Wir müssen es packen

16.02.2017Wir müssen es packen

1990-1999-2017: Dagmar Neuland-Kitzerow vom Museum Europäischer Kulturen gibt Ein- und Ausblicke in ein Museum in Bewegung.

Aufgezeichnet von Kristina Heizmann

Die ganzen Sammlungsumzüge nach der Wende kann man sich wie ein großes Puzzlespiel vorstellen: Zur Zeit der DDR befand sich das Museum für Volkskunde noch auf der Museumsinsel, im Erdgeschoss des Pergamonmuseums. 1991 mussten wir dann die Ausstellung schließen, weil unsere Fläche als Umzugsvorbereitungsraum für die Alte Nationalgalerie gebraucht wurde. Da die Kunstbibliothek wiederum aus ihrem Haus in der Jebensstraße in einen Neubau am Kulturforum zog, wurde dieses Haus frei und zum Depotgebäude für unser Museum umgebaut.

Dagmar Neuland-Kitzerow, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Europäischer Kulturen
Dagmar Neuland-Kitzerow © SPK / Werner Amann

Gleichzeitig wurden Bestände aus dem Museum für Deutsche Volkskunde (West-Berlin) in Dahlem dorthin gebracht, um sie mit den Ost-Beständen zusammenzuführen. So musste beispielsweise die Möbelsammlung (Ost) von der Insel wegtransportiert werden, gleichzeitig zog die Möbelsammlung (West) aus Dahlem aus und in der Jebensstraße wurden die Objekte neu sortiert und deponiert.

Bereits 1992 wurde deswegen ein großer Sonderausstellungsraum im Pergamonmuseum zum Packraum umfunktioniert und mit hunderten von Kartons, unzähligen Rollen Klebeband und Bergen von Packmaterial ausgerüstet. Und alle Insel-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begannen dort, die Objekte für die Umzüge einzupacken. Wochenlang haben wir Objekt für Objekt eingewickelt und in Kisten verstaut – jedes Stück einzeln, alles natürlich von Hand – und Objektnummern erfasst. Die Objektlisten, die dabei entstanden sind, füllen heute mehrere Ordner. Transportiert wurde dann in Etappen, sobald wieder neue Flächen in der Jebensstraße baulich fertiggestellt waren. Ungefähr 25.000 Objekte haben wir verpackt und umgezogen, eine kaum vorstellbare Anzahl. Das war anstrengend, aber so konnten wir auch viele Entdeckungen in den Sammlungen von Ost und West machen.

Ich hatte schon das Gefühl, dass diese ganze Bau- und Umzugslogistik eher den Ostkollegen zufiel, auch weil in Dahlem ja noch Ausstellungen realisiert werden mussten. Das kam sicherlich daher, dass wir unsere Ausstellungsräume und Depots auf der Museumsinsel komplett räumen mussten – in Dahlem war das nicht der Fall.

Dagmar Neuland-Kitzerow

Von 1983-1989 stellvertretende Direktorin im Museum für Volkskunde auf der Museumsinsel (Ost-Berlin), seit 1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum für Volkskunde (heute: Museum Europäischer Kulturen) in Dahlem

Das hat viel Kraft gekostet, denn viele Aufgaben waren parallel zu bewältigen. Wir saßen noch auf der Insel und haben für die Jebensstraße gepackt und gleichzeitig an Ausstellungen in Dahlem mitgewirkt. Wir pendelten zwischen diesen drei Orten, an denen sich jeweils ein Teil des Museums befand. Noch dazu gab es damals ja noch kein IT-System für die Dokumentation. Das hat die Arbeitsweise kompliziert gemacht. Man musste alles immer als Papierausführung in der Tasche haben und mit sich herumtragen.

