Dokumentieren, nicht Inszenieren: Die Neuentdeckung der Leonore Mau

18.10.2022Dokumentieren, nicht Inszenieren: Die Neuentdeckung der Leonore Mau

Psychiatrische Dörfer im Senegal, traditionelle Heilungsriten in Brasilien oder kolonialistische Architektur – das Werk der Fotografin Leonore Mau bewegt sich zwischen Kunst und Ethnologie. In einem fünfjährigen Projekt wurde der rund 112.000 Motive umfassende Nachlass erschlossen und mit einer gerade gelaunchten Website der Öffentlichkeit und der Forschung nähergebracht. Christina Stehr, die stellvertretende Leiterin der bpk-Bildagentur und Anna Götte, Projektleitung im Bereich Nachlässe von der S. Fischer Stiftung, erzählen im Interview, warum die Beschäftigung mit Leonore Mau und ihrem Werk so lohnenswert ist.

Interview: Gesine Bahr

Montage zweier schwarzweiß-Fotos: Linkes eine Straßenszene mit einem Mädchen in überdimensionalem Fledermauskostüm, rechts Frontalporträt einer Frau mit gestreiftem Kopftuch und Kamera vor dem rechten Auge
Selbstporträt Leonore Mau mit Leica, 1980 (rechts) und Fledermaus-Kostüm auf dem Karneval in Trinidad, 1974 (links) © bpk / S. Fischer Stiftung / Leonore Mau

Wer war eigentlich Leonore Mau und warum sollte sie nicht vergessen werden?

Anna Götte: Leonore Mau war Fotografin. Sie lebte von 1916 bis 2013 überwiegend in Hamburg und ist von dort aus mit ihrer Kamera fast in die ganze Welt gereist. Ihr Werk bewegt sich im Spannungsfeld zwischen ethnologischer Dokumentation und Kunstfotografie – und ist untrennbar verbunden mit dem Werk des Schriftstellers Hubert Fichte, mit dem zusammen sie ihre ganzen Reisen unternommen hat. Sie sollte nicht vergessen werden, weil sie ein ganz großartiges und von großer Schönheit und Poesie geprägtes Werk hinterlassen hat. Aber auch, weil an ihrem Werk und auch an dem Werk von Hubert Fichte sehr viele ganz aktuelle Fragen diskutiert werden können: beispielsweise die Frage danach, wie sich der Blick Westeuropas auf andere Kulturen in diesen Bildern zeigt. Beide haben in ihrem Werk darüber reflektiert. Wir finden in Hubert Fichtes Büchern oder Interviews immer Hinweise darauf, dass er selbst sehr stark mit seiner Rolle in dieser Hinsicht gerungen hat. Auch bei Leonore Mau finden sich Aussagen dazu. Die Ambivalenz in beiden Werken ist sehr spannend – und angesichts heutiger Debatten extrem aktuell.

Christina Stehr: Obwohl diese Reisen zwischen den 1960er und 80er Jahren stattfanden, finde ich den künstlerisch-ethnografischen Ansatz Fichtes und Maus aktueller denn je. Sie haben sich intensiv mit afroamerikanischen Religionen und Ritualen beschäftigt, was damals wirklich außergewöhnlich war. Es war ein besonderer Blick, den die beiden da entwickelt haben.  

Die Fotografien sind zwar in den 60ern und 80ern in Zeitschriften und in eigenen Buchpublikationen mit Texten von Hubert Fichte erschienen, aber heutzutage ist Leonore Mau relativ wenig bekannt. Das war auch der Anlass, ihr Leben und Werk über die neue Website bekannter zu machen, ebenso ihre enge Arbeitsgemeinschaft mit Hubert Fichte und ihr Werk vor allem auch für neue Forschungs- und Ausstellungsprojekte zugänglich zu machen. 

Wie war denn eigentlich die Resonanz auf diesen neuen, anderen Blick damals? 

Götte: Hubert Fichte wurde zu Lebzeiten sehr kontrovers rezipiert in seiner ethnologischen Arbeit. Da gab es durchaus Bewusstsein dafür, dass er eine neue und auch besondere Haltung eingenommen hat. Leonore Mau ist in dieser Hinsicht eher eine Neuentdeckung: sie wurde sehr lange nur als Illustratorin von Fichtes Texten gesehen, aber eigentlich nicht auf Augenhöhe mit seinem Werk rezipiert.

Wie kam es denn jetzt rein praktisch zu dieser Neuentdeckung?

Götte: Monika Schoeller, die Gründerin der S. Fischer Stiftung und Verlegerin des S. Fischer Verlags hat immer eine sehr enge und vertrauensvolle Verbundenheit zu den Autor*innen des Verlags gepflegt zu denen auch Hubert Fichte und Leonore Mau zählten. Nachdem Hubert Fichte relativ früh gestorben war, stellte sich die Frage – vor allem für Leonore Mau, die seine Urheberrechte und seinen gesamten Nachlass geerbt hatte –  was damit passieren sollte.

