„Die Bandura, das ist die Stimme der Ukraine“

29.04.2022„Die Bandura, das ist die Stimme der Ukraine“

Die junge Musikwissenschaftlerin Khrystyna Petrynka ist aus der Ukraine geflohen. In Berlin widmet sie sich weiter begeistert ihrem Instrument – dank des SPK-Stipendienprogramms

Von Oliver Hoischen

Eine sitzende Frau hält ein großes Saiteninstrument in der Hand
Khrystyna Petrynka ist Musikerin und Musikwissenschaftlerin und beschäftigt sich mit der ukrainischen Bandura. Sie kam im Rahmen des erweiterten Stipendienprogramms der SPK ans Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung. Foto: Staatliches Institut für Musikforschung / Anne-Katrin Breitenborn

Und am Ende, nachdem sie ihre ganze Geschichte erzählt hat, von ihrer Liebe zur Musik, von ihrem Leben in der Ukraine und von ihrer Flucht nach Deutschland, da greift Khrystyna Petrynka ihr Instrument und spielt: ein Stück von Händel zuerst, dann ein bisschen Jazz und zuletzt ein Lied von Marina Krut, der populären ukrainischen Sängerin. Khrystyna Petrynka spielt leidenschaftlich Bandura, die ukrainische Lautenzither. Sie will zeigen, was mit diesem Instrument alles möglich ist, dass es nicht altmodisch ist. Vor allem aber geht es ihr um ihr Land: „Die Bandura, das ist die Stimme der Ukraine“, sagt sie. Gerade jetzt, im Krieg.

Schon in der Schule habe ihr Musiklehrer sie für das Banduraspiel begeistert, berichtet die erst 22 Jahre alte Musikwissenschaftlerin. „Bandura ist mein Leben, das war mir damals schon klar“, sagt sie. Später, an der Universität in Lwiw, konnte Khrystyna Petrynka dann über die Bandura sogar ihre Magisterarbeit schreiben; was durchaus ungewöhnlich gewesen sei. Doch gerade, als sie sich an ihre Dissertation machen wollte, da überfielen Putins Soldaten ihr Land. Khrystyna Petrynka floh zu Verwandten nach Frankfurt. Und hatte Glück: Die Direktorin des Staatlichen Instituts für Musikforschung (SIM), Rebecca Wolf, erfuhr von ihrem Projekt – und holte sie über das Stipendienprogramm der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) nach Berlin.

Inzwischen hat die SPK ihr Stipendienprogramm erweitert und zwanzig zusätzliche Plätze für geflüchtete ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eingerichtet – und zwar über alle Einrichtungen hinweg. Gewährt werden die Stipendien zunächst für bis zu drei Monate, dotiert sind sie mit bis zu 1.200 Euro im Monat.

Die Bedingungen wurden vereinfacht; wichtig ist aber nach wie vor, dass die Forschungsthemen der Stipendiat*innen einen Bezug haben zu den Berliner Sammlungen. Seit Wochen gibt es viele Anfragen und Interessensbekundungen, längst sind die ersten Stipendiat*innen eingetroffen – so wie Khrystyna Petrynka. Jeden Tag geht sie ins SIM und auch in die Staatsbibliothek, widmet sich weiter ihrem Instrument, so wie sie es möchte. Und sie schwärmt vom Institut für Musikforschung mit seinen vielen Möglichkeiten, mit seiner einmaligen Kombination aus Musikgeschichte und Instrumentenforschung. Zusammen mit der Restauratorin für Zupfinstrumente hat sie auch schon die wertvolle Bandura inspiziert, die im Magazin des Musikinstrumenten-Museums aufbewahrt wird.

