Potenzial für die Kunstmarktforschung

19.09.2017PREP: Potenzial für die Kunstmarktforschung

„German Sales 1901–1945“, ein DFG-gefördertes Kooperationsprojekt zwischen der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, der Universitätsbibliothek Heidelberg und dem Getty Research Institute in Los Angeles, digitalisiert alle Auktionskataloge zwischen 1901 und 1945 im deutschsprachigen Raum. Wir sprachen mit Joachim Brand und Britta Bommert von der Kunstbibliothek über den Hintergrund des Projektes.

Von Friederike Schmidt und Julia Lerche

Britta Bommert und Joachim Brand
Britta Bommert und Joachim Brand © Katrin Käding

Wie kam es zum Projekt „German Sales“ und wie ist der Stand der Dinge?

Joachim Brand (JB): Das Projekt läuft eigentlich schon ziemlich lange. Die ersten Vorarbeiten fanden in den Jahren 2008/2009 auf Initiative von Thomas Gaehtgens vom Getty Research Institute statt. Das Getty betreibt seit vielen Jahren den sogenannten „Provenance Index “, eine große Datenbank, in der unter anderem auf Kunstwerke bezogene Informationen aus Galerie- und Versteigerungskatalogen zusammengetragen werden. In der „Provenance Index ® Database“ waren lange keine deutschen Auktionskataloge verzeichnet. Aus diesem Grund heißt das Projekt auch „German Sales“. Man wundert sich ja vielleicht über den englischen Titel. Das hat einfach den Hintergrund, dass der „Provenance Index“ die Versteigerungen (sales) nach „British“, „Italian“ oder „German“ aufteilt. Es wurden Projektpartner in Deutschland gesucht, die weitere Daten liefern. Daraufhin wurden wir und die Universitätsbibliothek Heidelberg, die ein großes Digitalisierungszentrum für die Kunstgeschichte betreibt, kontaktiert, und wir entwickelten die Idee eines gemeinsamen Projektes zur Digitalisierung von Auktionskatalogen.

Warum sind Auktionskataloge so wichtig für die Forschung?

JB: Wenn Sie sich ein Gemälde vorstellen, das vielleicht schon 400 Jahre alt ist, dann hat es bis heute vielleicht 10 oder 20 Mal den Eigentümer gewechselt, und das geschah oft über ein Auktionshaus. Auktionskataloge sind somit schriftlich niedergelegte Hinweise auf solche Eigentümerwechsel und damit eine wichtige Quelle für die Provenienzforschung. Auktionskataloge werden aber nicht systematisch gesammelt. Sie sind natürlich in Museen oder Museumsbibliotheken, wo die Sammlungskuratoren sie für die tägliche Arbeit brauchen, relativ umfangreich vorhanden. Aber es gibt keine Institution, die immer zu allen Zeiten alle Auktionskataloge gesammelt hat. Das heißt, es geht nicht nur um die Digitalisierung eines Bestandes, sondern auch um das Ermitteln und Erfassen aller verfügbaren Kataloge.

Welche Kataloge digitalisieren Sie im Rahmen des Projektes, wenn es keine vollständige Sammlung davon gibt?

JB: Die Idee einer vollständigen Sammlung, die für die Forschung wichtig ist, kam im Grunde zum ersten Mal im Rahmen dieses Projektes auf. Deshalb digitalisieren wir nicht nur den umfangreichen Bestand der Kunstbibliothek oder der gesamten Staatlichen Museen zu Berlin, sondern müssen auch darüber hinausgehen. Vollständigkeit war von Anfang an eines der Ziele dieses Projektes.

Wie sind sie vorgegangen? Haben Sie Institutionen direkt angeschrieben? 

Britta Bommert (BB): Um alle deutschsprachigen Kataloge zu ermitteln, die im gesamten Zeitraum von 1901–45 publiziert wurden, haben wir mit den umfangreichen Beständen in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin und in der Universitätsbibliothek Heidelberg begonnen. Danach haben wir andere große Bibliothekseinrichtungen oder Museen mit einer langen Historie kontaktiert und um Mithilfe gebeten. Anschließend sind Astrid Bähr, die für den Zeitraum 1930–45 zuständig war, und ich für den Abschnitt 1901–29 in die verschiedenen Häuser gefahren und haben uns tatsächlich physisch die dort vorhandenen Kataloge angeschaut, Stück für Stück aus den Regalen gezogen und anhand einer Datenbank mit den bereits digitalisierten Katalogen abgeglichen. Dieser Arbeitsschritt ist notwendig, da der Bestand an Auktionskatalogen in den verschiedenen Häusern in der Regel nicht katalogisiert ist. Die Versteigerungskataloge, die wir dabei neu ermitteln konnten, die uns also noch gefehlt haben, haben wir dann nach Heidelberg geschickt. Dort wurden sie digitalisiert.

