Exemplarische Partnerschaft zwischen SPK und Museums Association of Namibia geht in nächste Phase

Pressemitteilung vom 23.05.2022

Objekte reisen von Berlin nach Namibia – langfristiger, kooperativer Forschungsprozess mit Kulturerbegemeinschaften, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen

23 Objekte aus der Sammlung des Ethnologischen Museums der Staatli-chen Museen zu Berlin reisen im Rahmen des partnerschaftlichen Forschungsprojekts „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“ mit der Museums Association of Namibia (MAN) am 27. Mai 2022 nach Namibia. Es handelt sich u.a. um historische Alltagsgestände, Schmuck, Werkzeuge und Mode. Sie wurden von einer namibischen Expertengruppe aufgrund ihrer besonderen historischen, kulturellen und ästhetischen Bedeutung ausgewählt. Kulturerbegemeinschaften, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen in Namibia werden diese Objekte und die Sammlungen des Nationalmuseums von Namibia eingehend erforschen und sie mit ihrem Wissen reaktivieren. Darüber hinaus dienen die Objekte als Inspirationsquelle für namibische Künstler*innen und leisten somit einen Beitrag zur kreativen Zukunft Namibias. Die Reise der Objekte nach Windhoek markiert einen Meilenstein in diesem Projekt, ebenso wie die Eröffnung des Museum of Namibian Fashion in Otjiwarongo am 1. Juni 2022. 

23 Objekte aus der Sammlung des Ethnologischen Museums der Staatli-chen Museen zu Berlin reisen im Rahmen des partnerschaftlichen Forschungsprojekts „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“ mit der Museums Association of Namibia (MAN) am 27. Mai 2022 nach Namibia. Es handelt sich u.a. um historische Alltagsgestände, Schmuck, Werkzeuge und Mode. Sie wurden von einer namibischen Expertengruppe aufgrund ihrer besonderen historischen, kulturellen und ästhetischen Bedeutung ausgewählt. Kulturerbegemeinschaften, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen in Namibia werden diese Objekte und die Sammlungen des Nationalmuseums von Namibia eingehend erforschen und sie mit ihrem Wissen reaktivieren. Darüber hinaus dienen die Objekte als Inspirationsquelle für namibische Künstler*innen und leisten somit einen Beitrag zur kreativen Zukunft Namibias. Die Reise der Objekte nach Windhoek markiert einen Meilenstein in diesem Projekt, ebenso wie die Eröffnung des Museum of Namibian Fashion in Otjiwarongo am 1. Juni 2022. 

Esther Moombolah/Gôagoses, Direktorin des Kulturerbeprogramms im namibischen Ministerium für Bildung, Kunst und Kultur sowie Leiterin des National Museum of Namibia (NMN), freut sich über die Teilnahme ihres Hauses an dem wegweisenden Forschungsprojekt. Sie betont: „Eines der Kernziele der Partnerschaft ist es, die historischen Objekte aus der namibischen Sammlung des Ethnologischen Museums in Berlin wieder mit den Kulturerbegemeinschaften, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen in Namibia zu verbinden. Die Objekte haben das Potenzial, maßgeblich zur Wiederbelebung des kulturellen Erbes in Namibia beizutragen.“

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ergänzt: „Das Projekt hat für die SPK große Bedeutung, vereint es doch verschiedene Aspekte, die für einen zeitgemäßen Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten von hoher Relevanz sind: Einerseits die intensive Zusammenarbeit mit Expert*innen aus den Herkunftsregionen und ein Austausch über die Vorstellungen zum Umgang mit den Sammlungen, der wirklich auf Augenhöhe stattfindet. Andererseits ein kreatives Neudenken der Sammlungen, in diesem Fall als Archiv namibischer Mode- und Designgeschichte, wie beispielhaft in der Ausstellung im Humboldt Forum gezeigt wird. Dass die Gerda Henkel Stiftung diese Zusammenarbeit so großzügig finanziert, ist für uns wertvoll.“

Projekt „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“

Das Kooperationsprojekt soll das kreative Potenzial der Sammlungen aus Namibia erschließen, die im Ethnologischen Museum in Berlin und im National Museum of Namibia in Windhoek aufbewahrt werden. Es verbindet die Sammlungen wieder miteinander und mit ihren Herkunftsgesellschaften, mit Forscher*innen, Künstler*innen und der Öffentlichkeit in Namibia. Zudem wird im Rahmen des Projekts die Gründung eines neuen Museums – The Museum of Namibian Fashion – im namibischen Otjiwarongo unterstützt. Diese Verbindung der kritischen Aufarbeitung der kolonialgeschichtlichen Verflechtungen der Sammlungen in Berlin und Windhoek mit der kreativen Neuinterpretation der Sammlungen macht das Projekt beispielhaft.

Im Rahmen des Projektes finden mehrere zentrale Prozesse statt: Die kooperative Provenienzforschung zu den Sammlungen aus Namibia am Ethnologischen Museum in Berlin und Erarbeitung einer Ausstellung über den Forschungsprozess im Humboldt Forum sind abgeschlossen. Ein Ergebnis ist etwa die Installation des Werkes „Ohne Titel“ der namibischen Modeschöpferin Cynthia Schimming, die derzeit an prominenter Stelle im zweiten Obergeschoss des Humboldt Forums ausgestellt wird.

