Der Weg der Bilder

11.07.2017Der Weg der Bilder – Forschung zur Galerie des 20. Jahrhunderts in Berlin

Die städtische Sammlung moderner Kunst, die ab 1945 aufgebaut worden war, ist seit 1968 ein Pfeiler der Nationalgalerie. Provenienzforscher am Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin haben rund 500 Werke auf einen möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzug geprüft. Christina Thomson verrät, wie sie mit Hanna Strzoda die Biografien der Bilder aufdeckte und wieso Berlin 1945 eine neue Sammlung zur Moderne nötig hatte.

von Birgit Jöbstl und Gesine Bahr-Reisinger

Bundespräsident Heuss beim Verlassen der kurz zuvor eröffneten Galerie des 20. Jahrhunderts in der Jebensstraße. Rechts neben ihm Otto Suhr, Regierender Bürgermeister von Berlin, hinter den beiden Galeriedirektor Jannasch (29. Januar 1955)
Bundespräsident Heuss beim Verlassen der kurz zuvor eröffneten Galerie des 20. Jahrhunderts in der Jebensstraße. Rechts neben ihm Otto Suhr, Regierender Bürgermeister von Berlin, hinter den beiden Galeriedirektor Jannasch (29. Januar 1955) © Landesarchiv Berlin, F Rep. 290(05)Nr.0107995 / Gert Schütz

Wieso legte die Stadt Berlin direkt nach 1945 eine Sammlung moderner Kunst an?

Den Kulturvertretern Berlins ging es darum, die in der NS-Zeit gerissene Lücke zu schließen. Die moderne Kunst war beschlagnahmt, verschleppt und als entartet verfemt worden, zahlreiche Künstler mussten emigrieren oder konnten nicht mehr frei arbeiten.

Die Galerie des 20. Jahrhunderts war als eine neue Plattform gedacht, die auch eine zweifache Wiedergutmachung beinhaltete: Lebende zeitgenössische Künstler sollten gefördert und jene, die verfemt und vertrieben worden waren, wieder ins Rampenlicht gerückt werden.

Ursprünglich war dies eine Initiative des Berliner Magistrats in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dann wurde die Stadt geteilt, die DDR gegründet. Die bereits angelegte Sammlung verblieb im Ostteil der Stadt. Zugleich wurde im Westen die Galerie neu gegründet und wuchs in den folgenden Jahren stark an. 1968 kam dieser West-Bestand dann als Dauerleihgabe des Landes Berlin gemeinsam mit der Sammlung der Nationalgalerie in Mies van der Rohes neuen Museumsbau am Kulturforum.

Willy Jaeckel: Selbstbildnis, 1913. Erworben 1949
Willy Jaeckel: Selbstbildnis, 1913. Erworben 1949 © bpk/SMB/Jörg P. Anders

Wie ging man praktisch vor? War es schwierig, nach 12 Jahren Verfemung und Verfolgung moderne Kunst anzukaufen?

Die Situation in Berlin war schon schwieriger als im restlichen West-Deutschland, weil man aus einer Insellage heraus operieren musste. Nichtsdestotrotz hat das Netzwerk nach West-Deutschland gut funktioniert. Zudem hatte Adolf Jannasch, der Leiter der Galerie in West-Berlin, gute Kontakte zu lebenden Künstlern, und auch die Ankaufkommission war stets mit mindestens ein bis zwei Künstlern besetzt. Über dieses Netzwerk konnte er viele Werke direkt bei den Künstlern ankaufen. Darum besteht bei der Galerie ein großer Berlin-Fokus – sowohl was den Kunstmarkt, als auch was die Künstler betrifft.

Zu den Schwierigkeiten bei den Ankäufen gehören natürlich auch Etatfragen: Wie lässt sich mit einem begrenzten Budget möglichst qualitätsvolle moderne Kunst kaufen? Was man beim Ankaufen und beim Sammeln in der Nachkriegszeit bedenken muss ist der Preissprung Mitte der Fünfzigerjahre. Bekam man in den Vierzigern noch viel Kunst für wenig Geld, zogen die Preise in den Fünfzigerjahren stark an, bis Kunst um 1960 so teuer wurde, dass man sich nur noch auf Einzelstücke konzentrieren konnte.

Welche Wege sind die Bilder gegangen? Gibt es so etwas, wie eine „typische Werksbiografie“?

Für das Projekt haben wir die Provenienzen jener in West-Berlin erworbenen Bilder erforscht, die bis 1945 entstanden sind und sich als Dauerleihgabe in der Nationalgalerie und im Kupferstichkabinett befinden. 

Das sind rund 500 Werke in einer Gesamtsammlung von rund 1700. Man kann die untersuchten Objekte in verschiedene Gruppen einteilen: Ein Teil wurde direkt von den Künstlern oder aus ihren Nachlässen gekauft – aus Provenienzforschersicht natürlich immer eine schöne Ausgangslage. Dann gibt es die kleine Gruppe der als „entartet“ diffamierten Kunst, die während der NS-Zeit aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt worden waren und über den Kunsthandel den Weg zurück in die Galerie des 20. Jahrhunderts fand. Übrig bleibt eine große Gruppe von Werken, die sich nur als Einzelfälle betrachten lassen. Hier kann man Netzwerke identifizieren, aber keine „typische Werksbiografie“, die beispielhaft für andere stehen könnte, festmachen. Die Provenienzforschung zeigt, dass jedes Werk eine eigene Geschichte hat.

Plakat für die Galerie des 20. Jahrhunderts, entworfen von Willem Hölter, um 1955
Plakat für die Galerie des 20. Jahrhunderts, entworfen von Willem Hölter, um 1955 © Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Manchmal gibt es Muster in Ankäufen und es gibt Sammelgruppen – das hilft bei Recherchen. Beispielsweise hat ein Sammler, der Stadtbaurat Heinrich Evert, der Galerie des 20. Jahrhunderts über 60 Werke geschenkt. Ein anderes Beispiel sind Werkgruppen zu bedeutenden Künstlern wie Munch und Beckmann, die für die spätere Nationalgalerie absolut wichtige Konvolute darstellen. Viele Bilder, darunter auch einige der „Beckmänner“, gelangten über Jannaschs Kontakte zu Sammlern und anderen Kunstfachleuten in die Galerie. Auch die Pflege von Kontakten zu Witwen oder Nachlassverwaltern war ein wichtiger Weg zu Werken.

Und nun kennen Sie die Herkunft aller 500 untersuchten Werke?

Wir haben die Wege aller Werke nachvollzogen. Trotz intensiver Forschung konnten wir aber nicht alles bis ins letzte Detail klären. Das ist allerdings normal – gerade im Bereich der Druckgrafik. Aber auch bei Werken, deren Provenienzen Lücken aufweisen, kann man oft trotzdem einen NS-verfolgungsbedingten Entzug ausschließen. Und alle Ergebnisse sind jetzt auf der Website www.galerie20.smb.museum nachlesbar. Jeder, der möchte, kann sich nun informieren. Diese Transparenz war uns ganz wichtig. Soweit ich weiß, gibt es bislang auch noch nichts Vergleichbares.

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