„Bronzezeit – Europa ohne Grenzen“. Wissenschaftliche Bedeutung der Ausstellung mit kriegsbedingt verbrachten Beständen aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte

Pressemitteilung vom 20.06.2013

Vom 21. Juni bis 8. September 2013 findet in der Eremitage in St. Petersburg die Ausstellung „Bronzezeit – Europa ohne Grenzen“ statt. Ihre zweite Station wird sie von 15. Oktober 2013 bis 13. Januar 2014 im Staatlichen Historischen Museum in Moskau haben. Das Ausstellungskonzept ist Ergebnis deutsch-russischer Zusammenarbeit: der Staatlichen Eremitage Sankt Petersburg, des Staatlichen Museums der Schönen Künste A. S. Puschkin, des Staatlichen Historischen Museums Moskau und des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Mehr als 1700 Objekte aus allen beteiligten Museen zeichnen das Bild der Bronzezeit, einer Epoche, die rund drei Jahrtausende dauerte. Darunter sind etwa 600 Objekte, die während oder unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Berlin nach Russland verbracht worden waren.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagt dazu: „Die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den deut-schen und den russischen Experten ist heute von großer gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Sie ist die nötige und stabile Basis auch für zu-künftige Kooperationen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft arbeitet grenzenlos, mit hohem internationalem Erkenntnisgewinn. Der deutschen interessierten Öffentlichkeit muss die hervorragende Ausstellung zur Bronzezeit leider vorenthalten bleiben, solange die Frage der kriegsbedingt verbrachten Kulturgüter auf politischer Ebene ungeregelt bleibt. Aber wir tragen auch mit dieser Präsentation dazu bei, Lösungen dafür zu ent-wickeln."

Bronzezeit

Die erhaltenen Objekte aus der Bronzezeit zeugen von interessanten historischen Entwicklungen. In dieser Epoche wurden Kupfer und Zinn abgebaut und innerhalb Europas ausgetauscht. Es bildeten sich Handelsbeziehungen, die sich immer weiter intensivierten. Die Förderung und Verarbeitung des Metalls hatte zudem eine soziale Differenzierung der in der Steinzeit noch homogenen agrarischen Gesellschaft zur Folge. Es entwickelten sich unterschiedliche Spezialisierungen im Handwerk und eine hierarchische Gesellschaft mit regionalen „Kleinkönigen“. Die Elite war bestrebt, ihren Status darzustellen und Prestigegüter zu erwerben. So gelangten Luxusgüter in entfernte Gebiete. Neben den Waren wurden auch technische Kenntnisse und religiöse Vorstellungen transportiert. In Europa und Vorderasien bildete sich eine gemeinsame Vorstellung einer Götterwelt heraus. Da lokale Auseinandersetzungen zunahmen, entwi-ckelte sich auch die Waffentechnik entsprechend.

Ausstellungskonzept

Im Generalstabsgebäude der Eremitage wird die Ausstellung in zwei Sälen auf mehr als 1000 Quadratmetern Fläche präsentiert. Sie ist chronologisch in drei Hauptabschnitte gegliedert: die Kupferzeit (4. – Mitte 3. Jahr-tausend v. Chr.), die Kupferzeit, Früh- und Mittelbronzezeit (zweite Hälfte 3. – Mitte 2. Jahrtausend v. Chr.) und die späte Bronzezeit (zweite Hälfte 2. – Beginn 1. Jahrtausend v. Chr.). Innerhalb dieser Abschnitte werden die Exponate nach den archäologischen Kulturen in regionaler Gliederung vorgestellt. Durch die Gegenüberstellung von west-, mittel- und osteuropäischen Funden können Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede in der materiellen Kultur in weit auseinander gelegenen Regionen Europas aufgezeigt werden. Daraus können Rückschlüsse auf gegenseitige Beeinflussung verschiedener Kulturkreise gezogen werden. Auch inhaltliche Fragen wie interkulturelle Beziehungen, Herrschaft und Macht, Religion und Kult werden in der Ausstellung thematisiert.

