„Zusammen können wir einen großen digitalen Wissenskosmos aufbauen"

25.03.2022„Zusammen können wir einen großen digitalen Wissenskosmos aufbauen"

Das neue SPK Lab, fantasievolle Hackathons und die vielfältigen Chancen, die der große Datenschatz der SPK-Einrichtungen bietet: ein Interview mit Felix Schäfer und Maria Federbusch.

Das Gespräch führte Oliver Hoischen

Schwarz-Weiß Zeichnung einer Stadt
"Ansicht von Messina und der gegenüberliegenden Küste von Kalabrien", Zeichnung von Karl Friedrich Schinkel, wohl um 1808/1809, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. SM 1a.4, 2011. Abb.: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / CC BY-SA-NC 4.0

Herr Schäfer, die digitale Transformation kommt auch in der Kultur voran. Immer mehr Kunstwerke und Dokumente werden digitalisiert. Was bedeutet das für die SPK?

Felix Schäfer: Für die SPK sind die digitalen Daten, die wir von unseren physischen Objekten und Archivalien gewinnen, eine große Chance. Sie bieten viele Möglichkeiten und sind darum sehr wertvoll. Sie machen Kulturgüter und Gegenstände, die bisher für die breite Öffentlichkeit unsichtbar geblieben sind – zum Beispiel in Depots – erstmals sichtbar. Und sie ermöglichen neue Lesarten von Altbekanntem. Ich nenne einfach mal ein beliebiges Beispiel: Im Kupferstichkabinett gibt es fast 7000 Skizzen, Zeichnungen und Stiche von Karl Friedrich Schinkel, dem großen Berliner Baumeister und Architekten des frühen 19. Jahrhunderts. Viele dieser Werke wurden bereits erschlossen und digitalisiert. Normalerweise stehen bei Schinkel vor allem die Gebäude, Schlösser, Burgen und Städte im Fokus des Interesses. Mit Hilfe der Daten könnte man Schinkel aber auch einmal querlesen: Man kann zum Beispiel all diejenigen Zeichnungen suchen, auf denen Bäumen dargestellt sind, und diese Menge dann vielleicht vergleichen mit Baum-Darstellungen von Zeitgenossen Schinkels. Wo sind da Gemeinsamkeiten, wo gibt es Unterschiede? Ein neues Nutzungsszenario wird so möglich, ein neuer Forschungsaspekt, ein neuer Blick. Und das geht nur, weil wir die digitalen Daten haben.

Das SPK Lab

Das SPK Lab ist ein vom Kuratorium der Stiftung für zwei Jahre finanziertes Projekt mit einer Laufzeit von 11/2021 bis 01/2023. Fachlich geleitet wird es von seinem Initiator, dem stellvertretenden Generaldirektor der SBB, Reinhard Altenhöner, während es als Querschnittsaufgabe organisatorisch dem Chief Information Officer, Johann Herzberg, in der Hauptverwaltung zugeordnet ist. Als neuer Mitarbeiter in der SPK arbeitet Felix Schäfer seit Sommer 2021 hauptamtlich für das SPK Lab und bringt dabei seine wissenschaftliche Ausbildung als Archäologe als auch seine langjährigen Berufserfahrungen mit IT und Datenthemen ein.

Seit vergangenem Jahr leiten Sie ein Projekt mit dem Titel „SPK Lab“. Worum geht es?

Schäfer: Das „SPK Lab“ soll ein Laborraum für digitale Daten sein, also eine experimentelle Werkstatt, in der man sich auf etwas einlässt, ohne vorher genau zu wissen, was am Ende dabei herauskommt. Der „Werkstoff“ sind dabei die digitalen Sammlungen und Bestände unserer Einrichtungen, die wir besser und offener mit anderen teilen, nutzen und vernetzen wollen. Häufig werden digitale Daten von unseren analogen Kulturgütern in konkreten Kontexten und mit konkreten Zielen erzeugt, beispielsweise anlässlich von Ausstellungen, in Forschungsprojekten oder bei Jubiläen. Danach werden die Digitalisate dann entweder in physisch begehbaren Räumen oder virtuell im Internet mit einer spezifischen Präsentation gezeigt. Die digitalen Daten unterstützen also einen bestimmten, vorher definierten, in der Regel kulturwissenschaftlichen Zweck.

