Sprachverwirrung

20.06.2019Sprachverwirrung

Ingrid Männl, Leiterin Kommunikation am Geheimen Staatsarchiv PK, stellt vor: ein tatarisches Kreditiv.

Im Dezember 1677, während des Nordischen Kriegs gegen Schweden und inmitten der Vorbereitungen auf den Ansturm der belagerten Stadt Stettin, erhielt der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg eine Nachricht. Ein Trompeter meldete ihm die Ankunft eines tatarischen Gesandten von der Krim. In großer Aufregung ließ der Kurfürst ein Schreiben an seine Geheimen Räte nach Cölln senden: Sie sollten im Archiv nach dem Zeremoniell für den Empfang eines solchen Gesandten suchen und einen Dolmetscher mitschicken. Die Audienz am 9. Dezember fand schließlich in polnischer Sprache statt. Der Tatar selbst hatte einen polnischen Übersetzer bei sich; und ein Herr namens Stryska, Kammerjunker des Kurfürsten, übertrug die Worte ins Deutsche. „Seine Churfürstliche Durchlaucht saßen allezeit mit bedecktem Haupte. Der Gesandte that sein Anbringend stehend“, heißt es in einer kurzen Aktennotiz. Weit schwieriger war die Übersetzung dreier kleiner Kreditive, die der Tatar in Beuteln bei sich führte. Schließlich fand man einen Sprachkundigen, der in kursächsischen Diensten gestanden hatte. Er entzifferte die Schreiben von Khan Ivas Giray und übersetzte sie ins Lateinische – damals Lingua franca der Diplomatie.

Das Beglaubigungsschreiben von Khan Ivas Giray an den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wurde einst in einem kostbaren Stoffbeutel transportiert
Das Beglaubigungsschreiben von Khan Ivas Giray an den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wurde einst in einem kostbaren Stoffbeutel transportiert © Christoph Mack

1. Die Beglaubigungsschreiben wurden für den Transport ziehharmonikaartig zusammengelegt. Der tatarische Gesandte Kirim Gasi überbrachte drei solcher Schreiben von der Krim: ein Kreditiv von Khan Ivas Giray an den Großen Kurfürsten (Abbildung), ein weiteres Kreditiv von dem Khan an die Gemahlin des Kurfürsten sowie eines von der Gemahlin des Khans an die Gemahlin des Kurfürsten.

2. Im osmanischen Reich war es vom 16. bis ins 19. Jahrhundert üblich, Schreiben an ausländische Herrscher in kostbaren Stoffhüllen zu transportieren. Die Auswahl des Stoffes richtete sich nach dem Rang des Absenders als auch dem Rang des Empfängers. In dem Futteral aus blassblau-silbernem Brokat befand sich das Schreiben des Khans Ivas Giray an den Großen Kurfürsten.

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

Das Kreditiv mit dem Stoffbeutel und der Übersetzung befindet sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Archivstraße 12–14, 14195 Berlin.

3. Die Übersetzung der Kreditive war auf Latein, der damaligen Sprache der Diplomatie im Abendland. Der tatarische Khan Ivas Giray versicherte in seinem Schreiben dem Großen Kurfürsten seine ständige Freundschaft. Zugleich hoffte er auf das Wohlwollen des Kurfürsten und das Fortbestehen ihrer freundschaftlichen Beziehungen. Seinen Gesandten Kirim Gasi ermächtigte der Khan zu weiteren Verhandlungen.

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