„Susanna“, Begas, Mosse – Die Geschichte hinter dem Objekt

26.11.2018„Susanna“, Begas, Mosse – Die Geschichte hinter dem Objekt

Oft ist es schwierig, den Weg und die Stationen eines Objekts bis zu seinem heutigen Standort nachzuvollziehen. Das Beispiel der „Susanna“ von Reinhold Begas.

Reinhold Begas (1831 - 1911), um 1890
Reinhold Begas (1831 - 1911), um 1890 © Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer

Der Bildhauer Reinhold Begas (1831–1911)

Der in Berlin geborene Bildhauer Reinhold Begas entstammt einer angesehenen Künstlerfamilie. Gleich zwei Pioniere der Berliner Bildhauerschule sollten den jungen Begas künstlerisch wie persönlich begleiten: der ältere Johann Gottfried Schadow sowie dessen Schüler Christian Daniel Rauch. Beide waren als Taufpaten von Reinhold Begas eng mit der Familie verbunden, beide leiteten ihn auf dem Gebiet der Bildhauerei an.

Bemerkenswert ist, dass Reinhold Begas sich bereits früh von seinen Vorbildern lösen konnte. Er schaffte es, den zur Pose erstarrten Klassizismus zu revolutionieren und wurde mit seinen bewegt sinnlichen Figuren als „Erneuerer der Berliner Bildhauerkunst“ gefeiert. Sein Rückgriff auf die Formenwelt des Barocks ging als „Begasstil“ in die Kunstgeschichte ein. Wie zahlreiche Künstler des 19. Jahrhunderts zog es auch Begas nach Rom, um die antiken, vor allem aber auch die barocken Werke der ewigen Stadt zu studieren. In Rom gründete auch seine lebenslange Freundschaft mit den Malern Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach. Genrehafte und literarische Themen wie seine „Susanna“ prägen vor allem Begas frühe Schaffenszeit. Als bevorzugter Bildhauer Wilhelms II. stand er später vor allem im Dienst kaiserlicher Repräsentation.

Die Figur „Susanna“ von Reinhold Begas

Das alttestamentarische Buch Daniel berichtet von Susanna, der Frau eines wohlhabenden Babyloniers. Die Tugendhaftigkeit der als wunderschön beschriebenen jungen Frau wird in der biblischen Geschichte auf eine harte Probe gestellt. Zwei betagte Richter beobachten sie beim Bade und bedrängen sie zum Ehebruch. Susanna entzieht sich ihnen standhaft, woraufhin die beiden Alten sie gekränkt verleumden. Der unerschütterliche Glaube Susannas bringt ihr letztendlich Gerechtigkeit.

Die Geschichte der Susanna wurde zu einer in der Kunstgeschichte vielfach dargestellten Parabel auf Gottesfurcht und integres Verhalten. Der Reiz einer künstlerischen Umsetzung bestand nicht zuletzt auch in der Möglichkeit, eine erotisch konnotierte, auf sinnliche Reize zielende Bildfindung zu gestalten. Reinhold Begas konzentrierte sein Werk ganz auf die Susanna und entschied sich gegen die kunsthistorische Tradition einer Figurengruppe. Allein die Körperwendung, der Blick und das Überstreifen des schützenden Tuchs deuten auf die Anwesenheit der beiden Alten hin. Das eigentlich zum Verbergen der Nacktheit gedachte Tuch entwickelt Begas gleichsam zur Präsentationsfläche des sinnlichen Körpers. Mit dieser Inszenierung des voyeuristischen Blicks zieht der Bildhauer den Betrachter selbst in das unerlaubte Geschehen hinein.

