„Krieg und Kultur schließen einander aus“

25.03.2022„Krieg und Kultur schließen einander aus“

Olaf Hamann, Leiter der Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, berichtet im Interview von den Nöten ukrainischer Bibliotheken im Krieg, Hilfsangeboten für die Ukraine und von der Zukunft der Beziehungen zu Russland.

Die Fragen stellte Elena Then

Nachtaufnahme des Hauptgebäudes der Wernadski-Nationalbibliothek der Ukraine
Die Wernadski-Nationalbibliothek der Ukraine im Jahr 2013. Bild: Artemka, CC BY-SA 4.0

Die Staatsbibliothek arbeitet seit vielen Jahren eng mit Wissenschaftler*innen und Institutionen in der Ukraine zusammen, sie besitzt u.a. eine Sammlung von etwa 43 000 Drucken aus dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine und bewahrt im Auftrag der Sing-Akademie zu Berlin deren Archiv auf, von dem Teile bis 2001 kriegsbedingt nach Kiew verlagert waren. Wie sehr hat die aktuelle Entwicklung Einfluss auf Ihre Arbeit? Wie geht es Ihnen in der jetzigen Situation?

Hamann: Der militärische Angriff Russlands auf die Ukraine war für uns alle ein großer Schock! Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Staatsbibliothek kommen aus der Ukraine oder haben Verwandte und Freunde dort. Es fällt schwer, sich auf die tägliche Arbeit zu konzentrieren. Unsere Solidarität gilt den Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine. Wir fürchten um ihr Leben und auch um das kulturelle Gedächtnis der ukrainischen Nation, das in den Bibliotheken und Archiven des Landes aufbewahrt wird.

Noch am Abend des 24. Februar habe ich eine Mail an die Generaldirektorin der Wernadski-Nationalbibliothek der Ukraine gesandt, Ljubow Dubrowina, und unsere Betroffenheit zum Ausdruck gebracht: „Wir verurteilen das Vorgehen der russischen Behörden und der Armee. Mit Ihnen hoffen wir auf ein schnelles Ende des Militäreinsatzes gegen die Ukraine und den Erhalt der ukrainischen Staatlichkeit.“ In Ihrer Antwort dankte Frau Dubrowina für diese Unterstützung, die von vielen Freunden und Kollegen aus Westeuropa, vor allem aus Deutschland und Polen, zum Ausdruck gebracht wird. Die Kolleg*innen sorgen sich sehr um ihre Nationalbibliothek, die mit 17 Millionen Bestandseinheiten und zahlreichen Sondersammlungen zu den wertvollsten Gedächtnisinstituten der Ukraine zählt. Dazu kommen umfangreiche elektronische Ressourcen für Wissenschaft und Kultur.

Ich bin selbst viel dort auf Reisen gewesen, dienstlich und privat. Zuerst in der Sowjetunion, später in Russland und in der Ukraine. Die Menschen dort haben unendlich unter den von Deutschland ausgegangenen Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges gelitten und mussten einen sehr hohen Blutzoll für die Befreiung ihres Landes zahlen. Unsere historische Verantwortung dafür ist in nahezu jeder Begegnung mit Kolleg*innen und Freunden zu spüren. Auch daher ist es für mich in keiner Weise nachvollziehbar, was die russische Führung zu diesem Krieg veranlasst hat. Meine persönlichen Erlebnisse und Begegnungen in der Ukraine decken sich in keiner Weise mit den aktuellen Aussagen russischer Stellen zu den Entwicklungen dort.

Was ist aus Ihrer Sicht aktuell die größte Gefahr für Bibliotheken und ähnliche Institute in der Ukraine?

Hamann: Die größte Gefahr besteht für die Menschen, die den Luft- und Artillerieangriffen auf dicht besiedelte Gebiete ausgesetzt sind. Die Zerstörung der zivilen Infrastruktur geht auch an den Kultureinrichtungen nicht vorüber. Erst kürzlich wurde über den Angriff auf das Theater von Mariupol berichtet. Krieg macht da keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen. In einer solchen Situation ist an die umfassende Evakuierung von Kulturgütern und Büchersammlungen kaum zu denken. Vor allem im Osten des Landes sind die Risiken eines Abtransportes mit den Gefahren in den jetzigen Depots und Magazinen vergleichbar.