Im Ausstellungsteil über die Kupferzeit werden Gegenstände aus Kupfer, etwa Äxte aus Südosteuropa, und Gold, beispielsweise Scheibenanhänger, als Zeugnisse früher Metallverarbeitung präsentiert. Die im Raum zwischen Rumänien und der Ukraine beheimatete Cucuteni-Tripolje-Kultur wird vorgestellt, ebenso wie die im östlichen Schwarzmeergebiet und im nördlichen Kaukasusvorland verbreitete Maikop-Kultur. Die in dieser Kultur in Kurganen bestatteten Personen waren teils reich mit Gegenständen aus Gold und Silber beigesetzt.

Der zweite Hauptteil stellt den kupferzeitlichen Kulturen des 3. Jahrtau-sends in Mittel- und Westeuropa (Schnurkeramik und Glockenbecherkultur) die zeitgleichen Kulturen der Waldzone Russlands gegenüber. Dabei wird auch der vom Ostseeraum bis an die Kama verbreiteten Volosovo-Kultur mit ihren ausgedehnten Siedlungen, der Kugelamphorenkultur (Norddeutschland bis Ukraine), der Fatjanovo-Kultur (Düna bis obere Wolga), der Balanovo-Kultur (Wolgagebiet), der Mittel-Dnepr-Kultur und den Steppenkulturen bis an die Ufer des Kaspischen Meeres und das Kaukasusvorland entsprechender Raum in der Ausstellung gegeben. So lassen sich die Kulturphänomene des 3. Jahrtausends v. Chr. über einen weiten Raum vergleichen und die interkulturellen Beziehungen, Handelswege und Migrationen nachvollziehen. Zu den Höhepunkten im zweiten Ausstellungsteil gehört die Präsentation der in das 3. Jahrtausend datierten Schatzfunde von Troja. Diese werden zum Teil in Berlin, zum ganz überwiegenden Teil aber als kriegsbedingt verbrachtes Kulturgut in Moskau und St. Petersburg verwahrt und können erstmals seit mehr als 70 Jahren vereint gezeigt werden.

Der letzte Hauptteil der Ausstellung wird als das Zeitalter der Horte, des Kriegertums und der Macht umschrieben. Hier werden nicht nur der Wa-renverkehr und die Handelsbeziehungen des mittelbronzezeitlichen Troja deutlich, sondern es werden alle Kulturerscheinungen des 2. und frühen 1. Jahrtausends von Spanien über Mittel- und Nordeuropa bis an den Ural in den Kaukasus dargestellt. Neben Gold- und Silberschätzen aus dem Karpatenbecken sind auch Depotfunde aus Mittel-, Nord- und Südosteuropa zu sehen. Höhepunkte sind hierbei die erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder öffentlich gezeigten Goldschätze der mittleren und späten Bronzezeit aus Eberswalde, Werder, Sonnewalde und Weissagk (alle Brandenburg) sowie Dieskau (Sachsen-Anhalt), ebenso wie die bronzenen Luren, Schwerter, Stabdolche und die Kultwagen von Burg an der Spree. Der Kulturentwicklung in Mittel-, Nord- und Südosteuropa werden die zeitgleichen Entwicklungen in der russischen Waldzone (Šagara-Kultur, Abaševo-Kultur und Sejma-Turbino-Kultur)  gegenübergestellt. Besonders hervorhebenswert sind die Schatzfunde von Galič und Borodino aus dem Süden Russlands bzw. der Ukraine. Die Ausstellung endet mit den Hinterlassenschaften der im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. im Raum nördlich des Kaukasus beheimateten Völkerschaften.