Begas' „Susanna“ in den Alten Nationalgalerie
Begas' „Susanna“ in den Alten Nationalgalerie © SPK/Birgit Jöbstl
Rudolf Mosse auf einem um 1910 entstandenen Porträt
Rudolf Mosse auf einem um 1910 entstandenen Porträt © bpk

Rudolf Mosse (1843–1920)

Der jüdische Verleger Rudolf Mosse gehörte im Deutschen Kaiserreich und zu Beginn der Weimarer Republik zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Berliner Wirtschaft. 1842 als eines von 14 Kindern in Graetz bei Posen geboren, zog er nach einer Ausbildung als Buchhändler Anfang der 1860er-Jahre nach Berlin. Nachdem er als Anzeigenvertreter für die Zeitschrift „Die Gartenlaube“ tätig gewesen war, begann sein beruflicher und wirtschaftlicher Aufstieg mit der Gründung der „Annoncen-Expedition Rudolf Mosse“ im Jahr 1867. Bereits nach kurzer Zeit baute er sein Unternehmen zu dem erfolgreichen Mosse-Verlag aus und gab zahlreiche Zeitungen, darunter das 1872 von ihm gegründete „Berliner Tageblatt“, mehr als 130 Fachzeitschriften sowie Adressbücher und wissenschaftliche Publikationen heraus.

Das beachtliche Vermögen, das er auf diese Weise erwirtschaftete – 1912 galt er als zweitreichster Mann Preußens – erlaubte ihm den Kauf zahlreicher Immobilien, darunter mehrere Rittergüter und Schloss Schenkendorf bei Königs Wusterhausen. 1882 ließ er sich zudem ein repräsentatives Wohnhaus am Leipziger Platz errichten, das sogenannte „Mosse-Palais“, in dem er eine bedeutende Kunstsammlung zusammentrug. Als großzügiger Stifter und Spender engagierte er sich im sozialen Bereich und brachte sich als Unterstützer des Reformjudentums und reformbetonter Liberaler auch gesellschaftlich und politisch ein. Rudolf Mosse starb 1920 in seinem Schloss in Schenkendorf.

Die Sammlung Mosse

Als „eine der großartigsten und reichhaltigsten deutschen Sammlungen“ bezeichnete der zeitgenössische Kunstkritiker und Journalist Max Osborn im Jahr 1912 die Kunstsammlung, die Rudolf Mosse insbesondere in den 1880er- und 1890er-Jahren zusammengetragen hatte und mehrere Tausend Werke umfasste.

Ab 1910 war ein Teil der Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich. In seinem prachtvollen Palais am Leipziger Platz präsentierte Mosse in 20 Sälen über drei Stockwerke verteilt seine Kunstsammlung. Der Sammlungsschwerpunkt lag auf zeitgenössischen Gemälden des Realismus, Ausnahmen bildeten vereinzelte Werke des Naturalismus und einige Alte Meister. Neben Arbeiten namhafter Künstler, darunter Adolph Menzel, Max Liebermann und Hans Thoma, erwarb Mosse zahlreiche Werke junger und bisher unbekannter Künstler, die er auf diese Weise finanziell unterstützen wollte. Neben Gemälden und Skulpturen – darunter auch die „Susanna“ von Reinhold Begas – umfasste die in Kunstkreisen als „Mosseum“ bekannte Sammlung Kunstgewerbe, Tapisserien, Bücher, ägyptische und römische Kunstwerke, Benin-Bronzen, Teppiche, Stickereien, ostasiatische Objekte und Möbel.

Nach seinem Tod erbte Rudolf Mosses Adoptivtochter Felicia Lachmann-Mosse die Sammlung.1933 wurde die Kunstsammlung der Familie Lachmann-Mosse entzogen und in eine Stiftung überführt. Zahlreiche Werke wurden über die Auktionshäuser Rudolph Lepke und Union veräußert.

Übersicht zur Provenienzgeschichte der „Susanna“

1897Sammlung Oscar Hainauer (unbestätigte Provenienz)
1909–1933Sammlung Rudolf Mosse
1933Entzug der Kunstsammlung Mosses und Überführung in die von den Nationalsozialisten eingesetzte „Rudolf-Mosse-Stiftung“
1936Anny Lederer
1945/46Abtransport nach Leningrad/Sowjetunion als Kriegsbeute
1978Rückführung nach Leipzig ins Völkerkundemuseum
1994Überweisung als Fremdbesitz an die Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin
2016Restitution an die Familie Mosse
2017Ankauf für die Nationalgalerie

Provenienzgeschichte der „Susanna“ von Reinhold Begas

Die öffentliche Biografie der Marmorskulptur beginnt 1873 in Wien. Auf der Weltausstellung präsentierte der Künstler seine „Susanna“ zum ersten Mal einem internationalen Publikum – vorerst ohne einen Käufer für das eine Tonne wiegende Objekt zu finden. Spätestens 1908 war die Skulptur im Eigentum Rudolf Mosses. Umgeben von Werken zeitgenössischer Bildhauer und einer Büste der Ehefrau Mosse von Begas, stand sie im Palais des Verlegers am Leipziger Platz.

