Jahrhunderterwerbung für die Staatsbibliothek zu Berlin: Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher

Pressemitteilung vom 04.03.2014

Mit dem heutigen Festakt feiert die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Anwesenheit von Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, Monika Grütters, Kulturstaatsministerin, und Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, die Ankunft von Alexander von Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern in der Staatsbibliothek zu Berlin. Ende 2013 hatte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Tagebücher erworben. Nur die große Unterstützung öffentlicher und privater Förderer hatte den Ankauf ermöglicht. Im Rahmen des heutigen Festaktes sind die bedeutenden historischen Schriften erstmals für ein ausgewähltes Publikum zu bewundern. Die Festrede hält der Romanist Prof. Dr. Ottmar Ette, unter dessen Leitung die Tagebücher in einem Forschungsprojekt der Universität Potsdam in Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek untersucht und wissenschaftlich bearbeitet werden. Dabei wird der gesamte in der Staatsbibliothek befindliche Nachlass Humboldts einbezogen. Eine Präsentation der Tagebücher für die Öffentlichkeit ist im Laufe des Jahres 2014 geplant.

Die Tagebücher

Alexander von Humboldts (1769-1859) Tagebücher sind, neben seinen Briefen, die bedeutendsten erhaltenen Originaldokumente seiner Reisen. Der Universalgelehrte notierte darin alles, was er gesehen, erarbeitet, gemessen und verglichen hatte und zu welchen Erkenntnissen er gekommen war. Diese Aufzeichnungen nutzte er bis an sein Lebensende für seine Veröffentlichungen.

Bei den Amerikanischen Reisetagebüchern handelt es sich um knapp 4.000 Seiten in neun ledergebundenen Bänden. Sie sind dicht beschrieben, teils in deutscher, teils in französischer Sprache, und mit eigenhändigen Skizzen Humboldts versehen. Die Aufzeichnungen entstanden während seiner großen Entdeckungsreise durch Mittel- und Südamerika in den Jahren 1799 bis 1804, enthalten jedoch auch einige ältere und jüngere Texte Humboldts. Bislang sind die Tagebücher nur unvollständig ediert. Sie umfassen den gesamten Reiseverlauf der fünfjährigen Amerika-Expedition, während die von Humboldt veröffentlichten Reiseberichte „Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent“ (Paris, 1805-1839) nur ein Drittel davon schildern.

Die Amerikanischen Reisetagebücher dokumentieren die jahrelangen wissenschaftlichen Auseinandersetzung Humboldts mit den in Amerika gewonnenen Erkenntnissen. Neben den unmittelbaren Reiseaufzeichnungen enthalten sie ausgearbeitete literarische Stücke, Hinzufügungen, Skizzen, Pläne, Erläuterungen, ausgeschnittene Berichte, Verweise sowie Briefe und Kopien von Briefen. Die Schriften erlauben tiefe Einblicke in die Prozesse, die zur Herausbildung einer Wissenschaft und Feldforschung im Zeichen der (europäischen) Moderne führten.

Aktuelle Forschungsprojekte

Die Universität Potsdam und die Staatsbibliothek zu Berlin führen innerhalb der nächsten drei Jahre zwei Projekte zur Erforschung Humboldts Amerikanischer Reisetagebücher durch. Die eng miteinander verbundenen Projekte werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Zum einen erforscht, unter der Leitung des international renommierten Humboldt-Experten Ottmar Ette, der Lehrstuhl für französisch- und spanischsprachige Literatur der Universität Potsdam in enger Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin die Amerikanischen Reisetagebücher. Vor allem geologische, geographische, sprachwissenschaftliche und künstlerische Fragestellungen werden untersucht. Das Projekt schließt an weitere Forschungsaktivitäten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, des Ibero-Amerikanischen Instituts der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz an.

Zum anderen werden die Reisetagebücher, ebenso wie der gesamte wissenschaftliche Nachlass Alexander von Humboldts, von der Staatsbibliothek zu Berlin konservatorisch gesichert, digitalisiert und elektronisch erschlossen. Nur im Zusammenhang mit dem Gesamtnachlass erschließt sich die Forschungsrelevanz der Tagebücher vollständig. Die Staatsbibliothek will in diese Arbeiten auch jenen Teil des Humboldt-Nachlasses einbeziehen, der sich kriegsbedingt in Krakau befindet.

Alexander von Humboldt in der Staatsbibliothek zu Berlin

Die Amerikanischen Reisetagebücher ergänzen hervorragend die bereits vorhandenen Bestände zu Alexander von Humboldt in der Staatsbibliothek zu Berlin. Diese bilden einzigartige Quellen zu den Forschungen und zur Arbeitsweise des Gelehrten.

