So viel Humboldt wie möglich

20.06.2019So viel Humboldt wie möglich

Alexander der Große heißt seit dem 18. Jahrhundert mit Nachnamen von Humboldt. 2014 hat die Staatsbibliothek zu Berlin die Amerikanischen Reisetagebücher des unermüdlichen Forschungsreisenden erworben – diese akribisch und kunstvoll geführten Zeugnisse eines unersättlichen Wissenwollens und Entdeckertums sind Basis der gerade erschienenen Graphic Novel „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“. Der Text stammt von der Humboldt-Expertin Andrea Wulf, die Illustrationen von der amerikanischen Künstlerin Lillian Melcher. Im Interview erzählt Lillian Melcher über Humboldts künstlerisches Talent, den Einfluss von Volkskunst und warum sie seit dem Buch Humboldt-Fan ist.

Die Fragen stellte Gesine Bahr

Graphic Novel „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“
Graphic Novel „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ © C. Bertelsmann

Bei einer Graphic Novel sind Text und Bild ja sehr verwoben. Wie sah denn die Zusammenarbeit mit der Autorin Andrea Wulf aus?

Mit Andrea zusammenzuarbeiten war leicht, weil wir ähnlich ticken – wir haben beispielsweise ein ähnliches Gespür für Visuelles. Außerdem gehören wir beide zu jener Sorte von Leuten, die auf Sorgfalt bestehen. Uns war es beiden sehr wichtig, jedes noch so kleine Detail so gut es ging an Humboldts Erlebnisse anzunähern. Wenn man ein gemeinsames Ziel verfolgt, das von einem mächtigen äußeren Einfluss wie den Humboldt-Tagebüchern vorgegeben wird, ist es glaube ich leichter, an so ein gewaltiges Projekt wie dieses heranzugehen.

Wie haben Andrea und Sie zusammengefunden?

Ursprünglich hatte Andrea Lauren Redniss, eine großartige Sachbuchillustratorin und meine frühere Professorin, für den Job angefragt. Lauren war aber bereits mit ihrem nächsten Buch zugange und hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, mich bei Andrea zu melden. Sie hatte mich gerade bei einem recherchelastigen Projekt für meinen Universitätsabschluss betreut und wusste darum, dass ich in der Lage bin, mich einer Herausforderung zu stellen, die ein Verständnis für Geschichte und die Fähigkeit erfordert, diverse Primärquellen zu durchsieben. Ich war 23 und war gerade erst 5 Monate mit der Uni fertig, also hat Andrea natürlich erstmal gezögert und diverse andere Illustratoren um Probekapitel gebeten. Um Weihnachten herum habe ich dann erfahren, dass ich den Job bekommen habe! Als wir uns endlich persönlich getroffen haben, hat es sofort „Klick“ gemacht. Bereits in den ersten fünf Minuten haben wir uns gegenseitig mit Ideen überschüttet. Es hat einfach perfekt gepasst.

Wie hat denn die Zusammenarbeit konkret funktioniert?

Andrea hatte für jede Seite ein Skript geschrieben, basierend auf Seiten aus Humboldts Tagebüchern. Sie hat mir für jede Seite eine Beschreibung dessen geschickt, was dort passieren sollte: den Textkörper, den Dialog sowie die dazugehörigen Referenzen oder Collagenmaterial. Das schloss auch die Seiten des Tagebuchs ein, auf dessen Basis sie das Kapitel geschrieben hatte. Ich habe versucht, so oft wie möglich genau das zu zeichnen, was sich auf Humboldts Tagebuchseite befand und es oben auf ebenjener Seite einzubauen, von der die Geschichte stammte. Andrea hat die Seiten ausgesucht. Wir haben versucht, so viele von Humboldts Zeichnungen einzufügen wie möglich. Oder eben jene Momente, wo es menschelt, beispielsweise, als Humboldts Diener in die Schneewehe fällt. Es steckt so viel Eigenart in den Tagebüchern. Wieviel Humboldt über ein Ereignis schreibt bzw. eben gerade nicht, verdeutlicht die emotionale Seite der Reise. Ich als Illustratorin dieses Projekts habe es wirklich versucht, dem Charakter Humboldts so nah wie möglich zu kommen, um die kleinen Alltäglichkeiten und die Tragweite seiner Persönlichkeit abzubilden. Diese Aspekte waren auf diese Weise noch nie offengelegt worden und sind mit Worten alleine schwer darstellbar. Es brauchte sowohl Andrea als auch mich, um zwischen den Zeilen zu lesen – etwas, das so viel leichter ist, wenn man die tatsächliche Tagbuchseite vor sich liegen hat.

Lillian Melcher
Lillian Melcher © C. Bertelsmann

Lillian Melcher

Die Illustratorin Lillian Melcher lebt und arbeitet in Boston. 2016 machte sie an der Parsons School of Design einen Abschluss in Illustration. „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“, geschrieben von Andrea Wulf, ist ihr erstes Buch.

Amerikanisches Reisetagebuch Alexander von Humboldts; Tagebuch IV, S. 23-24, mit gezeichnetem Piranha
Amerikanisches Reisetagebuch Alexander von Humboldts; Tagebuch IV, S. 23-24, mit gezeichnetem Piranha © SBB – PK / Carola Seifert

Inwiefern haben Humboldts Tagebücher Sie inspiriert?