Zwei Männer in T-Shirt und Jeans stehen bis zur Hüfte im Wasser, der hintere hält den vorderen, sich in Trance windenden an der Hüfteumfasst
Vorbereitungen zum Regenopfer am Grand Etang See, einer Zeremonie des Shangokults, 1979 © bpk / S. Fischer Stiftung / Leonore Mau

Das war ein langjähriger Prozess, der darin mündete, dass sie beide Nachlässe inklusive Urheberrechte an die S. Fischer Stiftung vererbt hat. Der physische Nachlass von Hubert Fichte liegt in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg „Carl von Ossietzky“  und der Nachlass von Leonore Mau wurde 2017 von der S. Fischer Stiftung in die Obhut der bpk-Bildagentur als Dauerleihgabe gegeben.

Stehr: Es wurde damals eine Vereinbarung getroffen zwischen der S. Fischer Stiftung und der bpk, dass wir den physischen Nachlass von Leonore Mau, das Analogarchiv, übernehmen und im Speichermagazin in Friedrichshagen unterbringen, wo der Nachlass konservatorisch gut betreut wird und auch unter optimalen klimatischen Bedingungen gelagert werden kann. Zeitgleich begann 2017 ein Erschließungsprojekt auch in Kooperation mit der S. Fischer Stiftung und zwei externen Projektmitarbeiterinnen, Marlene Burmeister und Nathalie David, mit dem Ziel, diesen Nachlass vollständig zu sichten, zu erschließen, eine Auswahl zu digitalisieren und dann über diese Website: https://leonore-mau.de/ jetzt auch einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Das war über fünf Jahre eine sehr enge und konstruktive Zusammenarbeit, die mit einer intensiven Beschäftigung mit dem Gesamtwerk von Leonore Mau einherging. 
 

Wie groß ist denn der Nachlass von Leonore Mau – und wieviel davon ist auf der Website zu sehen?

Götte: Online auf der Website sind ungefähr 900 Bilder zu sehen. Im Nachlass insgesamt sind 112.200 Motive. Es ist also eine ganz eng kuratierte Auswahl. 

Stehr: Neben dem Negativ-und Farbdiabestand gibt es ca. 6300 Originalabzüge. Wir standen vor der Entscheidung, alle zu digitalisieren oder eine Auswahl zu treffen, wofür wir uns dann entschieden haben. Alles zu digitalisieren ist auch nicht immer sinnvoll, da oft Serien oder ähnliche Motive fotografiert werden. Bei Leonore Mau ist das unterschiedlich, da sie viel in Farbe fotografiert hat aber auch schwarz-weiß. Der gesamte fotografische Nachlass ist über Kontaktbögen und Findmittel zugänglich und thematisch recherchierbar.

Götte: Sie war oft auch mit zwei Kameras unterwegs und hat dann dieselben Motive zweimal fotografiert mit unterschiedlichen Kameras oder aus verschiedenen Perspektiven, einfach zur Absicherung. Das war zu Zeiten der Analogfotografie nicht so ungewöhnlich, insbesondere bei analoger Reisefotografie.

Gab es weitere Herausforderungen bei der Erschließung?

Stehr: Die größte Herausforderung war, dass das Material zum Teil sortiert, aber zum großen Teil auch unsortiert oder durcheinandergeraten war. Das musste alles zuerst geordnet und abgeglichen werden. Zum Teil sind die Bilder getrennt worden, es fanden sich daher Negative in anderen Kontexten wieder. Da war es eine große Herausforderung, diese 112.000 Motive, die ja als Dia, Farbnegativ, Schwarzweiß-Negativ physisch vorliegen, zu sichten, thematisch zuzuordnen und dann in Findmitteln und der Datenbank so zu erfassen, dass der Nachlass für die Forschung zugänglich wird. 

Sepia-Porträt einer blonden Frau mit älterer Kamera auf Tischstativ neben  lebensgroßem Fotoporträt eines vollbärtigen Mannes
Selbstporträt von Leonore Mau mit einem Porträtfoto von Hubert Fichte, 1962 © bpk / S. Fischer Stiftung / Leonore Mau

Was findet sich auf der Website zu Leonore Mau?

Stehr: Wir haben bei der Konzeption der Website auf einen Prototyp aus einem vorherigen Projekt zurückgegriffen, auf die Website zur Fotografin Abisag Tüllmann.  die 2020 online ging. Über Hauptkategorein kann die User*in den Einstieg finden: Zur Person, Zum Werk und Zum Nachlass.  Unter der Rubrik „Zur Person“ finden sich vor allem ausführliche Angaben zur Biografie und zur Bibliografie. Besonders interessant dürften hier die beiden Interviews sein, die Ingo Niermann und Nathalie David mit Leonore Mau geführt haben. Ebenso eine Reihe von Gesprächen mit Weggefährt*innen über Leonore Mau, die Nathalie David 2016 aufgenommen hat. Es war ein Glücksfall für uns, dass Nathalie David mit an Bord war, die ja nicht nur Filmemacherin sondern langjährige persönliche Assistentin von Leonore Mau war und das Bildmaterial unglaublich gut kennt. Durch ihren persönlichen Kontakt mit Leonore Mau über viele Jahre, hat sie zahlreiche Erinnerungen und konnte uns zu den Bildern sehr viel Hintergrundinformationen liefern. 

