Das Rauschen der großen Stadt

News vom 15.11.2022

Im Mittwochskino des Musikinstrumenten-Museums laufen jetzt die wichtigsten Berlin-Stummfilme der Weimarer Republik

Kinoleinwand in einen Museum, vorne ein Mann an einer Orgel
Foto: Christian Elsner

Von Kevin Hanschke

Leuchtreklamen machen die Nacht zum Tag. Die Menschen strömen in die Vergnügungspaläste. Hochbahnen rasen durch Häuser hindurch. Am Potsdamer Platz staut sich der Verkehr. Der Luna-Park in Charlottenburg sorgt mit seinen Attraktionen für Ablenkung vom Alltag. Und am Wochenende begibt sich die wachsende Angestelltenschicht in die Naherholungsgebiete der Stadt – an den Wannsee, den Schlachtensee und in den Grunewald – natürlich mit der elektrifizierten S-Bahn. Das ist Berlin.

Was ganz gegenwärtig klingt, beschreiben in Wirklichkeit vier Filme, die in der Endphase der Weimarer Republik entstanden sind und die die deutsche Hauptstadt mit ihren Licht- und Schattenseiten, im Freudentaumel und mit all den Abgründen zeigen.
Das Mittwochskino im Musikinstrumenten-Museum widmet sich ab dem 16. November den wichtigsten Berlin-Stummfilmen dieser goldenen Ära des deutschen Films und stellt die Produktionen „Menschen am Sonntag“, „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“, „Menschen untereinander“ und „Asphalt“ vor. Begleitet werden die Filme wie immer von der legendären Mighty-Wurlitzer-Theaterorgel des Museums, die das größte Instrument seiner Art auf dem europäischen Kontinent und eine der wenigen erhaltenen und immer noch funktionierenden Kinoorgeln Deutschlands ist. Der Industrielle Werner Ferdinand von Siemens erwarb die Kinoorgel, die mit vier Manualen, 1228 Pfeifen und mehr als 200 Registern ausgestattet ist, im Jahr 1929. Seit Jahrzehnten ist sie ein Highlight der Sammlung.

„Das Musikinstrumenten-Museum hat mit seinen Filmreihen die Renaissance des Stummfilms und der Kinoorgeln in Berlin in den Neunzigerjahren eingeläutet“, sagt der Organist Jörg Joachim Riehle, der seit 1989 frei für das Museum arbeitet, seit 1993 im Kino Stummfilme auf der Orgel begleitet und in dieser Saison gemeinsam mit Anna Vavilkina spielen wird. Katrin Herzog hat diese Saison kuratiert. „Wir gestalten die musikalische Begleitung zu vier Filmen, die ganz besonders mit der Geschichte dieser Stadt verbunden sind“, sagt sie.
Die Mighty Wurlitzer sei ein besonders anspruchsvolles Instrument und für diese Aufgabe eine große Hilfe. „Die Vielzahl der möglichen Motive ist beeindruckend“, sagt Riehle, der seit 1983 in Berlin lebt. „Die Orgel ist ideal, um das Grundrauschen und den Sound der Metropole zu simulieren“.

Sehnsucht, Alltagsflucht und der Wunsch nach gedanklicher Zerstreuung lockten die Zuschauer einst ins Kino. Das Tempo ist das Grundmotiv, das wachsende Berlin mit den vier Millionen Einwohnern der Schauplatz und das städtische Leben der Handlungsstrang in einer Epoche, die nach den Sternen griff und im Fanal der Destruktion zerschellte. Die Stadt Berlin lieferte die Inspiration für die wichtigsten Regisseure der damaligen Zeit.

Die vier Filme setzten der scheinbaren Modernität dieser Epoche ein cineastisches Denkmal. In Joe Mays Film „Asphalt“ von 1928 werden das Nachtleben und die große und kleine Kriminalität auf den Straßen thematisiert. Walther Ruttmann hat es zwei Jahre zuvor geschafft, in „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ einen Tag im Leben der Stadt auf die Leinwand zu bannen. Und schließlich war es Robert Siodmak in „Menschen am Sonntag“ 1929 gelungen, das Ausflugsvergnügen der Angestelltenschicht zu inszenieren. Riehle will die Partitur des Experimentalfilms neu interpretieren. „Es wird Einstreuungen von Gassenhauern der damaligen Zeit geben – ‚Schöner Gigolo, armer Gigolo‘ von Julius Brammer oder ‚Wochend‘ und Sonnenschein‘ von den Comedian Harmonists. Songs, die die liberale und frivole Atmosphäre dieser Jahre repräsentieren“, sagt er.

