Was man gesehen haben muss

21.09.2021Was man gesehen haben muss

Die Ausstellungsfläche der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum ist riesengroß, die Vielfalt der gezeigten Sammlungen enorm, hinzu kommen zeitgenössische Installationen. Hier eine kleine Orientierungshilfe

Schaumagazin Afrika

Sammeln als Aneignung und Konstruktion der Welt, als Form der Durchsetzung von Hegemonie wie auch der Selbstpräsentation des imperialen Deutschlands wird im Zusammenhang mit dem Schaumagazin Afrika ebenso diskutiert wie die Frage der Deutungshoheit und Verfügungsmacht über die Sammlungen. 

Die Exponate zeigen nicht nur, wie die Menschen in Afrika lebten, sie spiegeln ebenso die Weltanschauungen derjenigen wider, die sie sammelten und erwarben. Deshalb wird die Präsentation durch eine mediale Ebene mit Informationen zu den einzelnen Objekten, den Sammler*innen, der Erwerbungsgeschichte und den Sammlungskontexten ergänzt.

Mangaaka-Figuren sind in der Auseinandersetzung mit dem Vordringen des westlich dominierten Kapitalismus und dem Kolonialismus  an der westafrikanischen Küste des ehemaligen Königreichs Kongo entstanden.  Diese Skulptur, eine der weltweit nur noch 17 erhaltenen Mangaaka-Figuren, wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefertigt. Die riesigen, handtellergroßen Porzellanaugen sind direkt auf den Betrachter gerichtet, in der Höhe des Bauchnabels befindet sich ein Loch. Ursprünglich war es der Aufbewahrungsort für verschiedenste wirkmächtige Substanzen, die der Figur Kraft verleihen sollten, damit sie die Gemeinschaft vor feindlichen Angriffen und Kriminellen schützen konnte.  Die Eisennägel und -klingen im Körper dienten zur Besiegelung von Schwüren oder Verträgen und zu anderen juristischen Zwecken. Indem man einen neuen Metallteil in die Figur hieb, aktivierte man die Furcht erregende Kratt von Mangaaka. Jeder, der Unwahrheit sprach oder einen Vertrag nicht einhielt, lieferte sich der Verfolgung durch diese Kraft aus.

© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel
© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel
© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Kuppelraum

Unter der Kuppel der rekonstruierten Schlossarchitektur ist der wohl schönste Saal des Humboldt Forums entstanden: Eine Reise von Oase zu Oase an der nördlichen Seidenstraße unter einer Kuppelprojektion, welche die Abbildungen vom Himmel und den Sternen aus der Region als Inspiration hat, wird angedeutet. Zeugen dieser multikulturellen und multireligiösen Region sind die 1000-1500 Jahre alte Fragmente von Handschriften und Holztafeln in über 20 Schriften und Sprachen, die im trockenen Wüstenklima erhalten blieben.

Die Konstruktionen in der Mitte des Raumes sind von den regionalen Berglandschaften inspiriert, hier wurde ein Teil eines 1400 Jahre alten buddhistischen Höhlentempels in einem neu entwickelten Verfahren mit originalen Wandmalereien rekonstruiert. Ursprünglich war die sogenannte „Höhle der 16 Schwertträger“ Teil einer buddhistischen Tempelanlage, damals im Königreich Kucha gelegen. Die Auftraggeber, die sogenannten „Schwertträger“: Indo-europäische Tocharer, die in ihren nach iranisch-sassanidischer Mode geschnittenen Kaftanen ursprünglich in die engen Seitenkorridore gemalt wurden, schauen auf uns.

Die Höhlen wurden in das weiche Gestein der Berge gegraben. Einige dienten den Mönchen als Unterkunft oder als Meditationsraum, andere mit Wandmalereien versehen, waren größere Räume für Rituale. Albert Grünwedel, Direktor der Indischen Abteilung des Museums für Völkerkunde, erfasste sie während der deutschen sogenannten „Turfan-Expeditionen“. Nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs (1911) wurden diese Wandmalereien 1913 als Platten von den Wänden abgenommen, über Russland nach Berlin gebracht und dort restauriert, konserviert und wissenschaftlich erforscht. Auf Forschungsreisen nach China dokumentierten Museumsmitarbeiter*innen die Höhle in Kooperation mit den dort zuständigen Behörden und mit dem Kucha Forschungsinstitut. Eine chinesisch-deutsch-russische Publikation die dieses Jahr in China erschien, stellt das Ergebnis von 10 Jahren Zusammenarbeit dar: Alle Wandmalereien aus Kizil im Museum für Asiatische Kunst in Berlin wurden dort veröffentlicht und digital rekonstruiert. Weitere Publikationen sind in Arbeit.

