Man wusste ja nie, wer was war...

30.01.2017Man wusste ja nie, wer was war...

Jens Kröger erzählt, wie sich die wechselnde politische Großwetterlage in der DDR im Pergamonmuseum bemerkbar machte.

Aufgezeichnet von Andreas Schäfer

Mitte der Sechzigerjahre kam ich nach Berlin, um islamische Kunst zu studieren. Weil dieses Fach zu dieser Zeit in der Bundesrepublik und Berlin aber noch nicht gelehrt wurde, habe ich mich am Museum für Islamische Kunst in Dahlem vorgestellt. Der ehemalige Direktor riet mir, Kunstgeschichte zu studieren und bot mir an, neben dem Studium im Museum zu arbeiten. Sehr bald schon war ich dann mit der Besonderheit der Berliner Museen konfrontiert.

Jens Kröger, ehemaliger Kustos am Museum für Islamische Kunst (West)
Jens Kröger © SPK / Werner Amann

Viele Sammlungen waren auf beide Teile der getrennten Stadt verteilt und wenn man bestimmte Kunstwerke untersuchen wollte, kam man ohne das Partner- oder Zwillingsmuseum nicht aus. Im Pergamonmuseum waren die großen Objekte des Museums für Islamische Kunst verblieben, während das Museum in Dahlem mit den Beständen gegründet worden war, die gegen Ende des Krieges in die Salzbergwerke verlagert worden waren. Im Pergamonmuseum befanden sich aber auch die Dokumentationen, Ausgrabungsbücher und Fotografien.

Ich wollte meine Dissertation über eine Ausgrabung der Islamischen Abteilung in Ktesiphon im Irak schreiben, der Hauptstadt der persischen Dynastie der Sasaniden vom 3.–7. Jahrhundert. Das bedeutete, dass ich vor allem im Osten der Stadt recherchieren musste. „Das können Sie gerne machen“, sagte Volkmar Enderlein, der damalige Direktor des Museums im Osten.

Entgegen irgendwelcher politischer Aussagen, dass die Museen keinen Kontakt miteinander gehabt hätten, war das für mich gar kein Problem. Ich habe mir das Material dort erarbeiten können und war teilweise wöchentlich im Pergamonmuseum. Dadurch habe ich die Mitarbeiter, die Restauratoren, aber auch die Kunstobjekte kennengelernt. Das war ein großes Glück, weil ich mir so beide Sammlungsteile aneignen konnte. Der Kontakt zwischen den Zwillingsmuseen war vorher schon sehr eng gewesen. Ernst Kühnel, der frühere Direktor des Pergamonmuseums, war zwar 1951 ausgeschieden, hatte dann aber ehrenamtlich weiter gearbeitet und die Ausstellung 1954 auch wiedereröffnet.

Jens Kröger

Geboren 1942 in Magdeburg
Von 1985-2007 Kustos am Museum für Islamische Kunst (West-Berlin)

Und das Gleiche hat er in Dahlem getan. Er wohnte in West-Berlin und hat beide Sammlungen ehrenamtlich vertreten. Erst 1958 kam es zur Institution eines neuen Direktors und dann zur Eingliederung in den Preußischen Kulturbesitz. Auch nach meiner Dissertation bin ich regelmäßig ins Pergamonmuseum gefahren, auch um den guten Kontakt zu den Kollegen nicht abreißen zu lassen.

Später habe ich dann Veränderungen in der DDR bemerkt, mir wurde zum Beispiel signalisiert: Zu einer Ausstellungseröffnung kommen Sie besser nicht. Oder mir fielen – das war schon in den Achtzigerjahren – die vielen junge Leute als Aufseher in den Ausstellungen auf. Da wurde mir gesagt: Das sind alles Leute, die Ausreiseanträge gestellt hatten; die durften natürlich nicht mehr an ihren eigentlichen Arbeitsplätzen verbleiben und wurden in den Aufseherdienst abgeschoben. Aber eigentlich wurde über Veränderungen nicht viel gesprochen. Nun, man wusste ja nie, wer was war ... Die Kollegen im Osten konnten im Grunde genommen anfangs auch von mir nicht wissen, ob man mir vertrauen konnte.