Doch es wird auch ernster. Schon im Jahr 1926 drehte der spätere „Emil und die Detektive“-Regisseur Gerhard Lamprecht die Sozialstudie „Menschen untereinander“ und hielt dabei dokumentarisch und dennoch fiktional die Kameralinse auf das Milieu eines klassischen Berliner Mietshauses. Ähnlich wie Siodmak arbeitete er dabei mit Laiendarstellern, um ein möglichst authentisches Bild der Mietskaserne und dem sozialen Miteinander der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu zeichnen. Während die Bewohner des Vorderhauses in großem Wohlstand leben, herrscht in den Hinterhöfen Armut und Elend. Inspiriert wurde Lamprecht von den Zeichnungen des Berliner Künstlers Heinrich Zille.

Ähnlich wie dessen Bilder den Spalt in der Gesellschaft andeuten, entwickelt sich das Medium Film zum Kaleidoskop einer im Aufbau befindlichen Ordnung – was zu unglaublichen kommerziellen Erfolgen an den Kinokassen der Weimarer Republik führt. Die Zahl der Lichtspielhäuser steigt von 1918 bis 1933 auf fünftausend an. Der Kinobesuch wurde zum wichtigsten Freizeitvergnügen der Mittelschicht. In keiner anderen Zeit war die deutsche Filmindustrie einflussreicher und innovativer. „Alle vier Produktionen zeigen, wie kreativ die Filmszene der damaligen Zeit und wie vielfältig, aufregend und vibrierend Berlin war. Der Ku‘damm als das Herzstück des Nachtlebens, der Süd-Westen der Stadt als Ausflugsziel, der Potsdamer Platz mit der ersten Verkehrsampel auf deutschem Boden – all das wurde wenige Jahre später durch die Nationalsozialisten zerstört“, sagt Riehle. Da er besonders gern dramatische Filme und Gruselfilme musikalisch untermalt, freue er sich auf die Vorstellung von „Asphalt“. „Ein Sozialstück, dass den tosenden Verkehr als Metapher für den Untergang nutzt“.

„Asphalt“ und „Menschen am Sonntag“ sind auch die Hauptvertreter für die Endphase des Stummfilmkinos – und liefern gemeinsam mit den anderen beiden Produktionen bis heute die Inspiration für Filmregisseure. Das ist deshalb interessant, weil einige der gezeigten Filme, die als ikonische Meisterwerke des Weltkinos theoretisch und praktisch rezipiert werden, in den damaligen Feuilletons kritischer gesehen wurden.
Der Filmkritiker Siegfried Kracauer, der Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt" rezensiert hat, attestiert: „Wie die Bildstreifen durcheinander rasen, damit nur jeder Provinzler sich an der Raserei berausche, das ist zum Glück nicht Berlin selbst, sondern nur eine Summe verworrener Vorstellungen, die Literatengehirne über eine Großstadt ausgebrütet haben." Das Berlin im Film wird für Kracauer so zu einem Trugbild der Realität. Auch bei „Asphalt" waren viele Szenen, die das pulsierende Großstadtnachtleben zeigen, Kulissenzauber. Berlins Vergnügungsviertel wurden in den Ufa-Studios Babelsberg nachgebaut und der Verkehr von Komparsen gemimt. Auch das ist der Film der Zwanziger, ein verzehrtes Spiegelbild einer aufstrebenden und gleichzeitig zerfallenden Gesellschaft, was die Filmreihe eindrücklich zeigt. Das Mittwochskino in dieser Saison präsentiert diesen schmalen Grat – zwischen Gangsterfilm und Großstadtmärchen, Realität und Phantasmagorie.

Weiterführende Links

Mittwochskino im Musikinstrumenten-Museum

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