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde die Kunstsammlung der Familie Lachmann-Mosse entzogen, in eine Stiftung überführt und über die Auktionshäuser Rudolph Lepke und Union veräußert. „Susanna“ gehörte nicht zu den versteigerten Werken. 1936 stellte die Akademie der Künste sie aus. Der Katalog nennt als Leihgeberin Anny Lederer, die Frau des Bildhauers und Begas-Verehrers Hugo Lederer.

Offenbar aus einem öffentlichen Kunstlager gelangte die Marmorskulptur 1946 durch eine sowjetische „Trophäenkommission“ nach Leningrad. Mit anderen Rückgaben wurde sie 1978 dem Völkerkundemuseum in Leipzig überwiesen und 1994 treuhänderisch der Nationalgalerie übergeben, die das Werk seit 2001 als Fremdbesitz ausstellte. 2017 wurde die Skulptur an die Erben der Familie Mosse restituiert und mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder erworben.

Das Provenienzforschungsprojekt zur Sammlung Mosse – Projektbeteiligte MARI

Zur Sammlung des deutsch-jüdischen Verlegers Rudolf Mosse gehörten tausende Bilder, Skulpturen, kunstgewerbliche Objekte, Bücher und Antiquitäten. Seit 2017 erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität Berlin gemeinsam mit der Erbengemeinschaft der Familie Mosse und weiteren Projektpartnern, wo sich die von den Nationalsozialisten entzogenen Werke heute befinden.

Als Kooperationsprojekt zwischen Universität, Museen, Archiven und der Erbengemeinschaft der Familie Mosse ist die „Mosse Art Research Initiative (MARI)“ ein weltweit einmaliges Vorhaben der Provenienzforschung. Projektträgerin ist, als eine von Restitutionsverfahren unabhängige Forschungsinstitution, die Freie Universität Berlin unter Leitung und Koordination von Prof. Dr. Klaus Krüger und Dr. Meike Hoffmann. Beteiligt sind die Kulturstiftung der Länder, die Staatlichen Museen zu Berlin –Preußischer Kulturbesitz, die Stiftung Jüdisches Museum Berlin und das Landesarchiv Berlin. Kooperationspartner sind die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, das Wallraf-Richartz-Museum Köln, das Museum Wiesbaden, das Museum der Stadt Worms und die Mathildenhöhe Darmstadt. Partner innerhalb der Staatlichen Museen zu Berlin ist das Zentralarchiv. Es hat auch die Forschungen zu Objekten aus der Sammlung Mosse in der Staatlichen Museen zu Berlin durchgeführt. Das Forschungsprojekt wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg und das Mosse Art Restitution Project gefördert.

Begas' „Susanna“ in den Alten Nationalgalerie
Begas' „Susanna“ in den Alten Nationalgalerie © SPK/Birgit Jöbstl

Weiterführende Informationen

Ziel der „Mosse Art Research Initiative (MARI)“ ist es, die ehemals Rudolf Mosse und seiner Familie gehörenden Werke zu identifizieren und zu lokalisieren. Dazu gehört, die einzelnen Stationen und Wege der Werke bis zu ihrem heutigen Standort nachzuvollziehen und die genauen Verlustumstände während des NS-Regimes zu klären. Ziel ist es auch, Erkenntnisse über das Verwertungssystem von entzogenem Kulturgut in der Frühphase des Nationalsozialismus zu gewinnen. 

Die Freie Universität hat ein Portal zur digitalen Präsentation, Erschließung und Visualisierungder komplexen Forschungsergebnisse von MARI entwickelt.

Die Mosse Foundation berichtet auf ihrer Internetseite „The Mosse Art Restitution Project“ über den aktuellen Stand der Restitutionen.

Weitere Artikel dieses Dossiers