Utopie Kulturforum: Unort – Sehnsuchtsort – Zukunftsort

Pressemitteilung vom 26.08.2021

Mit einem Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt erkunden die Stiftung St. Matthäus, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Stiftung Berliner Philharmoniker erstmals gemeinsam die Ideengeschichte des Kulturforums – Am 26. August ist feierliche Eröffnung unter freiem Himmel – u.a. mit einer Eröffnungsrede des Schriftstellers Peter Schneider und Wim Wenders` „Der Himmel über Berlin“.

Das Berliner Kulturforum ist ein Produkt utopischen Denkens. Auferstanden aus Ruinen hat es nicht nur einige der wichtigsten kulturellen Institutionen Berlins in Architekturikonen der Moderne hervorgebracht, sondern auch hunderte von nicht verwirklichten Entwürfen, die sich an der Leerstelle einer Nachkriegsbrache entzündeten. Schon seine Vorgeschichte erzählt eine ambivalente Utopiegeschichte: von der frühen Italiensehnsucht Preußens im alten Tiergartenviertel über die Großmachtfantasien der Nationalsozialisten („Welthauptstadt Germania“) bis hin zu den Träumen einer West-Berliner Museumsinsel, Kultur-Campus der freien Welt wenige Meter entfernt von der Mauer.

Die am Kulturforum versammelten Institutionen erkunden diese Utopie-Geschichte erstmals gemeinsam: Auf Initiative der Stiftung St. Matthäus, Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und mit Unterstützung des Hauptstadtkulturfonds, haben sich die Kunstbibliothek, das Kunstgewerbemuseum und die Neue Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Staatsbibliothek zu Berlin, das Ibero-Amerikanische Institut und die Stiftung Berliner Philharmoniker zusammengetan, um sich in Ausstellungen, künstlerischen Interventionen und Stadtgesprächen den utopischen Potentialen ihrer eigenen Häuser und des Kulturforums als Ganzem in Geschichte und Gegenwart zu widmen.

In den umliegenden Häusern treten einzelne Aspekte dieser Geschichte zutage: Die St. Matthäus-Kirche als Erinnerungszeichen eines verschwundenen Stadtteils, Hans Scharouns Vision einer hierarchiefreien Musik- und Leselandschaft in Philharmonie und Staatsbibliothek, Mies van der Rohes visionäre Verbindung von Kunst und Stadt in der Nationalgalerie bis hin zu Rolf Gutbrods unvollendetem Versuch eines Forums mit Verbindungen über den Landwehrkanal und hin zum Tiergarten. Die historischen Perspektiven werden in den künstlerischen Interventionen und den Stadtgesprächen der einzelnen Häuser zu Sprungbrettern in die Gegenwart.

Das Projekt nimmt seinen Ausgang von der Überblicksausstellung „Utopie Kulturforum“ im Ausstellungsraum der Berliner Kunstbibliothek: Dort lässt sich die Geschichte der Utopien des Kulturforums von ihren Anfängen im alten Tiergartenviertel bis zu den Entwürfen für das neue Museum des 20. Jahrhunderts von Herzog & de Meuron verfolgen. Die Kuratoren zeigen ein umkämpftes Areal, das auch nach sechzig Jahren Entwicklung zahlreicher stadtplanerischer Initiativen und Wettbewerben noch immer als unvollendete Brache ohne Identität und Aufenthaltsqualität, als Nicht-Ort, wahrgenommen wird. Die Ausstellung schlägt den Bogen von der Italien-Sehnsucht des alten Tiergartenviertels über den Aufbruch in die Moderne mit dem Wettbewerb Kemperplatz 1921, an dem mit Peter Behrens, den Taut-Brüdern, Hugo Häring und Erich Mendelsohn innovative Architekten teilgenommen hatten, bis hin zur „Dystopie Gemania“ mit den gigantomanischen Plänen von Albert Speer. Nach Krieg und Zerstörung setzt ab 1960 der Neubeginn auf einer von allen Relikten, Erinnerungen und Ideologien befreiten Fläche ein. Philharmonie und Neue Nationalgalerie entstehen, später die Staatsbibliothek. Verbindungen suchen Hans Scharoun mit seiner Stadtlandschaft, der ergebnislose Wettbewerb für die Staatlichen Museen von 1965/66 und später der glücklose Rolf Gutbrod. 1983 nimmt sich Hans Hollein des Areals mit Kolonnaden, City-Kloster, Bibelturm und wasserführender Piazzetta an, aber er baut nicht. Nach dem Fall der Berliner Mauer wird ein Masterplan aufgesetzt und nicht weiterverfolgt. Erst der Wettbewerb zum Neubau des Museums des 20. Jahrhunderts bringt schließlich im Jahr 2016 Bewegung ins Stadtquartier. Die von Joachim Brand kuratierte Ausstellung zeigt mit Fotos, Plänen, Zeichnungen und Modellen erstmals und in der ganzen Breite die verschiedenen architektonischen und stadtplanerischen Anläufe für das Kulturforum, darunter sind eine Vielzahl selten gezeigter Entwürfe. In einem Film von Knut Klaßen und Carsten Krohn werden die Architekten Hans Hollein, Max Dudler, Wilfried Wang, Gerd Neumann und andere über ihre Entwürfe und das Kulturforum sprechen. Einleitend werden nicht realisierte Architekturentwürfe und Planungen gezeigt.