Um wie viele Kataloge handelt es sich dabei nun?

BB: Für den Gesamtzeitraum haben wir etwa 8.500 Kataloge ermittelt, verzeichnet und digitalisiert. Echte Vollständigkeit ist natürlich ein kaum erreichbares Ziel, aber in dem Umfang, in dem wir bislang die Kataloge ermitteln konnten, hat es diesen Überblick noch nicht gegeben. Für den ersten Projektabschnitt, der den Zeitraum 1930–45 betrifft, liegt schon eine Bibliographie vor. Für den Abschnitt von 1901–1929 schließen wir gerade diese Bibliographie ab.

Wir wissen durch das Projekt beispielsweise nun auch, wieviele Auktionshäuser in dieser Zeit existiert haben. Es ist ja bekannt, wie florierend die 1910er, 20er Jahre für den Kunsthandel waren, aber erst jetzt wissen wir, dass rund 250 Auktionshäuser in dieser Zeit im deutschsprachigen Raum aktiv waren. Einige Auktionshäuser haben ihre Kataloge durchnummeriert, sodass dadurch deutlich wird, dass noch einige Lücken für den Zeitraum 1901–29 klaffen. Diese Lücken möchten wir mit einem Folgeprojekt schließen. Die Digitalisate liegen nun im Repositorium der Universitätsbibliothek Heidelberg. Man kann sie auch über das Themenportal arthistoricum.net ermitteln. Über diesen zentralen Zugang hat man alle Kataloge in digitaler, volltext-durchsuchbarer Form zur Verfügung. 

Wieso sind die Daten über Heidelberg und das Getty zugänglich, es sind doch dieselben Kataloge?

JB: Sie sind an verschiedenen Stellen auf unterschiedliche Art zugänglich. Wir selber haben die Bibliographie publiziert, die es als kostenfreien Download oder auch als Book on Demand gibt. Diese Auflistung aller Auktionskataloge hat Verlinkungen, über die man zum Repositorium der UB Heidelberg weitergeleitet wird. Dort kann man sich den einzelnen Katalog anschauen und durchsuchen. Die dritte Quelle ist der Getty „Provenance Index“ – dort sind die Einzeleinträge aus den Auktionskatalogen einzelnen Werken zugeordnet. Den Index können Sie also nach einzelnen Werken durchsuchen und deren Provenienzketten erkennen. Er behandelt derzeit allerdings nur die „höherwertigen“ Gattungen, also Malerei, Skulptur und Zeichnungen – die klassische Kunst. Das ganze Kunstgewerbe zum Beispiel ist aus Kapazitätsgründen nicht behandelt.

Wie gehen Sie mit Randvermerken um, die ja manchmal in Auktionskatalogen auftauchen? Stellen Sie verschiedene Scans online? 

BB: Das ist tatsächlich eine interessante Fragestellung. Für den Zeitraum 1930–45 war uns klar, dass Annotationen besonders interessant für die Provenienzforschung sind – es können zum Beispiel Preisangaben sein oder Namen. Wir haben erfasst, in welchen Bibliotheken annotierte Katalogexemplare des einen Katalogs, den wir digitalisiert haben, vorzufinden sind. Wir haben also nicht alle Kataloge digitalisiert, aber wir haben kenntlich gemacht, wo sie aufzufinden sind und um welche Art von Annotationen es sich handelt. Für 1901–29 konnten wir das nicht in demselben Maße leisten, da die Fülle an Auktionen viel größer ist als für den Zeitraum 1930–45. Die Universitätsbibliothek Heidelberg hat aber einen Annotationsbutton installiert, mit dem die Forschungscommunity zitierfähig die digitalisierten Kataloge annotieren und somit auf weitere Kataloge verweisen kann.

