Unverhoffter Zuwachs: ein neuer Rembrandt in der Gemäldegalerie

04.08.2022Unverhoffter Zuwachs: ein neuer Rembrandt in der Gemäldegalerie

Die „Landschaft mit Bogenbrücke“ konnte dem holländischen Meister jetzt wieder zugeschrieben werden – dank der Forschungen von Kuratorin Katja Kleinert

Von Oliver Hoischen

Ein Frau betrachtet ein Gemälde im Depot
Katja Kleinert im Depot bei der Arbeit. Foto: SMB

Wenn Katja Kleinert über Rembrandt spricht, dann kommt sie aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Seine Farbaufträge: mitunter so fein gesetzt, dass deren Brillianz nur unter dem Mikroskop sichtbar wird. Die Figuren: oft skizzenhaft, aber völlig treffsicher. Die Beleuchtung: atmosphärisch so geschickt, dass Spannung entsteht. Und der Pinselduktus: locker, frei, mit jedem neuen Bild noch virtuoser. „Rembrandt ist ein phantastischer Maler, experimentierfreudig, unabhängig und seiner Zeit weit voraus“, sagt sie. „Vor allem: Er hat sich und seine Werke immer weiterentwickelt. In jeder Hinsicht: Maltechnik, Komposition, Motivik.“

Katja Kleinert ist die Kuratorin für die niederländische und flämische Kunst des 17 Jahrhunderts an der Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Sie muss es wissen.

Seit vielen Jahren ist sie an Ausstellungen, Symposien und Forschungsprojekten zu Rembrandt beteiligt, kennt Amsterdam wie ihre Westentasche und meint, dass Berlin rembrandtmässig ganz schön stolz sein kann – schließlich besitzt die Gemäldegalerie nach dem Rijksmuseum in Amsterdam und dem Metropolitan Museum in New York die drittgrößte Sammlung an Rembrandt-Bildern weltweit. Rund zwanzig Bilder aus der Hand des Meisters sind in Berlin zu sehen, noch einmal so viele seiner Schüler und Nachfolger. Sie füllen zwei Säle der Gemäldegalerie. „Das ist wirklich spektakulär. Vor allem auch deshalb, weil sich bei uns Bilder aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden und Themenkreisen Rembrandts befinden“, sagt Kleinert.

Die Voraussetzungen in Berlin sind also ideal, um über Rembrandt zu forschen. Und das bringt spektakuläre Erkenntnisse: Katja Kleinert konnte jetzt zusammen mit ihrer Kollegin Claudia Laurenze-Landsberg nachweisen, dass ein Gemälde, das bisher dem Rembrandtschüler Govert Flinck zugeschrieben wurde, vom Meister selbst stammt: „Die Landschaft mit Bogenbrücke“.

Sie ist eines der wenigen Landschaftsbilder des holländischen Nationalhelden, gemalt um 1638, ein besonders Schmuckstück. „Berlin hat damit nicht einfach nur einen Rembrandt mehr. Wir sind sehr glücklich, ein derart seltenes Sujet des Meisters zu besitzen“, sagt Kleinert.

Aber wie kommt es zu diesem unverhofften Zuwachs? Wie genau ist eine solche Entdeckung möglich?

Gemälde einer Landschaft mit Brücke
Rembrandt Harmensz van Rijn, Landschaft mit Bogenbrücke, um 1638, Öl auf Holz, 28,6 x 39,6 cm, Kat.Nr. 1932, Abb. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Fotografie: Christoph Schmidt

Zumal bei Rembrandt, bei dem die Zu- und Abschreibungen schon immer eine große Rolle gespielt haben, schließlich ist ein echter Rembrandt für jede Sammlung ein wertvolles Juwel. Auch die „Landschaft mit Bogenbrücke“ war 1924 von der Gemäldegalerie als echter Rembrandt erworben worden, und zwar aus der Sammlung des Großherzogs von Oldenburg. Museumsdirektor Wilhelm von Bode war damals besonders stolz auf dieses Bild, lange hatte er sich darum bemüht: Es füllte eine wichtige Lücke in den Berliner Beständen. 1989 aber haben die Wissenschaftler vom „Rembrandt Research Project“ die „Landschaft mit Bogenbrücke“ untersucht – und abgeschrieben. Zugeordnet wurde es seinem Schüler Govert Flinck.

