Grabbeigaben aus Alaska

18.12.2017Grabbeigaben aus Alaska

Die SPK gibt neun Objekte aus dem Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin an die Chugach Alaska Corporation zurück. Wir fragten Monika Zessnik, Kuratorin für die Sammlung Nordamerika am Museum, wie es dazu kam.

von Birgit Jöbstl

Holzmaske der Chugach aus der Sammlung von Johan Adrian Jacobsen © Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz / Peter Jacob
Holzmaske der Chugach aus der Sammlung von Johan Adrian Jacobsen © Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz / Peter Jacob

Frau Zessnik, wer sind eigentlich die Chugach?

Monika Zessnik: Die Chugach vertreten eine größere Gruppe verschiedener Natives aus Südwest-Alaska. Die Objekte, die das Ethnologische Museum zurückgibt, gehen an die Chugach Alaska Corporation, die verantwortlich ist für all diese Gruppierungen.

Um was für Objekte handelt es sich?

Es sind Grabbeigaben, zum Beispiel Fragmente von Holzmasken, Öllampen und eine Kindertrage. Sie kamen über den Sammler Johan Adrian Jacobsen nach Berlin, der im Auftrag des damaligen Königlichen Museums für Völkerkunde zwischen 1882 und 1884 Nordamerika bereiste, genauer gesagt die amerikanische Nordwestküste und Alaska. Er hat einen sehr detaillierten Reisebericht hinterlassen. Aus diesem geht hervor, dass er Gräber ohne Genehmigung geöffnet hat, weder von Behörden noch von den indigenen Gruppierungen, deren Ahnen dort begraben waren.

Wie sind Sie auf die Grabbeigaben gestoßen?

Chugach Alaska Corporation

Die Chugach Alaska Corporation ist eine seit 1972 bestehende Interessenvertretung der Native People der Chugach Region in Alaska. Sie setzt sich unter anderem für die Bewahrung des kulturellen Erbes dieser Gruppen ein. 

Grabbeigaben

Die zurückgegebenen Objekte stammen aus verschiedenen Gräbern in Chenega Island und dem heute unbekannten Ort Sanradna. Unter ihnen sind zwei zerbrochene Masken und eine Kinderwiege sowie ein Holz-Idol. Masken wurden nach ihrem Gebrauch bei Zeremonien meist verbrannt oder in Gräber gelegt, weshalb heute nicht mehr viele Masken der Chugach existieren. Die rote Farbe auf ihnen verweist auf den Begräbniskontext. Bei dem Holz-Idol handelt es sich vermutlich um eine schamanische Figur, die Menschen vor Gefahren und dem Tod schützen sollte.

Im Herbst 2015 besuchte eine Delegation der Chugach Alaska Corporation das Ethnologische Museum vor dem Hintergrund, dass die Chugach aus allen weltweit in Museen befindlichen Objekten eine digitale Ausstellung zusammenstellen möchten, damit die Mitglieder der Community mehr über ihre eigene Geschichte erfahren. Im Rahmen dieses Besuchs haben wir die Objekte, die im Ethnologischen Museum vorhanden sind, gemeinsam gesichtet. Darunter waren auch diese Grabbeigaben. Die Vertreter der Chugach wussten aus dem Reisebericht Jacobsens, dass er diese aus einer archäologischen Stätte oder Grabstätte, die zum Gebiet der Chugach gehört, entnommen hat.

„Die Objekte wurden damals ohne Zustimmung der Native People und damit unrechtmäßig aus Gräbern ihrer Verstorbenen entnommen, sie gehören deshalb nicht in unsere Museen. Wir werden Sie nun der Chugach Alaska Corporation zurückgeben, mit der wir seit 2015 an der Aufarbeitung unserer Sammlung zusammenarbeiten.“

Hermann Parzinger, Präsident der SPK

Und dann haben sie diese zurückgefordert?

Wir haben im Februar 2016 einen ersten Brief erhalten, in dem die Chugach darum gebeten haben, sie bei einem Rückgabeersuchen zu unterstützen. Wir haben ihnen dann den offiziellen Weg aufgezeigt, der heißt, dass die US-Amerikanische Regierung eine Verbalnote ans Auswärtige Amt gesandt hat. Das hat dann noch bis 2017 gedauert, bedingt durch die US-Amerikanischen Wahlen. Die Fachleute bei der SPK waren für eine Rückgabe, auch das Auswärtige Amt hat diese befürwortet. Nachdem alle Stellungnahmen vorlagen, haben wir den Fall nun dem Stiftungsrat vorgelegt, der die Rückgabe beschlossen hat.

Was wird mit den Objekten jetzt geschehen, werden sie neu bestattet?

Nein, es handelt sich ja nicht um Human Remains, also menschliche Überreste. Die Chugach wollen die Objekte in ihrem eigenen Museum im Kulturzentrum ausstellen. 

Wie ist der Kontakt mit den Chugach heute, wie ist der Stand bei der digitalen Ausstellung, die Anlass für den ersten Besuch war?

Wir wollen alle Objekte, die wir von den Chugach haben, das sind über 200, digital erfassen, möglichst in 3D. Das wird aber noch einige Zeit dauern, weil der Fokus derzeit auf dem Umzug der Sammlung ins Humboldt Forum liegt. 

Grundhaltung zum Umgang der SPK mit ihren außereuropäischen Sammlungen und der Erforschung der Provenienzen

Seit einigen Jahren ist der angemessene Umgang mit außereuropäischen Objekten und ihrer Geschichte Thema öffentlicher Debatten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat auf Basis der „Ethischen Richtlinien für Museen“ von ICOM Grundpositionen zum Umgang mit diesen Sammlungen entwickelt. Zum angemessenen Umgang gehört für die SPK unter anderem das Wissen über die Herkunft ihrer Sammlungsobjekte und der offene Dialog mit Herkunftsgesellschaften. 