Auf Grundlage der gemeinsamen Provenienzforschung reisen nun 23 Objekte aus dem Ethnologischen Museum nach Namibia, wo sie mit den Sammlungen des National Museum of Namibia in Dialog gebracht werden. In den kommenden zwei Jahren werden am National Museum of Namibia unter Verwendung der Objekte beider Museen Workshops mit namibischen Kulturerbeexpert*innen, Forscher*innen und zeitgenössischen Künstler*innen durchgeführt, darüber hinaus Forschung in Kulturerbegemeinschaften in ganz Namibia unter Verwendung digitalisierter Sammlungen.
Ein zentraler Punkt ist auch das Capacity Building zur Stärkung des National Museum of Namibia und der Museums Association of Namibia in den Bereichen Konservierung, Digitalisierung, kuratorische Praxis und gesellschaftliches Engagement. So erfolgte etwa die Vorbereitung der 23 für die Reise ausgewählten Objekte in enger Zusammenarbeit zwischen Restaurator*innen des Ethnologischen Museums sowie einer Restauratorin aus Namibia.

Ndapewoshali Ashipala, Acting Director der MAN und Ko-Projektleiterin, erläutert: „Ziel von ‚Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures‘ ist es, das Wissen über die Objekte zu reaktivieren, immaterielles und materielles Kulturerbe zu dokumentieren und zu bewahren, um so eine wichtige Inspirationsquelle für namibische Künstler*innen und Designer*innen zu bieten. Das so geschaffene Wissen wird in einer Online-Datenbank sowie in einer Ausstellung im neu gegründeten Museum of Namibian Fashion in Otjiwarongo und einer Ausstellung an der National Art Gallery in Windhoek mit der breiten Öffentlichkeit geteilt. Die Museums Association of Namibia betrachtet Museen als organische Kultur- und Forschungszentren, die mit der Zeit wachsen und sich verändern. Daher betrachten wir die Eröffnung des Museum of Namibian Fashion nicht als Ende eines Kapitels, sondern eher als Katalysator für tiefergehende Forschung und Gespräche.“

Julia Binter, Provenienzforscherin und Co-Leiterin des Projekts am Zentralarchiv/Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin, beschreibt die Projektentwicklung: „Der gemeinsame Forschungsprozess mit unseren Partner*innen aus Namibia hat uns vor allem die Möglichkeit geboten, zuzuhören und zu lernen. Die Forschungsfragen, die wir am Ethnologischen Museum zunächst entwickelt hatten, entsprangen unserer Überzeugung, dass wir in der Verantwortung stehen, die kolonialen Kontexte zu verstehen, in denen die Objekte erworben wurden. Wir wollten auch analysieren, ob Objekte in direktem Zusammenhang mit kolonialer Gewalt, insbesondere mit dem Völkermord stehen, den Deutschland von 1904 bis 1908 an den Ovaherero und Nama begangen hatte. Unsere namibischen Forschungspartner*innen haben uns gezeigt, dass es ebenso wichtig ist, nach vorne zu schauen und kreative Zukunftsvisionen zu entwickeln. Deshalb auch der Titel unseres gemeinsamen Projekts ‚Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures‘“.

Larissa Förster, Leiterin des Fachbereichs Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und wissenschaftliche Beraterin des Projekts: „Objekte aus Namibia sowie die Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Herrschaft in Namibia wurden in der Museumsarbeit in Deutschland viele Jahrzehnte vernachlässigt. Das Projekt adressiert diesen blinden Fleck. Wir hoffen, dass das Projekt ein Wegbereiter für mehr langfristige Kooperationen zwischen dem deutschen und dem namibischen Museums- und Kulturerbesektor und für weitere Rückgaben von Objekten wird.“

Lars-Christian Koch, Direktor des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, fasst zusammen: „Indem es Stakeholder in Namibia mit den kolonialen Sammlungen aus Berlin und Windhoek wieder in Kontakt bringt, leistet das Projekt einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit kolonialen Traumata, regt neues kulturelles Schaffen an und unterstützt die Entwicklung einer dekolonialen, kreativen Zukunft.“

Die Namibia-Sammlung des Ethnologischen Museums

Die historischen Sammlungen aus Namibia am Ethnologischen Museum wurden größtenteils während der deutschen Kolonialzeit (1884-1919) erworben. Ihre Provenienzen werden seit Anfang 2018 erforscht, seit 2019 gemeinsam mit namibischen Partner*innen. Die Sammlungen spiegeln koloniale, teils äußerst gewaltvolle Aneignungsprozesse wider. Darüber hinaus zeigen sie die Kreativität und den Einfallsreichtum der Menschen in Namibia. Sie sind damit eine wichtige Quelle für die historische Forschung und dienen Künstler*innen und Designer*innen zur Inspiration. Aufgrund der deutschen Kolonialisierung Namibias befindet sich die überwiegende Mehrheit solcher Objekte in deutschen und nicht namibischen Institutionen und ist daher für die meisten Namibier*innen nicht zugänglich. Mit dem von der Gerda Henkel Stiftung finanzierten Projekt wird, beginnend mit der Reise der Objekte nach Namibia, ein erster Schritt unternommen, um dieses Ungleichgewicht zu beheben. Die Wiederverbindung der Objekte mit Wissensproduzent*innen in Namibia wird eine selbstbestimmte Geschichtsschreibung aus namibischen Perspektiven und eine Wiederbelebung des namibischen Kulturerbes ermöglichen.

Weitere Informationen:

Pressebilder: http://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/presse/pressebilder.html

Museum of Namibian Fashion: www.namibianfashion.com

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 Ingolf  Kern
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