„Geliebteste Freundin“ / „My dear friend“ – Varnhagen-Briefe in der Staatsbibliothek

24.08.2021„Geliebteste Freundin“ / „My dear friend“ – Varnhagen-Briefe in der Staatsbibliothek

Die Staatsbibliothek zu Berlin erwarb einen Briefwechsel zwischen dem preußischen Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense und der britischen Adeligen Charlotte Williams-Wynn. Everardus Overgaauw, Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek, über eine unwahrscheinliche Erwerbungsgeschichte.

Von Everardus Overgaauw

Historisches Schriftstück
Varnhagen-Briefe, SBB-PK, Handschriftenabteilung

Wie wenige andere Persönlichkeiten seiner Zeit verkörpert Karl August Varnhagen von Ense (1785–1858) den Aufstieg Preußens und Berlins während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Geboren in Düsseldorf, zum Mediziner ausgebildet in Berlin, Halle und Tübingen, wurde er ein erfolgreicher Offizier in österreichischen, später in russischen Diensten in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Nach dem Krieg wurde er 1814 preußischer Diplomat; nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst lebte er ab 1819 als amtsloser Bürger in Berlin. Er veröffentlichte verschiedene Bücher, überwiegend Biographien, darüber hinaus zahlreiche Aufsätze und kleine Schriften zu politischen und kulturellen Ereignissen seiner Zeit. Bereits 1814 hatte er die geschätzte Briefschreiberin und Salonnière Rahel Lewin geheiratet. Das Haus Varnhagens und seiner Frau war bis 1833 ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Preußens Hauptstadt. Dank seines während der Befreiungskriege erworbenen Vermögens und des Erbes seiner Frau konnte das Ehepaar sich einen großbürgerlichen Lebensstil erlauben. Varnhagen liebte seine Frau Rahel sehr, die Ehe der beiden galt in Berlin als vorbildlich. Groß war seine Trauer, als Rahel 1833 im Alter von nur 61 Jahren starb.

Stahlstichporträt einer Frau in einem historischen Dokument.
Charlotte Williams-Wynn. Stahlstich von H. Adlard nach einer Zeichnung von H.T. Wells (1856)Aus: Memorials of Charlotte Williams-Wynn. Edited by her sister. With a portrait, London: Longmans, Green and Co. 1877, Frontispiz (aus dem Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek).

Varnhagen führte eine ausgedehnte Korrespondenz, darüber hinaus sammelte er Schriftstücke (überwiegend Briefe) seiner Zeitgenossen. Seine bedeutende Autographensammlung (mehr als 200.000 Dokumente) gelangte 1881 zusammen mit seinen Tagebüchern und Büchern in die Königliche Bibliothek. Sein schriftliches Erbe wurde während des Zweiten Weltkrieges aus Berlin nach Schlesien ausgelagert, kam nach Kriegsende nicht nach Berlin zurück und befindet sich seitdem im „Berlinka“- Bestand der Biblioteka Jagiellońska in Krakau. Nur ein kleiner Teil des Vermächtnisses Varnhagens befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin, darunter die Porträtsammlung und ein kleiner Teil der Autographensammlung. Mehrere Dutzend Briefe Varnhagens finden sich in den Nachlässen seiner Korrespondenzpartner, etwa denen des Adelbert von Chamisso und Leopold von Ranke. Weitere Varnhagen-Briefe erwarb die Bibliothek im Antiquariatshandel.

Anfang November 2019 wurde ich vom Londoner Auktionshaus Bonham’s darüber informiert, dass am 4. Dezember 350 Briefe Varnhagens an Charlotte Williams-Wynn versteigert werden sollten. Ob die Staatsbibliothek zu Berlin daran interessiert sei, diese Briefe zu erwerben? Ja, das war sie. Aber wer war Charlotte Williams-Wynn? Und warum wird sie in den Biographien Varnhagens kaum erwähnt? Charlotte Williams- Wynn (1807–1869) war eine Tochter des adeligen englischen Politikers Charles Williams-Wynn (1775–1850). Varnhagen begegnete sie zum ersten Mal, als sie als 19-jährige mit ihrem Vater 1836 per Dampfer von Rotterdam nach Düsseldorf reiste. Die erste Bekanntschaft auf dem Rheinschiff erfolgte noch auf der holländischen Strecke; Varnhagen stieg in Düsseldorf aus und traf die Engländer in Koblenz wieder. Näher kam man sich dann im August 1836 in Ems, auch durch Sprachunterricht, und Charlotte war es, die dort vor ihrer eigenen Weiterreise nach Wiesbaden die Korrespondenz eröffnete.