Einmalig im Kuppelsaal ist zudem die mit buddhistischen Motiven bemalte Holzdecke aus dem achten bis zehnten Jahrhundert. Sie diente ursprünglich als Deckentragwerk eines Torvorbaus in einem buddhistischen Tempel. In einem internationalen Forschungsprojekt wurde sie erforscht und rekonstruiert sowie umfangreich restauriert. Sie konnte nun dank einer kaum sichtbaren Haltekonstruktion so eingebaut werden, dass der Eindruck entsteht, als schwebe sie.
 

Göttlichkeit in Polynesien – Federmantel

Von Beziehungen zwischen Dingen, Menschen und Gottheiten, von der Leben gebenden und nehmenden Kraft „mana“ und vom heiligen Zustand „tapu“ erzählt das Modul „Göttlichkeit in Polynesien“: Die polynesischen Gesellschaften waren bis ins 19. Jh. streng hierarchisch. An der Spitze stand der Geburtsadel, aus dem auch die Herrschenden stammten. Die herrschenden Männer und Frauen galten als göttlichen Ursprungs: Durch sie nahmen die Gottheiten und vergöttlichten Ahnen Kontakt mit den Menschen auf. Sie garantierten und wachten über Gesundheit, Erfolg und Wohlstand der Menschen. Durch Opfergaben, Zeremonien und Tribute wurden sie geehrt und wohlwollend gestimmt. Objekte standen im Mittelpunkt dieser Beziehungen zwischen Herrschenden und Gottheiten.

Eins dieser beeindruckenden Objekte kann nun im Humboldt Forum bestaunt werden: Ein Federmantel aus Hawai’i. Federmäntel (ʻahu ʻula) gehören zu den faszinierendsten Gegenständen von Hawaiʻi. Frauen bereiteten die Federn vor und Männer befestigten Tausende von Federn auf einer Art Fischfangnetz und verarbeiteten sie zu den seltenen Mänteln. Die Mäntel waren Symbole der Macht und Göttlichkeit der Herrschenden und wurden zumeist bei Zeremonien nur von ranghohen Personen getragen. Zusammen mit einem Helm schützten sie die heiligsten Körperteile eines Herrschers, Kopf und Rückgrat. Die Mäntel waren selten und wurden unter ranghohen Personen vererbt.

© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Ein Federmantel für Friedrich Wilhelm III.

Federmäntel waren bis in das 19. Jahrhundert auch wichtige Tauschgegenstände in Hawaiʻi, um Beziehungen herzustellen oder Personen auszuzeichnen. Honolulu war ein Zentrum deutschen Handels, das die preußischen Seehandelsschiffe als Zwischenstation auf dem Weg nach Ostasien ansteuerten. König Kamehameha III. (reg. 1824–1854) von Hawai’i schenkte 1828 König Friedrich Wilhelm III. von Preußen diesen Mantel, den einst sein Vater König Kamehameha I. (reg. 1795–1819) getragen haben soll. Dazu übergab er den Mantel an Wilhelm Oswald, der ihn zusammen mit anderen Gegenständen auf dem preußischen Seehandlungsschiff Princess Louise nach Berlin brachte und Friedrich Wilhelm III. überreichte. Im Gegenzug erhielt Kamehameha III. 1831 von dem preußischen König u.a. eine Gardeuniform, ein Porträt des Königs Friedrich Wilhelm III. in Öl, ein Porträt von General Blücher, Sattel, Schwert und Pistolen sowie preußische Industriegüter wie Lehnstuhl, Hut, Kleid und Schmuck.

© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Hörraum / Musikethnologie

Im Ausstellungsbereich Musikethnologie wird der vermeintlich sichere Boden der Gegenstände verlassen. Hier richtet sich der Fokus nicht auf regionale kulturelle Besonderheiten, sondern auf die materielle, klangliche und ästhetische Vielfalt der Musikkulturen im globalen Sinn.
Im Zentrum der Präsentation steht ein elliptischer Hörraum, in dem die Besucher*innen in das Erlebnis des Klangs regelrecht eintauchen können. Grundlage dafür ist ein speziell für diesen Raum vom Fachgebiet Audiokommunikation der TU Berlin konzipiertes Tonwiedergabesystem, das in der Lage ist, Klänge in alle drei Dimensionen des Raumes zu verteilen. Informationen zum Programmablauf der unterschiedlichen, etwa 15-minütigen Klaginstallationen finden sich an den Eingängen. Bewusst verzichtet wird in diesem Raum des Hörens auf eine großflächige Reproduktion von visuellen Inhalten. Stattdessen bietet sich die Möglichkeit der Ansteuerung von sechs in die Wände integrierten Monitoren sowie der Programmierung der in die Decke eingelassenen mehrfarbigen Lichtquellen. Ein Schaumagazin in der Außenwand des Hörraums widmet sich verschiedenen Musikinstrumentensystematiken, dies ermöglicht eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit der Thematik. In die gegenüberliegende konkave Wand sind Vitrinen und zum Thema Musikinstrumentenbau integriert. Medienstationen informieren über aktuelle Forschungsprojekte und die Geschichte des Berliner Phonogramm-Archivs.

Township Wall

Die aus ca. 100 Einzelteilen bestehende, über 10 Meter lange Installation „Township Wall“ stammt von dem angolanischen Künstler António Ole. Er schuf sie 2001 für die Ausstellung „The Short Century“ im Gropiusbau. Als Geschenk des Künstlers an das Ethnologische Museum findet sie nun, von ihm leicht überarbeitet, ein neues Zuhause im Humboldt Forum. 
António Ole hat mehrere „Township Walls“ in verschiedenen Städten rund um den Erdball geschaffen. Die erste Wand entwarf er 1994 für sein Werk „Margem da zona limite“ (Rand der Grenzzone). Der Titel spielt auf den Bürgerkrieg in Angola (1974–2002) an, als viele Menschen Zuflucht in der Hauptstadt Luanda suchten und die Stadtränder zugleich die Grenzlinien zum Bereich tödlicher Gefahr bildeten. Für seine „Walls“ verwendet der Künstler immer Materialien aus dem alltäglichen Leben, die nicht mehr gebraucht, mithin als Sperrmüll, Schrott oder Abfall betrachtet werden. Die „Township Wall“ beschreibt Erfahrungen, die sich von Oles Heimatstadt Luanda in Angola auch nach Chicago in die USA und nach Berlin in Deutschland übertragen lassen. Wem gehört die Stadt? Und was prägt sie? Die fest zementierten Innenstädte oder die sich stets wandelnde Architektur in den Nischen und an den Rändern der Stadt? Sind es nicht die „Ränder“, in denen man Kreativität, Innovation und Freiheit findet? 
Mit der Installation „Township Wall“ integriert das Ethnologische Museum erstmals ein Werk zeitgenössischer Kunst aus Afrika in seine Dauerausstellung. Dies unterstreicht den Anspruch des Museums, nicht-europäische Gesellschaften und Kulturen in ihrer historischen und gegenwärtigen Ausprägung und in ihren überregionalen und globalen Beziehungen vorzustellen und damit den engen Begriff des ‚Ethnologischen‘ zu sprengen.

Moderne Wandinstallation
© SPK / Stefan Müchler
© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Kunst aus Ton

Die dichte Präsentation der Keramiken der ostasiatischen Studiensammlung ermöglicht es, eine Vielzahl von Objekten ans Licht zu holen, die ansonsten  im Museumsdepot Forscher*innen vorbehalten bliebe. Zudem bietet sie die Möglichkeit, kunsthistorische Vergleiche anzustellen und kulturgeschichtliche Zusammenhänge aufzuzeigen.

Die Geschichte der Keramik reicht weit zurück, sie war bereits vor mehreren tausend Jahren in verschiedenen jungsteinzeitlichen Kulturen Chinas verbreitet. Keramiken wurden im täglichen Leben benutzt, dienten der Ausschmückung von Wohnräumen und auch als Grabbeigabe. Schon früh jedoch entwickelte sich in China auch ihre ästhetische Wertschätzung, dies förderte die Entwicklung des Materials, der technischen Raffinesse und Stilvielfalt der Erzeugnisse. Das seit dem 14. Jahrhundert in Jingdezhen in Massenproduktion hergestellte, weltweit erste echte Porzellan wurde zum wichtigen Handelsgut und globalen Übermittler ostasiatischer Kultur und künstlerischer Genialität. 