Bei einem Datenlabor ist die Herangehensweise umgekehrt: Hier sagen wir, dass wir zwar ganz viele in der SPK getrennt liegende Daten haben, aber wir legen nicht fest, zu welchen Zwecken diese noch alles gebraucht werden können. Und das können dann auch kreative, emotionale und außergewöhnliche Dinge sein, auf die wir selbst nicht gekommen wären oder vielleicht einfach auch keine Zeit haben sie auszuprobieren. Und deswegen gehen wir hier auch einen Schritt weiter als sonst: Wir stellen die Daten wie sie sind zur Verfügung!
Denkbar ist etwa, neue Beziehungen zwischen all den digitalen Wissensbausteinen in der SPK aufzuspüren und nutzbar zu machen. Allein an einem einfachen Beispiel, wie den Flöten von König Friedrich II. lässt sich exemplarisch ein ganzes Netzwerk an Ressourcen und Informationen erstellen, die auf die unterschiedlichen Einrichtungen der SPK verteilt sind – sei es eine Flöte aus seinem Besitz im Musikinstrumentenmuseum, ein Gemälde von Adolph Menzel in der Alten Nationalgalerie, königliche Schatullenrechnungen im Geheimen Staatsarchiv oder Musikhandschriften in den Beständen der SBB ergänzt um historische Zeitungsberichte aus nachfolgenden Jahrhunderten.

Und hier brauchen wir und laden wir die vielen Nutzer*innen von außerhalb der SPK ein uns zu helfen, neu auf unsere digitalen Sammlungen zu schauen. Wir können von ihnen lernen. Aber auch sie lernen etwas über unsere Daten und damit eigentlich über die vielen Schätze in den Einrichtungen. Das „SPK Lab“ schafft einen organisatorischen, mentalen, virtuellen und nach Corona vielleicht auch physischen Raum für solche Experimente. Es fördert neues Denken und soll Innovationen auf den Weg bringen.

Was planen Sie konkret?

Schäfer: In einem ersten Schritt erfassen wir erst einmal die vorhandenen digitalen Bestände – was gar nicht so leicht ist, weil all die Bild-, Text-, Audio-, Video- und 3D-informationen über all die Kunstgegenstände, Druckwerke und Archivdokumente nicht einheitlich vorliegen. Auch die datenbezogenen Prozesse und Infrastrukturen in den Einrichtungen sind heterogen und vielschichtig, einfach auch weil die SPK als Gesamtkosmos viele Bereiche unter einem Dach bündelt und zusammenführt, die an anderen Orten in separaten Institutionen mit ihren Arbeitstraditionen verteilt sind. Zudem werden die Datensätze ganz unterschiedlich präsentiert, auf Webseiten der Einrichtungen, in thematisch fokussierten Portalen oder klassischen Online-Katalogen.

Grafik mit Pfeilen, Bildern und Schrift
Über die SPK verteilte digitale Informationen zu den Flöten von König Friedrich II. 2022. Abb.: SPK Lab, Felix Schäfer / CC BY-SA 4.0

Anschließend wollen wir eine Website aufbauen, die eine einheitliche Übersicht über die Datensätze der SPK liefert und ein weites Tor in die Datenwelt der SPK aufmacht. Auf dieser Seite werden dann die Informationen zu den verschiedenen Online-Präsentationen gebündelt und mit unterschiedlichen Facetten dargestellt. Aber fast noch wichtiger: Es werden Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten und Dokumente selbst ausführlich beschrieben, damit diese im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten und im Sinne des Open Access nicht nur angesehen, sondern auch lokal von Dritten nachgenutzt und unmittelbar bearbeitet werden können, zum Beispiel über direkte Downloads oder standardisierte technische Schnittstellen. Zudem gibt es Hinweise zu Rechten und Lizenzen. Auch Ansprechpartner werden genannt, damit ich Hilfe erhalten kann, wenn ich als Datennutzer*in etwas nicht verstehe.

Und dann wollen wir natürlich auch Veranstaltungen organisieren, wie beispielsweise im Sommer einen Hackathon zur Entwicklung neuer App-Ideen. Vielleicht wird es auch einen Wettbewerb geben, bei dem sich die Teilnehmer*innen künstlerisch mit den Daten auseinandersetzen. Angedacht sind auch Kurse und Tutorials mit Studierenden an Hochschulen, die mit den Daten der SPK lernen und ausprobieren können.

Woran orientieren Sie sich dabei?