Die Begegnung mit Charlotte muss auch Varnhagen beeindruckt haben. Aus seiner Antwort auf den ersten Brief von Charlotte entstand ein geistreicher Briefwechsel. In seinen Briefen bringt Varnhagen seine Sympathie für seine Briefpartnerin, später auch seine Liebe zum Ausdruck. Zusätzlich informiert er Charlotte ergiebig über das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben in der Hauptstadt, über neuerschienene Bücher, Konzerte, Ausstellungen, über Staatsbesuche und weitere politische Ereignisse. Im Auktionskatalog der Firma Bonham’s werden längere Auszüge aus Varnhagens Briefen veröffentlicht, aus denen ihre Bedeutung als historische Dokumente klar hervorgeht. Ebenso ergibt sich aus diesen Briefen, dass Varnhagen sich wirklich in Charlotte verliebt hatte. Nach der ersten Begegnung in Wiesbaden haben sie sich einige weitere Male persönlich getroffen. Varnhagen hat Charlotte 1839 darum gebeten, seine Frau zu werden, aber diese Bitte hat sie abgelehnt, offensichtlich ohne dass die herzliche und tiefe schriftliche Beziehung der beiden unter dieser Absage gelitten hätte.

Nicht nur das Auktionshaus Bonham’s, auch der englische Besitzer der Briefe Varnhagens, Charles Harvey, ein Nachkomme der Familie Williams-Wynn, der die Briefe bei Bonham’s eingeliefert hatte, meldete sich bei mir mit der Frage, ob die Staatsbibliothek zu Berlin daran interessiert sei, diese Briefe zu erwerben. Ich antwortete ihm umgehend bejahend, fügte aber hinzu, dass dieser Wunsch ohne genügend Erwerbungsmittel nicht zu erfüllen sei.

Stahlstich-Porträt eines Mannes in einem historischen Dokument.
Karl August Varnhagen von Ense. Stahlstich von Charles Auguste Schuler, ca. 1840Quelle: SBB-PK, Hand-schriftenabteilung: Portr. Slg / Lit. m / Varnhagen von Ense, K. A., Nr. 1

Über Varnhagen und seine inhaltsreichen Briefe an Charlotte erschien am 29. November 2019 ein ausgezeichneter Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der mit dem Wunsch endete, die Staatsbibliothek zu Berlin möge diese Briefe doch erwerben. Dieser Artikel, einschließlich des letzten Satzes, wurde von dem Berliner Unternehmer Hans-Jürgen Thiedig aufmerksam gelesen. Herr Thiedig meldete sich daraufhin bei mir mit dem Angebot, die Staatsbibliothek zu Berlin in ihren Bemühungen, die Varnhagen-Briefe zu erwerben, zu unterstützen. In einem Telefongespräch sagte Herr Thiedig spontan eine fünfstellige Summe als Spende zu. Dieses wunderbare Angebot habe ich im Namen der Bibliothek dankend angenommen. In der Woche davor hatte ich bereits Kontakt mit der Bernd H. Breslauer Foundation aufgenommen und nachgefragt, ob diese Stiftung der Bibliothek behilflich sein könnte. Als Felix de Marez Oyens, Präsident der Breslauer Foundation, ebenfalls eine fünfstellige Summe in Aussicht stellte und die Staatsbibliothek einen vergleichbaren Betrag aus ihrem Erwerbungshaushalt beisteuerte, konnte ich am 4. Dezember 2020 telefonisch am Bieterverfahren teilnehmen. Meine Freude war groß, als ich die Mitbieter nach und nach überbieten und die Briefe Varnhagens für die Staatsbibliothek zu Berlin erwerben konnte. Wenig später landete eine kurze E-Mail des bisherigen Besitzers Charles Harvey auf meinem Rechner: „Dear Professor Overgaauw: Was it you?“. Meine Antwort war noch kürzer.

Aufgefächert präsentierte Briefe auf buntem Papier
Historische Briefe, sehr ordentlich handgeschrieben auf Papier in verschiedenen Farben
Briefwechsel zwischen dem preußischen Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense und der britischen Adeligen Charlotte Williams-Wynn, SBB PK, Handschriftenabteilung

Als die Varnhagen-Briefe Mitte Januar 2020 in der Bibliothek angekommen waren, konnte ich nach der Lektüre einiger Dutzend Briefe die Relevanz der Neuerwerbung bestätigen. Varnhagen verfügte über das, was wir heutzutage Insiderwissen nennen. Wie wenige andere war er mit der politischen und kulturellen Elite seiner Zeit vernetzt. Seine Kenntnisse der Berliner Verhältnisse kann man heute nicht nur in seinen ergiebigen Tagebüchern nachlesen, sondern auch in seinen Briefen an Charlotte. Auch Peter Sprengel, Professor emeritus der Germanistik an der Freien Universität Berlin, war von der Qualität dieser Briefe begeistert. Er bereitet inzwischen eine Monographie über Varnhagen und Charlotte vor, in der zahlreiche Briefe Varnhagens erstmals veröffentlicht werden sollen.

Manche schöne Geschichte hat ein trauriges Nachspiel, diese Geschichte jedoch nicht.

