Raus aus dem Keller: Das Wagenbach-Archiv wird von der SBB erschlossen

News vom 05.10.2015

Eine neue Fundgrube zur Literatur- und Zeitgeschichte tut sich auf. Am 23. September 2015 hat der Verlag Klaus Wagenbach Teile seines Archivs an die Staatsbibliothek Berlin (SBB) übergeben und damit der Wissenschaft zugänglich gemacht. Der 1964 in West-Berlin gegründete Verlag ist publizistischer Begleiter und Zeuge bewegter bundesrepublikanischer Geschichte sowie kultureller Entwicklungen Europas.

Dr. Susanne Schüssler (l.), Leiterin des Wagenbach-Verlags, und SBB-Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf bei der Übergabe von Archivunterlagen
Susanne Schüssler (l.) und Barbara Schneider-Kempf © Staatsbibliothek zu Berlin - PK/H. Immel

Briefwechsel von Klaus Wagenbach mit Rudi Dutschke und Otto Schily, Manuskripte von Ernst Jandl und Ingeborg Bachmann, Horst Bredekamp und Heinz Berggruen, Korrekturfassungen der Manuskripte von Erich Fried und Carlo Ginzburg – dies alles wartet darauf, entdeckt und erforscht zu werden. In 260 Ordnern und über 2000 Herstellungstüten finden sich Dokumente zur Geschichte des Verlags und seinen Publikationen. Über das Heben dieses Schatzes, Archivieren im 20. und 21. Jahrhundert und die Bedeutung von Verlagsarchiven sprachen wir mit Dr. Susanne Schüssler, Leiterin des Wagenbach-Verlags und Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek.

Frau Schüssler, wie kam es zum Verkauf?

Susanne Schüssler:
Im Rahmen der Vorbereitungen zum 50. Verlagsjubiläum 2014 haben wir uns endgültig entschlossen, uns von Teilen des Wagenbach-Archivs zu trennen. Das hatte vor allem ganz pragmatische Gründe, nämlich dass wir das Archiv aus eigener Kraft nicht so erschließen und erhalten können, wie es angemessen wäre. Es gab eine ganze Reihe von Forschungsanfragen zu allen möglichen Themen, denen wir nicht in ausreichendem Maße gerecht werden konnten. Das Archiv enthält so viele zeithistorische Quellen, die man nicht einfach im Keller liegen lassen sollte.

Wieso haben Sie sich für die SBB als Käufer entschieden?

Susanne Schüssler:
Es gab natürlich andere Interessenten, aber wir haben uns für die Staatsbibliothek entschieden. Ein wichtiger Grund war der Ort – einerseits ganz einfach, weil er für uns in zehn Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Vor allem aber, weil der Wagenbach-Verlag ja nicht zufällig in Berlin gegründet wurde. Wagenbach war immer ein politischer Verlag und die Wechselbeziehung zwischen Stadt und Verlag war oft schwierig. Ein weiterer, sehr wichtiger Entscheidungspunkt waren aber die archivarischen Gründe. Anderswo wären nur bestimmte Aspekte des Archivs von Interesse, da würde dann viel wegfallen – aber wissen wir, was wir in 20 Jahren forschen wollen? Wir haben das Glück, ein umfassendes Archiv zu haben. Von den Werbemitteln bis zu den Lektoratskorrespondenzen, von Absatzstatistiken bis zu den Herstellungstüten, in denen die Produktionsprozesse der Bücher dokumentiert sind, ist alles dabei. Mein Interesse ist, das Archiv so vollständig wie möglich zu erhalten, weil es ein Ausnahmefall ist. Es gibt nicht viele Archive, die so komplex sind. Das ist toll, das möchten wir nicht nach vergänglichen Auswahlkriterien verkleinern. Dazu kommt ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorrang Berlins: Berlin hat eine grandiose universitäre Landschaft, die uns garantiert, dass mit diesem Archiv auch gearbeitet wird. Es gibt hier eine starke Romanistik, für die unser Italienschwerpunkt interessant ist, das benachbarte Ibero-amerikanische Institut korrespondiert zur wachsenden lateinamerikanischen Literatur bei uns, von der deutschen Literatur, den Politikwissenschaften und Kulturwissenschaften gar nicht zu sprechen.