Schäfer: Datenlabore gehören auch in der Kultur längst zum Alltag. Bereits stark etabliert und vorbildhaft ist das Projekt Coding da Vinci, das seit Jahren Hackathons organisiert, bei denen sich immer wieder Kulturinteressierte und Datenaffine Personen treffen, spontane Teams bilden und gemeinsam Apps entwickeln, Webseiten kreieren, sich Spiele ausdenken oder Produktideen entwerfen. Es ist sehr inspirierend zu sehen, was die Teilnehmer*innen mit den Daten aus den unterschiedlichsten Sammlungen so alles machen. Auch Einrichtungen aus der SPK, wie zum Beispiel die SBB, haben an diesem Format immer wieder teilgenommen und Daten zur Verfügung gestellt, oder auch eigenen Veranstaltungen organisiert. Feste Datenlabore haben sich seit einigen Jahren vor allem in großen Bibliotheken etabliert. Zunehmend gibt es aber auch Labs in anderen größeren und kleineren Einrichtungen der GLAM-Community, das heißt in Galleries, Libraries, Archives und Museums, die sich international in der GLAM Labs Community zusammengefunden haben. Hinzu kommen die Labs in Universitäten, etwa die Open Science Labs zur Unterstützung innovativer Forschungsprozesse. Als „SPK Lab“ haben wir aber auch den Vorteil, dass wir ein Vorbild bereits direkt vor der Tür beziehungsweise im Haus haben, von dem wir lernen und mit dem wir uns austauschen können: das SBB Lab der Staatsbibliothek.

Frau Federbusch, Sie sind eine der Mitstreiterinnen des „SBB Labs“. Fühlen Sie sich als Pionierin?

Maria Federbusch: Nein. Die New York Public Library hat schon 2008 ein Lab aufgebaut, auch die British Library oder die Nationalbibliothek der Niederlande und andere treiben die Entwicklung seit Jahren voran. Einer der Initiatoren und Verantwortlichen unseres Labs bringt Erfahrungen aus einer früheren Tätigkeit an einer dieser Institutionen mit, wovon wir natürlich profitieren. Das SBB-Lab gibt es inzwischen seit drei Jahren, und wir freuen uns über die Anwendungen und Prototypen, die aus den verschiedensten Forschungsprojekten, Experimenten und Lehrveranstaltungen hervorgegangen sind. Da unsere Metadaten und Digitalisate über eine standardisierte OAI-Schnittstelle schon seit Jahren offen bereitstehen, gehen wir davon aus, dass wir von vielen Nachnutzungen jenseits bekannter Kooperationen keine Kenntnis haben, wie sich zufällig immer wieder herausstellt. Die Website des „SBB Lab“ ist seit 2019 online.

Das SBB Lab

Das seit 2019 existierende SBB Lab ist ein Angebot der Staatsbibliothek zu Berlin. Wie seine Zielrichtung ist auch das Lab selbst experimentell und offen hinsichtlich weiterer Ideen. Die Website versteht sich als work in progress und wird kontinuierlich ergänzt. Verantwortlich zeichnet ein abteilungsübergreifendes Redaktionsteam. Ein Mitglied dieses Teams ist Maria Federbusch, zuständig für IT- und Wissenschaftsmanagement Historischer Buchbestände in der Abteilung Historische Drucke und seit 1987 in der Staatsbibliothek beschäftigt. Sie sieht ihre Aufgabe v.a. in der Identifizierung und Beschreibung der veröffentlichten SBB-Daten.

Alle Inhalte und Aktivitäten werden von einem abteilungsübergreifenden Redaktionsteam betreut. Datensets stehen als Download zur Verfügung; für andere gibt es Beschreibungen zu den technischen Schnittstellen. Das zeigt: Das „SBB Lab“ ist vor allem ein Raum, sowohl ein virtueller als auch ein partiell physischer, wenn man an einzelne Veranstaltungen denkt. Es ist ein Ideenhub. Wir wollen zeigen, was mit den uns zur Verfügung stehenden Daten alles machbar ist und zu Projekten inspirieren. Dazu dienen vor allem auch Veranstaltungen wie Hackathons, die auf ein kreatives wissenschafts- und IT-affines Publikum zielen.

Screenshot einer Website
Screenshot der Website des SBB-Lab (23.02.2022)

Wenn man auf Ihrer Webseite stöbert, findet man dafür viele ganz unterschiedliche Beispiele.

Federbusch: Richtig, es ist ja gerade unser Ziel, das digitalisierte kulturelle Erbe auch auf spielerische Weise erfahrbar zu machen. Im Lab ist man völlig frei. Bei dem Hackathon Coding precarity, einer Kooperation mit der ZBW Kiel Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, ist beispielsweise ein Memory-Spiel entstanden. Da gibt es einen Jaroslaw aus dem Jahr 2019, Saisonarbeiter auf einem Erdbeerfeld, der mit acht Leuten auf einem Zimmer wohnen muss, genauso wie eine Julia aus dem Jahr 1895, eine Schauspielerin, die fast ihre ganze Gage von 165 Mark an den Theaterdirektor abgeben musste. Und Coding Gender, ein Hackathon aus dem Jahr 2019, den die SBB veranstaltet hat, zeigt, wie historisch tief verwurzelt bestimmte stereotype Frauenrollen sind. Besonders erfolgreich war aber unser Transkribathon zu mittelalterlichen theologischen Handschriften.

