ForschungsFRAGEN: Schädlingsbekämpfung

29.04.2022ForschungsFRAGEN: Schädlingsbekämpfung

Was ist der schlimmste Schädling im Museum? Hat der Klimawandel Auswirkungen auf Insekten im Museum? Was macht man zur Prävention und wie wird man die Tierchen wieder los? Bill Landsberger, Insektenforscher beim Rathgen-Forschungslabor, beantwortet Ihre Fragen zur Schädlingsbekämpfung im Museum.

Nahaufnahme von Naturfasern
Durch Brot- und Teppichkäfer stark geschädigte Objekte aus Federn, Textilien und pflanzlichen Samen in der Sammlung Afrika des Ethnologischen Museums aus der Zeit vor Einführung des IPM © Staatliche Museen zu Berlin

Was ist der schlimmste Schädling im Museum?

Der Mensch? Nein, der Begriff Schädling ist rein anthropozentrisch geprägt. Die Natur kennt Parasiten, Parasitoide, Prädatoren und Destruenten, Schädlinge jedoch nicht. Erst durch die Konkurrenz um Entwicklungsressourcen des natürlichen Stoffkreislaufs, die Bestände musealer Sammlungen, entsteht ein Konflikt mit stark spezialisierten und anpassungsfähigen Organismen. Bewusstseinsbildung und Information für alle in einem Museum sind aber nötige Voraussetzungen, damit der Mensch nicht Wegbereiter für Schädlingsbefall wird. Denn Ursachen und Wirkungen betrachtet, kommen Schädlinge allermeist durch unsere Unachtsamkeit zum Zuge, wenn mit Sammlungsobjekten oder Transportmaterialien Schädlinge eingeschleppt und Fenster oder Türen besonders im Sommer unkontrolliert geöffnet werden.

Von insgesamt in Museen anzutreffenden, vielleicht weniger als 50 bedeutsamen, kosmopolitischen und synanthropen Arten, sind es überwiegend Insekten, die dort Schäden verursachen. Für Mitteleuropa sind derzeit hauptsächlich vier hervorzuheben, die besonders häufig und mit großem Potential Sammlungsobjekte gefährden; die Kleidermotte Tineola bisselliella, der Teppichkäfer Anthrenus verbasci, der Brotkäfer Stegobium paniceum und das Papierfischchen Ctenolepisma longicaudatum.

Hat der Klimawandel Auswirkungen auf Insekten im Museum?

Der globale Klimawandel wirkt sich hier noch nicht gravierend auf das Vorkommen von Schadinsekten aus, herrschen doch in den meisten Museen, Sammlungsdepots und Archiven raumklimatisierte Standardbedingungen. Vielmehr hat sich im letzten Jahrhundert aber ein Komfortklimawandel mit Folgen ereignet. Wenn etwa noch vor 50 Jahren mit jahreszeitlichen Schwankungen im Museum 17 °C und 65 % relative Luftfeuchte die Regel waren, sind heute eher 22 °C und 45 % RH normal. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts kam der Gemeine Nagekäfer Anobium punctatum vielerorts schädigend in Museen vor. Nun sind es stattdessen der südeuropäische Braune Nagekäfer Nicobium castaneum und der Brotkäfer S. paniceum, die aufgrund veränderter klimatischer Bedingungen in Museen, Archiven und Bibliotheken für ähnliche Schadereignisse verantwortlich sind. So verhält es sich seit wenigen Jahren auch um Papierfischchen C. longicaudatum, die sich als invasive, gebietsfremde Schädlingsart stellvertretend für bislang gewöhnlich vorkommende Silberfischchen Lepisma saccharinum stark ausbreiten. Der einst sehr gefürchtete Museumskäfer Anthrenus museorum ist nahezu vollständig verschwunden und durch die jedoch potentiell noch starker schädlichen Arten Teppichkäfer A. verbasci und Australischer Teppichkäfer Anthrenocerus australis sämtlich ersetzt.

Was macht man zur Prävention und wie wird man die Tierchen wieder los?

Das Integrated Pest Management (IPM) der SPK stellt vorausschauendes Vermeiden und ein intensives Überwachen der Bestände in den Vordergrund. Schädlingsimporte zu verhindern, müssen eingehende Objekte und Materialien aus organischen Stoffen gründlich inspiziert und Maßnahmen einer Quarantäne unterzogen werden. Da hierzu eher selten ausreichend Raum und Zeit zur Verfügung stehen, finden zur Sicherheit vorsorglich thermische oder anoxische Behandlungen statt. Als Frühwarnsystem sind unsere Sammlungen mit einem Schädlingsmonitoring ausgerüstet, Anzeichen drohenden Befalls zu erkennen, ökologische Verbindungen aufzuzeigen und zügig Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Durch eine regelmäßige Auswertung von Fallenfängen werden wichtige Daten erhoben, die jederzeit den Ist-Zustand spiegeln, Veränderungen und eventuell das Anbahnen eines Befalls rechtzeitig signalisieren sowie den Erfolg von Gegenmaßnahmen dokumentieren. Durch das exakte Identifizieren vorkommender Schädlinge lassen sich auf Grundlage artspezifischer Besonderheiten der Schädlingsbiologie Schritte effizient und gezielt einleiten, ähnliche Ereignisse in der Zukunft besser zu vermeiden. Eine gründliche Analyse der Ursachen ist dabei entscheidend. Das kann bedeuten, eine räumliche Situation zu überprüfen und zu Ungunsten einer Schädlingsentwicklung zu verändern, bestehende Gebäudelücken zur Umwelt hin zu schließen, physikalische Barrieren zu errichten, mikroklimatische Abweichungen zu beheben und bei Verdacht einzelne Objekte durch Entzug des atmosphärischen Sauerstoffs oder durch eine Gefrierbehandlung zu entwesen.

Ein Mann hält ein Gefäß hoch
Der Entomologe Bill Landsberger in seinem Labor im Rathgen-Forschungslabor. Foto: Juliane Eirich

Selbst prophylaktisch kommen gegen manche Schädlinge wie Kleidermotten, Pelzkäfer und Brotkäfer einige Nützlingsarten, Schlupfwespen und Raubwanzen zum Einsatz. Und so trivial es auch erscheinen mag, ist immer wieder die Qualität von Reinigungsleistungen zu prüfen. Denn Ansammlungen von Staub und Flusen können Schädlingen Nahrung, Unterschlupf oder bei hygroskopischem Material überlebensnotwendige Feuchtigkeit geben. Beispielsweise, bereits wenige Kubikzentimeter wollhaltiger Textilfasern begründen unter Umstände eine Kleidermottenpopulation, deren Bekämpfung enorme Anstrengungen nach sich zieht.

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