Udo Kittelmann verlässt auf eigenen Wunsch zum 31. Oktober 2020 die Nationalgalerie

Pressemitteilung vom 21.08.2019

Direktor stand zwölf Jahre an der Spitze des Fünf-Häuser-Verbundes – SPK und SMB bedauern den Schritt - Parzinger: Sein Wirken wird Bestand haben, denn er hat die Nationalgalerie zum global player gemacht

Der Direktor der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, Udo Kittelmann, wird auf eigenen Wunsch seinen bis zum 31. Oktober 2020 währenden Vertrag nicht verlängern. Der 61-jährige hat dann zwölf Jahre an der Spitze der fünf Häuser umfassenden Sammlung gestanden – neben der Alten und der Neuen Nationalgalerie, dem Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg gehört auch der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zum Kosmos der Nationalgalerie. 

Der vormalige Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main hatte sein Berliner Amt am 1. November 2008 angetreten und war Peter-Klaus Schuster nachgefolgt. Er machte die Nationalgalerie zu einem magnetischen Ort für alle Gesellschaftsgruppen. Es gelang ihm von Anfang an, überaus kreativ, neugierig, selbstbewusst und selbstkritisch ein wahres Feuerwerk an Ausstellungen, Veranstaltungen und außergewöhnlichen Events zu zünden. Unterstützt wurde er dabei von einem Netzwerk herausragender Kuratorinnen und Kuratoren, die er für seine Projekte gewinnen konnte. Udo Kittelmann öffnete die Staatlichen Museen zu Berlin wieder verstärkt für Positionen der zeitgenössischen Kunst. Er bediente mit seinem Programm – vor allem im Hamburger Bahnhof – nie den Mainstream, sondern setzte neben groß angelegten Einzel- oder Themenausstellungen auf eigenwillige, starke Positionen. Und nicht selten auf Entdeckungen. Gesellschaftliche Relevanz und kritische Einmischung waren ihm immer wichtiger als schnelle Erfolge mit leichten, publikumsträchtigen Konzepten. Dass er mit dieser Programmatik dennoch ein großes und vor allem junges, internationales Publikum für die Häuser der Nationalgalerie gewinnen konnte, zählt zu seinen großen Leistungen.

Udo Kittelmanns Verdienst ist es auch, dass die Berliner Nationalgalerie heute neben den bedeutendsten Kunstmuseen der Welt in einem Atemzug genannt wird und damit eine hohe nationale und internationale zusätzliche Relevanz gewonnen hat. Das umfangreiche Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm war überwiegend durch auffallend erfolgreiche Drittmittel-Beschaffungen zu leisten, für die sich Udo Kittelmann stets mit voller Leidenschaft eingesetzt hat und entsprechend erfolgreich war. 2013 wurde er als „Europäischer Kulturmanager des Jahres“ geehrt. 

Sein Hauptanliegen war und ist es, für die Nationalgalerie langfristige und zukunftsfähige Perspektiven zu entwickeln und vor allem die großartige Sammlung immer wieder mit neuen Fragen zu konfrontieren. Bereits mit seiner ersten Ausstellung „Die Kunst ist super!“ (2009/2010) befragte Udo Kittelmann die Sammlung der Nationalgalerie vor dem Hintergrund vermeintlich stabiler Wertesysteme und etablierte Kunst als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen. Es folgten große zeitgeschichtliche Überblicksausstellungen: „Moderne Zeiten. Die Sammlung. 1900-1945" (2010/2011) und „Der geteilte Himmel. Die Sammlung. 1945–1968“ (2011/2013) in der Neuen Nationalgalerie, „Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933 – 1945“ (2015/2016) sowie jüngst „Hello World. Revision einer Sammlung“ im Hamburger Bahnhof, die die Frage stellte, wie die Sammlung der Nationalgalerie aussehen würde, wenn sie nicht mit eurozentristischem Blick erworben worden wäre. Die Liste der Ausstellungen, die von Udo Kittelmann und seinem Team kuratiert worden sind, ist lang, sehr lang und kann hier nicht komplett abgebildet werden.
Neben Einzelausstellungen bekannterer Namen wie Thomas Demand (2009/2010), Rudolf Stingel (2010), Carsten Höller (2010/2011), Tomás Saraceno (2011/2012), Gerhard Richter (2012), Martin Kippenberger (2013) oder Otto Piene (2014) waren dabei stets auch weniger bekannte historische wie zeitgenössische Positionen vertreten, die erst durch das Engagement Kittelmanns national und auch international ihre verdiente Beachtung erfuhren – hier seien nur Taryn Simon (2011/2012), Hilma af Klint (2013), Gottfried Lindauers Māori Portraits (2014/2015), Adrian Piper (2017) oder aktuell Jack Whitten genannt. Derzeit findet die mit bereits über 120.000 Besucherinnen und Besuchern äußerst erfolgreiche Schau „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ im Hamburger Bahnhof international Beachtung. Ab Oktober dieses Jahres präsentiert die Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“ in der Alten Nationalgalerie erstmals ausschließlich Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919.