Warum?

Federbusch: Der 2021 stattgefundene Transkribathon Faithful transcriptions war eine Kooperation mit der Universitätsbibliothek Leipzig und dem Handschriftenportal sowie zugleich ein digitales Crowd-Sourcing-Projekt zu digitalen Handschriften des Mittelalters. Daran haben sich im vergangenen Sommer mehr als 107 Teilnehmer*innen aus verschiedenen Ländern beteiligt und 181 Handschriftenseiten manuell transkribiert. Vorher standen Transkiptionskurse auf dem Programm, ergänzt von Fachvorträgen. Schließlich sollten die Teilnehmer*innen selbständig einige Seiten in einen maschinenlesbaren Text übertragen – Feedback von kompetenter Seite inbegriffen.

Screenshot einer Website
Screenshot der Web-App „Memory des Prekariats”, die im Rahmen des Hackathons „Coding Precarity 2020“ entstanden ist (23.02.2022)
Mittelalterliche Handschrift
Niederrheinische Historienbibel, entstanden in Köln (?), um 1457-60), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 516, Seite 24/25, 2015. Abb.: Public Domain Mark 1.0

All das ist eine Blaupause für weitere Veranstaltungen in der Zukunft. Wir haben noch so viel vor: Die SBB hat ein riesengroßes Angebot an Daten. Von den rund 11 Millionen Objekten der SBB sind erst 170 000 digitalisiert, vor allem Bilddigitalisate von Druckschriften, Manuskripten, Noten und Nachlassmaterialien in verschiedenen Sprachen und Schriften sowie Zeitungen, die wir selbst ins Netz stellen oder über Schnittstellen für jede und jeden zugänglich machen, stehen zur Verfügung. Aber Digitalisate sollen über das bisherige Angebot hinaus als Volltexte angeboten werden, was die Durchsuchbarkeit und Auffindbarkeit von Informationen in nennenswerter Größenordnung erweitert. Wir wollen unsere Bestände weiter sichten, damit arbeiten wir für das „SPK Lab“ gewissermaßen vor. Vor allem wollen wir dieses Wissen auch Leuten zugänglich machen, die sich bisher gar nicht für uns interessiert haben, also nicht nur unseren klassischen Projektpartnern, die unsere Schätze bereits kennen. Wir öffnen uns einem neuen Publikum. Und freuen uns auf Feedback.

Die Datenlabs wirken also sowohl nach Innen als auch nach außen?

Schäfer: Genau. Indem wir unsere Daten so weit wie möglich offenlegen, schaffen wir die Voraussetzungen für neue wissenschaftliche Forschungen, aber auch Citizen-Science-Projekte. Die Schätze der SPK werden durch die digitale Transformation sozusagen „demokratisiert“.
Jeder kann diesen Rohstoff dann entsprechend der Lizenzen so nutzen, wie er ihn braucht. Das ist wirklich eine neue Grundhaltung, die auch in der kürzlich verabschiedete Open Science Erklärung der SPK zum Ausdruck kommt. Aber auch nach innen, für die SPK, wirkt ein Datenlabor und kann Visionen entfalten: Die digitalen Bestände erlauben es, die physischen und organisatorischen Grenzen der Sammlungen und Einrichtungen zu überwinden und eine gemeinsame, alle SPK-Daten integrierende Plattform aufzubauen. Ein solcher Ansatz könnte dann mehr leisten als nur eine einfache Online-Suche, die bei mehreren tausend Ergebnistreffern auch ziemlich anstrengend würde. Auch die Arbeit mit einer großen Menge Volltexten bietet mit Tools der Digital Humanities und Verfahren aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz völlig neue Möglichkeiten. Gemeinsam können wir das Beste aus der datenbasierten Welt machen. Das ist ein echter Gewinn, den keine der Einrichtungen alleine leisten könnte. Perspektivisch können wir zusammen im digitalen Raum einen großen Wissenskosmos aufbauen, an dem sich alle innerhalb und außerhalb der Stiftung beteiligen können und der zu einem großen, gemeinsamen Schatz werden kann.

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