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Ergebnisse der Provenienzforschung an Schädeln aus Westafrika veröffentlicht - Provenienzforschung an fast 600 Schädeln abgeschlossen
Pressemitteilung vom 22.04.2026
Das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin hat in einem 2021 gestarteten Projekt gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Togo und Kamerun die Provenienz von nahezu 600 Schädeln aus den ehemaligen deutschen Kolonien Westafrikas untersucht. Die Ergebnisse dieses vom Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien geförderten Projektes liegen nun als Publikation vor. „Restes Humains Provenant Des Anciennes Colonies Allemandes D‘Afrique De L’ouest. Recontextualisation Et Approches De La Restitution“, herausgegeben von Bernhard Heeb, David Simo und Kokou Azamede, bietet die Grundlage für eine verantwortungsvolle Rückführung der menschlichen Überreste in die Herkunftsländer.
Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer sagt: „Die Provenienzforschung und die Rückführung menschlicher Überreste sind für mich zentrale Anliegen bei der Aufarbeitung des Kolonialismus. Das SPK-Projekt zur Erforschung menschlicher Gebeine aus Westafrika ist dabei ein Leuchtturmprojekt, das Maßstäbe im direkten Austausch und in der vertrauensvollen Kooperation mit den Herkunftsgesellschaften setzt. Dass deutsche Vertreterinnen und Vertreter in die betroffenen Gemeinden gereist sind, um Ergebnisse zu teilen und mögliche Repatriierungen zu besprechen, wurde vor Ort mit tiefer Wertschätzung aufgenommen und hat eindrücklich gezeigt, welch existenzielle Bedeutung die Rückkehr der Ahnen für die Menschen vor Ort und für Versöhnung hat. Mein besonderer Dank gilt den Vertreterinnen und Vertretern aus Togo und Kamerun, die sich intensiv und mit großem Sachverstand in dieses Projekt eingebracht haben.“
Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erklärt: „Die Erforschung der Herkunft dieser Schädel ist für uns nicht nur eine Verpflichtung, sondern ein zentrales Anliegen. Wenn irgend möglich, sollen die menschlichen Gebeine dorthin zurückkehren können, woher sie stammen. Deshalb haben wir die Forschungsergebnisse und unsere Offenheit zu einer Repatriierung den Herkunftsländern kommuniziert. Mit der jetzt vorliegenden Publikation sind die Ergebnisse und die wissenschaftliche Herangehensweise aber auch für die breite Öffentlichkeit nachlesbar.“
Nach einem Überblick über die Geschichte der anthropologischen Forschungen geht es in dem Band um die Rekonstruktion des kolonialen Kontextes, die öffentliche Debatte über menschliche Überreste in Deutschland und um koloniale Netzwerke. In diesem Zusammenhang werden auch die aufgezeichneten Erinnerungen von togoischen und kamerunischen Ältesten an die deutsche Kolonialherrschaft und die kolonialen Arbeitserfahrungen vorgestellt. Schließlich werden praktische Aspekte von Rückgaben erörtert.
Das Buch wird abgeschlossen durch den übersichthaften Katalog der untersuchten menschlichen Überreste mit den einzelnen Forschungsergebnissen und der lokalen Zuordnung der Schädel. Von den 574 untersuchten Schädeln konnten 336 Schädel Gebieten im heutigen Kamerun, 151 dem heutigen Togo, 23 dem heutigen Ghana und einer dem heutigen Nigeria zugeordnet werden. Bei 63 gelang keine genauere Zuordnung. Ein wesentlicher Teil der Schädel stammt von Arbeitern, die beim deutschen Eisenbahnbau in Kamerun umgekommen sind, aber auch von beraubten Nekropolen oder Schlachtfeldern. In sehr vereinzelten Fällen liegen Hinrichtungen durch Deutsche vor.
Gemeinsame Forschung an anthropologischer Sammlung
Die untersuchten menschlichen Überreste gehören zu der historischen anthropologischen Sammlung von rund 7.700 Schädeln, die die SPK 2011 in äußerst schlechtem Zustand von der Charité übernommen hatte. Viele von Ihnen stammen aus der so genannten „S-Sammlung", die Felix von Luschan um die Jahrhundertwende aus nahezu allen Teilen der Erde zusammengetragen hat. Andere Überreste stammen aus der Schädelsammlung des ehemaligen anatomischen Instituts der Charité sowie aus weiteren kleineren Sammlungen.
Aufgrund des Umfangs der Sammlung und Vielfalt der geographischen Herkunft war es nicht möglich, das gesamte Konvolut auf einmal zu untersuchen. Die menschlichen Überreste aus Westafrika, das sich zur Zeit der Aneignung zu nicht unwesentlichen Teilen unter deutscher Kolonialherrschaft befand, wurden daher – wie zuvor die Bestände aus Deutsch-Ostafrika – als Teilbestand untersucht. Zu ihnen waren kaum schriftliche Unterlagen erhalten. Um die genaue Herkunft der Schädel zu klären, waren deshalb intensive Archivarbeit, Feldforschung vor Ort durch einheimische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und anthropologische Analysen nötig. Die Einbindung von Vertretern der Herkunftsländer war ein zentraler Aspekt bei der Forschung. Auch die Publikation ist in togoisch-kamerunisch-deutscher Ko-Autorenschaft entstanden: Prof. Dr. Simo ist Emeritus für Germanistik an Universität in Yaoundé. Prof. Dr. Kokou Azamede lehrt als Germanist und Historiker an der Universität Lomé. Bernhard Heeb verantwortet als Kustos am Museum für Vor- und Frühgeschichte die Aufarbeitung der anthropologischen Sammlung. Eine weitere Publikation, „Human Remains from the Former German Colony of East Africa” zu den Ergebnissen der Provenienzforschung an Schädeln aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika ist bereits im Januar 2023 erschienen. In diesem ersten Projekt wurde die Herkunft von rund 1100 Schädeln untersucht. Damit sind insgesamt rund 1700 der insgesamt 7700 Schädel aufgearbeitet.
Bisherige Rückgaben
In den vergangenen Jahren hat die SPK bereits menschliche Überreste in die USA, nach Australien und nach Neuseeland repatriiert. Eine Rückgabe aus den Beständen aus Deutsch-Ostafrika konnte trotz des entsprechenden Angebotes an die Herkunftsländer noch nicht erfolgen. Der Republik Ghana wurde im vergangenen Herbst die Rückgabe von Objekten mit eingearbeiteten menschlichen Überresten angeboten.
Weitere Informationen zum Umgang der SPK mit menschlichen Überresten unter: www.preussischer-kulturbesitz.de/schwerpunkte/provenienzforschung-und-eigentumsfragen/umgang-mit-menschlichen-ueberresten.html
Kontakt


Birgit Jöbstl
Pressesprecherin und Referatsleiterin Medien, Kommunikation und Publikationen
+49 30 266 411445


Andrea Wiethoff
Vorzimmer des Direktors der Abteilung für Medien, Kommunikation und Veranstaltungen

