NS-Raubkunst: Werk von Camille Pissarro restituiert und für die Alte Nationalgalerie angekauft

Pressemitteilung vom 18.10.2021

SPK gibt „Une Place à la Roche-Guyon“ von Camille Pissarro an die Erbengemeinschaft Dorville zurück und kauft es für die Alte Nationalgalerie an

Die Vertreter der Erbengemeinschaft Armand Dorville besuchten heute die Alte Nationalgalerie, um den Restitutions- und den Kaufvertrag über das Werk zu unterzeichnen. Das Werk war von der Nationalgalerie 1961 über eine Londoner Galerie erworben worden. Es stammte ursprünglich aus der Sammlung des jüdischen Anwaltes und Kunstsammlers Armand Isaac Dorville (1875 – 1941) und wird künftig weiterhin in der Alten Nationalgalerie ausgestellt sein.

Hermann Parzinger, Präsident der SPK, sagte anlässlich der heutigen Vertragsunterzeichnung: „Ich bin den Erben Armand Dorvilles sehr dankbar, dass sie uns den Ankauf des Werkes für die Alte Nationalgalerie ermöglicht haben und dafür eigens nach Berlin gekommen sind. Wir werden weiterhin mit aller Kraft daran arbeiten, die Vergangenheit aufzuarbeiten, Werke an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben und das geschehene Unrecht nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Für die Erbengemeinschaft sagte deren Vertreter Antoine Djikpa, ADD&Associés: „Im Namen der Erben Armand Dorvilles danken wir der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit und ihr Engagement, gemeinsam eine faire und gerechte Lösung zu finden.“

Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie, freut sich über den mit dem Ankauf gesicherten Erhalt des Werkes für das Museum: „Dieses Gemälde Pissarros ist für unsere Sammlung von großer Bedeutung, markiert es doch einen wichtigen Schritt hin zur impressionistischen Kunst, die einen Kernbestand der Alten Nationalgalerie ausmacht. Ich danke den Erben Armand Dorvilles für ihr Vertrauen in unsere Institution, die sich in diesem Ankauf ausdrückt.“

Armand Dorville erwarb das Gemälde 1928 in Paris. Nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht floh er 1940 nach Südfrankreich, wohin er einen Teil seiner Sammlung mitnehmen konnte. Er lebte bis zu seinem Tod am 28. Juli 1941 in seinem Schloss in Cubjac (Dordogne). Da er kinderlos war, setzte er als Erben seine drei Geschwister und seine vier Nichten ein. Auch diese waren in der Zeit des Vichy Regimes als Juden von den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten betroffen. Sie gaben den Nachlass in verschiedene Versteigerungen.

Im Juni 1942 ließen die Erben den verbliebenen Teil der Kunstsammlung Dorvilles beim Auktionshaus M. Terris in Nizza versteigern. Darunter war auch „Une Place à la Roche-Guyon“, das im Auktionskatalog unter dem Titel „Vue intérieure de village“ geführt wurde. Am ersten Auktionstag wurde das Erbe Armand Dorvilles dem Commissariat Général aux Questions Juives unterstellt. Der Erlös aus der Auktion sollte an den Staat abgeführt werden. Der Zwangsverwalter Amédée Croze setzte sich im Dezember 1942 aber dafür ein, dass der Erlös doch der Familie zukommen sollte. Dies wurde vom Commissariat Général im Juli 1943 bewilligt, unter der Auflage, dass eine Auszahlung in Schatzanleihen oder als jährliche Rente ausgezahlt würde. Daraufhin wurde das Geld auf privaten Konten hinterlegt. Weder hatten die Erben darauf Zugriff, noch erfolgten die bewilligten Auszahlungen. Die Erben waren massiv von Verfolgungsmaßnahmen betroffen und hatten so nicht die Möglichkeit, die Auszahlung zu bewirken. Einige von ihnen, seine Schwester, ihre zwei Töchter und ihre zwei Enkelinnen, wurden verhaftet, nach Drancy deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet.

Armand Dorville

Armand Isaac Dorville wurde 1875 in Paris geboren. Der sozial engagierte Rechtsanwalt war eine bekannte Person des öffentlichen Lebens in Paris und Frankeich. So hatte er unter anderem den Vorsitz über die Jüdische Vereinigung Société la Bienfaisance Israélite inne und war publizistisch tätig, wie seine zahlreichen Presseartikel unterstreichen. Der passionierte Kunstsammler engagierte sich auch als Mäzen und Leihgeber bei Ausstellungen. So war etwa das Werk „Ein Platz in La Roche-Guyon“ im Februar und März 1930 als Leihgabe im Musée de l’Orangerie ausgestellt. Dorvilles Kunstsammlung umfasste rund 450 Werke, unter anderem von Renoir, Bonnard, Vallotton, Vuillard, Delacroix, Manet, Guys und Forain.

Zum Werk „Ein Platz in La Roche-Guyon“

Ident.Nr. NG 75/61; 1867, Öl auf Leinwand; 50 x 61 cm

Im Herbst 1867 folgte Camille Pissarro (10.7.1830 - 13.11.1903) der Einladung eines Künstlerfreundes nach La Roche-Guyon, einem Ort an der Seine, nördlich von Paris. Er malte dort gemeinsam mit Paul Guillemet und vermutlich auch mit Paul Cézanne, der sich zur gleichen Zeit an einer schweren, breiten Malweise versuchte und die Farben dick mit dem Palett-Messer auftrug. In La Roche-Guyon entstand diese Ansicht der aufeinander zulaufenden Häuserzeilen am Rathausplatz, mit der kühnen Begrenzung durch die schmale Giebelwand rechts, in den damals von Pissarro bevorzugt verwendeten gedämpften Braun-, Beige- und Grautönen.

Das Gemälde ist dauerhaft in der Alten Nationalgalerie ausgestellt und wird dort in wechselnden Kontexten gezeigt. Pissarro wurde als der Älteste der Impressionisten und wichtiger Vorreiter bewundert. So wird „Une Place à la Roche-Guyon“ teils neben weiteren Werken von ihm im Saal der Impressionisten gezeigt und teils im Saal zur Entwicklung der Pleinair Malerei gemeinsam mit Künstlern der Schule von Barbizon. 

Das Werk war bis zu seinem Tod im Besitz des Künstlers. Die Nationalgalerie (West) erwarb das Werk 1961 bei der Londoner Kunsthandlung Arthur Tooth & Sons Ltd.. Für die Zeit zwischen der Auktion 1942 und der Erwerbung von 1961 ist die Provenienz nicht durchgängig geklärt.

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