Datenbank, capacity building, Dunkelfeldforschung: Wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Kulturgutschutz in Syrien unterstützt

Pressemitteilung vom 01.06.2016

Anlässlich des Internationalen Expertentreffens zur Erhaltung des Kulturerbes in Syrien, das vom 2. bis 4. Juni 2016 im Auswärtigen Amt in Berlin stattfindet, sagt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Wenn eines Tages die Waffen schweigen, müssen es die Syrer selbst sein, die entscheiden, wie es mit ihrem Land weitergehen soll. Das aktuelle Expertentreffen in Berlin ist deshalb der einzig richtige Weg, um auf der Fachebene gemeinsam mit den Syrern über Wege zur Rettung ihres kulturellen Erbes und zum Wiederaufbau der Welterbestätten zu sprechen. Die Weltgemeinschaft muss sich engagieren, auch weil das Kulturerbe Syriens eine aussöhnende Kraft birgt, dem geschundenen Land wieder auf die Beine helfen kann."

Zu den einzelnen Projekten

Syrian Heritage Archive Project (SHAP) mit Damage Assessment-Datenbank

Seit 2013 wurde mit umfangreicher Förderung durch das Auswärtige Amt vom Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) das Syrian Heritage Archive Project (SHAP) aufgebaut. Mit über 100.000 digitalisierten Fotos, Plänen und Karten stehen nun umfangreiche Informationen aus den Archiven beider Einrichtungen bereit. Am Museum für Islamische Kunst wurde das Datenbanksystem um eine Komponente zum Damage Assessment erweitert, das die historischen Daten mit Informationen zu den aktuellen Zerstörungen (Bild, Ton und Film) kombiniert. So wird eine detaillierte Erfassung und Bewertung der Schäden am baulich-archäologischen Kulturerbe Syriens möglich. Die Datenbank soll zu einer mehrsprachigen Plattform ausgebaut und um eine mobile Applikation zur vor-Ort Erfassung verschiedener Informationstypen, inklusive 3D Scans, erweitert werden. Um die Schäden zu erfassen, müssen auch die Kooperationen in Syrien ausgebaut werden, etwa mit der syrischen Antikenbehörde DGAM und der UNESCO, aber auch mit NGOs und weiteren Einrichtungen. Die Kombination der Daten aus SHAP und dem Damage Assessment kann für Planungen zum Wiederaufbau genutzt werden.

Lagerungsmaterialien für Keilschrifttafeln in Damaskus

Das Vorderasiatische Museum stellt dem Nationalmuseum Damaskus Lagerungsmaterialien in Museumsqualität für Keilschrifttafeln aus Ton zur Verfügung. Die Maßnahme erfolgt auf Bitten des syrischen Directorate General für Antiquities and Museums (DGAM). Sie ist dringend erforderlich, weil seit 2012 tausende von Objekten aus Provinzmuseen in das Nationalmuseum Damaskus verbracht wurden, um sie vor Plünderungen zu schützen. Darunter befinden sich über 40.000 mit Keilschrift beschriebene Tontafeln. Ohne fachgerechte Lagerung wären diese frühen Zeugnisse der Menschheitsgeschichte aufgrund der klimatischen Verhältnisse und ihres prekären konservatorischen Zustands einem schnellen Verfall preisgegeben. Nach mehrwöchiger gemeinsamer Planung durch die Keramik-Restauratorin des Vorderasiatischen Museums, eine der weltweit renommiertesten Spezialistinnen für die Konservierung von Keilschrifttafeln, und die zuständige Restauratorin beim DGAM, werden nun die entsprechenden Lagerungsmaterialien angeschafft und nach Damaskus transportiert. Neben dem unmittelbaren Schutz der Keilschrifttafeln dient das Projekt auch dem nachhaltigen capacity building im Bereich der musealen Lagerung von Kulturgütern in Syrien. Das Projekt wird gefördert durch das Auswärtige Amt.

ILLICID

Das multidisziplinäre Forschungsprojekt ILLICID widmet sich dem illegalen Handel mit Kulturgütern, einem globalen Phänomen, das zur schleichenden Auslöschung des archäologischen Erbes durch Plünderungen antiker Stätten führt. Zurzeit gibt es noch kein belastbares Zahlenmaterial zum Umfang des illegalen Handels mit Kulturgütern in Deutschland. Im Rahmen von ILLICID wird dieses Dunkelfeld erstmals untersucht, um effektive Strategien zur Kriminalitätsbekämpfung zu entwickeln. Daneben soll ein Praxisleitfaden für Akteure im Bereich des Kulturgüterhandels erstellt und eine Datenbank zur systematischen Dokumentation von legal und illegal gehandeltem Kulturgut eingerichtet werden. Verbundkoordinator des Projektes ist der Direktor des Vorderasiatischen Museums, Prof. Markus Hilgert. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,2 Mio. Euro gefördert.

ZEDIKUM

Zu den für den Kulturgutschutz relevanten Aufgaben von Museen gehört auch, die Entwicklung neuer Technologien und Infrastrukturen voranzutreiben. Im August 2015 wurde beim Vorderasiatischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin dafür das „Zentrum für digitale Kulturgüter in Museen“ (ZEDIKUM) eingerichtet, getragen von den fünf archäologischen Museen (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Antikensammlung, Museum für Islamische Kunst, Museum für Vor-und Frühgeschichte, Vorderasiatisches Museum). Zentrale Aufgaben von ZEDIKUM sind die Generierung, die nachhaltige Bereitstellung und die variable Nutzung von 3D-Digitalisaten archäologischer Kulturgüter. Die Forschungsergebnisse können dem Kulturgutschutz weltweit nutzen: In 3D sind Objekte wie Rollsiegel oder Keilschrifttafeln viel besser zu lesen, gleichzeitig kann die Materialität präzise bestimmt werden. Original und Fälschung lassen sich genau unterscheiden. Dies ist u.a. wichtig für den Umgang mit Objekten, die aus Raubgrabungen oder illegalem Handel stammen könnten. Angesichts der massiven Bedrohung archäologischer Kulturgüter weltweit will ZEDIKUM außerdem einen Beitrag zur Entwicklung mobiler, kostengünstiger 3D-Scanverfahren zum Einsatz in Krisensituationen leisten.

Weiterbildungsmaßnahmen für Museumsfachleute

Mit Mitteln der Stiftung Preußischer Kulturbesitz konnten im November 2015 zwei Mitarbeiter des syrischen Directorate General of Antiquities and Museums (DGAM) einen 4-wöchigen Intensivkurs in einem Labor des Vorderasiatischen Museums absolvieren. Im Zentrum des Kurses stand das Erlernen von Konservierungsmaßnahmen für Keilschrifttafeln. Die Erfahrungen dieses Intensivkurses bildeten die Grundlage für die gemeinsam konzipierte Nofallmaßnahme, im Rahmen derer Lagerungsmaterialien für Keilschrifttafeln nach Damaskus transportiert werden.

MULTAKA: Treffpunkt Museum

Im Rahmen dieses vom Museum für Islamische Kunst initiierten Vermittlungsprojektes wurden 19 geflüchtete Syrer und Iraker zu Guides ausgebildet, die sich mit anderen Geflüchteten in ihrer Landessprache über die in den Museen ausgestellten Zeugnisse ihrer eigenen Kultur, aber auch signifikante Momente der deutschen Geschichte austauschen. So sind sie nun Mediatoren ihres je eigenen kulturellen Erbes und haben bereits mehrere tausend Menschen für das gemeinsame Kulturerbe sensibilisiert.

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