SPK restituiert fünf Werke aus der Sammlung Ueberall

Pressemitteilung vom 20.05.2019

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat fünf Werke aus den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin an die Erben des Kunsthändlers Heinrich Ueberall restituiert. Die Werke waren im Zuge eines Ankaufs durch die Dresdner Bank 1935 in die Museen gelangt. Heinrich Ueberall starb 1939 im KZ Sachsenhausen.

Restituiert wurden aus dem Bestand der Gemäldegalerie Matteus Stom (1600 – nach 1641): Biblische Darstellung / Sarah führt Abraham Hagar zu (1642-1650), Bartholomeus van der Helst (Kopie): Herrenbildnis / Bildnis eines Mannes (17. Jh.), und Frans Ykens: Stillleben (17. Jh.). Aus der Alten Nationalgalerie wurden zwei Bronzen unbekannter Künstler restituiert, bei denen es sich jeweils um eine verkleinerte Nachbildung eines bekannten Werkes handelt: nach Allegrain: Venus nach dem Bade (um 1845/1864), und nach Canova: Venus (um 1845/64).

Die Werke gehörten zu einem Konvolut von über 4000 Kunstwerken, die der Staat Preußen 1935 von der Dresdner Bank ankaufte und kurz darauf an die Staatlichen Museen zu Berlin übergab. Seit Anfang 2018 erforscht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einem eigenen Provenienzforschungsprojekt diesen Bestand, der unterschiedlichsten Vorbesitzern zuzuordnen ist. Etwa zeitgleich hatte sich Dr. Irena Strelow, die Vertreterin der Erben von Heinrich Ueberall, mit einer Restitutionsanfrage an die Stiftung gewandt. Aus dessen Sammlung hatten die Staatlichen Museen zu Berlin im Zuge der Transaktion 1935 zehn Werke bzw. Werkgruppen erhalten, von denen jedoch einige bald darauf weiterverkauft wurden, andere kriegsbedingt abhandengekommen oder verschollen sind.

Die Werke, die im Projekt zur Dresdner Bank erforscht werden, waren größtenteils als Kreditsicherheiten im Besitz der Bank. Die einzelnen Kreditgeschäfte waren jedoch in ihrer Ausgestaltung sehr unterschiedlich. Schon vor Jahren vermutete die SPK, dass dieser Werkkomplex verfolgungsbedingt entzogene Werke enthalten könnte, und begann mit der sukzessiven Prüfung der Bestände bestimmter Teilgeschäfte. Eine von der SPK angestoßene und unterstützte Dissertation lieferte im November 2017 den historischen und wirtschaftlichen Kontext des Bankgeschäftes. Sie dient nun als Grundlage für die Erforschung der Einzelfälle in dem SPK-eigenen Projekt und führte auch zu einigen Restitutionsanfragen an die Stiftung.

Hermann Parzinger, Präsident der SPK: „Ich bin froh, dass wir mit der Restitution der Werke an die Erben von Heinrich Ueberall einen kleinen Schritt zur Wiedergutmachung des geschehenen Unrechts leisten konnten. Dass der Dresdner Bank-Bestand sehr verdächtig ist, haben wir schon früh festgestellt und ihn daher vordringlich behandelt. Dass die Erforschung trotzdem noch andauert, zeigt, wie komplex diese Fälle aus den frühen Jahren der NS-Zeit sind. In gründlichen Einzelfalluntersuchungen klären wir, ob ein verfolgungsbedingter Entzug vorliegt. Wenn ja, versuchen wir schnellstmöglich eine gerechte und faire Lösung zu finden.“

Für die Bewertung der komplexen Tatsachen rund um die einzelnen Kreditgeschäfte orientiert sich die SPK wie bei all ihren Restitutionsfällen an den Washingtoner Prinzipien von 1998 sowie der Gemeinsamen Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen. Im Falle von Heinrich Ueberall deutete nichts darauf hin, dass andere Umstände als seine Verfolgung durch das NS-Regime dazu führten, dass die Bank die Kreditsicherheiten verwertete.

Heinrich Ueberall (20.12.1869, Jaroslawl, Galizien – 27.9.1939, KZ Sachsenhausen) war 1899 mit seiner Frau Rebekka und den beiden Kindern nach Berlin gezogen. Er betrieb einen florierenden Kunst- und Antiquitätenhandel, zu dessen Kunden bis 1933 unter anderem das Auswärtige Amt zählte. Aufgrund der zunehmenden Repressalien musste Ueberall das Geschäft zwischen 1936 und 1938 aufgeben. Er beantragte 1939 erfolgreich ein britisches Einreisevisum für sich und seine Frau. Der Kriegsausbruch machte jedoch eine Ausreise unmöglich. Heinrich Ueberall wurde im September 1939 in das KZ Sachsenhausen deportiert, wo er noch im selben Monat verstarb. Seine Witwe nahm sich 1942, nachdem sie einen Deportationsbescheid erhalten hatte, das Leben. Rebekka Ueberall lebte zum Zeitpunkt ihres Todes vollkommen mittellos in einer sogenannten Judenwohnung. Der Gerichtsvollzieher stellte posthum keinerlei Vermögenswert fest. 

Die Tochter war mit ihrer Familie bereits 1938 geflohen und 1940 in die USA emigriert, der Sohn floh 1939 nach London. Zwei Enkel von Heinrich und Rebekka Ueberall überlebten den Holocaust, einer von ihnen darf die Restitution noch erleben. Irena Strelow bedankte sich im Namen der Erben bei der SPK ausdrücklich für die Restitution: „Mit der Rückgabe zeigt die Stiftung, dass sie sich verantwortungsbewusst mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und ihre eigene Rolle als Profiteur der Judenverfolgung kritisch anerkennt. Die SPK lässt damit einem der noch wenigen lebenden Holocaust-Opfer ein kleines Stück Gerechtigkeit zuteilwerden.“

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