Museen und Pandemie: „Wir müssen deutlicher erklären, warum wir systemrelevant sind“

30.04.2021„Wir müssen deutlicher erklären, warum Museen systemrelevant sind“

Die Museumsforscherinnen Kathrin Grotz und Patricia Rahemipour über die coronabedingten Schließungen, gesellschaftlichen Zusammenhalt, das Verbundprojekt „Mapping the Social. Museums and Society“ und das Institut für Museumsforschung.

Das Gespräch führte Oliver Hoischen

Porträtfoto zweier Frauen.
Die Museumsforscherinnen Kathrin Grotz und Patricia Rahemipour. © SMB / David von Becker

Frau Rahemipour, die Corona-Pandemie zeigt: Museen sind offenbar nicht systemrelevant. Wie sehr schmerzt Sie das?

Rahemipour: Die Schließungen sind natürlich schwer zu ertragen. Ich zitiere gern einen Slogan, der einmal einen Buchladen im Prenzlauer Berg schmückte: „Bücher sind Lebensmittel”. Für die Museen gilt das genauso. Aber die vergangenen Monate haben gezeigt, dass das längst nicht alle so sehen.

Wird da zu kurz gedacht?

Rahemipour: Für uns alle, die mit Museen und in Museen arbeiten, ist doch völlig klar: Museen haben einen Bildungsauftrag. Dass sie den aber – anders als die Schulen – in der Pandemie nicht wahrnehmen dürfen, ist aus meiner Sicht falsch. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, sie zeigt die Schwachpunkte. Wir müssen also deutlicher werden. Wir müssen besser erklären, warum wir systemrelevant sind!

Ein modernes Gebäude grenzt an ein altes an einem Fluss.
Pergamonmuseum und James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel Berlin. © Ute Zscharnt für / for David Chipperfield Architects

Also: Wofür brauchen wir Museen? Was sagt die Wissenschaft?

Rahemipour: Die Museen haben vielfältige Aufgaben. Es gibt einen Vierklang: Sammeln, Forschen, Bewahren und Vermitteln. Museen bewahren Kulturgüter nicht nur, sie forschen auch über sie. Und sie teilen dieses Wissen mit der Gesellschaft. Das wird immer wichtiger, zu Recht. Es geht darum, Teilhabe an Wissen zu ermöglichen und Prozesse sichtbar zu machen. Denn: Museen stehen vor der Herausforderung, mit ihrer Arbeit in die Gesellschaft hinein zu wirken. Sie müssen Räume des sozialen Zusammenhalts anbieten.

Das ist ein großer Anspruch.

Rahemipour: Ja, natürlich. Wir am Institut für Museumsforschung lenken unseren Blick darum gezielt auf diese großen Zusammenhänge. Wir machen ja jedes Jahr eine statistische Erhebung aller Museen in Deutschland, da stellen sich im Anschluss immer viele Fragen: Welche Bevölkerungsgruppen fühlen sich überhaupt von Museen angezogen? Verstehen sich die Besucherinnen und Besucher ausschließlich als Konsumenten - oder wünschen sie sich eine aktivere Rolle?

Und?

Rahemipour: Das zeigt: Wir brauchen unbedingt mehr Wissen. Wir müssen für die Museen eine Grundlage schaffen, auf der sie ihre Angebote schärfen können, um sie dann im Dialog mit der Gesellschaft anzupassen. Auch deshalb sind wir froh, ein Teil des von der Berlin University Alliance geförderten Projektes zu sein, das sozialen Zusammenhalt und Museen umfassend in den Blick nimmt.

Frau Grotz, worum geht es bei diesem Projekt?

Grotz: “Mapping the Social. Museums and Society” ist ein Verbundprojekt, in dem zwei universitäre und zwei museale Partner eng zusammenarbeiten. Wir stellen grundlegende  Fragen nach dem gesellschaftlichen Potenzial und der Funktion von Museen - und bearbeiten sie dann aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Unser Projekt ist interdisziplinär angelegt und vereint historische Ansätze mit empirischen Fallstudien und praktischen Interventionen.

Wie viele Menschen gehen denn in Museen?

Grotz: Schon immer existieren kollektive Vorstellungen davon, was ein Museum ist, wie man sich darin zu verhalten hat und was man sich von einem Besuch erwartet. Doch dieser Konsens hat große Risse bekommen: Aus empirischen Untersuchungen wissen wir, dass höchstens ein Sechstel der Bevölkerung regelmäßig ein Museum besucht.

„Mapping the Social. Museums and Society”

„Mapping the Social. Museums and Society” ist eines von sechs Verbundprojekten, die Ende 2020 von der „Berlin University Alliance” im Rahmen der „Grand Challenge Social Cohesion” ausgewählt wurden und bis Ende 2023 gefördert werden.

An jeder der vier Institutionen des Verbunds wird eine Fallstudie von einem/r Post-Doktorand*in durchgeführt. Dr. Lukas Fuchsgruber und Dr. Mareike Vennen, die am Antrag beteiligt waren, werden zwei der Studien durchführen, die anderen beiden Postdoktorand*innen sowie die Koordinationsstelle für Bürger*innenbeirat und Wissenskommunikation werden aktuell besetzt. Noch ist das Projekt also in der Aufbauphase. Am Institut für Museumsforschung werden schwerpunktmäßig Museen als Affekt- und Erfahrungsräume aus Perspektive der Besucher*innen und Nutzer*innen untersucht. Die anderen Fallstudien befassen sich mit dem Konzept des Labors und des Experimentes in Museen, mit den Vernetzungen zwischen Museen und ihrer Umwelt, sowie mit der Entgrenzung von Museumsräumen durch die Digitalisierung.

Das ist nicht viel.