Dieser Auktionskatalog zur Versteigerung der Autographen-Sammlung Alexander Meyer Cohn's im Oktober 1905 bei J. A. Stargardt, Berlin weist viele Annotationen wie Zahlen und Namen auf. Diese richtig zu deuten ist Aufgabe der Provenienzforscher.
Dieser Auktionskatalog zur Versteigerung der Autographen-Sammlung Alexander Meyer Cohn's im Oktober 1905 bei J. A. Stargardt, Berlin weist viele Annotationen wie Zahlen und Namen auf. Diese richtig zu deuten ist Aufgabe der Provenienzforscher. © SPK / Friederike Schmidt
In der Versteigerung moderner Gemälde der Kunstgalerie Flechtheim durch Paul Cassirer und Hugo Helbing befanden sich auch Werke von Vincent Van Gogh. Die Versteigerung fand 1917 statt.
In der Versteigerung moderner Gemälde der Kunstgalerie Flechtheim durch Paul Cassirer und Hugo Helbing befanden sich auch Werke von Vincent Van Gogh. Die Versteigerung fand 1917 statt. © SPK / Friederike Schmidt
Britta Bommert und Joachim Brand
Britta Bommert und Joachim Brand © Katrin Käding

Warum ist die Zeit vor 1930 eigentlich auch interessant für die Provenienzforschung? In dieser Zeit können doch noch keine Werke verfolgungsbedingt entzogen worden sein?

BB: Viele Zusammenhänge lassen sich erst klären, wenn man auch in den Zeitraum vor 1930–45 zurückgeht und Erkenntnisse gewinnt, wem ein Werk vorher gehörte. Sicherlich lassen sich für einzelne Kunstwerke Fragen, die NS-bedingt entzogenes Kulturgut betreffen, beim Betrachten des Zeitraums 1930–45 abschließend klären. Aber für viele Kunstwerke ist es auch notwendig in die Historie zurückzugehen, um Besitzzusammenhänge genauer beleuchten zu können. Und: Für die Provenienzforschung ist ohnehin die gesamte Geschichte eines Kunstwerkes von der Entstehung bis heute von Interesse.

Sie sprachen gerade schon von der Forschungscommunity. Was bekommen Sie denn so für Feedback?

BB: Tatsächlich ist es so, dass die Provenienzforscher sehr froh über das Projekt sind, denn es ist aufwändig, diese Kataloge alle ausfindig zu machen, in die Bibliotheken zu gehen und sich die Bestände anzuschauen. Provenienzforschung war nicht zuletzt auch deshalb mit vielen Reisen verbunden, da es keinen zentralen Zugang zu den Katalogen gab. Ich denke, wir haben einen großen Beitrag geleistet, dass die Provenienzforschung rascher und auch kostengünstiger erfolgen kann.

Was ist die Rolle des Getty Research Institute und warum ist gerade in den USA das Interesse so groß, Digitalisate von Auktionskataloge zu sammeln? 

JB: Da muss man in die Geschichte des Getty Research Institute zurückgehen. Es wurde ja erst in den 80er Jahren gegründet. Von Anfang an wurde ein anderer Ansatz verfolgt als bei uns. Kunstgeschichte ist in Europa eher auf das Einzelwerk bezogen und wird von Einzelforschern gemacht. In Amerika hat man sich sofort neue Technologien zunutze gemacht. Von Anfang an wurde mit Datenbanken gearbeitet, als hier – etwas übertrieben – noch kein Mensch wusste, was eine Datenbank überhaupt ist. Im „Provenance Research Index“ wird auch mit sogenannten normierten Vokabularen gearbeitet, also mit einer begrifflichen Systematisierung. 

Für die Provenienzforschung ist die gesamte Geschichte eines Kunstwerkes von der Entstehung bis heute von Interesse.

Britta Bommert

Im German Sales Projekt ist die Wiederverwendbarkeit von Daten sehr wichtig. Für uns war der kooperative Aspekt von Anfang an entscheidend. Wir wollten Vollständigkeit, also Bestände von vielen Institutionen einbeziehen, und wir wollten sie mit der heute gängigen Technologie bearbeiten, also Volltext-OCR (Optical Character Recognition). An der Stelle kam das Getty Research Institute ins Spiel. Im „Provenance Index“ gibt es zwei Datenbanken. Die „Sale Descriptions“ Datenbank und die „Sale Contents“ Datenbank. In der einen sind die Auktionskataloge verzeichnet, das heißt, dort stehen die von uns in der Bibliographie erfassten Titel. In der Contents Datenbank stehen die Angaben zu den einzelnen Losen der Auktionen, die aus den OCR-Daten der von Heidelberg gescannten Kataloge automatisiert entnommen wurden. Wir haben versucht, die Daten, die an verschiedenen Stellen entstanden, sofort weiter zu nutzen, sodass nicht jede Institution wieder bei null anfangen muss, und das hat sich in diesem Projekt sehr gut bewährt.

