Das große Gedächtnis

08.06.2021Das große Gedächtnis

Hanns Zischler erinnert sich an seine ersten Besuche im Ibero-Amerikanischen Institut. Die Forschungseinrichtung hat ihm später dabei geholfen, Geheimnisse Südamerikas zu lüften.

Von Hanns Zischler

Eingangsbereich des Ibero-Amerikanischen Instituts
Blick auf das Ibero-Amerikanische Institut, das zwischen 1967 und 1978 zusammen mit der Staatsbibliothek errichtet wurde © IAI/ Friedhelm Schmidt-Welle

Das Ibero-Amerikanische Institut ist mir in den ersten Jahren meiner Besuche in der neuen Staatsbibliothek Ende der 1970er-Jahre zunächst nicht weiter aufgefallen. Selbst die neuen Standbilder von Simón Bolívar und José de San Martín fand ich im denkmaldiätetischen West-Berlin zwar bemerkenswert, doch blieben sie für lange Zeit nur zwei beeindruckende, aber verwaiste Galionsfiguren am großen Bug der Scharoun’schen Bibliothek. Vielleicht war es auch die eigenwillige Bezeichnung „Institut“, die mich abgehalten hat, mich mit diesen Räumen vertraut zu machen – bei aller Liebe zur lateinamerikanischen Literatur und trotz einer persönlichen Begegnung mit Jorge Luis Borges.

Das änderte sich von Grund auf, als ich um das Jahr 2007 etwas über die Hinterlassenschaften des deutschen Geobotanikers und Landvermessers Arnold Schultze herausfinden wollte, dessen Schmetterlingskoffer (mit Tausenden Exemplaren) im Berliner Museum für Naturkunde unerforscht aufbewahrt wurde. Dieser Naturkundler hatte in den 1920er und 1930er-Jahren in Kolumbien und Peru gearbeitet und 1936 einen ungewöhnlich inhaltsreichen und literarisch beeindruckenden Forschungsbericht an so entlegener Stelle veröffentlicht, dass dieser leider, ähnlich wie seine Sammlungen, unbeachtet blieb. Im Ibero-Amerikanischen Institut waren über die nordkolumbianische Sierra Nevada de Santa Marta und die andinische Welt Perus Literatur, Zeitschriften, Kartenwerke und Fotosammlungen sonder Zahl zu finden. Zusammen mit der Zeichenkünstlerin Hanna Zeckau habe ich schließlich diesen Schmetterlingskoffer „geöffnet“.

Gesprächsreihe „Kulturforum – Forum der multiplen Modernen“

Als Teil des Berliner Kulturforums hat das IAI eine Gesprächsreihe initiiert, um einen Dialog über Gegenwart und Zukunft des Kulturforums als Forum der multiplen Modernen anzustoßen.

Es war Caterina Indolfo, die mir in diesem Fall und einige Jahre später noch intensiver bei einer komplexen Recherche mit Rat und Tat zur Seite stand: Es ging darum, die Wege und Aufenthalte des Potsdamer Gärtners Friedrich Sellow genauer zu bestimmen, der von 1814 bis zu seinem rätselhaften Tod 1831 im Rio Doce das südliche Brasilien unermüdlich sammelnd und zeichnend durchquert und Berlin und London damit beliefert hat. Über diesen solitären Forschungsreisenden haben wir schließlich einen umfangreichen Sammelband, herausgegeben von Sabine Hackethal, Carsten Eckert und mir veröffentlicht. Ohne den reichhaltigen Bestand des Ibero-Amerikanischen Instituts hätten einige große Lücken nicht geschlossen werden können.

Portrait Hanns Zischler
© Jennifer Fey

Hanns Zischler

Nach ersten Erfolgen am Theater, wo der 1947 geborene Hanns Zischler u. a. als Regieassistent von Peter Stein arbeitete, wirkte er ab 1970 als Schauspieler in Filmen von Wim Wenders, Claude Chabrol oder Steven Spielberg. Der geborene Franke lebt seit über 50 Jahren in Berlin.

Die Nachricht vom Brand und der so gut wie vollständigen Zerstörung der Sammlungen des Museu Nacional in Rio de Janeiro am 2. September 2018 hat mir schlagartig den einzigartigen Wert des Ibero-Amerikanischen Instituts wieder vor Augen geführt. Dieses Institut ist aufgrund der Vielfalt seiner archivalischen Bestände – Bibliothek, Kartenwerke, Foto- und Videothek – so etwas wie die lebendige Synthese eines „idealen“ Lateinamerika. Archive sind alles andere und weit mehr als bloße (An-)Sammlungen, sondern sie enthalten ein Versprechen auf die Zukunft und bilden ein stets neu zu aktivierendes Gedächtnis uneingelöster Entwürfe und Versprechen für eine mühsam zu erringende Befreiung. In diesem Sinn sind die Standbilder von Bolívar und San Martín aktuell und erinnern an die ständige Bedrohung, der dieser Kontinent mehr denn je ausgesetzt ist.

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