Wir sind ein gutes Stück moderner geworden

14.12.2022Wir sind ein gutes Stück moderner geworden

Ein Jahresendgespräch mit Hermann Parzinger über die ukrainische Flagge an der Villa von der Heydt, das grüne Kulturforum und die ganze Welt auf einer Insel

Das Gespräch führte Ingolf Kern

Porträt eines Mannes mit Brille
SPK-Präsident Hermann Parzinger. © SPK/photothek.de/Florian Gaertner

Einen Tag vor Nikolaus hat der Stiftungsrat der SPK den Weg freigemacht für eine Reform der größten deutschen Kultureinrichtung. Mehr Autonomie, mehr Beweglichkeit, mehr gemeinsame Verantwortung – das sind die Kernaussagen des Beschlusses.

Für den Präsidenten Hermann Parzinger geht ein Jahr zu Ende, das es in sich hatte, und zwar aus vielerlei Gründen. Ein Gespräch über verlorene Illusionen, neue Hoffnungen und erfreuliche Zuneigung.

Herr Parzinger, wenn Sie das Jahr 2022 revuepassieren lassen, woran denken Sie zuerst?

Ich denke an die ukrainische Flagge, die im März erstmals über unseren Museen, vor der Staatsbibliothek und auch an der Villa von der Heydt wehte. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat dieses Jahr bestimmt, und er hat eine Zeitenwende ausgelöst, wie es der Kanzler so treffend beschrieben hat. Die Stiftung hat sich sofort solidarisch mit ukrainischen Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen gezeigt, wir haben Hilfe zur Selbsthilfe angeboten, damit dort Kunstwerke, Bücher und Archivalien in Sicherheit gebracht werden konnten. Wir haben Stipendien für ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angeschoben, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Es ist schön zu sehen, wie diese Menschen in unseren Häusern aufgenommen wurden, gleichzeitig bedrückend, wenn man bedenkt, dass ihre Hoffnungen auf baldige Rückkehr sich immer noch nicht erfüllt haben.

Eine Flagge in Gelb und Blau weht über einer Straße
Flagge zeigen: Die SPK solidarisiert sich mit der Ukraine. © SBB PK / Sandra Caspers

Neben dieser menschlichen und kulturellen Tragödie beschäftigen die SPK aber natürlich auch die Folgen des Krieges hier: Die Energie- und Gaskrise führt auch bei uns zu enormen Mehrkosten, auch wenn wir allerorten versuchen, unseren Energiebedarf um 20 Prozent zu senken, ohne dabei die Kulturgüter zu gefährden. An die 19 Grad Raumtemperatur in Büros müssen wir uns alle erst noch gewöhnen.

Sie waren immer stolz auf die deutsch-russischen Kulturbeziehungen. Dort sei vieles möglich, was auf politischer Ebene nicht möglich sei. Ist jetzt alles perdu?

Die deutsch-russischen Kulturbeziehungen sind auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zerstört, das muss man so klar sagen. Obwohl persönliche, private Verbindungen zwischen einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beider Länder existieren mögen, so ist unglaublich viel zerbrochen, ein Dialog mit staatlichen Institutionen undenkbar geworden. Jahrzehntelange Forschungskooperationen liegen in Scherben. Das ist für mich eine bittere Erkenntnis. An dieser Stelle möchte ich aber auch sagen, dass wir für russische und belarussische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler offenstehen, wenn sie unter den diktatorischen Bedingungen ihrer Länder nicht mehr leben können und ihr Land verlassen wollen. Auch hier sind wir solidarisch.

Was hat sich denn in der SPK in diesem Jahr verändert?

Viel! Wir sind ein gutes Stück moderner geworden. Fragen wie Nachhaltigkeit und Diversität sind keine Spiegelstriche mehr, dahinter stehen Kolleginnen und Kollegen, die diese Zukunftsthemen vorantreiben und zu ihrer Sache machen. Dass wir mit der Rückübertragung des Eigentums an den Benin-Bronzen an Nigeria endlich auch hier den entscheidenden Schritt getan haben, darüber bin ich auch sehr froh – es ist der Auftakt für eine hoffentlich weiterhin fruchtbare Zusammenarbeit und aus meiner Sicht exemplarisch für einen gelungenen Prozess unter Einbeziehung aller Beteiligten. Außerdem haben wir in diesem Jahr mit den Philharmonikern und der Stiftung St. Matthäus das Kulturforum geradezu wachgeküsst und zu einem ‚Ort im Grünen‘ gemacht, mit einer großen Picknicktafel der Neuen Nationalgalerie in der Sigismundstraße. Soviel Auflauf war dort noch nie!