Ich selbst bin dann erst 1996 endgültig nach Dahlem gezogen! Nachdem der Umzug endlich geschafft war, ging es dort gleich weiter: Es gab bereits früh die Überlegung, das Haus um die Europa-Sammlung des damaligen Museums für Völkerkunde (heute: Ethnologisches Museum) zu erweitern. Wir wollten die Beschränkung der Arbeit und Ausrichtung des Museums für Volkskunde auf Deutschland aufheben und den Blick erweitern. Neben den inhaltlichen Herausforderungen machte dies natürlich weitere Umzüge und auch den kompletten Umbau ganzer Ausstellungsetagen zwischen 1997 und 1999 notwendig.

Wir haben also wieder geplant und Nutzeranforderungen formuliert, sortiert, gepackt, Kisten verschoben, bis wir dann 1999 das Museum Europäischer Kulturen mit einer Pilotausstellung eröffneten. In den Folgejahren mussten wir den Beweis erbringen, dass diese Idee zukunftsweisend ist, dass sich unser Museum nicht nur an die politisch definierte „europäische Idee“ anbiedert. Aber ich denke, in den letzten 15 Jahren haben wir gezeigt, dass dies der richtige Weg war.

Am Standort Museen Dahlem folgten ab 2005 weitere Umordnungen in Ausstellungsflächen, Depots und Werkstätten. In deren Ergebnis arbeiten nun alle Kolleginnen und Kollegen unter einem Dach, was eine gute Basis für das  Zusammenwachsen eines Museumsteams ist.

Zeigte Kunst aus der ganzen Welt: der Bruno-Paul-Bau in Berlin-Dahlem
Zeigte Kunst aus der ganzen Welt: der Bruno-Paul-Bau in Berlin-Dahlem © bpk / Oskar Dahlke

Ich habe es schon manchmal bedauert, von der Insel weggezogen zu sein, denn die Insel ist wirklich ein besonderer Ort. Wenn ich hin und wieder am frühen Morgen vom Hackeschen Markt über die Brücke zur Insel laufe, dann spüre ich das immer noch. Besondere Orte haben eine besondere Ausstrahlung. Ich denke, auch Dahlem hat so eine Ausstrahlung, aber eben eine andere. Dahlem war schon immer ein Ort der Kontemplation. Viele Besucher, die nach Dahlem kommen, nutzen auch das grüne Umfeld am Rand von Berlin.

Sie können den Ort noch genießen, weil bis jetzt eine große Vielfalt angeboten wird. Aber wenn das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum allerdings bald nach Mitte in das Humboldt-Forum ziehen und wir allein zurückbleiben, dann müssen wir diesen Ort noch einmal neu erfinden. Wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museum Europäischer Kulturen, müssen einen Weg finden, damit Dahlem ein Anziehungspunkt bleibt.

Die Stadt Berlin wird immer größer, verändert sich. Dies gilt auch für den Bezirk Steglitz-Zehlendorf mit Dahlem. Ob es den Museumsstandort in 20 Jahren noch geben wird, wer weiß es schon? Vielleicht zieht das Museum auch noch einmal um – in das Humboldt Forum vermutlich nicht, auch wenn ich das für die Gesamtausrichtung des zurzeit größten kulturellen Projektes in Deutschland als notwendig erachte und gewünscht hätte. Möglicherweise geht es irgendwann doch an das Kulturforum – diese Idee kam Ende der Achtzigerjahre zum ersten Mal auf. Bei diesem Umzug müsste dann aber die nächste Generation die Kisten packen!

Museum Europäischer Kulturen
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia

MEK / Museum Europäischer Kulturen

Das Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin sammelt, erforscht, bewahrt, präsentiert und vermittelt Alltagskultur und Lebenswelten in Europa vom 18. Jahrhundert bis heute – aus kulturanthropologischer und vergleichender Perspektive.
1873 als Museum für Völkerkunde gegründet, besteht das MEK in seiner heutigen Form seit 1999. In diesem Jahr wurde die europäische Sammlung des Museums für Völkerkunde mit den Beständen des ehemaligen Museums für [Deutsche] Volkskunde vereint.

Website des MEK / Museums Europäischer Kulturen

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