Wissenschaftliche Bedeutung der Ausstellung

Nie zuvor konnte in einer Ausstellung die kulturelle Entwicklung vom späten 4. bis in das frühe 1. Jahrtausend v. Chr. von Westeuropa bis zum Ural und an den Kaukasus so umfassend gezeigt werden. Nur durch die Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen war es möglich, einen solch breiten geografischen Raum abzudecken, Zudem können nur durch diese Zusammenarbeit bestimmte für die Epoche der Bronzezeit zentrale Fundkomplexe als Ganzes gezeigt werden. Dabei handelt es sich um Objekt-gruppen, die zum Altbestand des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin gehören und heute zum Teil in Berlin befinden, zum anderen, überwiegenden Teil als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut in russischen Museen. Die verantwortlichen Institutionen haben sich, wie schon im Jahr 2007 bei der Ausstellung „Merowingerzeit“, dazu entschlossen das wis-senschaftliche Konzept rund um diese Fundkomplexe aufzubauen.

Aufgrund der gemeinsamen wissenschaftlichen Zusammenarbeit können neue Erkenntnisse zu archäologischen Fragestellungen gewonnen werden, obwohl viele Objekte in der Ausstellung bereits im 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert geborgen wurden. Insbesondere die seit 1945 erstmalige Wiederzusammenführung geschlossener Funde erlaubt neue historische Aussagen. Massive Fortschritte in den naturwissenschaftlichen Analyse-möglichkeiten führen dazu, dass sich auch aus solchen „Altfunden“ neue wissenschaftliche Informationen gewinnen lassen. So können beispielsweise Metallanalysen zu Rückschlüssen auf Lagerstätten führen, können Mineraluntersuchungen an Keramik erkennen lassen, woher der Ton stammt, oder können Untersuchungen der Herstellungstechnik Hinweise auf die Verbreitung von technischem Wissen geben. Die Ausstellung „Bronzezeit – Europa ohne Grenzen“ zeigt somit, welch großen Mehrwert die Wissenschaft durch die gemeinsamen Anstrengungen der deutschen und russischen Partner erfährt.

Beispiele für Fundkomplexe aus dem Altbestand des Museums für Vor- und Frühgeschichte, die sich heute ganz oder teilweise in Russland befinden

Schatzfund A von Troja (letztes Drittel 3. Jahrtausend v. Chr.)
Bei seinen Ausgrabungen in Troja entdeckte Heinrich Schliemann zwischen 1872 und 1890 19 Schätze, von denen 17 als sein Vermächtnis in das heutige Museum für Vor- und Frühgeschichte gelangten. Schatz A wurde 1873 in einer frühbronzezeitlichen Schicht gefunden. Es könnte sich bei dem Ensemble sowohl um eine kultische Niederlegung zum Schutz der gesamten Siedlung handeln als auch um ein Notversteck, um den Schatz vor Angreifern in Sicherheit zu bringen. Seine Zusammensetzung aus reichem Goldschmuck, goldenen und silbernen sowie riesigen Bronzegefäßen lässt darauf schließen, dass es sich tatsachlich um den Besitz eines Fürstengeschlechts des letzten Drittels des 3. Jahrtausends v. Chr. gehandelt haben muss. Große Teile von 13 Schätzen des Berliner Museums wurden nach Russland verbracht. Heute befinden sie sich zum größten Teil als kriegsbedingt verbrachtes Kulturgut im Puschkin Museum in Moskau, zum anderen Teil in der Eremitage in St. Petersburg. Einige Gegenstände, auch eine Reihe silberner Gefäße aus Schatz A, befinden sich heute noch im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin.

Goldhort von Eberswalde (9.–8. Jh. v. Chr.)
Der Goldschatz wurde 1913 bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Gelän-de des Messingwerks in Eberswalde in einem Tongefäß gefunden. Der Schatz wurde von dem Besitzer des Messingwerks, Aron Hirsch, dem deutschen Kaiser übergeben und war für das Berliner Museum bestimmt. Dieser größte bisher in Deutschland gefundene Goldschatz der Bronzezeit ist von außerordentlicher Bedeutung für die Bronzezeitforschung in Deutschland. Das für die Ausstellung nach Russland ausgeliehene Tongefäß ist das einzige heute noch im Museum für Vor- und Frühgeschichte verbliebene Objekt. Die 8 Goldschalen und die zahlreichen Golddrähte, Barren und Halbfabrikate werden als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut im Puschkin Museum in Moskau verwahrt.

