Die Jagd nach dem Schliemann-Gold

13.01.2017Jagd nach dem Schliemann-Gold

Klaus Goldmann über die Suche nach dem verlorenen Schatz des Museum für Vor- und Frühgeschichte im geteilten Berlin.

Aufgezeichnet von Andreas Schäfer

Im Herbst 1971 fing ich als Kustos beim Museum für Vor- und Frühgeschichte in West-Berlin an. Da ich schon während des Studiums über die Bronzezeit gearbeitet hatte, sollte ich schon bald eine Ausstellung darüber vorbereiten. Wie geht man da vor? Man guckt in die Kataloge aus der Zeit Kaiser Wilhelms und stellt dann sehr schnell fest, dass das Interessanteste und Teuerste seit 1945 fehlte. Die landläufige Meinung damals war, dass die Russen nach Ende des Krieges alle Objekte, die vermisst wurden, für ihre Trophäensammlungen mitgenommen hatten. Die Sowjetunion hatte 1955 und 1958 große Teile der Trophäenkunst der DDR zurückgegeben. Was nicht zurückkam, hieß es, sei nach Kriegsende eingeschmolzen worden. Aber daran konnte ich nie glauben und deshalb habe ich systematisch angefangen, Forschung zu betreiben. Seitdem hatte ich engen Kontakt zu Kollegen aus dem Osten, zum Museum für Ur- und Frühgeschichte in Ost-Berlin.

Klaus Goldmann
Klaus Goldmann © SPK / Werner Amann

Ich besaß damals zwei Pässe, einen Berliner Pass und einen mit einer Adresse in Schleswig-Holstein, da ich dort einen zweiten Wohnsitz hatte, und wenn ich nach Ost-Berlin fuhr, wurde ich immer angemeldet als der Kollege aus Schleswig. Der Kollege aus Schleswig fragte dann: Was hat man euch zurückgegeben, was gibt es für Listen, könnt ihr uns helfen? Natürlich wussten auch die Leute an höherer Position, was da gespielt wurde, auch der Generaldirektor Günter Schade, mit dem ich sehr gut klarkam. Der Türöffner für alles war: Ich suche die Schliemann-Sammlung beziehungsweise das Gold des Priamos aus Troja. Immer wenn es um Schliemann ging, wurde ich eingeladen, nach Polen, in die Tschechoslowakei und eben in die DDR, wo wir als Stiftung Preußischer Kulturbesitz eigentlich nicht willkommen waren. Damals habe ich auch den Professor und Schliemann-Forscher Armin Jähne kennengelernt, der zu der Zeit an der Humboldt-Universität geforscht hat.

Was ist 1945 nach Ende des Krieges mit den wertvollsten Kulturschätzen des Preußischen Staatsbesitzes, die noch im Februar vor der anstürmenden Roten Armee in sogenanntes westelbisches Gebiet evakuiert worden waren, passiert? Was befand sich überhaupt in den Kisten, die in die Bergwerke nach Merkers oder Grasleben verbracht wurden? Das Problem bei den Nachforschungen war, dass Kulturgutverlagerungen während des Krieges als „Geheime Kommandosache“ behandelt wurden. Nicht einmal die Museumleute kannten die Inventarverzeichnisse!

Die Gespräche, die ich mit Kollegen aus dem Osten führte, waren absolut vertraulich. Ich habe nichts aufgeschrieben und alles nur mündlich meinem Verwaltungsdirektor mitgeteilt. Bloß nichts Schriftliches, auch kein Tagebuch! Schließlich wusste ich genau, was zurückgegeben worden war und konnte deshalb sagen, was nicht zurückgekommen ist. Daraus ergab sich, dass die Amerikaner in Grasleben mehr Stücke aus unseren Sammlungen mitgenommen hatten als gedacht.

Klaus Goldmann

Geboren 1936 in Guben
Von 1971–2001 Kustos und später Oberkustos am Museum für Vor- und Frühgeschichte im Langhansbau des Schlosses Charlottenburg (West-Berlin)

Nicht alles, was fehlte, hatten also die Russen! Beweisen kann man das nicht, aber immerhin tauchte über verschlungene Wege aus der Library of Congress in Washington eine Urkunde auf, in der Friedrich der Große den Freimaurern freies Geleit für Preußen gibt. Was ging noch alles über den großen Teich? Das ist selbst heute noch ein Tabu-Thema. Als ich in einem Artikel diese Dinge angesprochen habe, hat das vielen nicht gefallen, weil man nur in eine Richtung gucken wollte.

Seit 1991 wissen wir nun, dass zumindest der Schatz des Priamos 1945 tatsächlich nach Moskau geflogen wurde und sich seitdem im Puschkin-Museum befindet. Als ich aus einem Artikel in einer Kunstzeitschrift davon erfuhr, bin ich – zusammen mit Professor Jähne – sofort nach Moskau geflogen und habe die russischen Autoren des Aufsatzes gesprochen. Danach konnte mir ein Kollege aus der ehemaligen DDR die Lagerlisten der russischen Abtransporte vom Flakturm Zoo übergeben, darunter die Kiste MVF 1 mit Schliemanns Gold. Doch erst Jahre später, 1994, konnte das Museum für Vor- und Frühgeschichte nach erheblichen diplomatischen Querelen im Puschkin-Museum eine Inventur des Schatzes vornehmen. Ob er jemals zurückkommen wird?

Die erste große Ausstellung nach Öffnung der Mauer und die letzte zu DDR-Zeiten, noch organisiert von den Kollegen aus dem Osten, war übrigens: „Troja, Mykene, Tyrins. Heinrich Schliemann zum 100. Todestag“. Große Eröffnung am 2. Oktober 1990 mit Richard von Weizsäcker. Danach sind wir alle zum Brandenburger Tor gegangen, zur Einheitsfeier. Wir von den frühgeschichtlichen Museen in Ost- und West-Berlin hatten uns jedoch die ganze Zeit schon zusammengehörig gefühlt.

Querschnitt durch das Spektrum des Schatzfundes von Neupotz, 2. Hälfte 3. Jh. n. Chr.
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte/ C. Klein

Museum für Vor- und Frühgeschichte

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte auf der Berliner Museumsinsel zählt weltweit zu den größten Sammlungen zur prähistorischen Archäologie der Alten Welt. Die Bestände repräsentieren die Entwicklung der vor- und frühgeschichtlichen Kulturen von der Altsteinzeit bis ins Hochmittelalter.
Höhepunkte sind der berühmte Schädel des Neandertalers von Le Moustier, Heinrich Schliemanns Sammlung Trojanischer Altertümer und der „Berliner Goldhut“. Bis in die jüngste Vergangenheit reichen aktuelle Grabungsfunde aus Berlin.

Website des Museums für Vor- und Frühgeschichte

Weitere Informationen

Weitere Artikel dieses Dossiers