Der Nachlass von Leni Riefenstahl – eine Zwischenbilanz der Erforschung

Pressemitteilung vom 30.01.2026

Erschließung eines Bestandes unter komplexen Rahmenbedingungen – ethisch-juristische Fragen und künstlerische Auseinandersetzung

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erschließt und erforscht den umfangreichen Nachlass von Leni Riefenstahl (1902-2003). Beteiligt sind die Kunstbibliothek mit ihrem Museum für Fotografie, das Ethnologische Museum, die Staatsbibliothek zu Berlin sowie die Stiftung Deutsche Kinemathek, die die Filme und Memorabilia verwahrt. Über 700 Kisten mit Fotos, Filmen, Notizen, Briefen, Manuskripten und weiteren Dokumenten waren der SPK 2018 geschenkt worden. Die Bestände bergen enormes Forschungspotential. Gleichzeitig ist das Konvolut eine beträchtliche Herausforderung – sowohl im Hinblick auf Umfang und Vielfalt seiner Inhalte als auch in ethischer, rechtlicher und gesellschaftspolitischer Hinsicht. Ziel ist eine sukzessive Erschließung in Teilprojekten, die jeweils unterschiedliche Perspektiven einbeziehen.

Forschungsergebnisse zu Nuba-Fotografien online

Die Ergebnisse des ersten Teilprojektes sind nun auf der mehrsprachigen Webseite https://nuba-images.smb.museum/ verfügbar. Das Vorhaben widmete sich dem Bestand von mehr als 10.000 Fotografien und den Filmen, die Riefenstahl in den 1960er und 70er Jahren von den Nuba im Sudan anfertigte. Er wurde in den vergangenen Jahren durch das Ethnologische Museum, die Kunstbibliothek, die Stiftung Deutsche Kinemathek und das Pan-Nuba Council, Sudan, aufgearbeitet.

Ziel des vom BKM geförderten Projektes war es, die Sichtweise der Angehörigen der Nuba-Gesellschaften auf diese Arbeiten in den Fokus zu rücken. Als Leni Riefenstahl die Aufnahmen machte, wussten die fotografierten Menschen nicht, was mit den Bildern geschehen sollte. Sie sind jedoch für die aktuellen Nuba-Generationen auch eine Bereicherung, weil sie deren marginalisiertes kulturelles Erbe sichtbar machen und von ihnen als wichtige Zeitzeugnisse betrachtet werden. 

In einem ersten Schritt wurden alle Dias und etliche Abzüge digitalisiert, die Filme rekonstruiert und die im Ethnologischen Museum bewahrten fast 700 Ethnografika des Nachlasses digital dokumentiert. Bei der Sortierung, Erschließung und Zusammenstellung der Datensätze wurde eine an der Staatsbibliothek entwickelte KI-basierte Bilderkennungssoftware eingesetzt. Inhaltlicher Kern des Projektes war die kollaborative Forschung mit Abgesandten des Pan-Nuba Councils, sudanesischen Forschenden und Künstlerinnen und Künstlern.

„Inside Archives“ – Ausstellung ab 22. Mai im Museum für Fotografie

Studierende des Masterstudiengangs „Kunst im Kontext“ der Universität der Künste Berlin (UdK) haben sich in den letzten Monaten kritisch mit Riefenstahls Nuba-Fotografien und -Filmen auseinandergesetzt. Ab 22. Mai 2026 werden die in diesem Projekt entstandenen Installationen, Video- und Fotoprojekte sowie Text- und Audioformate gemeinsam mit Arbeiten sudanesischer Künstlerinnen und Künstler im Museum für Fotografie gezeigt. Sie sollen dem Publikum auch den schwierigen Themenkomplex der Nuba-Fotografien im Werk Riefenstahls zwischen der damaligen stereotypen Verklärung und der aktuellen Situation näherbringen.

Die Ausstellung wird vom 22. Mai bis zum 7. Juni 2026 gezeigt. Die Eröffnung findet am 21. Mai um 19:00 Uhr statt.