Kultwagen von Burg ( 9. Jh. v. Chr.)
In der Nahe einer spätbronzezeitlichen Befestigung wurden im 19. Jahrhundert an verschiedenen Stellen der Spreeniederung zwei Kultwagen gefunden, die der Anatom und Prähistoriker Rudolf Virchow 1865 und 1876 erwarb. Der eine gelangte direkt ins Berliner Museum, der andere erst 1902 zusammen mit dem Nachlass Virchows. Die kleinen Wagen sind mit Köpfen von Wasservögeln, häufig kombiniert mit Stier-hörnern geschmückt und sind zu kultischen Zwecken geschaffen worden. Heute werden sie als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut im Puschkin Museum verwahrt.

Goldschatz aus Werder bei Potsdam (um 1000 v. Chr.)
Das Golddepot mit einem prächtigen goldenen Gefäß, zwei Armringen und zwei Spiralringen wurde 1888 im Bereich des Lienewitzer Forstes unter großen Steinen mit den Resten eines Keramikgefäßes von Pastor Saalborn ausgegraben. Der Fund wurde 1889 über den Hofantiquar I. A. Lewy von dem Berliner Museum angekauft. Auch der Goldschatz von Werder wird heute als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut im Puschkin Museum verwahrt.

Luren von Daberkow, Mecklenburg-Vorpommern (9.-8. Jh. v. Chr.)
Die Luren, ca. 1,80 m. langen Blasinstrumente, bestehen aus mehreren im Wachsausschmelzverfahren gegossenen Teilen. Die mit Buckeln und kreisförmigen Wulsten verzierten Scheiben am Schallausgang sind auf die Rohre aufgestülpt. Am Schaft der Hörner waren kleine Klapperbleche in Ringe eingehängt. Die beiden Luren sind in Einzelteile zerfallen und teilweise stark beschädigt. Braune Moorpatina. Luren sind bis heute ausgesprochen seltene Funde in Deutschland. Heute befinden sie sich als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut in der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg.

2 Stabdolche aus Berlin-Schmöckwitz (1. Viertel 2. Jahrtausend v. Chr.)
Die Dolche wurden um 1876 bei Feldarbeiten auf dem großen Werder bei Schmöckwitz gefunden und 1881 von dem Berliner Museum angekauft. Die beiden Stabdolche waren mit den Spitzen zueinander im Boden niedergelegt worden. Heute werden sie als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut im Staatlichen Puschkin Museum der Schönen Künste in Moskau verwahrt.

Schwertdepot aus Stölln, Brandenburg (9.–8. Jh. v. Chr.)
1836 wurden die sieben Schwerter und eine Lanzenspitze am Rande eines Weihers gefunden. Die Waffen sollen mit einer bronzenen Kette umwickelt niedergelegt worden sein. Dieses Depot ist ein charakteristisches Beispiel für eine spätbronzezeitliche Weihung von Schwertern, wie sie in weiten Teilen Europas üblich war. Eines der Schwerter befindet sich in Russland, alle anderen in Berlin.

Begleitbuch zur Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiges Begleitbuch mit zahlreichen Fachbeiträgen deutscher und russischer Wissenschaftler. Im Katalogteil sind alle Exponate abgebildet. Die seit 1945 in Russland befindlichen Berliner Bestände aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte sind im Katalog jeweils ausdrücklich gekennzeichnet, wobei auch ihre ehemaligen deutschen Inventarnummern genannt sind. Der Katalog wurde ermöglicht durch die großzügige Förderung der Ernst von Siemens Kunststiftung. Ab Mitte August ist er im Katalogshop der Staatlichen Museen zu Berlin erhältlich.

Бронзовый век. Европа без границ. Четвертое - первое тысячелетия до н. э. / Bronzezeit. Europa ohne Grenzen. 4. – 1. Jahrtausend v. Chr.
Verlag Tabula Rasa, St. Petersburg, 2013; 648 Seiten.

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