Und jetzt kurz vor Weihnachten auch noch die Reform.

Genau! Der Stiftungsrat hat deutlich gemacht, dass die Einrichtungen mehr Autonomie und mehr Eigenverantwortung bekommen, gleichzeitig aber auch mehr Verantwortung für die gesamte Stiftung übernehmen sollen. Vor allem für die Museen ist das eine ganz wichtige Nachricht, denn nun wird auf der Museuminsel, am Kulturforum und in Dahlem nicht nur ein gutes Programm gemacht, jetzt muss effektive, dezentrale Verwaltung organisiert werden. Ich verspreche mir davon sehr viel, auch davon, dass wir einen Vorstand haben werden, wo andere Einrichtungsleiterinnen und -leiter Querschnittsaufgaben für die gesamte Stiftung übernehmen werden. Wir organisieren unsere Zukunft gemeinsam, die SPK bleibt als Verbund erhalten und wir zeigen deutlich, welcher Mehrwert darin steckt.

Soll das Humboldt Forum in die SPK integriert werden?

So weit sind wir noch lange nicht. Es gibt Schnittstellenfragen mit der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die gelöst werden müssen. Wir wollen das mit Verantwortlichen dort in Ruhe besprechen.

Was hat Sie denn in diesem Jahr besonders geärgert?

Die Art und Weise des Klimaprotestes in der Gemäldegalerie, auch wenn die Ziele natürlich komplett nachvollziehbar sind, und die Aktion der Trittbrettfahrerin in der Alten Nationalgalerie. Für bewusste Beschädigungen von Kunstwerken habe ich kein Verständnis.

Und was hat Sie besonders gefreut?

Es freut mich immer noch riesig, dass es Bund und Berlin gemeinsam gelungen ist, den Hamburger Bahnhof und die Rieckhallen zu erwerben. Damit ist einer der wichtigsten europäischen Standorte der zeitgenössischen Kunst dauerhaft gesichert. Und dass der Sammler Axel Marx der SPK den kompletten Beuys-Bestand geschenkt hat, ist eine herausragende Geste und hat die Freude noch gesteigert. Schön ist auch, dass das Humboldt Forum jetzt komplett am Netz ist und man wirklich die Welt auf einer Insel besichtigen kann. Es ist ein neues Kulturquartier in der Mitte Berlins entstanden, wo gibt es das sonst auf der Welt!

Eine Person untersucht einen historischen Bilderrahmen
Nachdem sich Mitglieder der „Letzten Generation“ sich an ein Bild von Lucas Cranach d.Ä. in der Gemäldegalerie (Staatliche Museen zu Berlin) geklebt hatten, muss der historische Rahmen nun aufwendig restauriert werden. © SPK/photothek.de/Thomas Imo

Großartig ist auch, dass unsere Ausstellungen – von Donatello bis Erich Dieckmann und von Schliemann bis Schadow –zu einem großen Besucherplus geführt haben. Wir haben Vor-Corona-Niveau erreicht. Die Museumsinsel ist wieder der Hotspot schlechthin, der Kulturtourismus funktioniert wieder. Das erfreut den Präsidenten besonders, denn für unsere Besucherinnen und Besucher arbeiten wir schließlich. Ich kann nur jedem raten, jetzt über Weihnachten nochmals die Gelegenheit zu nutzen, die beiden herausragenden Bildhauer Donatello in der Gemäldegalerie und Schadow in der Alten Nationalgalerie auf sich wirken zu lassen. Eine Ausstellung mit Skulpturen hat immer eine besondere Faszination, denn Werke von allen Seiten zu betrachten ist in einem Katalog eben nur bedingt möglich.

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