderliche Starkstromanschluss fehlte. So ging das Gerät nie ans Netz. Einer unserer Hochschullehrer erzählte mir beeindruckt von den Kopierern im IAI, wie ein Mitarbeiter sie dort frühmorgens immer bestückte und die Papierpackungen nur so auffetzte – ein Paradies auch, was den Zugang zur Fachliteratur anging. Ein Jahr später war ich derjenige, der frühmorgens im IAI die Papierpackungen aufriss und die Geräte bestückte. Aber das hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht träumen lassen.

Im August 1989 habe ich mein Studium beendet und ging gleich nach Berlin: Kurz nachdem die Mauer gefallen war, wurden vier befristete Projektstellen am Ibero-Amerikanischen Institut ausgeschrieben, um den „einigungsbedingten Mehrbedarf“ auszugleichen, der durch die nach dem Mauerfall wachsende Zahl der Nutzer und Besucher entstanden war. Ich habe mich auf alle vier Stellen beworben und hatte großes Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. In meinem ersten Arbeitsvertrag am IAI stand „Aushilfsangestellter zur Aushilfe“.

Meinen Dienstantritt hatte ich noch vor der Wiedervereinigung, zu Zeiten der Zwei-Staaten-Lösung. Um „einstellungsfähig“ zu werden, habe ich meinen Wohnsitz nach West-Berlin verlegt, lebte aber noch in Hellersdorf in Ost-Berlin. Als ich beim Vorstellungsgespräch von meinem Vorgänger erfuhr, dass mein Nettogehalt 2.000 DM betragen würde, konnte ich es nicht glauben. Die Kosten stiegen zwar im Osten schnell, aber die Mieten waren noch lange Zeit sehr niedrig. Das prozentual verfügbare Einkommen war nie wieder so hoch wie damals.

Peter Altekrüger

Geboren 1961 in Lutherstadt Wittenberg
Seit 1990 Mitarbeiter des Ibero-Amerikanischen Instituts (West-Berlin), seit 2000 dort Bibliotheksdirektor und stellvertretender Direktor.

Soweit ich weiß, war ich einer der ersten Mitarbeiter aus dem Osten nach dem Mauerfall in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ich bin 1990 jeden Tag über den Potsdamer Platz zur Arbeit gelaufen. Das war damals noch eine grüne Wiese mit Walnuss- und Kirschbäumen. Es standen dort lange Zeit noch die Mauerreste mit der Plattform, wo heute die Signalanlage steht. Erst später wurde der Potsdamer Platz zu einem tristen Ort mit ausgetretenen Trampelpfaden.

Das IAI hatte es im Vergleich zu den Staatlichen Museen und der Staatsbibliothek relativ leicht, denn wir hatten keine Partnerorganisation in Ostdeutschland, wie zum Beispiel das Geheime Staatsarchiv, das einen großen Teil der Bestände ins Deutsche Zentralarchiv in Merseburg ausgelagert hatte. Das hatte Vor- und Nachteile: Es gab keine schwierigen Umstellungen, wie dies oft bei Zusammenlegungen der Fall ist, und es ergab sich kein Konkurrenzdruck, welcher Art auch immer.

Der Nachteil war, dass nicht mehr Stellen eingerichtet wurden. Und dass das Institut noch einige Jahre nach der Wende sein etwas isoliertes, gemütliches Dasein aus West-Berliner Zeiten fortführte. Eine Anbindung an Wissenschaft und Politik gab es kaum. Erst 1995, als der Bundesrechnungshof zu Besuch kam und unter anderem empfahl, die Kulturarbeit einzustellen und die Sammlungen in die Staatsbibliothek einzugliedern, ist das Institut aus dem Dornröschenschlaf gerissen worden und hat einen neuen Weg eingeschlagen.

Für mich persönlich hat das Ibero-Amerikanische Institut alle mythischen Versprechen eingelöst. Die Informationsmöglichkeiten und die Literaturmenge waren und sind tatsächlich enorm. Ich wünschte, ich hätte nur die Hälfte davon für meine Diplomarbeit zur Verfügung gehabt!

Konzert im Lesesaal des Ibero-Amerikanischen Instituts, im Hintergrund mexikanische Druckgrafiken
© SPK / Pierre Adenis

Ibero-Amerikanisches Institut

Das Ibero-Amerikanische Institut ist eine interdisziplinär orientierte Einrichtung des wissenschaftlichen und kulturellen Austausches mit Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal. Es beherbergt die größte europäische Spezialbibliothek für den ibero-amerikanischen Kulturraum.
Die einzigartige Verbindung von Informations-, Forschungs- und Kulturzentrum macht das IAI zu einer Plattform für Kooperationen und zu einem Katalysator für interkulturelle und transkulturelle Dialoge. Das IAI wurde 1930 gegründet und befindet sich heute am Berliner Kulturforum.

Website des Ibero-Amerikanischen Instituts

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