Ostpreußen grenzenlos

24.08.2021Ostpreußen grenzenlos

Die berühmte Königsberger „Prussia-Sammlung“ galt lange als verschollen. Jetzt wird sie am Museum für Vor- und Frühgeschichte rekonstruiert und neu erschlossen.

Von Oliver Hoischen

Ansammlung von historischen Dokumenten wie Schriftstücken und Fotos.
Archivalien zum Fundort "Wiskiauten" aus dem früheren Prussia-Museum in Königsberg, Ostpreußen. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: Timo Ibsen.

Heidemarie Eilbracht, Archäologin mit Herzblut, Wissenschaftlerin am Museum für Vor- und Frühgeschichte, schwärmt von einem Schwert. Es stammt aus Wiskiauten, einem großen Gräberfeld im Samland nahe der Ostseeküste, einem richtigen Wikingerfriedhof – und ist zu sehen im Neuen Museum in Berlin. Das Schwert ist aus Eisen, verziert mit Silber- und Kupferdrähten, gefertigt im 10. Jahrhundert nach Christus in Skandinavien. „Ein echtes Prachtstück, auch noch im heutigen Zustand“, sagt Eilbracht. „Für mich steht es für das großartige Können der damaligen Handwerker, aber auch für die Verbindungen zwischen den Menschen und Dingen in den Regionen nördlich und südlich der Ostsee.“

Historisches Schwert
Eisernes Schwert aus dem 10. Jahrhundert, verziert mit Silber- und Kupferdrähten. Gefunden wurde es in einem Grab des Wikingerfriedhofs von Wiskiauten, ehemals Kr. Fischhausen, heute Mochovoe, Zelenogradskij rajon, Kaliningradskaja oblast’, RU. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: Claudia Plamp

Und das genau ist einer der Gründe, die die Archäologie Ostpreußens für Heidemarie Eilbracht zu so einem besonderen, faszinierenden Forschungsgegenstand machen: Die zentrale Lage der Region zwischen den verschiedenen geografischen Räumen Europas, die kulturellen Einflüsse, die die Landschaften an der südöstlichen Ostseeküste von allen Seiten aufnahmen. Heidemarie Eilbracht erzählt vom Bernstein, der dort seit der Steinzeit für regen Austausch und so auch für Wohlstand sorgte. Sie berichtet von der Christianisierung, die in Ostpreußen durch den Deutschen Orden erst spät begann, weshalb noch im Mittelalter Schmuck, Reitzubehör oder Waffen in die Gräber mitgegeben wurden – ein Glücksfall für alle, die heute wissen wollen, wie die Menschen damals lebten. Und sie schwärmt von der sehr aktiven und traditionsreichen archäologischen Forschung, die es in Ostpreußen schon vor der Zeitenwende von 1945 gab und die sie und ihre Kolleg*innen und Partner*innen in Deutschland, Polen, Litauen und Russland jetzt weiter voranbringen – in einem großen Forschungsprojekt, das auf 18 Jahre angelegt ist.

Dabei geht es vor allem um die beeindruckende Königsberger „Prussia-Sammlung“ mit ihren mehreren hunderttausend Objekten und Archivalien, die in Europa einst ihresgleichen suchte. Archäologie hatte die Ostpreußen schon früh fasziniert: Schon 1790 war die „Physikalisch-Ökonomische Gesellschaft“ gegründet worden, eine Gemeinschaft von Gelehrten und anderen Interessierten der Region. 1844 kam die Altertumsgesellschaft Prussia als zweite große Vereinigung hinzu. Beide Gesellschaften machten Ausgrabungen und richteten archäologische Institutionen ein, aus denen später die „Prussia-Sammlung“ hervorging. Die archäologischen Kostbarkeiten wurden prestigeträchtig in einem Museum im Königsberger Schloss präsentiert. Doch dann kam der Krieg, und die wertvollen Stücke und wichtigen Akten wurden auseinandergerissen. Vier Jahrzehnte lang galt die Prussia-Sammlung als verschollen.

Erst spät stellte sich heraus, dass der größte Teil des Museumsguts nach Vorpommern in das bei Demmin gelegene Schloss Broock gelangt war. Dort herrschten schlimme Zustände: Mit den Steinbeilen und Bronzepfeilen spielten die Kinder. Akten sollen zum Feuermachen in der Küche verwendet worden sein. Und offenbar ist es nur dem umsichtigen Leiter des Kreisheimatmuseums zu verdanken, dass die Holzkisten mit den Resten der Sammlung schließlich nach Ost-Berlin in die Akademie der Wissenschaften gebracht wurden – wo man dann aus politischen Gründen über ihre Existenz schwieg. Erst nach der Wende 1990 konnten die archäologischen Funde und Archivalien offiziell ausgepackt, gesichtet, grob gereinigt und neu verpackt werden. Eine Herkulesaufgabe: Die Forscherinnen und Forscher mussten ein Puzzle von hunderttausend Teilen wieder zusammensetzen. Rund 50.000 Objekte aus Eisen, Bronze, Silber oder auch Leder waren gerettet worden, dazu rund 50.000 Einzelblätter des ehemaligen Fundaktenarchivs plus Fotos und Plänen und Karten, die entscheidende Hinweise geben zu den rund 2600 Fundorten im ehemaligen Ostpreußen.