Am 10. Februar 2020 meldete sich Charles Harvey erneut bei mir, dieses Mal mit der Mitteilung, dass er auf dem Dachboden seines Landhauses in Südwales einen Karton gefunden habe, die einen Umschlag mit zahlreichen Briefen enthalte. Es sind die verloren geglaubten Briefe von Charlotte Williams-Wynn an Varnhagen, also die Gegenstücke der Briefe Varnhagens an Charlotte, die die Staatsbibliothek gerade in London ersteigert hatte. Nachdem Herr Harvey den Umschlag geöffnet und den Inhalt geordnet hatte, stellte sich heraus, dass 133 Briefe von Charlotte an Varnhagen aus dem Zeitraum 1836–1858 erhalten geblieben waren. Am dichtetesten ist die Korrespondenz im Zeitraum 1842–1846. Es fehlen offensichtlich die Briefe aus dem Zeitraum 1848– 1850.

Historisches Schriftstück
Briefwechsel zwischen dem preußischen Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense und der britischen Adeligen Charlotte Williams-Wynn, SBB PK, Handschriftenabteilung

Die Liste der Orte, an denen Charlottes Briefe entstanden sind, liest sich, abgesehen von den Wohnsitzen Charlottes in London und auf dem Land, wie eine Liste der Urlaubsorte der europäischen Oberschicht im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts: Wiesbaden, Nizza, Paris, Heidelberg, Basel, Luzern, Bath, Rom und Bad Kreuznach. Die langjährige Brieffreundschaft Varnhagens mit Charlotte endete 1858 mit dem Tod Varnhagens. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Charlotte Williams-Wynn überwiegend in London und in Südfrankreich. Sie starb 1869 unverheiratet.

Die hochgebildete Charlotte war, so ergibt sich aus ihren Briefen, Varnhagen überhaupt nicht abgeneigt. Sie erwidert seine Zuneigung und sie informiert ihn über das, was sie bewegt, über das Schicksal ihrer Verwandten sowie über ihre Ansichten in politischen und religiösen Angelegenheiten. Weshalb sie dennoch Varnhagens Bitte, seine Frau zu werden, ausgeschlagen hat, wird womöglich eine genaue Lektüre der Briefe ans Licht bringen – oder eben nicht. War es die Religion? Charlotte war ein frommes Mitglied der Church of England, während Varnhagen ein nicht-praktizierender Katholik war. War es der damals wichtige Standesunterschied? Charlotte war zweifellos adelig, während Varnhagen trotz seines Namenszusatzes ,von Ense‘ seinen Status als Adeliger erklären musste. Während Varnhagen allenfalls gutsituiert war, war Charlottes Familie vermögend.

Varnhagens Briefe an Charlotte wurden seit Charlottes Tod bei ihren Erben aufbewahrt. Charlottes Briefe an Varnhagen wurden nach dem Tod Varnhagens durch seine Erben entweder an Charlotte oder ihre Erben übergeben. Dies erklärt, weshalb nicht nur die Briefe, sondern auch die Gegenstücke durch Vererbung in den Besitz von Charles Harvey gelangten. Die Zahl der Briefe Charlottes an Varnhagen (133) ist erheblich geringer als die Zahl der Briefe Varnhagens an Charlotte (350). Für diesen Unterschied gibt es bislang keine befriedigende Erklärung. Hat Varnhagen häufiger geschrieben als seine Brieffreundin? Haben die Erben Charlottes unliebsame Briefe aussortiert? Haben die Erben Varnhagens nicht alle Briefe zurückgegeben? Letzteres ist offenbar der Fall: Im Berliner Bestand in Krakau finden sich Briefe Charlottes an Varnhagen aus dem Zeitraum 1836–1839, zusätzlich einige Abschriften von Briefen Varnhagens an Charlotte. Der Umstand, dass Charlotte ihren Briefpartner wohl nie in Berlin besucht hat, und dass die Briefe zwischen den beiden der Öffentlichkeit bislang nicht oder nur eingeschränkt zugänglich waren, erklärt, warum Charlotte in den Biographien Varnhagens kaum eine Rolle spielt. Charlotte war bislang nicht sichtbar.

Mit Charles Harvey habe ich mich im Frühjahr 2020 auf einen für ihn und die Bibliothek annehmbaren Preis für die 133 Briefe von Charlotte an Varnhagen in seinem Besitz einigen können. Für Peter Sprengel bilden diese Gegenbriefe eine unschätzbare Quelle für sein Buch über Varnhagen und seine geliebte Charlotte. Mit der Erschließung dieser bedeutenden Neuwerbung und mit der Edition mindestens eines Teils dieser Briefe Varnhagens und Charlottes wird ein langes Kapitel der Biographie Varnhagens neu geschrieben werden.

Everardus Overgaauw ist Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Dieser Text erschien zuerst im Bibliotheksmagazin 2/21 (S. 50–57).

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