Später habe ich dann Veränderungen in der DDR bemerkt, mir wurde zum Beispiel signalisiert: Zu einer Ausstellungseröffnung kommen Sie besser nicht. Jens Kröger

Für mich ist die Zeit der geteilten Sammlungen stark mit Friedrich Sarre, dem ersten Direktor der Islamischen Abteilung, verbunden. Anfang des 20. Jahrhunderts war Sarre ein einflussreicher und bekannter Mann in Berlin. Wilhelm von Bode konnte die Islamische Abteilung 1904 nur ins Leben rufen, weil er von Sarre dessen große Sammlung als Dauerleihgabe erhielt. Bode berief Sarre zum ersten Leiter. Bis 1921 hat er die Abteilung ehrenamtlich geleitet und als er dann auch offiziell Direktor wurde, hat er dem Museum eine Schenkung von 750 Kunstwerken übergeben.

Ich habe mich schon immer für das Haus interessiert, in dem Sarre mit seiner Familie seit 1905 in Neubabelsberg gewohnt hat, eine große Villa im Renaissance-Stil, in der ein reges gesellschaftliches Leben herrschte. Bis 1945 hat er dort gewohnt, bis die Russen es zur Potsdamer Konferenz beschlagnahmt haben. Der gesamte Hausinhalt ist auf die Müllkippe gekommen, Tagebücher, die Bibliothek und vieles andere ist leider verloren gegangen, natürlich auch viele wichtige Kunstwerke, die wir zum Teil gar nicht kennen.

Nach dem Krieg hat die Deutsche Hochschule für Filmkunst das Haus übernommen. Ich war immer daran interessiert, dieses Haus zu besuchen, aber man konnte nicht hin, weil es am Griebnitzsee im Grenzbereich lag. Einmal war ich mit einer Tochter von Sarre an der Grenze und habe das Haus von Weitem gesehen. Wir konnten bis zum Wald in der Nähe der Mauer fahren und über den Griebnitzsee entfernt den hohen Turm des Hauses erkennen. Als die Mauer dann fiel, sind wir natürlich gleich 1990 hingefahren.

Das war im Winter. Wir haben erst das Grab Sarres auf dem Friedhof Klein-Glienicke direkt an der Mauer gesucht und sind dann zum Haus gefahren. Es war unbewohnt, verschlossen und leer, doch wir konnten im Garten herumlaufen und uns die Kunstwerke am Haus ansehen. Das war ein sehr anrührender Moment: Dass wir endlich da waren!

Inzwischen ist das Haus verkauft worden und wird als Privathaus genutzt. Erst kürzlich hatten wir die Möglichkeit, uns das Haus auch von innen anzusehen. Das war natürlich ein schöner Endpunkt in der Kette der Versuche, dort hinzugelangen. Die jetzigen Bewohner setzen sich sehr mit der Familie Sarre auseinander. Das Haus war früher voller Kunstwerke und das Schöne ist, dass jetzt dort jemand wohnt, der eine enge Beziehung zur Kunst hat.

Mschatta-Fassade im Museum für Islamische Kunst
© Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Museum für Islamische Kunst

Das Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin präsentiert im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel Meisterwerke der Kunst und archäologische Objekte aus islamisch geprägten Gesellschaften vom 8. bis ins 19. Jahrhundert. Die Sammlung umfasst ein Gebiet, das von Spanien bis nach Indien reicht.
Das Museum ist eine der führenden Forschungseinrichtungen auf ihrem Gebiet. Es engagiert sich im Kulturgutschutz und ist aktiv in den Bereichen Restaurierung, internationaler Kulturaustausch und (inter-)kulturelle Bildung in Deutschland.

Website des Museums für Islamische Kunst

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