Scan einer geografischen Skizze
Digitaler Scan einer maßstabsgetreuen Skizze des Burgwalls von Kraam, ehemals Kr. Fischhausen. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Archiv (SMB-PK/MVF, PM-A 1859/01/011_1)

Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung – Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung zur Eisenzeit in Baltikum

Das wissenschaftliche Projekt „Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung – Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung zur Eisenzeit in Baltikum“ hat im Januar 2012 seine Arbeit aufgenommen. Beteiligt sind das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Wemhoff und das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig unter Leitung von Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim. Das Projekt wird durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz gefördert. Es befasst sich mit der Rekonstruktion und Neubewertung der traditionsreichen archäologischen Untersuchungen im ehemaligen Ostpreußen. Aufgaben sind die Erschließung und Nutzbarmachung der Quellenbestände, die Relokalisierung und Validierung der Fundstellen und die Untersuchung und Datierung ausgewählter Denkmäler. Gemeinsam mit internationalen Partnern ist es das Ziel, die dichte archäologische Fundlandschaft wiederzugewinnen und zugleich das einzigartige kulturelle Erbe dieser Region dauerhaft zu sichern und es erneut in die europäische Forschung einzubinden.

Heidemarie Eilbracht ist eine von denen, die die Sammlung rekonstruieren und neu bewerten. „Jedes gefundene Teilstück macht mich glücklich: Das können zwei Teile eines Artefakts sein, die urplötzlich zusammenpassen, oder ein neu entdecktes Dokument, das wichtige Informationen zu einem ostpreußischen Fundort liefert.“ Dass die Prussia-Sammlung überhaupt in so großen Teilen erhalten ist, berührt sie sehr. Ihr geht es nicht nur darum, das Wissen über Funde und Ausgrabungen, über Fundorte und Denkmäler, über Forscher und Forschungsaktivitäten wiederzugewinnen und zu sichern. Sie will dieses großartige kulturelle Erbe vor allem für aktuelle und künftige Studien umfassend verfügbar zu machen und in die europäische Forschung gleichsam zurückbringen. Dabei werden sämtliche vorkriegszeitliche Informationen in einer Datenbank gesammelt. Ihr Name: „prussia museum digital“. Seit Mai 2021 ist das Portal für die Fachöffentlichkeit und interessierte Nutzerinnen und Nutzer verfügbar. Für ein das langangelegte Projekt, das so viele internationale Kooperationen umfasst, ist das ein erster großer Erfolg.

Derzeit umfasst die Datenbank diejenigen Königsberger Bestände, die im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin aufbewahrt werden. Weitere Bestände von anderen Aufbewahrungsorten folgen. Dazu gehören Museen wie zum Beispiel das in Allenstein (Olsztyn) in Polen oder das in Kaliningrad in Russland, aber auch nationale Institutionen wie die Universität Göttingen oder das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig. „Der heutige Besucher kann das Prussia-Museum physisch nicht mehr betreten, um die Sammlungen zu studieren. In der Datenbank kann er sich aber ansehen, welche Funde dort aufbewahrt wurden. Oder er kann nachlesen, welche Ausgrabungen wann an welchen Fundplätzen stattgefunden haben“, sagt Eilbracht. „Das ist ein ganz neuartiger und systematischer Zugang zu den verstreuten Quellen.“

Screenshot einer Datenbank
Datenbank "prussia museum digital": Screenshot der Eingabemaske für den Fundort "Kraam" mit zugehörigen Informationen rechts sowie die geographisch-administrativ geordnete Fundort- und Fundstellenverwaltung links. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: Sebastian Kriesch

Selbst war sie immer wieder im Gelände unterwegs: in Polen, im Kaliningrader Gebiet und in Litauen. „Es ist wichtig, eine Landschaft mit eigenen Augen zu sehen, um zu verstehen, warum Menschen ausgerechnet an jenem Bach gesiedelt oder an diesem Hang ihre Friedhöfe angelegt haben“.

Welche unterschiedlichen Einflüsse brachten die Skandinavier, die Westslawen, das Reich der Kiewer Rus und die finno-ugrischen Stämme mit? Wie veränderten sich die prussischen Bestattungs- und Beigabesitten unter dem Einfluss des Deutschen Ordens? Und überhaupt: Wie haben die Menschen damals „getickt“? Das sind die Fragen, die die Archäologin Eilbracht beschäftigen. „Manche denken, dass die Menschen von damals ja lange tot sind und für uns keine Bedeutung mehr haben können. Ich sehe das anders: Durch die Hinterlassenschaften, die wir auf den Ausgrabungen von ihnen finden, in den Gräbern und auf den Siedlungsplätzen, kommen sie uns sehr nah“, sagt sie.

Mehrere Menschen stehen in einem Wald
Moderne Untersuchung in einem vorgelagerten Graben des Burgwalls von Kraam, ehemals Kr. Fischhausen, heute Gračevka, Zelenogradskij rajon, Kaliningradskaja oblast’, RU. © Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie Schleswig, Foto: Timo Ibsen

Für das Museum für Vor- und Frühgeschichte ist das Projekt mit seinen zusätzlichen personellen und finanziellen Mitteln ein Glücksfall: Keine andere Einrichtung hat so viel Kompetenz und Erfahrung, um die ostpreußischen Archivalien und Funde zu erschließen. Archivare, Restauratorinnen und Fachwissenschaftler aller Disziplinen kümmern sich schon seit der Wiederentdeckung der Bestände um ihre Erhaltung. Und weil die Kontakte des Museums in den Osten Europas sind seit je sehr eng sind, wird es für das Projekt zu einem natürlichen Türöffner. „Unsere heutigen nationalen Grenzen haben für die meisten Epochen in der Vor- und Frühgeschichte keine Rolle gespielt, daher lassen sich viele Forschungsfragen gar nicht in nationalen Kontexten umfassend untersuchen“, sagt Eilbracht. „Ja, Archäologie ist auch politisch. Sie fördert das gegenseitige Kennen und Verstehen. Und ich wünsche mir, dass sie das in Zukunft noch stärker tun wird.“ Rückwärtsgewandt ist das wahrlich nicht.

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