Die Freiheit, jedes Buch lesen zu können

02.02.2017Die Freiheit, jedes Buch lesen zu können

Günter Baron erinnert sich, wie man in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße die Wende erlebte.

Aufgezeichnet von Andreas Schäfer

Als die Wende kam, war zu nächst einmal nur Überwältigung da. Und zwar eine allgemeine, eine politische Überwältigung: Dass auf einmal Realität wird, woran ich zwar geglaubt hatte, aber nicht, dass ich es selbst noch erleben würde! Am Tag nach der Maueröffnung ging ich abends von der Villa von der Heydt den Landwehrkanal entlang zur Staatsbibliothek und überholte ein Ehepaar. Die beiden machten den Eindruck, als hätten sie sich verirrt. Ich habe sie angesprochen und tatsächlich: Sie stammten aus Halle und waren mit ihrem kleinen Kind nach Berlin gekommen, um das Gefühl der Freiheit auf dem Kudamm zu erleben. Sie waren aber zunächst in einer Neuköllner Kneipe gelandet, hatten dort ihr Kind in Verwahrung gegeben und sind dann zu Fuß von Neukölln zum Kurfürstendamm gelaufen und waren jetzt auf dem Rückweg. Ich habe sie mitgenommen bis zur Staatsbibliothek und dann sind wir in meinem Auto nach Neukölln gefahren, um ihr Kind abzuholen. Das war das erste persönliche Erlebnis: Leute kommen aus Halle nach Berlin, nur um einmal über den Kurfürstendamm zu spazieren!

Zwei, drei Tage später schon setzte der Ansturm in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße ein. Bis zu 300 Besucher „aus dem Osten“ standen morgens vor dem Haus. Wenn der Hausmeister um 9 Uhr die Eingangstüren öffnete, schallte der Ruf durch die große Eingangshalle: Achtung, sie kommen! Und dann trat er beiseite und das Volk stürmte herein. Wir mussten uns schnell überlegen, wie wir mit all diesen Menschen umgehen.

Wir haben dann eine Extra-Erstauskunft in der Eingangshalle eingerichtet, um die immer wieder gestellten Fragen zu beantworten: „Wie kann ich die Bibliothek benutzen?“ „Darf ich denn hier einfach rein?“ „Kann ich jedes Buch bekommen?“ Das waren die Leute aus den Bibliotheken der DDR nicht gewohnt.

Günter Baron

Geboren 1938 in Neudeck in Schlesien
Von 1979-2001 Ständiger Vertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (West-Berlin), ab 1992 der vereinigten Staatsbibliothek zu Berlin

Günter Baron, ehemals Ständiger Vertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek zu Berlin
Günter Baron © SPK / Werner Amann

Dieses Erlebnis, Selbstverständliches zu sagen, aus unserer Sicht Selbstverständliches, das war überwältigend: „Ja, Sie können hier einfach durchgehen.“ „Ja, Sie können in den Lesesaal gehen, da stehen 160.000 Bände aus allen Fachgebieten frei zugänglich aufgestellt.“ „Ja, Sie können an die Regale gehen und sich aussuchen, was Sie wollen.“ „Wenn Sie Bücher ausleihen wollen, können Sie sich da drüben eine Benutzerkarte ausstellen lassen; Ausleihbeschränkungen gibt es nur aus konservatorischen Gründen, dann bekommen Sie das Buch nur im Lesesaal ausgehändigt.“

Häufig war fast ungläubiges Staunen zu bemerken, dass die Einsicht in alle vorhandenen Bücher ohne spezielle „Berechtigung“ möglich war. Man hat da erst gemerkt, was Informationsfreiheit bedeutet. Ich habe an dieser Erstauskunftsstelle natürlich auch gesessen. Und auch der Generaldirektor Richard Landwehrmeyer. Nach telefonischer Absprache mit dem Präsidenten Professor Werner Knopp hatten wir das „Wohnsitzprinzip“ West-Berlin für die Buch-Ausleihe aufgehoben. Jeder, der einen Personalausweis vorlegte, egal ob aus dem Osten oder Westen, konnte Bücher ausleihen, und bis Ende Februar 1990 hatten wir 8.000 neu eingetragene Benutzer. Die ja nur vom Stiftungsrat zu beschließende Benutzungsordnung wurde erst viel später geändert: Es war eben in vielen Bereichen eine wunderbar anarchische Zeit.

Häufig war fast ungläubiges Staunen zu bemerken, dass die Einsicht in alle vorhandenen Bücher ohne spezielle „Berechtigung“ möglich war. Man hat da erst gemerkt, was Informationsfreiheit bedeutet. Günter Baron

An eine Wiedervereinigung mit der Deutschen Staatsbibliothek Unter den Linden haben wir zunächst gar nicht gedacht. Im Vordergrund stand die praktische bibliothekarische Zusammenarbeit und die kam auch sehr schnell und unbürokratisch in Gang. Dann haben wir Pläne für eine Konföderation der beiden Bibliotheken durch ein Verwaltungsabkommen gemacht. Doch nach und nach wurde immer deutlicher, dass es zu einer echten Wiedervereinigung der beiden Nachfolgeeinrichtungen der 1945 untergegangenen Preußischen Staatsbibliothek kommen würde, einer „Bibliothek in zwei Häusern“.

Wir waren in der Generaldirektion davon überzeugt: Damit wir schnell wirklich eine Bibliothek werden können, müssen wir die Mitarbeiterschaft mischen, um das kollegiale Miteinander zu erleichtern. Aber leider kam dann die Bestimmung, dass die Bezahlung unterschiedlich sein würde, daran scheiterte dieser Plan. Und dadurch verfestigte sich auch das Eigenbewusstsein der beiden Häuser wieder.

Um die Konzeption für die „Bibliothek in zwei Häusern“ ist hart und insbesondere auf westlicher Seite sogar polemisch gerungen worden. Als es darum ging, die Bestände und Abteilungen zu vereinigen und historische Literatur von der Potsdamer Straße ins Haus Unter den Linden zu überführen, gab es von einigen Gruppen große  Widerstände. Es gab Flugblätter gegen die Generaldirektion, aber letztendlich bestätigte der Stiftungsrat die Konzeption der Historischen Forschungsbibliothek Unter den Linden und der Modernen Forschungsbibliothek an der Potsdamer Straße.

Im Lesesaal der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße
© SPK / Pierre Adenis

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Die Staatsbibliothek zu Berlin ist die größte wissenschaftliche Universalbibliothek in Deutschland. Sie sammelt und bewahrt Handschriftliches, Gedrucktes und Digitales aus allen Wissenschaftsgebieten, Sprachen und Ländern. Zu ihren Sammlungen gehören Bücher, Handschriften, Autographe, Karten, Drucke, Bilderalben, Zeitungen, Nachlässe, elektronische Ressourcen und vieles andere mehr.
Heute prägen zwei monumentale Gebäude das öffentliche Bild der Staatsbibliothek: Das Haus am Boulevard Unter den Linden und das Gebäude an der Potsdamer Straße am Kulturforum.

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