Unter den rund 1.600 in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrten Nachlässen ist jener von Alexander von Humboldt eine der wichtigsten Quellen zur europäischen Wissenschaftsgeschichte. Er enthält Dokumente aus Humboldts gesamtem Leben, vornehmlich aber aus der Zeit ab 1799. Etwa 50.000 Blätter sind in den Materialsammlungen Humboldts zu verschiedenen Themen enthalten. In der Humboldt'schen Ordnung belassen, spiegeln sie die weit gefächerten Interessensgebiete sowie die Vorgehensweise des Wissenschaftlers wider: Eigenhändig beschriftete Mappen enthalten Notizen, vollständige Manuskripte, Zeitungsausschnitte, Briefe und anderes Material zu Themen wie Sklaverei, Ethnien, Meeresströmungen, Naturgeschichte, Geschichte der Weltansicht, Mineralogie und Geographie der Pflanzen.

Humboldts Nachlass wurde ab 1868 nach und nach in die Staatsbibliothek aufgenommen. Er umfasst etwa die von Humboldt selbst noch testamentarisch für die Königliche Bibliothek bestimmten Papiere zur Statistik und Geographie Mexikos und Cubas, darüber hinaus die Manuskripte der „Ansichten der Natur" sowie des „Kosmos" und die so genannten Kollektaneen, eine von Humboldt angelegte Sammlung eigener und fremder Dokumente. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände der Staatsbibliothek zu ihrem Schutz an verschiedene Orte in ganz Deutschland ausgelagert. Die nach Südwestdeutschland ausgelagerten „Kollektaneen“ kehrten wieder nach Berlin zurück. Andere Teile des Nachlasses hingegen wurden ins damalige Schlesien ausgelagert und liegen heute in der Jagiellonischen Bibliothek in Krakau.

Neben dem Nachlass gibt es bedeutende weitere Dokumente von und über Humboldt in anderen Beständen der Staatsbibliothek, so etwa in den Nachlässen Alexander Mendelssohns oder Adelbert von Chamissos sowie in den umfangreichen Autographensammlungen.

Durch gezielte Ankäufe ergänzt die Staatsbibliothek den vorhandenen Bestand. So gelang ihr bereits 2011 mit Unterstützung mehrerer Förderer die sensationelle Erwerbung des bis dahin als verschollen geltenden und der Wissenschaft gänzlich unbekannten Adressbuches des Forschers. Dieses enthält auf etwas über 200 Seiten rund 900 Namen von Personen, mit denen er korrespondierte, sowie eine Reihe von Notizen. Dieses Notizbuch wird von der Staatsbibliothek zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ediert.

Erwerbung mit Hilfe öffentlicher und privater Förderer

Die „Amerikanischen Reisetagebücher“ hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz von einem der Nachkommen Wilhelm von Humboldts erworben. Der Ankauf erfolgte zum überwiegenden Teil mit öffentlichen Fördermitteln, die in ganz wesentlichem Umfang von folgenden Förderern zur Verfügung gestellt wurden:

  • Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
  • Lotto-Stiftung Berlin
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung

Die Erwerbung war jedoch nur durch das zusätzliche große Engagement weiterer Förderer möglich:

  • Kulturstiftung der Länder
  • Stiftung Würth
  • Hermann Reemtsma Stiftung
  • Deutsche Bank AG
  • VolkswagenStiftung
  • Robert Bosch Stiftung
  • Gerda Henkel Stiftung
  • Fritz Thyssen Stiftung

Damit der Kaufpreis insgesamt im Jahr 2013 bezahlt werden konnte, hat sich die Ernst von Siemens Kunststiftung durch die Vorfinanzierung eines größeren Betrages ebenfalls beteiligt.

Der Verkäufer wird den weit überwiegenden Teil des Erlöses aus dem Verkauf zur weiteren Erhaltung und Pflege des Schlosses Tegel, der Grabstätte und seines Parks verwenden. Zu diesem öffentlich zugänglichen Ensemble, einem geistesgeschichtlichen Dokument für das Leben und Wirken der Brüder Humboldt, gehört auch eine Forschungsbibliothek zu den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt.

Weitere Informationen

Das Magazin der Kulturstiftung der Länder „Arsprototo“ legt in Heft 1/2014 einen Schwerpunkt auf Alexander von Humboldt. Es kann bestellt werden via E-Mail an abo@kulturstiftung.de oder Tel. 030 - 89 36 35 0 oder per Fax unter 030 - 26 55 56 71.

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