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SPK restituiert sieben Bücher an die Nachfahren von Marc Bloch und Simonne Vidal
Pressemitteilung vom 28.05.2026
NS-Verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut: Drei deutsche Kultureinrichtungen restituieren sieben Bücher an die Nachfahren von Marc Bloch und Simonne Vidal – Festakt in der Französischen Botschaft Berlin
Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der französischen Botschaft in Berlin haben heute drei deutsche Kultureinrichtungen den Nachfahren des französischen Historikers Marc Bloch (1886-1944) und seiner Ehefrau Simonne Vidal (1894–1944) sieben Bücher übergeben. Bloch wurde als Mitglied der Résistance am 16. Juni 1944 von der Gestapo hingerichtet. Die Restitution der Bücher wurde von der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz mit Unterstützung der französischen Kommission für die Rückgabe von Kulturgütern und die Entschädigung der Opfer antisemitischer Enteignungen (CIVS) organisiert.
Auf Wunsch der Erbengemeinschaft werden alle in Deutschland wiedergefundenen Bücher direkt an die Bibliothèque Halphen der Universität Sorbonne Paris I übergeben, um den serienmäßigen Charakter der Bibliothek Blochs zu bewahren. Die auf Mittelalterstudien spezialisierte Bibliothèque Halphen hat die Aufgabe, die Werke aufzunehmen, die Marc Bloch während der Besatzungszeit aufgrund antisemitischer Gesetzgebung enteignet wurden und heute identifiziert sind.
Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer erklärt: „Die konsequente Provenienzforschung in den kulturgutbewahrenden Einrichtungen Deutschlands schafft die unverzichtbare Basis für die heutige Rückgabe von sieben Büchern an die Nachfahren von Marc Bloch und Simonne Vidal. Mein besonderer Dank gilt unseren französischen Partnern für die vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit. Die Rückgaben an die Nach-fahren von Marc Bloch und Simonne Vidal sind nicht zuletzt eine wichtige Geste der Anerkennung des historischen Unrechts, die wir den Opfern des NS-Kulturgutraubs und ihren Familien schulden.“
François Delattre, französischer Botschafter in Deutschland, betrachtet diese Rückgabe als wichtiges Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft und Zusammenarbeit im Bereich der Erinnerungskultur: „Als Vordenker Europas prägt Marc Bloch unser politisches und diplomatisches Denken. Mehr als 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bildet die Erinnerung an die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte nach wie vor das Fundament des gemeinsamen Schicksals, das unsere Länder durch eine unerschütterliche Verbundenheit verbindet. Ich danke den Forscherinnen und Forschern, die die Bücher durch ihre herausragende Expertise identifiziert haben, sowie den deutschen Bibliotheken und Institutionen, die sich im Geiste der deutsch-französischen Freundschaft und der Washingtoner Prinzipien von 1998 zur Rückgabe dieser Werke entschlossen haben.“
Marion Ackermann, Präsidentin der SPK, betont: „Diese Rückgabe ist ein Musterbeispiel der Kooperation verschiedener deutscher Kultureinrichtungen im Bereichen Provenienzforschung und ein wichtiger Beitrag zur Wiedergutmachung erlittenen Unrechts der Naziherrschaft. Ich danke besonders auch der CIVS für ihren wichtige Unterstützung bei der Umsetzung der Restitution.“
Achim Bonte, Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, erläutert: „Die Staatsbibliothek kommt mit dieser Rückgabe ihrer Verantwortung nach, der Herkunft ihrer Bestände vor allem dann sorgfältig nachzugehen, wenn der Verdacht besteht, dass sie unrechtmäßig in die Sammlung gelangt sind. Provenienzforschung betreiben wir seit über zwanzig Jahren als Kernaufgabe – im engen Austausch mit anderen Kultureinrichtungen.“
Die sieben Bände aus dem Eigentum Marc Blochs und Simonne Vidals konnten aufgrund der enthaltenen Besitzeinträge und eines Exlibris zugeordnet werden. Mehrere deutsche Bibliotheken waren an der Restitution beteiligt: Vier Bücher stammen aus der Staatsbibliothek zu Berlin, zwei Bände aus der Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg und ein Exemplar aus der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz. Für die Identifikation der Bücher waren nicht zuletzt die Erkenntnisse aus dem an der Staatsbibliothek durchgeführten Forschungsprojekt „NS-Raubgut nach 1945: Die Rolle der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA)“ ausschlaggebend. Die ZwA war in der DDR die zentrale nicht-kommerzielle Stelle zur Verteilung von Bibliotheksgut wie etwa Dubletten. Darunter befand sich auch NS-Raubgut, das auf diesem Wege nach 1945 weiterverteilt wurde.
Marc Blochs antisemitische Verfolgung und Enteignung wurde von der CIVS gemeinsam mit der Mission für Provenienzforschung und die Restitution enteigneten Kulturgüter (1933-1945) des französischen Kulturministeriums untersucht und erforscht. Mit der Empfehlung der CIVS vom 11. Juli 2025 hat der französische Staat die Enteignung von Marc Blochs Wohnungseinrichtung in Paris bzw. Bibliothek aufgrund der antisemitischen Gesetzgebung während der Okkupationszeit anerkannt. Damit und insbesondere durch die Erbensuche hat die CIVS zur Restitution vom 28. Mai beigetragen.
Marc Bloch
Marc Léopold Benjamin Bloch, geb. am 6. Juli 1886 in Lyon, studierte an der École normale supérieure in Paris, später auch in Berlin und Leipzig. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Frontsoldat in der französischen Armee. 1919 heiratete er Simone Vidal (1894–1944), die ihn bei seiner wissenschaftlichen Arbeit unterstützte. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Bloch wurde 1921 Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Straßburg, 1936 dann als Professor für Wirtschaftsgeschichte an die Sorbonne in Paris berufen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs trat er als Offizier erneut in die Armee ein und kämpfte bis zur Niederlage Frankreichs im Juni 1940.
Aufgrund seiner jüdischen Abstammung durfte Bloch in der Besatzungszeit nicht mehr lehren und wurde 1942 in den Ruhestand versetzt. Er zog auf sein Landhaus in Südfrankreich und schloss sich dort 1943 einer Résistance-Gruppe an. Mit seinen organisatorischen Fähigkeiten leistete er einen wichtigen Beitrag zu den Aktivitäten des Widerstands. 1944 wurde Marc Bloch von der Gestapo verhaftet und im Juni desselben Jahres zusammen mit 27 anderen Gefangenen auf freiem Feld in der Nähe von Lyon als Widerstandskämpfer erschossen. Seine Frau, die schwer krank war, starb kurz danach.
Panthéonisation
Im November 2024 verkündete Emmanuel Macron, dass sowohl Marc Bloch als auch Simonne Vidal ins Panthéon aufgenommen würden. Damit soll ihr Beitrag zum intellektuellen Leben und zum Freiheitskampf während einer der dunkelsten Zeiten Frankreichs gewürdigt werden.
Das Berliner Centre Marc Bloch hat aus diesem Anlass eine Reihe von Veranstaltungen organisiert, darunter die Tagung „Marc Bloch: Vergleichende Geschichte(n) und deutsch-französisches Engagement“, in deren Rahmen diese Restitution stattfindet. Auch die Nachkommen Matis und Alexiane Bloch nehmen an der Tagung teil. Als deutsch-französisches Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften versteht sich das Centre Marc Bloch zugleich als Fortführung jener Ansätze, die Marc Bloch selbst verkörperte: die Überwindung nationaler Denkrahmen, die Interdisziplinarität sowie die besondere Aufmerksamkeit für die Förderung junger Wissenschaftler*innen. Seit März 2011 hat das Centre den Status eines An-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin.
Blochs Bibliothek und die Wege der Bücher
Marc Bloch nannte eine umfangreiche Bibliothek sein Eigen, knapp 7.000 Bände in französischer, deutscher, englischer, und italienischer Sprache, zur Geschichte im Allgemeinen und zur Geschichte des Mittelalters im Besonderen, teils auch zu politischer Ökonomie, sowie Literatur. Nach der deutschen Besetzung von Paris versuchte er zunächst, diese Sammlung zusammen mit dem Historiker Louis Halphen und dem Geographen Jaques Ancel unter den Schutz des Bildungsministeriums zu stellen, was Ancel ablehnte. Auch eine Schenkung an die Universitätsbibliothek konnte wegen innerer Differenzen der Gruppe nicht umgesetzt werden. Die Bibliothek wurde im Dezember 1941 von den deutschen Besatzern in Blochs Pariser Wohnung beschlagnahmt.
Blochs Familie bemühte sich bald nach Kriegsende um eine Rückgabe der Bücher. Zwischen 1948 und 1950 erhielten die Kinder von Marc Bloch und Simonne Vidal insgesamt 2.144 Bände zurück. Weitere 500 bis 700 Bände blieben verschollen.
Wer genau die Bibliothek oder Teile dieser in Paris beschlagnahmte und nach Berlin abtransportierte, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Eine Einlagerung im Bereich des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ist wahrscheinlich, da sich nach Kriegsende Bücher aus dem Eigentum Blochs im Offenbach Archival Depot wiederfanden. Das Offenbach Archival Depot (OAD) war eine der vier zentralen Sammelstellen (Central Collecting Points) in der amerikanischen Besatzungszone für Bücher, Manuskripte, Dokumente und Ritualgegenstände, die zum größten Teil aus ehemals jüdischem Besitz stammten.
Bei den vier in der Staatsbibliothek zu Berlin identifizierten Exemplaren der Provenienz Bloch handelt es sich um französischsprachige Bücher aus den Bereichen Geschichte und Philosophie, die Bloch selbst mit seinem Namenszug sowie einer Datierung versehen hatte. Zwei der Exemplare weisen als weiteres Provenienzmerkmal nur den Stempel der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek auf, was zeigt, dass sie zwischen 1946 und 1954 in den Bestand der heutigen Staatsbibliothek übernommen wurden. Die beiden anderen Bände wurden in den Jahren 1966 und 1979 in der DDR über die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) an die damalige Deutsche Staatsbibliothek vermittelt.
Die beiden im Bestand der Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg identifizierten Werke von Ernst Finder und Augustin Fliche stammen aus den übernommenen Restbeständen des Offenbach Archival Depots und wurden dort 1949 bzw. 1951 Ins Zugangsbuch eingetragen.
Das in Greiz aufgefundene Buch von Ignazio Silone, wurde am 27. März 1962 von der ZwA an die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz überwiesen. Als einziges bisher identifiziertes Exemplar der Provenienz Bloch weist es das Exlibris von Marc Bloch und Simonne Vidal auf.
Pressefotos: https://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/presse/pressebilder.html
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