Was ist in Ihren Augen ein Beispiel für das Bemerkenswerte am Wagenbach-Archiv?

Susanne Schüssler:
Ich finde die Herstellungstüten sehr spannend, die den Weg vom Manuskript bis zum fertigen Buch nachvollziehbar machen, weil sie alle Korrekturdurchgänge, alle Übersetzungskorrekturen, Gestaltungsvorschläge für die Umschläge oder Korrespondenzen zwischen Lektor und Autor enthalten. Wenn man die drei oder vier Fassungen eines Buches betrachtet, sieht man, wie es entstanden ist, wie sich das Manuskript entwickelt hat, wie Teile verschoben worden sind, wie an der Sprache gearbeitet wurde.

Archivieren Sie bei den jetzigen und kommenden Buchproduktionen weiter wie gehabt?

Susanne Schüssler:
Nein, leider nicht mehr in diesem Maße. Es wird nicht mehr so viel aufgehoben, weil vieles elektronisch gespeichert wird. Die Herstellungstüten bleiben wie sie sind, die Korrespondenzordner werden sicher verändert sein. Vor 30 Jahren wurden Postkarten oder Briefe geschrieben, das ist heutzutage viel seltener. Und was ich ausdrucke, ist ja auch nicht meine Handschrift. Es gibt viel weniger Autographen als früher – nicht nur bei uns, überall. Dass die Korrespondenzen in Briefform wegfallen, ist ein großer Verlust, weil die Schlampigkeit mit der man eine E-Mail schreibt, viel größer ist, als wenn man mit der Schreibmaschine schreibt, oder gar mit der Hand. Man formuliert viel präziser und witziger. Da geht eine ganze Kulturform verloren. Das betrifft nicht nur uns, sondern ist ein allgemeines Phänomen mit starken Folgen für Archive. Das geht ja soweit, dass Sie in gedruckten Büchern in den Quellenangaben Hinweise auf Websites haben –die sind in 10 Jahren vielleicht nicht mehr auffindbar. Und jede Website kann ständig geändert werden.

Frau Schneider-Kempf, was passiert denn nun mit dem Wagenbach-Archiv in der Staatsbibliothek?

Barbara Schneider-Kempf:
In der Sammlung der Handschriftenabteilung in der Potsdamer Straße haben wir – mit etwas Mühe – Platz gefunden, um das Archiv unterzubringen. Um es nutzbar zu machen, müssen wir uns nun zuerst mit seiner Ordnung vertraut machen und diese verstehen. Der große Schritt ist dann die Erschließung des Archivs, die verbunden sein wird – und muss – mit der Beantragung eines Erschließungs-, und nach meiner Vorstellung auch eines Forschungsprojekts. Wenn das bewilligt ist, kann es mit der Erschließung losgehen, die wahrscheinlich drei Jahre in Anspruch nehmen wird.

Susanne Schüssler:
Darum haben wir uns vor allem für die SBB entschieden: weil sie das ursprüngliche Ordnungssystem übernimmt, das zwar schwieriger zu erschließen ist, aber auch viel Information transportiert. Anderswo werden die Korrespondenzen alphabetisch nach den Autoren sortiert. Hier haben wir Jahresordner bzw. Ordner zu verschiedenen Themen: Lektoratsordner, Presseordner, Vertriebsordner usw. Das bedeutet, man kann über die Zusammenhänge in den Ordnern die Korrespondenz über einen bestimmten zeitlichen Zusammenhang nachverfolgen oder gucken, welche unterschiedlichen Leute und welche unterschiedlichen Themen den Verlag zu einem bestimmten Zeitpunkt beschäftigt haben. Da ergibt sich ein ganz anderes historisches Bild. Mir war einfach wichtig, dass nichts aussortiert und auseinandergerissen wird.