In der St. Matthäus-Kirche beginnen – nach der Überblicksschau im Kunstgewerbemuseum – die unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Häuser auf die Geschichte des Kulturforums in chronologischer Reihenfolge. Am Beispiel der Geschichte der St. Matthäus-Kirche zeigt sich eine ambivalente Utopiegeschichte angefangen bei der frühen Sehnsucht nach einer Einheit von Staat und Kirche im 19. Jahrhundert, ihren dystopischen Abgründen in der Großmachtssehnsucht der Nationalsozialisten („Germania“). Mit dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche noch vor dem Bau des Kulturforums verbinden sich Träume von einer wiedererstandenen Stadt im Dialog von Religion und Kultur. Die St. Matthäus-Kirche zeigt sich auf mehrfache Weise als utopischer Ort: Als ältestes Gebäude des Areals erinnert die Kirche an eine Stadt, die es nicht mehr gibt (altes Tiergartenviertel). Als geistliches Zentrum erinnert sie an eine Welt, die es noch nicht gibt. Als Ort für die Gegenwartskunst ist sie Resonanzraum für die utopischen Fragen des Daseins.

Die Philharmonie Berlin galt bei ihrer Eröffnung 1963 als „utopischer Konzertsaal“. Hans Scharouns Konzept der „Musik im Mittelpunkt“ und die terrassenartige, an einen Weinberg erinnernde Anordnung der Sitzblöcke avancierten zu Vorbildern für verschiedene Neubauten – vom Leipziger Gewandhaus und der Suntory Hall in Tokyo bis zum Koncerthuset Kopenhagen oder der spektakulären Elbphilharmonie in Hamburg. So wurde die Philharmonie Berlin zu einem Konzertsaal der Zukunft. Zahlreiche Abbildungen und Fotos illustrieren im Hauptfoyer der Philharmonie die Geschichte von Hans Scharouns Meisterwerk und sensibilisieren die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung für dessen einmalige architektonische Gestaltung und Ästhetik.

In der Neuen Nationalgalerie kann in den Ausstellungen im Untergeschoss auch dem utopischen Potential in Sammlung und Architektur nachgespürt werden. Einige Werke in der aktuellen Sammlungspräsentation „Die Kunst der Gesellschaft“ zeugen vom visionären Geist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch das Schaffen des Architekten Mies van der Rohe, das in einer eigenen Präsentation beleuchtet wird, hat visionäre Züge.

Die Staatsbibliothek zu Berlin schaut auf ihren ewig jungen Bau. Auch 55 Jahre nach Grundsteinlegung hat Hans Scharouns realisierte Vision einer Bibliothek nichts von ihrer radikalen Modernität eingebüßt. Der von Scharoun intendierte Raumeindruck einer unbegrenzten richtungslosen Leselandschaft wurde von Anfang an als Herausforderung, wenn nicht sogar als Zumutung wahrgenommen – und das keineswegs nur jenseits der Berliner Mauer, in deren unmittelbarer Nachbarschaft das goldummantelte Gebäude als weithin sichtbarer Leuchtturm der Demokratie strahlen sollte. Die Station zeigt Impressionen aus der Bauzeit des Gebäudes, unternimmt einen Exkurs zur früheren Bebauung des Areals und beleuchtet Hans Scharouns Leselandschaft als Heterotopie, Co-Working-Space und nie versiegende Inspirationsquelle.