Die Preußische Staatsbibliothek konnte während des Zweiten Weltkrieges fast alle knapp 3 Mio. Bände umfassenden Sammlungen sowie die Handschriften, Musikalien und Karten evakuieren. Dennoch sind heute im Stabikat, unserem Online-Katalog, etwa 700.000 Bände als Kriegsverluste gekennzeichnet, wahrscheinlich die Hälfte davon physisch vernichtet. Auch die Kultureinrichtungen in der Ukraine, Russland, Belarus und Polen haben damals unwiederbringliche Verluste erleiden müssen. Ein vollständiger Wiederaufbau der verlorenen Sammlungsteile ist bis heute keiner Einrichtung gelungen. Auch wenn wir an die Bombardierung der Nationalbibliothek in Sarajewo während des Bosnienkrieges 1992 denken, wird deutlich, dass die Zerstörung von Kulturgütern in Kriegszeiten immer zu befürchten ist.

Wie kann die Staatsbibliothek helfen? Was wird aktuell schon getan?

Hamann: Wir haben den Bibliotheken in der Ukraine verschiedene Hilfsangebote unterbreitet und mit den Kolleginnen und Kollegen beraten. Daran sind auch viele andere Bibliotheken aus Deutschland und der ganzen Welt beteiligt. Im Zentrum stehen Bemühungen zur Unterstützung der Situation der Mitarbeitenden aus den Kultureinrichtungen. Dazu zählt auch die Hilfe für die aus dem Land Geflüchteten. Hier können insbesondere Stipendien für gefährdete Wissenschaftler*innen, Bibliothekar*innen und Kulturschaffende hilfreich sein.

Wir haben in den letzten Tagen in verschiedenen Bibliotheken und Museen Verpackungsmaterial bereitgestellt, das in die Westukraine oder zumindest bis an die polnisch-ukrainische Grenze gebracht werden soll. Ansonsten ist vereinbart, dass wir auf weitere Hilfsanforderungen reagieren werden.

Screenshot der Website "SUCHO"
Die Webseite des Projektes "Saving Ukrainian Cultural Heritage Online" (SUCHO)

Es gibt auch eine Initiative zur Archivierung von Webseiten ukrainischer Kultureinrichtungen und ‑initiativen SUCHO (Saving Ukrainian Cultural Heritage Online, sucho.org). Eine Datensicherung der elektronischen Publikationen konnte von den Kolleginnen in der Ukraine schon in den ersten Kriegstagen erfolgreich realisiert werden.

Natürlich unterstützen wir alle die vielen Hilfsorganisationen durch Spenden oder durch persönliches Engagement bei der Betreuung von Geflüchteten.

Welche Schäden an Kulturgütern in der Ukraine sind Ihnen bereits bekannt?

Hamann: Das Ministerium für Kultur und Informationspolitik der Ukraine hat eine Datenbank für die Dokumentation von Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen Objekte des kulturellen Erbes, die von der russischen Armee verursacht wurden, eingerichtet. Dazu gehören die Zerstörung von Baudenkmälern, historischen und archäologischen Stätten, Denkmälern, Kirchen, Kunstwerken, Naturdenkmälern, aber auch Gebäuden von Kultureinrichtungen, wie Theater, Museen, Bibliotheken usw., Angriffe gegen Zivilisten durch Munition, die von den Besatzern bei der versuchten Zerstörung der Kulturstätten eingesetzt wurden, die Besetzung von Eigentum, die Plünderung von Museen, Bibliotheken und anderen kulturellen Einrichtungen durch die Besatzungstruppen.

Auf dieser Webseite wurde am 19.3.2022 u.a. berichtet, dass Bibliotheksgebäude in Tschernihiw und Charkiw bei Angriffen beschädigt worden sind. Bei einer Suche nach „Theater“ werden Einrichtungen in dem bereits erwähnten Mariupol, aber auch in Donezk, Tschernihiw und Dnipro aufgelistet. Sucht man nach „Museum“, ergeben sich Hinweise auf die Orte Charkiw, Tschernihiw, Ochtirka und Trostjanetz (beide im Gebiet Sumi), Iwankiw bei Kiew sowie Wassiliwka im Gebiet Saporischje. Da die Kampfhandlungen unvermindert fortgesetzt werden, ist leider auch mit weiteren Einträgen zu rechnen.

Sie arbeiten in einer gemeinsamen deutsch-ukrainischen Regierungskommission zu kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern mit, deren Arbeit pandemiebedingt momentan ruht. Wie sieht die Zukunft für dieses Projekt angesichts der aktuellen Situation aus?

