Ankauf der privaten Zeichnungssammlung: Der „Kleine Klebeband“ der Fürsten Waldburg-Wolfegg

Pressemitteilung vom 07.10.2011

Eine bedeutende Erwerbung des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, der Ernst von Siemens Kunststiftung und des Freistaates Bayern, unterstützt von der Kulturstiftung der Länder und der Rudolf-August Oetker Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege

Das einzigartige Konvolut besteht aus über 120 Zeichnungen der Spätgotik und der Dürerzeit und ist eingefasst in einem unscheinbaren Einband. Gesammelt wurden die Blätter innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes von etwa 20 Jahren ab 1650 von dem kurbayerischen Statthalter der Oberpfalz, dem Erbtruchsess Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg (1604–67). Das Konvolut blieb seitdem fast unverändert. Als älteste erhaltene private Zeichnungssammlung in Deutschland überhaupt bietet sie einen authentischen Blick auf einen bestimmten Moment der Kunstgeschichte und auf die Geschichte des Kunstsammelns. Bemerkenswert ist auch, dass sie damit in etwa so alt ist wie die Stammsammlung des Berliner Kupferstichkabinetts, die erstmals 1652 in der Schlossbibliothek des Großen Kurfürsten erwähnt wird.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sagt dazu: „Ich freue mich, dass mit dem Ankauf diese bedeutende Sammlung von Zeichnungen für die Öffentlichkeit zugänglich wird, und ich bin sicher, dass sie der Forschung noch viele Entdeckungen ermöglichen wird.“ Hein-Th. Schulze Altcappenberg, Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, kommentiert: „Der Erwerb des so genannten ‚Kleinen Klebebandes’ mit seinen über 120 einzigartigen Werken der altdeutschen Zeichenkunst ist ein großer Erfolg nicht nur für das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, sondern auch für die Idee des öffentlichen Museums in Deutschland. Zum ersten Mal wurde für einen so bedeutenden Schatz an graphischen Zeugnissen der nationalen Kultur ein kooperatives Ankaufs- und Nutzungsmodell entwickelt, ohne das unser Vorhaben aussichtslos geblieben wäre.“ Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg, konstatiert: „Es ist ein großes Glück, die national wertvollen Altmeisterzeichnungen für die öffentliche Hand sichern zu können.“ Christof Trepesch, Direktor der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, meint: „Der ge-meinschaftliche Erwerb durch die öffentliche Hand ermöglicht erstmals eine gemeinsame wissenschaftliche Untersuchung des Zeichnungskonvoluts. Dadurch ist zu erwarten, dass nun ein neues Kapitel in der Kunstgeschichtsforschung aufgeschlagen wird, das insbesondere die Augsburger Zeichnungen betrifft.“

Der sog. „Kleine Klebeband“ nimmt innerhalb der Zeichnungssammlung der Fürsten von Waldburg-Wolfegg eine herausragende Stellung ein, sowohl was die individuelle Qualität zahlreicher außergewöhnlicher Einzelwerke der Spätgotik und der Dürerzeit betrifft als auch in seiner umfassenden kunsthistorischen und wissenschaftlichen Bedeutung. Diese erhält das Konvolut vor allem durch eine überaus seltene Gruppe von deutschen Blättern des 15. Jahrhunderts sowie von Meister- und Werkstattzeichnungen aus dem frühen und mittleren 16. Jahrhundert, die – auch hierin einzigartig – zu repräsentativen Untersuchungen der Atelierpraxis von Künstlern dieser Epoche einladen. Den herausragenden Kern des Bandes bildet eine äußerst wertvolle und umfangreiche Gruppe von Zeichnungen Hans Holbein des Älteren (um 1465–1524) und von Mitgliedern seines Augsburger Ateliers  – mit u. a. dem Spitzenstück, Hans Holbeins frühem, um 1499 entstandenen Silberstiftporträt einer Nonne. Mit der darum gruppierten umfangreichen Werkfolge von Bildnis-, Typen- und Figurenstudien aus dem Holbein-Atelier bietet der Klebeband einzigartige Einblicke in die Künstlerateliers dieser Epoche. Ein Höhepunkt des Bandes ist aber zweifellos ein anonymes, um 1475 im bayerisch-tirolischen oder schwäbischen Gebiet entstandenes Porträt eines jungen Mannes, das ein Kenner wie Peter Halm bereits als die „vollendetste deutsche Bildniszeichnung vor Dürer“ gewürdigt hat.

Der kostbare Band umfasst insgesamt über 120 vorwiegend altdeutsche, aber auch einige niederländische und italienische Meisterzeichnungen des 15. bis frühen 17. Jahrhunderts. Wegen seiner besonderen Stellung in der Überlieferungsgeschichte deutscher Malerei und Zeichenkunst wurde die Wolfegger Zimelie bereits früh in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts eingetragen.

Nach intensiven Bemühungen aller Beteiligter ist es nun unter Federführung der Kulturstiftung der Länder gelungen, dieses einzigartige Werk der deutschen Kunst- und Sammlungsgeschichte für die beiden öffentlichen Museen in Deutschland zu erwerben, die sich bezüglich des Entstehungsraumes (Augsburg) und des Sammlungskontextes (Berlin) besonders auszeichnen. Diese Museen besitzen zudem in herausragender Weise die Kompetenzen und Einrichtungen für die wissenschaftliche Erschließung und konservatorische Betreuung dieses nationalen Schatzes.

Die Modalitäten des Erwerbs sehen vor, dass die Wolfegger Zeichnungssammlung als unzertrennliches Konvolut erhalten bleibt und gemäß der aufgewendeten Mittel dauerhaft vom Berliner Kupferstichkabinett bewahrt und gepflegt wird. Das Werk wird gemeinsam mit den Kunstsammlungen und Museen Augsburg erforscht und ausgestellt, wie auch alle weiteren Rechte und Pflichten an diesem öffentlichen Kulturgut kooperativ ausgeübt werden. Noch im Laufe dieses Jahres ist eine erste Präsentation in Augsburg geplant, die rechtzeitig bekannt gegeben wird.

Der Erwerb des Zeichnungskomplexes von Waldburg-Wolfegg ist – neben dem Lebensalter-Zyklus von Caspar David Friedrich im Jahre 2006 – der bedeutendste Ankauf des Berliner Kupferstichkabinetts in neuerer Zeit und profiliert die international herausragende Stellung als Referenzsammlung der deutschen Zeichenkunst des 15. und 16. Jahrhunderts. Für die Kunstsammlungen und Museen Augsburg bedeutet er einen enormen Zugewinn an Werken und an Kenntnis der städtischen Kunstproduktion in der spannenden Phase zwischen dem späten Mittelalter und der Renaissance und damit eine entscheidende Bereicherung der Augsburger Grafischen Sammlung.

Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg (1604–1667) begründete das Wolfegger Kabinett. Bei seinem Tod zählte die Sammlung wohl rund 120.000 überwiegend druckgraphische Blätter, vor allem Kupferstiche, Radierungen und Holzschnitte des 15. bis zum 17. Jahrhundert, aber auch eine umfangreiche Sammlung von Handzeichnungen. Im Jahr 2001 wurde aus dem Kabinett die Landkarte des Freiburger Kartographen Martin Waldseemüller mit der Erstnennung des Namens „America“ an die Library of Congress in Washington verkauft, im Jahr 2008 ging das spektakuläre „Hausbuch der Fürsten von Waldburg-Wolfegg“ in süddeutschen Privatbesitz über.

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