In den bald zwölf Jahren seines Direktorats sind über 500 qualitätsvolle Werke aus allen Epochen seit dem 19. Jahrhundert bis zur Gegenwartskunst in die Sammlungen der Nationalgalerie aufgenommen worden, häufig durch großzügige Schenkungen – exemplarisch für viele andere Werke sind Leo von Klenzes  „Concordia-Tempel“ (1857), Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ (1930), Pierre Huyghes „Zoodram 6“ (2013) und Adrian Pipers „The Probable Trust Registry“ (2013-2015) sowie Max Beckmanns „Selbstbildnis in Bar“ (1942) aufzuführen. Aber auch die Sammlungen von Erich Marx, Ulla und Heiner Pietzsch, Friedrich Christian Flick sowie Egidio Marzona haben durch den Einsatz von Udo Kittelmann in den letzten Jahren viel Beachtung erfahren.

In Udo Kittelmanns Amtszeit fallen zahlreiche strategisch wichtige Entscheidungen in der Geschichte der Nationalgalerie. Nach der sanierungsbedingten Schließung der Neuen Nationalgalerie im Frühjahr 2015 wurde mit der „Neuen Galerie“ im Hamburger Bahnhof eine neue temporäre Heimstätte für die Kunst der Klassischen Moderne eingerichtet. Große Teile der Sammlung der Nationalgalerie waren zudem im Ausland und anderen Städten Deutschlands zu sehen. Aktuell fällt die Planung des Neubaus der Nationalgalerie am Kulturforum in Udo Kittelmanns Verantwortungsbereich – der Spatenstich ist für Oktober/November 2019 geplant.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, nennt Udo Kittelmann einen „großen Museumsmann mit ganz eigener Haltung“: „Mein Dank an Udo Kittelmann ist umfassend, er hat für die Nationalgalerie und damit auch für die Staatlichen Museen zu Berlin insgesamt eine enorm engagierte Arbeit in seinen zwölf Jahren als Direktor geleistet. Sein Wirken hat einen Grad an Nachhaltigkeit, der Bestand über den Tag seines Abschieds hinaus haben wird. Udo Kittelmann hat die Nationalgalerie im nationalen wie internationalen Rahmen zum global player gemacht, wofür ich ihm auch persönlich zu großem Dank verpflichtet bin. Seine außergewöhnlichen kuratorischen Fähigkeiten, seine Lust an der Kunst sowie sein untrügliches Gespür für interessante Positionen werden uns an anderen Orten sicher auch weiterhin noch in Staunen versetzen.“ 

Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin: „Udo Kittelmann und sein versiertes, leidenschaftliches Wirken werden fehlen. Mit seinem feinen Gespür für kulturelle und gesellschaftliche Tendenzen schafft es Udo Kittelmann immer wieder, wichtige Themen frühzeitig aufzuspüren, den Kunstkanon aufzubrechen und gesellschaftliche Debatten auszulösen. Mit seiner Vision eines Museums, die stets den Menschen ins Zentrum rückt, setzt er fortwährend Impulse für den internationalen Kunst- und Museumsdiskurs – Impulse, an denen sich andere Institutionen international orientieren. Persönlich und im Namen der Staatlichen Museen zu Berlin danke ich Udo Kittelmann für die stets sehr guten und ertragreichen Jahre der Zusammenarbeit.“

Udo Kittelmann wird auf eigenen Wunsch seinen bis zum 31. Oktober 2020 währenden Vertrag nicht verlängern. Die kommissarische Leitung der Nationalgalerie wird nach seinem Ausscheiden und bis zur Neubesetzung der Stelle sein bisheriger Stellvertreter Joachim Jäger übernehmen.

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