Besuch bei alten Bekannten

02.02.2017Besuch bei alten Bekannten

Marian Bertram vom Museum für Vor- und Frühgeschichte über den ersten Blick auf eine Sammlung, die sie nur von Fotos kannte.

Aufgezeichnet von Andreas Schäfer

Die Pressekonferenz am 9. November 1989, in der Günter Schabowski die neue Reiseregelung verkündete, habe ich im Fernsehen gesehen. Er sprach davon, dass man ohne genehmigten Antrag nicht einfach über die Grenze gehen dürfe. Obwohl ich damals nahe der Bornholmer Straße wohnte, schlief ich deshalb bereits tief und fest, als die Mauer fiel. Meine Überraschung am nächsten Morgen war entsprechend groß. Trotzdem wartete ich mit dem ersten Ausflug in den West-Teil noch ein paar Tage, bis sich der Massenansturm an den Grenzübergängen gelegt hatte. Jahrelang hatten wir die West-Berliner Freunde nur bei uns sehen können, am späteren Abend immer mit Blick auf die Uhr, da sie um null Uhr zurück sein mussten. Nun konnte ich endlich ihre Welt kennen lernen. Und so fremd war sie gar nicht.

Marion Bertram, stellvertretende Direktorin des Museums für Vor- und Frühgeschichte
Marion Bertram © SPK / Werner Amann

Der Gedanke, nun endlich die andere Hälfte unseres Museums in West-Berlin besuchen zu können, war unfassbar. Trotz des eigentlich strikten Verbots hatte es allerdings schon vorher den Austausch von Informationen gegeben. Der West-Berliner Oberkustos Klaus Goldmann hatte immer wieder den Kontakt gesucht. Er war es auch, der uns schon wenig später nach Charlottenburg einlud. Nach einem herzlichen Empfang begann die Besichtigung: Büros, Depots und schließlich die Ausstellung.

Auch hier traf ich auf viel Vertrautes. Im Archiv standen Kopien der noch vor dem Krieg verfilmten Sammlungskataloge, deren Originalbände unser tägliches Arbeitsmittel waren. Dafür lagen nun hier in einem riesigen Wandschrank die Erwerbungsakten der Vorkriegszeit, deren wichtige Informationen uns so lange nicht zugänglich waren. Im Depot und in der Ausstellung traf ich viele „alte Bekannte“ wieder. Denn tagtäglich hatte ich all die Jahre mit den Abbildungen in unseren Katalogen immer wieder die „verlorenen“ Sammlungsobjekte vor Augen gehabt. Es waren ja nicht selten Funde aus ein- und demselben Grabinventar oder sogar Teile eines einzelnen Objektes auf die Museen in Ost und West verteilt.

Marion Bertram

Geboren 1960 in Cottbus
Seit 1980 am Museum für Ur- und Frühgeschichte (Ost-Berlin). Ab 1988 wissenschaftliche Mitarbeiterin, seit 2014 stellvertretende Direktorin des Museums

Diesem ersten Besuch folgten bald weitere. Die reichhaltige Bibliothek eröffnete ganz wunderbare Arbeitsmöglichkeiten. Auch die Ausstellung im Langhansbau besuchte ich wenig später wieder, um sie in Ruhe anzusehen. Gleich bei meinem zweiten Besuch lernte ich meinen zukünftigen Direktor kennen, der nach Berlin gekommen war, um seinen neuen Wirkungskreis zu besichtigen.

Als Wilfried Menghin sich im September 1989 auf die Stelle beworben hatte, konnte er nicht ahnen, welch turbulente Zeiten ihn erwarten würden. Ab dem 1. April 1990 war er im Amt und stellte sich der unerwarteten Aufgabe mit unglaublicher Energie. Von ihm erfuhr ich später, dass meine Ost-Berliner Direktorin mich auf die Entlassungsliste setzen und dafür alle Parteimitglieder unabhängig von ihrer Qualifikation absichern wollte. Aber zum Glück verlor niemand seine Arbeit und das Museum für Vor- und Frühgeschichte begann bereits 1991 mit vereinten Kräften, seine Sammlungsbestände wieder zusammenzuführen.

1990 war das große Schliemann-Jahr: der 100. Todestag. In Ost und West hatten wir jeweils eine Sonderausstellung vorbereitet, das Museum für Ur- und Frühgeschichte arbeitete mit dem Nationalmuseum in Athen zusammen, jedoch ohne dass für mich die Aussicht bestanden hätte, nach Griechenland zu reisen. Mit der Maueröffnung hatte sich das schlagartig geändert. Noch kurz bevor das Begleitheft zur Ausstellung mit meinen Texten zu Mykene, Tiryns und Orchomenos in den Druck ging, stand ich plötzlich an den Originalschauplätzen von Schliemanns Grabungen. Die lange vorher festgelegte Eröffnung der deutsch-griechischen Sonderausstellung fand wie geplant am Abend des 2. Oktobers 1990 im Alten Museum statt. Im Lustgarten und Unter den Linden feierten die Menschen die Nacht der deutschen Einheit - für mich ein unvergesslicher Abend.

Querschnitt durch das Spektrum des Schatzfundes von Neupotz, 2. Hälfte 3. Jh. n. Chr.
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte/ C. Klein

Museum für Vor- und Frühgeschichte

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte auf der Berliner Museumsinsel zählt weltweit zu den größten Sammlungen zur prähistorischen Archäologie der Alten Welt. Die Bestände repräsentieren die Entwicklung der vor- und frühgeschichtlichen Kulturen von der Altsteinzeit bis ins Hochmittelalter.
Höhepunkte sind der berühmte Schädel des Neandertalers von Le Moustier, Heinrich Schliemanns Sammlung Trojanischer Altertümer und der „Berliner Goldhut“. Bis in die jüngste Vergangenheit reichen aktuelle Grabungsfunde aus Berlin.

Website des Museums für Vor- und Frühgeschichte

Weitere Informationen

Weitere Artikel dieses Dossiers