Die Tagebücher haben nicht nur die Geschichten für den Text geliefert – sie waren auch Leitstern für alles Künstlerische im Buch. Ich habe versucht, mit ähnlichen Materialien, wie Humboldt sie für seine Tagebücher verwendete, zu zeichnen und zu schreiben, damit man einen Zusammenhang zu den Originalseiten im Tagebuch erkennen kann. Ich habe eine Menge von Humboldts Kurzschrift übernommen. Wenn er die Strukturen verschiedener Erdarten zeichnet oder auf einer Karte Höhenunterschiede sichtbar machen will, verwendet er ganz eigene Zeichen – wenn ich diese auch verwende, verwebt das meine Arbeit noch mehr mit Humboldts. Generell habe ich eine Menge von Humboldts ganz eigener Art zu zeichnen und den gestalterischen Entscheidungen in seinen Veröffentlichungen gelernt. Er war ein erstaunlicher Künstler und hatte ein bemerkenswertes und besonderes Gespür für Gestaltung. Wenn ich seine gesammelten Werke anschaue, ist es, als würde er mir sagen, was zu tun ist. Insofern war Humboldt unser dritter Mitarbeiter.

Hatten Sie schon vorher von Alexander von Humboldt gehört?

Vor dem Projekt wusste ich nicht, wer Humboldt ist. Ich glaube, das war einer der vielen Faktoren, die mich bei diesem Projekt angespornt haben. Ich möchte, dass die Erinnerung an Humboldt in den Vereinigten Staaten wiederbelebt wird, weil wir über seine Ideen mehr denn je im großen Stil nachdenken müssen. Nicht nur, weil er als Erster jene Verbindungen hergestellt und jene Daten gesammelt hat, die unser heutiges Verständnis vom Klimawandel beeinflussen, sondern auch weil er durch kunstvolles Schreiben und visuelles Denken Wissenschaft allgemein bekannt und zugänglich machen wollte. Auch wir wollen Leute für die Poesie der Natur begeistern.

Waren Sie schon mal in Deutschland oder haben andere Humboldt-Orte besucht?

Ich war noch nie in Deutschland! Es steht aber ganz oben auf meiner Liste mit Orten, die ich besuchen möchte, besonders jetzt. Letzten Sommer war ich in Paris und habe dort Humboldts Wohnung besucht, in der er nach seiner Rückkehr nach Europa 1804 lebte. Der jetzige Bewohner hat einen kleinen ausgestopften Papagei ins Fenster gestellt. Das ist sehr süß, aber ich würde mir auch sehr gern die Tagebücher und die Präparate und andere Artefakte seiner Reisen angucken, die sich in Deutschland befinden. Ich konnte zwei kleine Seiten seiner Tagebücher in der Brown University anschauen. Es handelte sich um kleine Zeichnungen von Flüssen. Sie hatten alle seine charakteristischen topografischen Markierungen und seine Handschrift und waren so zart! Ich glaube nicht, dass der Bibliothekar es gemerkt hat, aber mir kamen die Tränen. Für mich war es ein sehr emotionaler Moment, diese Seiten, die so viele Menschen – mich eingeschlossen – so nachhaltig beeinflusst haben, tatsächlich zu sehen.

Ihre Illustrationen haben einen ganz eigenen Stil. Sie bilden die Welt ab, ohne naturalistisch zu sein. Wie sind Sie zu diesem Stil gekommen und was macht in Ihren Augen eine gute Illustration aus?

„Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“
„Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ © C. Bertelsmann

Mein Illustrationsstil ist das Ergebnis meiner langjährigen Beschäftigung mit Volkskunst. Schon in sehr jungen Jahren haben meine Mutter und meine Großmutter angefangen, mir Kunstgeschichte nahezubringen und mich ermutigt, selbst kreativ zu werden. Das ging vor allem auf meine Mutter zurück, die selber Künstlerin ist und damals den Spagat zwischen einer Karriere als Fotografin und ihrer Rolle als junge Mutter bewältigte. Wenn wir die Wochenenden nicht in ihrem Fotoatelier oder der Dunkelkammer verbrachten, gingen wir ins Museum. Ich wurde stark von den Sammlungen des Kunstmuseums in Boston beeinflusst. Die kriegen das dort super hin, die Geschichte jener Künstler zu zeigen, die die Bostoner Mittel- und Unterschicht gemalt haben. Die Künstler waren oft Minderheiten, also Frauen und meist Autodidaktinnen. Ihre Sehnsucht, der damaligen elitären Torwächtermentalität der Galerien zum Trotz Kunst zu machen, zeigt sich in ihren Arbeiten. Diese sind leidenschaftlich und verstoßen gegen die Regeln, während sie gleichzeitig den populären Stilen der damaligen Zeit nacheifern. Diese Art von Kunst hat mir schon immer gefallen und ich glaube, sie hat mich dazu gebracht, die Unmittelbarkeit von Comics zu schätzen. Kunst sollte nicht anhand des Wertes der Materialien oder dem perfekten technischen Können beurteilt werden, sondern vielmehr anhand der Fähigkeit des Künstlers, eine Idee auszudrücken.

Mit welchen anderen Projekten sind Sie gerade beschäftigt? Was würden Sie gern als nächstes tun?

Das war mein erstes Buch. Derzeit bin ich damit beschäftigt sicherzugehen, dass jeder, den ich treffe, weiß, wer Humboldt ist. Zukünftig würde ich gern wieder Natur veranschaulichen. Ich weiß noch nicht, wohin mich das führen wird, aber mit Andrea Wulf und Alexander von Humboldt zu arbeiten hat meine Sichtweise darauf, was Kunst bewirken kann, verändert. Es gibt noch viele Geschichten zu erzählen, um Klimaschutz anzuregen. Ich würde gerne mithelfen, diese Geschichten zu erzählen.

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