Neutronenautoradiographie
Rembrandt Harmensz van Rijn, Landschaft mit Bogenbrücke, 5. Neutronenautoradiographie. Abb. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Helmholtz-Zentrum Berlin, Aufnahme: Claudia Laurenze-Landsberg

Diese Abschreibung konnte Katja Kleinert nun korrigieren, und zwar mit Hilfe der Neutronenautoradiographie. Denn 1995 waren von dem Berliner Bild neutronenautoradiographische Aufnahmen angefertigt worden, ebenfalls am Forschungsstandort Berlin, also ganz nebenan, im heutigen „Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie“ in Wannsee. Dank dieser Kooperation konnte sich die Gemäldegalerie als einziges Museum weltweit eine systematische Analyse ihrer Werke mit dieser Untersuchungsmethode leisten.

Denn die Neutronenautoradiographie ist sehr aufwendig und auch teuer. Dabei werden die Gemälde mit Neutronen bestrahlt. Die Atomkerne der chemischen Elemente, aus denen die Farbpigmente bestehen, treten mit ihnen in Wechselwirkung – so dass dann die Farbschichten sichtbar werden.

Katja Kleinert kann das anschaulich erklären, schließlich hat sie einige Zeit in Wannsee gearbeitet, interdisziplinär, zusammen mit den Technikerinnen und Technikern, Chemikerinnen und Ingenieurinnen. Autoradiographische Aufnahmen zeigen die Entstehungsphasen eines Gemäldes. „Sie sind Blicke durch Bilder hindurch“, sagt Kleinert.

Und so ein Blick bleibt nicht ohne Folgen: Er hat natürlich auch Einfluss darauf, wie ein Bild einzuordnen, wie es zu interpretieren ist. So wie es bei der „Landschaft mit Bogenbrücke“ geschehen ist. Katja Kleinert hat die umfangreichen Aufnahmen jetzt auch für dieses Bild systematisch ausgewertet - und sie vor allem mit einem anderen Bild Rembrandts verglichen, der „Landschaft mit Steinbrücke“ im Rijksmuseum.

Motiv und Stil beider Bilder sind ähnlich, aber Kleinert konnte beweisen, dass das Berliner Bild früher entstanden ist, dass der Meister daran sozusagen noch geübt hat, seine Lichtregie ausprobierte, die Gewitterwolken von links nach rechts verschob, den Hügel am rechten Bildrand abflachte, die Bäume verkleinerte, immer wieder dick übermalte. Beim Amsterdamer Bild wusste Rembrandt dann schon genau, was er wollte: Er musste nichts mehr korrigieren. Er konnte die spannungsreiche Lichtführung noch überzeugender inszenieren. Beide Bilder beziehen sich also unmittelbar aufeinander. Sie sind von einer Hand gemalt.

Gemälde einer Landschaft mit Steinbrücke
Rembrandt Harmensz van Rijn, Landschaft mit Steinbrücke, um 1638 oder später, Öl auf Holz, 29,5 x 42,5 cm, Rijksmuseum, Amsterdam

„Bei den Zuschreibungen wird es auch künftig immer Bewegung geben“, sagt Katja Kleinert. Und das ist auch gut so. Geht es doch darum, das Wissen über Rembrandt, seine Werke und seine Zeit immer weiter zu vergrößern, auch Details besser zu verstehen. Schon jetzt hängt die „Landschaft mit Bogenbrücke“ im kleinen Rembrandt-Saal. Genau dort bleibt sie auch.

Das stimmungsvolle Bild passt perfekt zu den kleinformatigen Werken Rembrandts und ergänzt diesen Raum thematisch auf das Schönste. Zur Freude der Besucherinnen und Besucher. Die können staunen: über Rembrandt. Und über den Forschergeist, der immer wieder neue Erkenntnisse bringt.

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