Denn Khrystyna Petrynka ist wirklich eine Spezialistin, eine Fachfrau, die Theorie und Praxis eindrucksvoll verbindet und dabei etwas Neues schafft. Sie kann nicht nur spielen. Sie kann auch dozieren, und auch das mit Leidenschaft. Sie erklärt ihr Instrument: das Griffbrett, den Resonanzkörper, die Saiten. Dann holt sie einen von ihr geschriebenen Aufsatz aus der Tasche und berichtet von den Kosaken, den freien Kriegern, zu deren Zeiten die Bandura-Spieler ihre Instrumente noch selbst hergestellt und auf ihnen allein, ohne Begleitung, gespielt hätten, ähnlich wie die Troubadoure in Frankreich. Im 20. Jahrhundert schließlich hätten sich auch die Menschen in den Städten für die Bandura interessiert, erklärt Khrystyna Petrynka. Mit der Spieltechnik wurde experimentiert, Bandura-Orchester wurden gegründet und mit Gnat Khotkevych, einem charismatischen Spieler und Autor, habe schließlich auch das wissenschaftliche Interesse am Instrument begonnen. Wobei immer klar ist: Egal, ob die junge Ukrainerin die populäre Chernihiv-Bandura beschreibt, die Lviv-Bandura oder die einst verbreitete Kharkiv-Bandura, stets geht es um den ukrainischen Patriotismus, stets geht es um die Bandura als Symbol des Freiheitskampfes.

Stipendienprogramm der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat ein eigenes Stipendienprogramm ins Leben gerufen. Damit können jährlich etwa dreißig Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern aus aller Welt ihr Forschungsvorhaben an einer der Stiftungseinrichtungen vorantreiben.

Das Programm wurde aus aktuellem Anlass um 20 zusätzliche Plätze für geflüchtete ukrainische (und verfolgte russische/belarussische) Wissenschaftler*innen und Bibliothekar*innen erweitert. Das beantragte Projekt soll in einem sinnvollen Zusammenhang zu der Sammlung, den Beständen oder Forschungsschwerpunkten der jeweiligen Einrichtung der SPK stehen.

Denn das ist für Khrystyna Petrynka klar: Die Bandura ist nicht irgendein beliebiges Instrument mit großer Tradition, sie ist so etwas wie das ukrainische Nationalinstrument, sie stiftet eine nationale Identität. Erst recht in diesen Tagen des Krieges: Khrystyna Petrynka zeigt Videos auf Instagram und YouTube. In einem sieht man einen Musiker mitten in einer Trümmerlandschaft, vor einem zerschossenen Panzer, wie er zur Bandura singt. „Die Banduraspieler sind wirklich unsere Helden. Sie singen von unserer inneren Kraft“, sagt die junge Ukrainerin. In den vergangenen Jahren sei das Banduraspiel immer beliebter geworden, gerade bei jungen Leuten. Das Repertoire wurde erweitert, Stereotype wurden über Bord geworfen.

Denn Banduraspielen – das ist keine Volksmusik, nichts Angestaubtes mehr, das ist längst Rock, Pop, Jazz und Electro, das ist der Ausdruck eines frischen nationalen Spirits, fest verwurzelt in der ukrainischen Geschichte. „2010, in einer Talentshow, da haben wir gesehen, wie modern es sein kann, Bandura zu spielen“, sagt Khrystyna Petrynka.  Sie schwärmt von berühmten Bandura-Interpret*innen, sie erzählt von Stars, von Festivals, Wettbewerben und Konzerten, von „Wild West Jazz“, dem ersten großen Musikvideo mit einer Bandura 2011, oder von dem Musikprojekt „Sounds of Chernobyl“, bei dem die Bandura ebenfalls zu hören war – ganz cool, ganz zeitgemäß.

Und nun? Die junge SPK-Stipendiatin möchte erst einmal in Berlin bleiben, solange, bis der Krieg zu Ende sei. Sie hat Pläne: Sie wolle Fachartikel schreiben über die Bandura, beim SIM-Forschungskolloquium einen Vortrag halten – und beim Tag der offenen Tür von Berliner Philharmonie und Musikinstrumenten-Museum am 12. Juni wird es einen Workshop geben, bei dem sie spielen will. Dabei wird sie weiter ihren Weg gehen, sie wird nach ihrer ganz eigenen Bandura-Interpretation suchen. Denn Khrystyna Petrynka hat eine Botschaft. Sie sagt: „Die ukrainische Kultur ist fantastisch.“ Und ihre Augen leuchten dabei.

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