Auf die Arbeit von Rolf Gutbrod geht das Kunstgewerbemuseum mit einer von Claudia Banz kuratierten Intervention näher ein. Als „ein lebendiges Kulturzentrum, ganztags von Menschen durchschritten“, mit Wohnungen auf den Museumsdächern, Restaurants und verbindenden Fußgängerbrücken zum Tiergarten und über den Landwehrkanal hinweg, so visionierte der Stuttgarter Architekt sein Kulturforum. Sein erster Entwurf, 1966 eingereicht, wurde als „geplatzte Handgranate“ beschrieben und musste überarbeitet werden. Kernpunkt des Vorschlags waren ein ansteigender Platz und ein ihn umschließendes Hufeisen, an das die verschiedenen Museen angehängt wurden. Das Kunstgewerbemuseum wurde als einziges Museum realisiert und erst 1985 eröffnet. Es ist als Utopie einer Großraumstruktur der 1960er Jahre gestartet, doch der politische Prozess zur gebauten Realarchitektur hat die Utopie des ursprünglichen Entwurfs über die Jahre geschliffen. Das Berliner Künstlerduo prjktr nimmt diesen ersten Entwurf als Ausgangspunkt für ihre Intervention im prominenten Treppenhaus des Kunstgewerbemuseums und inszeniert das Gebäude im Spannungsfeld der Architektur- und Stadtutopien der 1960er Jahre, die sich am Ende der Dekade bereits in ihre eigenen Dystopien verwandelten.  Video-Mapping-Projektionen transformieren die Elemente der brutalistischen Architektur in thematische Collagen rollender Städte, wüstenartiger Superstrukturen, postfuturistischer walk-throughs und post-anthropozänischer Abgründe.

Der Berliner Schriftsteller Peter Schneider wird „Utopie Kulturforum“ am 26. August 2021 um 19.30 Uhr auf der Piazzetta am Kulturforum mit einer Rede eröffnen. Philharmoniker-Intendantin Andrea Zietzschman, SPK-Präsident Hermann Parzinger und der Direktor der Stiftung St. Matthäus, Hannes Langbein, halten Grußworte. Das Projekt „museum4punkt0“ präsentiert die App „Future Walk“, die das Kulturforum aus der Perspektive der Zukunft erfahrbar macht. Anschließend läuft im ARTE-Sommerkino der im Kulturforum gedrehte Film „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders. Noch bis einschließlich 26.8. ist der Medienkünstler Mischa Kuball mit seiner mobilen Lichtinstallation „Dys(u)topia“ im Berliner Stadtraum präsent.

Am Eröffnungswochenende verwandeln Michael Schindhelm und Claudio Bucher das Kulturforum mit historischen Stimmen aus dem alten Tiergartenviertel und Gegenwartsstimmen zur Utopie Kulturforum in eine Klanglandschaft (WIE ES WAR WIRD – Stimmen in Kulturforum). Das Eröffnungswochenende schließt mit einer Kanzelrede des Berliner Autors Jens Bisky im Rahmen eines Abendgottesdienstes in der St. Matthäus-Kirche.

Im weiteren Verlauf des Projektes schließen sich künstlerische Interventionen und Stadtgespräche an: Unter den künstlerischen Interventionen die Performance „Skin and Bones“ von Alvaro Urbano, welche die Architektur der Neuen Nationalgalerie mit dem Kulturforum verbindet (12.9.), die Eröffnung der Installation „(un)finished“ des Licht- und Medienkünstlers Mischa Kuball in der St. Matthäus-Kirche (19.9.), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Musik des Bauhauses in der Neuen Nationalgalerie (31.10.). Stadtgespräche finden u.a. zu den Themen „Utopie.Kunst.Gesellschaft – Wege zum Wandel“, „Ein Atlantis der Moderne – Erinnerung ans Tiergartenviertel“, „Utopie Kulturforum. Internationale Perspektiven“ und „Geteiltes Wissen und Multiperspektivität – Das Ibero-Amerikanische Institut als utopischer Ort einer Verständigung mit Lateinamerika“ statt.

Weitere Informationen über das Projekt „Utopie Kulturforum“ finden Sie auf der Homepage: www.utopie-kulturforum.berlin.

Pressefotos: https://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/presse/pressebilder.html

Kontakte:

Stiftung St. Matthäus:
Pfarrer Hannes Langbein; info@stiftung-stmatthaeus.de
Pressekontakt: Katrin Geuther; geuther@stiftung-stmatthaeus.de
www.stiftung-stmatthaeus.de

Stiftung Berliner Philharmoniker:
Oliver Hilmes; o.hilmes@berliner-philharmoniker.de
Pressekontakt: Elisabeth Hilsdorf; e.hilsdorf@berliner-philharmoniker.de
www.berliner-philharmoniker.de  

Staatliche Museen zu Berlin:
Kunstbibliothek: Joachim Brand; j.brand@smb.spk-berlin.de
Kunstgewerbemuseum: Claudia Banz, c.banz@smb.spk-berlin.de
Neue Nationalgalerie: Fiona Geuß (Presse); f.geuss@smb.spk-berlin.de
www.smb.museum

Staatsbibliothek zu Berlin:
Fachkontakt: gudrun.nelson-busch@sbb.spk-berlin.de
Pressekontakt: jeanette.lamble@sbb.spk-berlin.de
www.staatsbibliothek-berlin.de

Ibero-Amerikanisches Institut
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Pressekontakt: presse@iai.spk-berlin.de
www.iai.spk-berlin.de

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