Russische Museen im Zweiten Weltkrieg: Von detektivischer Arbeit und bewegenden Schicksalen

12.12.2019Russische Museen im Zweiten Weltkrieg: Von detektivischer Arbeit und bewegenden Schicksalen

Russische und deutsche Forscherinnen und Forscher haben erstmals gemeinsam die Kriegsverluste von russischen Museen im Zweiten Weltkrieg untersucht – zum Abschluss des Projekts wurde nun die Publikation mit den Ergebnissen vorgestellt. Die Mitautorinnen Ulrike Schmiegelt-Rietig und Corinna Kuhr-Korolev erklären im Interview, wie die Arbeit verlief und warum das Buch so wichtig ist.

Die Fragen stellte Sven Stienen

Sie haben soeben Ihr Buch über den Kunstraub während des Zweiten Weltkriegs in Russland vorgestellt. Warum sollte jemand das Buch lesen?

Ulrike Schmiegelt-Rietig: Um die Vorgeschichte zu verstehen. Immer wenn es hierzulande um „Raub- und Beutekunst“ geht, wird reflexartig nach den deutschen Verlusten gefragt. Wir hoffen, dass unser Buch einer breiten Leserschaft vermitteln kann, dass die russischen Trophäenkommissionen und das Abtransportieren von Sammlungen deutscher Museen und Privatsammler das Ergebnis einer Vorgeschichte – und zwar einer sehr brutalen – waren. Und dass man in Zukunft auch daran denkt, wie die Städte und Schlösser in der ehemaligen Sowjetunion, zum Beispiel in Nowgorod, nach Kriegsende aussahen – Nowgorod war eine Ruinenstadt, an der die Rückkehrenden zunächst vorbeifuhren, weil sie sie nicht mehr erkannt haben.

Sie sprachen von detektivischer Arbeit – wie lief die Forschung konkret ab?

Ulrike Schmiegelt-Rietig und Corinna Kuhr-Korolev
Die Autorinnen Ulrike Schmiegelt-Rietig und Corinna Kuhr-Korolev © SPK / Sven Stienen

Corinna Kuhr-Korolev: Es war eine ganz normale historische Forschung. Wir haben an allen Stellen, an denen es Quellen geben könnte, nach ihnen gesucht, also nicht nur in staatlichen Archiven, sondern auch in Universitätsarchiven und privaten Nachlässen. Fotoarchive spielten ebenfalls eine große Rolle: Wir haben einen großen Bestand im Bildarchiv des Bundesarchivs, circa eine Million Fotos von Bildberichterstattern des Zweiten Weltkriegs, auf unseren Forschungsbereich bezogen durchgesehen und nach Hinweisen auf zerstörte Kunst oder Mitnahmen von Kunst gesucht. Wir haben auch Militärarchive und russische Museumsarchive gesichtet und versucht, an die Nachlässe von russischen Museumsmitarbeiter*innen zu gelangen, um nach und nach zu verstehen, was vor Ort passiert ist. Es ging also bei unserer Arbeit um eine Rekonstruktion des Kriegsgeschehens und des Schicksals der Kunst im Krieg.

Es geht in dem Buch auch um menschliche Schicksale und emotionale Geschichten. Gibt es konkrete Beispiele, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ulrike Schmiegelt-Rietig: Ein denkwürdiger Fall ist der von Vasilij Ponomarev. Er betreute die Sammlungen in Nowgorod ab 1941, obwohl er formell gar kein Museumsmitarbeiter war. Ponomarev gehörte zu den Opfern der Repressionen der Zwischenkriegszeit in Russland. Das änderte nichts daran, dass er sich den Sammlungen verantwortlich fühlte. Er begleitete sie von dem Moment, als die Deutschen sie mitnahmen, und folgte ihnen bis nach Deutschland. Ihm ging es darum, bei „seinen“ Ikonen zu sein und sie zu retten. So hat er zum Beispiel mit Bleistift penibel ihre genaue Zugehörigkeit markiert, um sie nach dem Krieg, nach einer möglichen Rückführung nach Russland, wieder zuordnen zu können. Er ging also mit den Deutschen mit und blieb für den Rest seines Lebens im Exil. In Russland galt er als Verräter. In neuester Zeit haben seine Angehörigen versucht, seinen Ruf zu rehabilitieren. Das Bild Ponomarevs ist heute zwiespältig – für die einen ist er jemand, der diese Objekte liebte und schützen wollte, für die anderen ist er noch immer ein Kollaborateur.