 Vor allem florierte das Porzellan mit kobaltblauer Unterglasurmalerei, seine Beliebtheit trug entscheidend zur Entwicklung des europäischen Porzellans bei. Besonders in den Niederlanden hatte das chinesische Blau-Weiß-Porzellan großen Einfluss auf die dortige Keramikproduktion, wie etwa eine chinesische Schüssel aus dem 17. und eine in Delft im 18. Jahrhundert entstandene Schüssel verdeutlichen. Beide zeigen fahnenähnliche Felder an den Rändern mit ornamentalen und figürlichen Darstellungen.Der Dekor mit Elefant und zwei Mönchen der chinesischen Kraak-Schüssel, wurde in dem Delfter Stück durch einen Löwen vor einem Tempel ersetzt.

Teehaus

In gewisser Weise steht dieses Teehaus für das Selbstverständnis des Humboldt Forums insgesamt: Es vereinigt Tradition und Moderne, bringt unterschiedliche Menschen und Kulturen zusammen, ermöglicht gemeinsame sinnliche Erfahrungen an einem Ort der absoluten Ruhe und dies mitten in der historischen Mitte der quirligen Hautstadt Berlin.

Mit dem eigens für die neue Sammlungspräsentation im Humboldt Forum gestalteten Teehaus wird die vom Museum für Asiatische Kunst bereits in Dahlem praktizierte Tradition der öffentlichen Demonstrationen der Teepraxis fortgesetzt. Entworfen von einem Architektenteam um Jun Ura aus Kanazawa und verwirklicht unter Beteiligung von Künstlern und Handwerkern aus Japan stellt das Teehaus sensible Bezüge zwischen der japanischen und deutschen Geschichte und Kultur her, indem die Außenwände und das Dach aus rostrotem Cortenstahl die oktogonale Form der Turmruine der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Mahnmal für den Frieden aufnehmen. Neben traditionellen Materialien wie handgeschöpftem Papier und lackiertem Holz dominieren moderne Baustoffe. Die Innenwände des Hauptraums sind mit acht traditionellen Reisstrohmatten (in Kyotoer Maß), die mit europäischem Lehm verkleidet wurden, ausgestattet. 

Das Teehaus besteht aus einem Vorbereitungsraum und dem Hauptraum, in dem die Teezusammenkünfte stattfinden. Hier befinden sich eine im Boden eingelassene Feuerstelle und eine Wandnische, in der herausragende Kunstwerke präsentiert werden. An diesem Ort der Ruhe und des Genusses können die Besucher*innen den japanischen Teeweg mit allen Sinnen erfahren und dabei den Alltag für einen Moment vergessen.
 

© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel
© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Nandi


Höhepunkt hinduistischer Tempelfeste sind auch heute noch große Prozessionen. Dann verlassen die Götter in Gestalt von Bronzebildern auf ihren hölzernen Reittieren sitzend das Heiligtum und können nun auch von gesellschaftlichen Randgruppen, die den Tempel normalerweise nicht betreten dürfen, gesehen und verehrt werden.

Nandi, den Legenden nach ein weißer Buckelstier von gewaltiger Kraft und Männlichkeit, ist Shivas Reittier und gleichzeitig sein treuester Verehrer. In den Mythen tummelt er sich mit der göttlichen Familie auf dem heiligen Berg Kailash und er trägt Shiva von Ort zu Ort. Nandi steht für Stabilität und Aufrechterhaltung der frommen Ordnung und gilt als Vermittler zwischen den Gläubigen und ihrem Gott. Besucher*innen des Tempels bringen an Festtagen deshalb nicht nur Shiva, sondern auch ihm Opfergaben dar. Vor vielen Shiva-Tempeln Indiens lagert ein meist steinerner Nandi vor dem Heiligtum, den Blick zum Sanktum gwendet. Auch im Humboldt-Forum sind seine Augen fest auf Gott Shiva gerichtet.

Elegant schreitet dieser weiße Stier aus. In echter Rindermanier leckt er mit der Zunge ein Nasenloch. Er ist festlich geschmückt: Die Bemalung zeigt prächtiges Zaumzeug um Kopf und Hals, eine mit Bordüren gefasste Reitdecke und die Riemen, von denen Glöckchen hängen.Diese Prozessionsfigur  kam 1987 als Geschenk einer Schweizer Sammlerin ins damalige Museum für Indische Kunst und stellt heute einen besonderen Blickfang im Humboldt Forum dar. 

Wang Shu Saal

Der von dem chinesischen Architekten und Pritzker-Preisträger Wang Shu gestaltete und nach ihm benannte Thronsaal zur Repräsentation chinesischer Hofkunst unterscheidet sich in seiner Gliederung, Materialität und Anmutung vollkommen von den ihn angrenzenden Ausstellungsräumen.