Erschließung und Digitalisierung des schriftlichen Nachlasses 

Die Staatsbibliothek ist, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), seit 2022 dabei, unter anderem 590 Drehbücher, Manuskripte und andere Textwerke, 17.000 Briefe und 700 Lebensdokumente zu erschließen und in Teilen auch zu digitalisieren. Hinzu kommen rund 660 Widmungsexemplare aus Leni Riefenstahls privater Büchersammlung. Sämtliche Erschließungsinformationen und Digitalisate werden sukzessive im Verbundkatalog Kalliope bzw. den digitalisierten Sammlungen der Stabi veröffentlicht – auffindbar unter dem Projektvermerk „Nachlass Leni Riefenstahl digital“. Zu finden sind darunter nicht nur persönliche Briefe Riefenstahls – unter anderem an Adolf Hitler – sowie zahlreiche weitere Korrespondenzen, sondern auch Aufstellungen über Einspielergebnisse von Filmen, Reisebeschreibungen oder Pressespiegel (mit den eigenen Entgegnungen), Fotos, Kalendereinträge, Filmunterlagen und vieles mehr – und damit eine Grundlage für unterschiedlichste Forschungsfragen.

Seit Herbst 2025 hat die Staatsbibliothek zudem die Mitverantwortung für ein Projekt, das die Nutzungsmöglichkeiten des Nachlasses aus rechtlicher Perspektive auslotet. Schwierigkeiten ergeben sich etwa bei Fragen zum Urheberrecht oder durch die von mehreren Seiten beanspruchte Rechtsnachfolge der Produktionsfirmen, die Riefenstahl gegründet hatte. 

In den Blick genommen werden dabei auch die Persönlichkeitsrechte abgebildeter oder in Briefen erwähnter Personen, die datenschutzrechtliche Behandlung personenbezogener Daten in Schriftwechseln und die strafrechtskonforme digitale Zugänglichmachung verfassungsfeindlicher und anderer inkriminierter Inhalte. Es findet als ein Teilprojekt einer deutschlandweiten, DFG-geförderten sogenannten Pilotphase statt. Dieses 24-monatige Verbundvorhaben soll Kulturerbeeinrichtungen die virtuelle Zugänglichmachung ihrer Sammlungen bis in die Gegenwart ermöglichen und wird von der Staatsbibliothek koordiniert. Am Fallbeispiel des Riefenstahl-Nachlasses geht es dabei um die Erstellung von Handreichungen und Praxisleitfäden, aber auch um Impulse für eine Neujustierung der rechtlichen Rahmenbedingungen. 

Marion Ackermann, SPK-Präsidentin, sagt: „Der SPK war schon 2018 bewusst, dass sie mit dem Nachlass nicht nur ein bahnbrechendes ästhetisches Werk, sondern auch eine besondere Verantwortung für die kritische Auseinandersetzung mit dieser streitbaren Person der Zeitgeschichte angenommen hat. So wichtig wie die Erforschung des Nachlasses ist auch die Vermittlungsarbeit. Besonders freue ich mich daher auf die Pop-Up Ausstellung „Inside Archives“ von Studierenden, die sich mit den Nuba-Fotografien und -filmen beschäftigt haben. Sie haben die Bilder Riefenstahls neu gelesen, um ihre Macht zu brechen, ihre Schichten freizulegen und bei der Reflexion neue Formen des Erzählens ausprobiert.“

Achim Bonte, Generaldirektor der Staatsbibliothek, sagt: „Wir sind bei der Erschließung und Digitalisierung der schriftlichen Dokumente nicht nur ethisch, sondern auch juristisch gefordert. Leni Riefenstahl hat ihren Nachlass gezielt kuratiert, um ein idealisiertes Bild ihres Lebens und Schaffens zu entwerfen. Die Online-Veröffentlichung der kritischen Stimmen in ihrem Nachlass scheitert häufig an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Diese Herausforderung nehmen wir mit einem juristischen Pionierprojekt an, das die Handlungsspielräume von Archiven, Bibliotheken und Museen zur Digitalisierung ihrer Sammlungen aus dem 20. und 21. Jahrhundert beträchtlich erweitern wird.“

Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek, ergänzt: „Seit 2018 verwahrt die Kunstbibliothek den fotografischen Nachlass von Leni Riefenstahl. Unser Ansatz ist dabei ausdrücklich kein kuratorisches Hoheitsdenken. Wir verstehen den Nachlass als einen offenen Forschungsraum, der eine besondere ethische Verantwortung mit sich bringt. Denn mit diesem Erbe sind Gewaltgeschichten, Traumata und bis heute wirksame Perspektiven unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen verbunden. Diese Stimmen einzubeziehen und die Erschließung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzugehen, ist für uns keine Option, sondern eine Verpflichtung.“

Pressebilder bzw. ausgewählte Digitalisate:

https://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/presse/pressebilder.html

https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht?PPN=PPN1892019973&PHYSID=PHYS_0001

Weiterführende Informationen:

https://www.spkmagazin.de/2024/das-waren-nicht-deine-nuba-leni-riefenstahl.html

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