Hamann: Einen Blick in die Zukunft zu wagen, ist natürlich in der jetzigen Situation äußerst schwierig. Für die Erlebnisgeneration unserer heutigen Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine werden die aktuellen Ereignisse sicher vieles überlagern und stärker in den Mittelpunkt künftiger Arbeit treten lassen. Wir dürfen aber unsere historische Verantwortung für die Zerstörung ukrainischen Kulturgutes während des Zweiten Weltkrieges nicht vergessen. Ich denke, dass es uns gelingen muss, dieses Bewusstsein hier in Deutschland zu stärken und daraus neue Kraft für die Unterstützung ukrainischer Einrichtungen beim Wiederaufbau nach diesem Krieg zu schöpfen und zu mobilisieren.

Flachvitrine mit Präsentation ukrainischer Bücher
Präsentation von Neuerwerbungen aus der Ukraine in der Staatsbibliothek. Foto: SBB-PK, Sabine Kaiser

Bereits seit der Annexion der Krim 2014 ist die Buchproduktion in der Ostukraine deutlich zurückgegangen. Wie sehen Sie die Zukunft des Bucherwerbs aus ukrainischen Verlagen jetzt?

Hamann: Die Zukunft des Bucherwerbs aus ukrainischen Verlagen hängt natürlich vor allem von den Publikationsmöglichkeiten ab. Wir gehen davon aus, dass in der jetzigen Situation die vorhandenen Mittel vor allem in die Verteidigung der Ukraine und für den Schutz von Menschenleben aufgewendet werden müssen. Dennoch werden wir weiter versuchen, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus der Ukraine so weit wie möglich zu sammeln und der Wissenschaft in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören auch die von Russland kontrollierten Landesteile. Von den 884 im Stabikat nachgewiesenen Titeln mit dem Erscheinungsort Simferopol, der Hauptstadt der Krim, haben wir seit 2014 immerhin 158 neu erwerben können. Diese Titel spiegeln sehr eindrucksvoll die Veränderungen im Leben der Region wieder. Sie ermöglichen immer auch einen Vergleich mit der Buchproduktion vor der Krim-Annexion. Zu den 84 Titeln mit dem Erscheinungsort Luhansk bzw. in der russischsprachigen Namensform Lugansk ist seit 2014 kein gedruckter Titel dazugekommen. Aus Donezk haben wir insgesamt 394 Titel, von denen lediglich acht gedruckte Ausgaben ein Erscheinungsjahr seit 2014 tragen. Die wenigen elektronisch verfügbaren Titel können den Informationsverlust aus den Regionen nicht wettmachen. Unsere Lieferanten bestätigten uns wiederholt die Schwierigkeiten bei der Ermittlung und Beschaffung neuer Veröffentlichungen aus den so genannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk. Selbst die amtlichen Veröffentlichungen sind kaum verfügbar.

Bei der weiteren Informationsbeschaffung werden wir aber ganz traditionell auch die Veröffentlichungen des Exils und des Auslandes sowie elektronische Medien einbeziehen. Die erwähnte Initiative SUCHO ist da nur ein Beispiel.

Vor einem halben Jahr sprachen wir noch über die gute Zusammenarbeit mit Ihren russischen Kolleg*innen. Damals sagten Sie, dass trotz allem immer das gemeinsame Interesse am kulturellen Erbe und seiner Bewahrung für die Zukunft verbinde. Hat sich daran etwas geändert? Was kann getan werden, um zu vermitteln und diesen einzigartigen Kulturraum zusammen zu halten und Perspektiven des Miteinanders über die aktuelle Situation hinaus aufzuzeigen?

Hamann: Nach der Annexion der Krim und dem Beginn von Kämpfen in der Ostukraine hatten Leiter*innen russischer Kultur- und Bildungseinrichtungen am 11. März 2014 eine Petition unterzeichnet, mit der sie ihre Unterstützung der Annexion und der Ukraine-Politik des russischen Präsidenten bekundeten. Zu den Unterzeichnern gehörten auch die damaligen Direktoren der Russischen Staatsbibliothek in Moskau (RSB) und der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg (RNB). Die Staatsbibliothek zu Berlin hat mehrere Kooperationsvereinbarungen mit föderalen russischen Bibliotheken, darunter auch die RSB und RNB. Diese Vereinbarungen ruhen momentan. Der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog zu kriegsbedingt verlagerten Büchersammlungen steht ebenfalls vor einer großen Herausforderung. Momentan ist seine Zukunft ungewiss.

Eine Wiederaufnahme der Beziehungen auf offizieller Ebene wird maßgeblich davon abhängen, wie sich die russischen Kulturinstitute jetzt und heute zu diesem Krieg positionieren. Krieg und Kultur schließen einander aus.

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