Grundhaltung zum Umgang der SPK mit ihren außereuropäischen Sammlungen und der Erforschung der Provenienzen

Das heißt aber Objekte der Chugach werden im Humboldt Forum nicht ausgestellt?

Nach jetziger Planung, nicht zum Zeitpunkt der Eröffnung. Aber im Humboldt Forum sind ja auch größere Flächen für Wechselausstellungen vorgesehen. Unser Ziel ist, dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren eine stabile Kooperation mit den Chugach auf die Beine stellen, inklusive Provenienzforschung. Dafür brauchen wir natürlich Ressourcen von beiden Seiten. Diesen Prozess würden wir dann gerne in einer Ausstellung zeigen, bei der wir uns gut vorstellen könnten, dass diese sowohl im Humboldt Forum als auch in Alaska zu sehen ist.

Könnten unter den restlichen Objekten der Chugach noch mehr sein, die zurückgegeben werden müssen?

Wir hatten den Chugach alle Objekte gezeigt, und diese waren die einzigen, für die sie eine Rückgabe gefordert haben. Wir überlegen, mit ihnen gemeinsam zu recherchieren, welche Objekte und Archivunterlagen sich in anderen Sammlungen in Europa befinden, weil wir uns dadurch auch einen weiteren Erkenntnisgewinn für die Provenienz der Sammlung erhoffen, die wir im Ethnologischen Museum betreuen.

Wie ist es mit dem Gesamtbestand der Objekte, die Johan Adrian Jacobsen von seiner Reise mitbrachte? Gibt es da noch weitere Objekte, bei denen die Umstände, unter denen Jacobsen sie erworben hat fragwürdig sind? Sollten weitere Objekte zurückgegeben werden?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten, nicht in jedem Fall ist die Rückgabe die einzig mögliche Lösung oder wird auch nur gewünscht. Für jedes Objekt muss man die Umstände der Erwerbung und die Bedeutung für die Herkunftsgemeinschaften sorgfältig klären und je nachdem, was sich dabei ergibt, sind unterschiedliche Lösungen denkbar. So gibt es sicher auch Objekte, die zwar rechtmäßig erworben wurden, aber für die Herkunftsgemeinschaften von großer Bedeutung sind. Vielleicht kann man auch in diesen Fällen mit Leihgaben arbeiten.

Wir werden im Humboldt Forum das Thema aufgreifen: Dort werden wir eine Ausstellung zu Jacobsens Reise an die Nordwestküste zeigen. Von dort hat er rund 3.000 Objekte nach Berlin gebracht. Unser Erzählstrang dabei ist der Reisebericht, der sehr interessante Informationen enthält. Nach unserer heutigen Betrachtungsweise ist er natürlich überhaupt nicht politisch korrekt, denn er zeigt, wie in der damaligen Zeit üblich, eine sehr eurozentristische Sicht. Jacobsen ist davon ausgegangen, dass die Kulturen, auf die er traf, vom Aussterben bedroht sind oder dass sie sich dem – vermeintlich höheren – Lebensstil der Europäer anpassen würden, und dass damit auch ihr Kulturgut vom Verschwinden bedroht ist. So einen historischen Bericht kann man natürlich nicht unkommentiert stehen lassen. 

Unsere Idee ist, ergänzend zu der historischen Sammlung und dem Reisebericht Stimmen und Perspektiven von Indigenen von der Nordwestküste aus heutiger Sicht präsentieren. Das muss nicht nur verbal sein, das kann man sich auch über bildliche Darstellungen vorstellen. Es gibt zum Beispiel einen sehr interessanten Graphic Novel-Künstler der Haida, Michael Nicoll Yahgulanaas, der einen Stil entwickelt hat, der sich auf traditionelle Bildelemente bezieht, aber auch in Richtung Manga geht. Das wäre eine Zusammenarbeit, die wir uns sehr gut vorstellen können. Und die Ausstellung soll sich auch weiter entwickeln, sodass man immer wieder neue Perspektive sehen kann.

Johan Adrian Jacobsen © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin / Archiv
Johan Adrian Jacobsen © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin / Archiv

Johan Adrian Jacobsen

Johan Adrian Jacobsen bereiste Ende des 19. Jahrhunderts für das Berliner Völkerkundemuseum die amerikanische Nordwestküste und Alaska. Der Direktor des Museums, Adolf Bastian, hatte ihn beauftragt, möglichst „originale“, von der europäischen Kultur unbeeinflusste Gegenstände zu sammeln. Jacobsen brachte rund 3000 Objekte von der Nordwestküste und rund 4000 Objekte aus Alaska nach Berlin. Sein Bericht über die Reise ist ein eindrückliches Zeitdokument. Es zeichnet sich allerdings weniger durch genaue ethnografische Beobachtung, denn als Abenteuererzählung eines hartgesottenen Draufgängers aus.

Vor diesem Hintergrund wird die Reise des selbsternannten „Kapitäns“ auch im Zentrum eines Ausstellungsmoduls im Humboldt Forum stehen. Im Rahmen des Humboldt Lab Dahlem wurden dafür 2013 neue Strategien der Wissensvermittlung erprobt: Ein Computerspiel, ein Puppentheater-Stück und eine Augmented Reality App. Dabei sollten die Besucherinnen und Besucher etwas über die Beweggründe und den historischen Kontext des Sammlungserwerbs erfahren. Die Ergebnisse des Projektes „Reisebericht“ fließen in die Gestaltung im Humboldt Forum ein.

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