Barbara Schneider-Kempf:
Das ist das Besondere und Interessante am Thema „Verlagsarchiv“. Im Umgang mit so einem Archiv kann ich den Verlag in den Vordergrund stellen und schauen, wie hat ein Verlag im Jahr X gearbeitet? Oder man guckt halt nur nach den einzelnen Autoren des Verlags. Die Forschung kann natürlich mehrere Blickwinkel einnehmen, aber da die SBB doch – in den letzten 15 Jahren mit Erfolg – versucht, einen Schwerpunkt „Verlagsarchive“ zu bilden, ist eben unsere Sicht „der Verlag“ und nicht unbedingt einzelne Autoren.

Susanne Schüssler:
Wenn man beispielsweise fragt, was war 1970 los, findet man das ganze zeitgeschichtliche Spektrum von den politischen Prozessen über die Fragen nach Gestaltung von Büchern und nach Umgangs- bzw. Organisationsformen innerhalb des Verlages. Das wird viel deutlicher, wenn die chronologische Ordnung bleibt und wenn nicht alles alphabetisch nach Autoren sortiert ist. Zum Beispiel findet man dann unter „B“ wie Peter Brückner eine Korrespondenz mit Klaus Croissant, also „C“. Das ist kein Fehler, sondern es geht um Briefe von Klaus Croissant, einem Rechtsanwalt, der im Namen der RAF versucht hat, ein Buch von Peter Brückner zu unterdrücken. Da finden sich unter „B“ unterschiedlichste Dokumente wie auch die Testamentsvollstreckungsurkunde von Ulrike Meinhof. Was sonst unter „C“, bzw. unter „B“ und unter „M“ eingeordnet und auseinandergerissen wäre, bleibt als kompletter Vorgang zusammen – ein schönes, historisches Beispiel dafür, was so ein Archiv leisten kann bzw. bei anderer Sortierung nicht mehr leisten würde. Es geht uns nicht um heilige Inkunabeln, sondern um Zusammenhänge. Und das ist es, was uns die SBB garantieren konnte: das diese bestehen bleiben, dass das historische Bild bestehen bleibt. Ich weiß übrigens natürlich auch gar nicht genau, was da alles zu finden ist. Darum freue ich mich auf die Forschung und die auf jeden Fall zu entdeckenden Schätze.

Frau Schneider-Kempf, worüber freuen Sie sich?

Barbara Schneider-Kempf:
Ich habe mich beispielsweise sehr über die Briefe von Rudi Dutschke gefreut – denn jetzt haben wir endlich mal etwas Schriftliches aus der jüngeren Vergangenheit und nicht mehr nur von Revolutionären aus dem 19. Jahrhundert. Ein wichtiger Antrieb, mich dafür einzusetzen, dass das Wagenbach-Archiv in die SBB kommt, war, dass es galt, eine Lücke zu füllen. Die Staatsbibliothek ist 354 Jahre alt und hat großartige Sammlungen – beispielsweise die Musiksammlung: Wir haben Beethoven, wir haben Bach, wir haben Mendelssohn. Man kann fast blind an den Katalog gehen und findet die großartigsten Handschriften. Allerdings ist spätestens im 20. Jahrhundert Schluss, ganz zu schweigen vom 21. Jahrhundert. Als Einrichtung des Öffentlichen Dienstes und den damit einhergehenden Mitteln gibt es kaum eine Chance, einen Nachlass zu erwerben. Eine glückliche Ausnahme war der Ankauf des Archivs des Schott-Verlages, in dem auch endlich etwas aus dem 20. Jahrhundert zu finden ist. Im Literaturbereich ist es ähnlich, die meisten unserer Nachlässe stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Darum wurde mit dem Erwerb des Wagenbach-Archivs der entscheidende Schritt ins 20. bzw. 21. Jahrhundert getan, wir sind nun in der Gegenwart angekommen. Die SBB ist die größte wissenschaftliche Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum – wenn Sie diesen Anspruch haben, kann sich nicht alles im 19. Jahrhundert abspielen. Ich bin froh, mit der Erschließung des Wagenbach-Archivs ein Projekt zu haben, das etwas näher an der Jetztzeit ist als beispielsweise die Tagebücher Alexander von Humboldts. Und als die Anfrage zur Übernahme des Wagenbach-Archivs kam, dachte ich: Toll, dass wir gefragt werden, das ist für die Staatsbibliothek ein Signal in eine bestimmte Richtung.

Das Interview führte Gesine Bahr.

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