Das Getty ist auch ein Partner von PREP (German/American Provenance Research Exchange Program for Museum Professionals). Gibt es Schnittstellen? Sind Sie im Herbst, wenn sich die Forscher treffen dabei?

BB: Ich werde unser Projekt in diesem Kreis vorstellen. Wir nutzen gerne solche Gelegenheiten, es in der Fachcommunity noch bekannter zu machen, weil es wirklich einen immensen Mehrwert bietet. 

Gibt es beispielhafte Erkenntnisse des German Sales Projektes?

BB: Mit Ende des Projektes werden wir erstmalig neue Erkenntnisse zum Kunstmarkt von 1901–45 haben, da wir nun auf diese Fülle an Quellenmaterial in der Gänze und im Überblick schauen können. Ich sprach eben von den rund 250 Auktionshäusern, die zwischen 1901 und 1929 aktiv waren. Das sind quantitative Erhebungen, die so bislang nicht gemacht werden konnten. Zum Abschluss werden wir die einzelnen Auktionshäuser charakterisieren, werden erstmalig die Firmengeschichten vorlegen. Man kann auch andere Daten erheben, zum Beispiel zu welchem Zeitpunkt oder zu welchen Gattungen besonders viele Auktionen stattgefunden haben. Wissen wir bereits, in welchem Umfang ethnologische Objekte Anfang des 20. Jahrhunderts versteigert wurden? Ich verrate das hier noch nicht. Die abschließende Auswertung der Daten erfolgt bis Ende März 2018. Wir sind schon gespannt auf die Ergebnisse. Das Projekt hat enorm viel Potenzial für die Kunstmarktforschung im Allgemeinen.

Dokumente aus dem Zentralarchiv
© SPK / photothek.net / Florian Gaertner

PREP – international vernetzte Provenienzforschung

PREP steht für "German/American Provenance Research Exchange Program for Museum Professionals". Das deutsch-amerikanische Austauschprogramm wendet sich an Museumsfachleute aus Deutschland und den USA, die mit Provenienzforschung und der Erforschung des nationalsozialistischen Kunstraubs befasst sind. Das von SPK und Smithsonian Institution organisierte und vorerst auf drei Jahre angelegte Austauschprogramm soll ein gemeinsames transatlantisches Netzwerk etablieren und so die Provenienzforschung zur NS-Zeit in beiden Ländern künftig effizienter gestalten. Die Teilnehmer jedes Jahrgangs treffen sich zu jeweils einem Workshop in den Vereinigten Staaten und einem in Deutschland.

Verschiedene Auktionskataloge im Bestand der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.
Verschiedene Auktionskataloge im Bestand der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. © SPK / Friederike Schmidt

Das Projekt ist zu Ende. Wie wird es nun weitergehen?

JB: Wir sind nun mit den Projektpartnern im Gespräch, wie man weitermachen könnte. Zum einen wäre es natürlich schön, näher an die Gegenwart zu kommen, aber da gibt es rechtliche Schranken. Zum anderen könnte man weiter in die Vergangenheit gehen, in die 1870er Jahre oder noch früher. Wir werden unser Projekt aber wahrscheinlich erstmal um sogenannte „Lagerkataloge“ erweitern, das sind Verkaufskataloge. Eine weitere Frage ist, ob man ein Verfahren finden kann, mit dem der Forschungsprozess vereinfacht wird. Gerade der Projektteil zu den Jahren 1901–1929 hat gezeigt, dass der Aufwand beim Erfassen des Materials sehr hoch ist. Das ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Wenn Ihnen am Schluss die letzten 100 Kataloge fehlen und sie müssen dafür mehrere Tausend durchblättern, ist das nicht mehr effizient. Da wird man über Weiterentwicklungen nachdenken müssen.

Förderung

Der erste Projektabschnitt (German Sales 1930-1945) wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem National Endowment for the Humanities gefördert;
die VolkswagenStiftung leistete eine Anschubfinanzierung.

Der zweite Projektabschnitt (German Sales 1901-1929) wird auf deutscher Seite wiederum von der DFG getragen, auf Seiten des Getty Research Institute finanziert der J. Paul Getty Trust die Fortsetzung.

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