Ein wirklich bewegendes Schicksal …

Ulrike Schmiegelt-Rietig: Diesen Menschen hat seine Liebe zu den Objekten die Heimat gekostet. Er hatte keine Wahl, er wurde zum Spielball der Ereignisse. Er blieb bei seinen Objekten, aber am Ende war ihm aber klar, dass er nicht zurückkehren kann, ohne sein Leben zu riskieren – diese Geschichte finde ich emotional sehr berührend. Ponomarevs Nachlass ist zweigeteilt und wir haben beide Hälften angeschaut. Der eine Teil ist in der Universitätsbibliothek der Universität Marburg und der andere im Herder Institut, ebenfalls in Marburg. In der Universitätsbibliothek liegt unter anderem ein Tagebuch Ponomarevs, das er mit „Der Untergang Nowgorods“ betitelt hat. Es setzt schon deutlich vor dem Krieg ein und er beschreibt darin, wie die Stadt Stück für Stück in Ruinen fällt.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion bei der Buchvorstellung
Die Autoren Wolfgang Eichwede, Ulrike Schmiegelt-Rietig, Corinna Kuhr-Korolev und die Journalistin Anastassia Boutsko bei der Buchvorstellung © SPK / Sven Stienen
Cover des Buchs "Raub und Rettung: Russische Museen im Zweiten Weltkrieg"
Cover des Buchs "Raub und Rettung: Russische Museen im Zweiten Weltkrieg" © Böhlau-Verlag

Raub und Rettung: Russische Museen im Zweiten Weltkrieg

Das Buch fasst die Ergebnisse des Projekts zusammen, das den Kunstraub durch das nationalsozialistische Deutschland anhand detaillierter Fallstudien beleuchtet. Es ist der erste Band der „Studien zu kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern“. Herausgegeben wird es von der Kulturstiftung der Länder und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Was erhoffen Sie sich mittelfristig als Ergebnis dieser Buchveröffentlichung?

Corinna Kuhr-Korolev: Wir erhoffen uns ein Umdenken und Nachdenken. Wir erhoffen uns mehr Bewusstsein für das, was in Russland nicht nur an Kunst mitgenommen wurde, sondern auch was an Kunstwerken und Kunstdenkmälern zerstört wurde. Und außerdem würden wir uns erhoffen, dass die Menschen davon erfahren, wie viel damals außer Landes gebracht wurde, und vielleicht feststellen, dass sie doch noch etwas zu Hause haben, das der Großvater mitgebracht hat. Denn ein großer Teil der aus Russland mitgenommenen Objekte landete in deutschem Privatbesitz – diese Dunkelziffer ist kaum zu ermitteln und es ist heute sehr schwer, die Wege dieser Objekte nachzuzeichnen. Zu guter Letzt würden wir uns natürlich auch freuen, wenn wir dazu beitragen können, dass der Forschungsbereich in Zukunft finanziell mehr unterstützt würde, das ist nämlich derzeit nicht der Fall.

Ulrike Schmiegelt-Rietig: Dem würde ich mich anschließen. Ich bin Provenienzforscherin und wir haben vier große Bereiche, in denen wir forschen. Die russischen Kriegsverluste gehören leider nicht dazu, ebenso wenig die ukrainischen – also die im historischen Sinne sowjetischen. Es ist aber ein sehr wichtiger Forschungsbereich, auch wenn es nicht in erster Linie um Objekte geht, die in großer Zahl in Museumssammlungen vorkommen. Aber es gibt eben doch Objekte, auf die das zutrifft und wir dürfen diesen Teil der Geschichte, gerade in Deutschland, nicht aus dem Blick verlieren.

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