Den Raum dominiert die gewaltige, an die chinesische Pagodenform angelehnte Dachkonstruktion, die unter der Saaldecke zu schweben scheint. Sie wurde aus Pappelholz gefertigt und besteht aus 1300 Einzelteilen, die durch 1500 Verschraubungen miteinander verbunden wurden. Jedes der 11 Joche hat eine Gesamtlänge von 17 Metern bei 4 Metern Höhe. Die gesamte Konstruktion wiegt rund 16 Tonnen und hängt an 176 Punkten mit je 4 Ankern an der Geschossdecke.

Der Fußboden aus schwarzem Naturstein wird umgeben von lehmverputzten Wandflächen.Eine in Edelstahl gefasste Nische nimmt das großformatige Wandgemälde „Die Buddhapredigt“ des Hofmalers Ding Guangpeng (tätig 1708 – 1771) auf. Das Werk (543 x 1015 cm) ist äußerst lichtempfindlich und wird nur einige Male pro Tag präsentiert. Der Thronsitz im Zentrum des Raumes ist der einzige in europäischen Sammlungen, der noch vor dem ursprünglich dazugehörigen Paravent steht. In zarten Farben zeigt er eine Darstellung des „Paradieses der daoistischen Unsterblichen“ saß der Kaiser vor ihm, wurde er so symbolisch in deren Reich aufgenommen. Die enorm aufwendig gearbeiteten Einlagen zahlloser winziger Stücke aus Perlmutt, Gold- und Silberfolie machen dieses kaiserliche Ensemble zu einem Werk besonderer künstlerischer Pracht.

© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel
© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Bootekubus

Besonders eindringlich ist in diesem Raum der Blick von oben auf die Schiffe, die statt auf dem dunklen Boden zu stehen im Pazifik zu schwimmen scheinen. Hier geht es um die Bedeutungen des Meeres für die Bewohner*innen der pazifischen Inseln – als Mittel der Kommunikation, als Weg der Migration, als Rohstofflieferant, aber auch als Bedrohung und als Identitätsstifter. 

Im Zentrum der spektakulären Raumarchitektur stehen sechs Boote, die aus verschiedenen Regionen Ozeaniens stammen, ab 2022 auch ein speziell für Kinder nachgebautes, begehbares Boot aus Fidschi. Eine Wand fungiert als Karte Ozeaniens, sie veranschaulicht auf beeindruckende Weise das Größenverhältnis zwischen den vielen Inseln und der Weite des Meeres. Einen farblich starken Kontrast dazu bilden die geradezu strahlenden, echten Korallenskelette, die in einer 18 Meter langen Wandvitrine aufgereiht sind und auf das Korallensterben infolge des Klimawandels verweisen.

Auslegerboot der Insel Luf

Dieses Auslegerboot stammt von der Insel Luf, die heute zu Papua-Neuguinea gehört. 1881 errichtete die Handelsgesellschaft Hernsheim & Co auf der Insel eine Handelsstation. Die Bevölkerung wehrte sich dagegen. Auf Betreiben Hernsheims überfielen 1882/83 Soldaten der kaiserlichen Marine mit einem „Strafkommando“ die Insel, zerstörten eine große Anzahl von Häusern und Booten, töteten Bewohner*innen und plünderten die Dörfer. Der Bau dieses großen Auslegerbootes begann acht Jahre nach diesem Überfall. Es ist überliefert, dass die Männer darin ihren kurz zuvor verstorbenen Anführer Labenan auf dem Meer bestatten wollten. Dazu kam es jedoch nicht, weil sie zu wenige waren, um das riesige Boot zu Wasser zu lassen. Durch eingeschleppte Krankheiten und die Folgen des kriegerischen Überfalls war die Bevölkerung dramatisch zurückgegangen. Die nächsten Jahre blieb es, seiner Bestimmung enthoben, wohl im Bootshaus. 1903 wurde es durch Max Thiel von Hernsheim & Co erworben und an das Berliner Museum für Völkerkunde verkauft. Die Erwerbsumstände des Bootes auf Luf sind nicht dokumentiert. Bau und Erwerb des Bootes sind Thema einer Medienstation in dem Raum „Ozeanien - Mensch und Meer“. Hier werden auch Interviews des Filmemachers Martin Maden aus Papua-Neuguinea mit Luf-Bewohnern auf der Insel Manu gezeigt. 

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