Grotz: Ja, leider. Museen haben in Vergangenheit und Gegenwart nicht nur gesellschaftlich integrierend gewirkt, sondern auch soziale Ausschlüsse produziert. Diesem Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion wollen wir in unserem Projekt auf den Grund gehen. Zugleich wollen wir dazu beitragen, dass Museen den Dialog mit der Gesellschaft zukünftig noch gezielter betreiben können.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist in aller Munde. Ist Ihr Projekt Ausdruck dieser großen Debatte?

Grotz: Auf jeden Fall. Das Thema ist höchst aktuell, nicht nur in Deutschland. Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben und was verbindet uns als Gesellschaft? Da kann ein Blick auf den Mikrokosmos „Museum” sicher einen wichtigen Debattenbeitrag leisten, auch deshalb, weil in Museen seit jeher soziale Interaktionen stattfinden. Ausstellungen greifen ja regelmäßig kontroverse Themen auf. Und musealen Sammlungen schaffen kulturelle Bezüge zu anderen Epochen und Gesellschaften. Das Verbundprojekt ist für uns aber auch noch aus einem anderen Grund wichtig: Es ermöglicht uns, sehr grundlegend und innovativ über Museen und Gesellschaft nachzudenken.

Geben Sie am Ende konkrete Empfehlungen?

Rahemipour: Die Museumslandschaft ist viel zu divers, um Handlungsempfehlungen zu formulieren. Aber wir wollen wissen, wie ein Museum gesellschaftlichen Zusammenhalt erzeugen kann und welche Stellschrauben sind es, an denen man dazu drehen muss. Das Projekt ist sehr anwendungsorientiert gedacht. Die Ergebnisse werden publiziert. Diese Forschung zur gesellschaftlichen Rolle von Museen ist nur ein Anfang. Trotzdem wäre es aus Sicht des Instituts ein Ziel, dass bei der nächsten Pandemie die Museen eben nicht mehr sofort geschlossen werden. Sondern dass sie ihre Rolle mit und für die Gesellschaft gerade in Krisenzeiten ausfüllen dürfen.

Das klingt nach einem langen Weg.

Rahemipour: Ich bin ganz offen. Es wird schon so wahnsinnig viel in den Museen gemacht und unternommen, um sie für den aktuellen öffentlichen Diskurs zu öffnen. Leider sind wir noch nicht gut genug darin, dies auch zu kommunizieren. Es gibt noch Luft nach oben. Wir sind noch längst nicht am Ziel.  

Aber gibt es nicht große Unterschiede zwischen den einzelnen Häusern?

Rahemipour: Die Museumslandschaft in Deutschland ist riesig. Es gibt fast 7000 Museen. Da gibt es natürlich eine große Spreizung, aber auch großes Potenzial.

Schwarz-Weiß Aufnahme einer Frau.
Das Teilprojekt des Instituts für Museumsforschung im Rahmen des Verbundprojekts museum4punkt0 lotet die Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Vermittlung immateriellen Kulturerbes aus. Es fragt danach, welches Potenzial neuere digitalen Formate besitzen, immaterielles Kulturerbe in musealen Kontexten nicht nur zu bewahren und zu vermitteln, sondern auch weiter zu entwickeln und kreativ zu transformieren. Abb.: Strohbortenflechten, Italien, 1939. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Erika Groth-Schmachtenberger

Beispielsweise können Technikmuseen schon lange eine besondere Beziehung zu ihren Besuchern herstellen. Sie sind anwendungsorientierter – und das nicht erst seit gestern. Schon in den 1920er Jahren konnten Kinder im damals noch existierenden Meeresmuseum in Berlin alles anfassen und selbst erkunden. In Kunstmuseen ist das nicht ganz so einfach.

Frau Rahemipour, Frau Grotz, zusammen leiten Sie das Institut für Museumsforschung erst seit kurzer Zeit. Was haben Sie vor?

Rahemipour: Das Institut besteht bereits seit 1979, und die Aufgaben, die es sowohl innerhalb der Stiftung als auch im Rahmen seines nationalen Auftrags erfüllt, sind traditionell vielfältig. Am bekanntesten ist unsere jährliche Statistische Gesamterhebung, die übrigens nächstes Jahr ihren 40. Geburtstag feiert. Grundsätzlich würde ich sagen: Das Institut forscht mit und über Museen. Eines unserer Ziele ist es, zu zeigen, dass diese Forschung unerlässlich ist für eine zukunftsfähige Museumslandschaft.

Zwei Personen untersuchen ein Objekt.
Multimediale Sammlungen stehen im Mittelpunkt der strategischen Partnerschaft zwischen Freier Universität Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beim Forschungscampus Dahlem (FCD). © SPK / photothek.net / Inga Kjer

Grotz: Die Arbeit in den Verbundprojekten ist für uns ein wichtiger Innovationstreiber. Neben „Mapping the Social” etwa in „museum4punkt0“, in der Deutschen Digitalen Bibliothek und in diversen EU-Projekten. Wir gehören zum künftigen Forschungscampus Dahlem. Als Museumspraktiker*innen setzen wir neue Akzente in der Wissenskommunikation: Wir wollen das Institut weit bekannt machen - über die sozialen Medien, innovative Formate oder indem wir ungewöhnliche Allianzen eingehen. Die Villa in Dahlem, der Sitz des Instituts, ist dafür der ideale Ort – erst recht, wenn die Pandemie hinter uns liegt.

Weitere Artikel

Auf unserer Website werden neben den technisch erforderlichen Cookies noch Cookies zur statistischen Auswertung gesetzt. Sie können die Website auch ohne diese Cookies nutzen. Durch Klicken auf „Ich stimme zu“ erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies zu Analyse-Zwecken setzen.

In unserer Datenschutzerklärung finden Sie weitere Informationen. Dort können Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern.