„Wir können nicht ohne einander“

04.12.2019„Wir können nicht ohne einander“

Gemeinsame Restaurierungsprojekte, gemeinsame Ausstellungen und vieles mehr: Die partnerschaftliche Zusammenarbeit der SPK mit Russland findet auf vielen Ebenen statt. Hermann Parzinger spricht im Interview darüber, warum diese enge deutsch-russische Kooperation so wichtig ist und welche Projekte gerade laufen.

Die Fragen stellte Jonas Dehn

Anastassia Boutsko, Hermann Parzinger und Michail Schwydkoj
Journalistin Anastassia Boutsko, Hermann Parzinger und der russische Kulturpolitiker Michail Schwydkoj im Gespräch © SPK / photothek.net / Xander Heinl

Die SPK hat eine sehr enge Verbindung mit Russland. Wie kommt es dazu?

Viele Objekte aus unseren Sammlungen sind Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetunion gekommen. Während manches davon in den 50er-Jahren wieder zurückgekommen ist, befindet sich einiges noch heute dort. Bis heute sind also Sammlungen auseinandergerissen, beispielsweise gibt es archäologische Fundkomplexe, von denen ein Teil der Objekte hier und der andere Teil etwa in Moskau oder Petersburg ist. Oder die Dokumente sind hier, die Originale dort – oder umgekehrt. Das ist die Realität heute. Juristisch und politisch gibt es hierzu unterschiedliche Positionen, aber wir auf der Fachebene wollen einfach zusammenarbeiten. Wir wollen die Objekte gemeinsam erforschen und gemeinsam restaurieren. Wir wollen wissen: Was gibt es noch? Wo gibt es welche Objekte? Wir wollen die getrennten Objekte zum Teil virtuell wieder zusammenführen und gemeinsame Forschungs- und Ausstellungsprojekte machen. Und das alles entwickelt sich über die letzten Jahre wirklich immer besser.

Wie kooperiert die SPK konkret mit Russland?

Wir bereiten derzeit mehrere gemeinsame Ausstellungen vor. Eine davon ist die dritte in einer Reihe von Ausstellungen: Vor über zehn Jahren, 2007, gab es die Merowinger-Ausstellung, 2013 dann die Bronzezeit-Ausstellung, und jetzt machen wir eine große Ausstellung mit dem Titel „Eisenzeit – Europa ohne Grenzen“. Das ist für Europa eine sehr spannende Periode, weil sich mit Kelten, Germanen, Iberern und Skythen langsam die ethnische Grundgliederung Europas herausgearbeitet hat. Im Vorfeld dieser Ausstellung geht es darum, unsere Bestände zu erschließen: Was gibt es in der Eremitage, im Puschkin-Museum, im Historischen Museum zu Moskau an eisenzeitlichen Funden aus ehemals Berlin? Nach dieser Bestandsaufnahme wählen wir Fundkomplexe aus, mit deren Hilfe wir die Geschichte Europas im 1. Jahrtausend v. Chr. erzählen wollen.

Dann haben wir ein wichtiges Projekt zu den Skulpturen von Donatello, von denen einige im Bode-Museum sind. Vorkriegsbestände sind im Puschkin-Museum aufgetaucht, die jetzt die Kollegen beider Museen schon seit fast fünf Jahren gemeinsam erforschen. Da geht es darum, dass Skulpturen und Reliefs, die immer noch Kriegsschäden tragen, restauriert und erforscht werden. Das machen wir alles gemeinsam und am Ende wird es auch eine Ausstellung geben.

Gipsabformung der Victoria von Calvatone
Gipsabformung der Victoria von Calvatone © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung

Eine weitere Ausstellung gibt es jetzt ganz aktuell in der Eremitage in St. Petersburg zur Victoria von Calvatone. Die Victoria, eine Bronzeskulptur der römischen Zeit, war neben dem Betenden Knaben eines der Highlights der Antikensammlung in Berlin. Nach dem Krieg war sie verschwunden und tauchte erst vor einigen Jahren in der Eremitage auf – in der Abteilung Westeuropäischer Skulptur des 18./19. Jahrhunderts. Das hängt damit zusammen, dass die Flügel der Victoria in der Tat spätere Hinzufügungen waren. In den letzten Jahren ist sie gemeinsam von russischen und deutschen Restauratoren wiederhergestellt worden. Das Ergebnis dieser gemeinsamen Forschungs- und Restaurierungsarbeit und die ganze Geschichte des Objektes wird in der Ausstellung erzählt.

Warum ist es so wichtig, dass wir eng mit Russland kooperieren?

Wir haben vor allem im 20. Jahrhundert eine komplizierte gemeinsame Geschichte mit viel Leid und Zerstörung, die die Menschen von heute verpflichtet, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt und dass man Verständnis füreinander hat. Das geht nur durch Zusammenarbeit, durch gemeinsame Projekte, und gerade jetzt, wo es politisch etwas schwierig ist, ist die Kultur und die Wissenschaft quasi antizyklisch: Wir haben gerade mehr Projekte als jemals zuvor. Das ist gut, dass wir diese enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit sehr viel Vertrauen haben und auch so weiterführen. Außerdem ist es auf einer ganz praktischen Ebene wichtig, dass wir mit Russland kooperieren, weil ein Teil der Objekte dort und der andere Teil hier ist – die brauchen einander.

Die SPK ist auch beim Deutsch-Russischen Museumsdialog und Bibliotheksdialog beteiligt. Was geschieht dort?

Da geht es darum, die Einrichtungen in Deutschland und Russland, die von der kriegsbedingten Verlagerung von Kulturgütern betroffen sind, in den Dialog zu bringen. Das sind vor allem ostdeutsche Institutionen, die besonders betroffen sind, und in Russland die Museen und Bibliotheken, wo diese Kulturgüter heute sind. Es geht um Informationsaustausch und Zusammenarbeit, nicht nur in Bezug auf kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter, sondern auch darüber hinaus: Was beschäftigt die Kultureinrichtungen in Deutschland und Russland heute? Wo sind die Probleme, die besonderen Herausforderungen?

Der Museumsdialog hat etwa kürzlich eine wichtige Publikation mit dem Titel „Raub und Rettung – Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ herausgegeben. In dem Forschungsprojekt ging es darum, dass russische und deutsche Forscher gemeinsam die Kulturgutverluste der Museen von Novgorod und Pskov und der vier Zarenschlösser bei St. Petersburg sammlungsgeschichtlich untersuchen. Beim Bibliotheksdialog laufen verschiedene Projekte, bei denen zum Beispiel die Bibliotheken von besonderen Persönlichkeiten virtuell wieder zusammengeführt werden sollen.

Sie waren als Wissenschaftler selbst in Russland. Helfen Ihnen Ihre Erfahrungen im Austausch mit den russischen Kollegen?

Natürlich sind persönliche Erfahrungen immer wichtig. Man hat einen anderen Zugang, wenn man in einem anderen Land arbeitet und die Sprache und Mentalität der Menschen kennenlernt. Man ist dann nicht so sehr auf einer technokratisch-bürokratischen, sondern auf einer menschlichen Ebene. Das kann dabei helfen, bestimmte Hürden zu überwinden, damit Projekte dann auch gut laufen können.

Michail Schwydkoj und Hermann Parzinger
Michail Schwydkoj und Hermann Parzinger am Rande einer Veranstaltung zu deutsch-russischen Kooperationen in der Urania Berlin (2.12.2019) © SPK / photothek.net / Xander Heinl

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Zusammenarbeit mit Russland?

Ich würde mir wünschen, dass diese schon über viele Jahre bestehende gute Zusammenarbeit weiterhin so gut läuft und wir immer mehr Projekte machen, weil es tatsächlich so ist, dass Museen und Bibliotheken in Russland und Deutschland gar nicht ohne einander können. Wir sind durch die Geschichte miteinander verbunden. Diese Kooperation müssen wir weiterführen und weiterentwickeln – vielleicht kann man eines Tages dann auch Bestände, die heute in Russland sind, für eine gewisse Zeit in Deutschland zeigen.

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