Dann gibt es in der Rubrik „Zum Werk“ kuratierte Portfolios, die Einblicke in ausgewählte Themen wie „Architektur“, „Urbanes Leben“ oder „Menschen und Rituale“ geben.  Es findet sich auch eine Übersicht der gemeinsamen Publikationen mit Hubert Fichte und der Projekte und Themen, die Leonore Mau nach dem Tod Fichtes verfolgt hat. Hubert Fichte ist ja relativ früh gestorben und es ist durchaus interessant zu sehen, wie sie sich mit den Themen weiterbeschäftigt hat. Unter der Rubrik „Ausstellungen“, gibt es eine sehr umfangreiche Ausstellungsübersicht, und auch einen Text der Kunsthistorikerin und freien Kuratorin Mona Schubert, der vor allem zur Kontextualisierung der Ausstellungen beiträgt.  Unter der Rubrik „Zum Nachlass“, erhält man eine Übersicht, was es an Fotomaterial gibt, aber vor allem Zugang zu den Findhilfen. Wer sich intensiver mit dem Werk beschäftigen möchte, bekommt hier Informationen: Wie kann man im Werk recherchieren? Welche Zugänge gibt es zum Werk? Wo kann man sich hinwenden, wenn man mit dem physischen Bestand arbeiten will? 

ein Paar nackte Beine ragen bis zu den Knien durch eine Gittertür eines einfachen, weißen Hauses auf Sandboden
Patient*in der Psychiatrie von Aného/Togo, 1978 © bpk / S. Fischer Stiftung / Leonore Mau

Einer der Navigationspunkte ist „Bildethik“. Warum gibt es den?

Götte: Wenn man einen solchen Nachlass, der vor allem dokumentarische Fotografien beinhaltet, erschließt und online publiziert, dann geht damit eine große Verantwortung zur Kuratierung einerseits, aber auch zur Kontextualisierung der Bilder andererseits einher. Das sind Bilder, die entstanden sind, bevor vom Internet überhaupt die Rede war, und die dann auf einmal überall auf der Welt von jedem Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit zugänglich und einsehbar sind. Da gibt es zum einen die juristische Verantwortung gegenüber den Persönlichkeitsrechten der Abgebildeten – ein Feld, das sich auch stark verändert hat in den letzten Jahren. Dem müssen wir Rechnung tragen.  Dann gibt es eine andere Dimension, die zwar teilweise juristische Aspekte hat, sich aber vor allem um ethische Fragen dreht: In welcher konkreten Situation sind die Bilder entstanden? Welche Konstellationen haben da eine Rolle gespielt? Also gibt es ein Machtgefälle? Welche Blickachsen oder Sehgewohnheiten werden reproduziert? Gerade im Hinblick auf die Frage: Wie schaut Westeuropa auf andere Kulturen? 

Da gibt es bei Leonore Mau Bilder im Nachlass, bei denen wir weder ethisch noch juristisch vertreten können, sie beliebig zugänglich zu machen, ohne sie zu kontextualisieren. Bei dem Reiter „Bildethik“ ging es einerseits darum, diese Entscheidung transparent zu machen, dass wir gesagt haben, einzelne Bilder werden wir nicht online publizieren. Andererseits wollen wir so aber auch kommunizieren, dass wir diese Bilder natürlich der Forschung zugänglich halten. Wir wollten diese Thematik beleuchten und so hoffentlich Impulse geben, sich damit noch ausführlicher zu beschäftigen.

Um was für Bilder handelt es sich dabei?

Götte: Es gibt ein sehr deutliches Beispiel: Leonore Mau und Hubert Fichte waren in den 1970er Jahren zweimal im Senegal und haben dort die sogenannten „psychiatrischen Dörfer“ besucht, wo versucht wurde, westeuropäische medizinische Ansätze mit traditionellen und lokalen Heilmethoden zu kombinieren. Hubert Fichte hat vor Ort sehr ausführliche Interviews mit den Ärzt*innen geführt zu diesem Experiment. Und Leonore Mau hat dort sehr viel fotografiert und zwar auch Situationen, in denen Patient*innen in extrem vulnerablen Situationen waren, beispielsweise bei einer Elektroschocktherapie. Natürlich würden juristisch die Persönlichkeitsrechte, wenn wir die Bilder reproduzieren würden, überhaupt nicht respektiert. Es gibt aber auch die ethische Dimension, dass man sich fragen kann, inwiefern die Würde dieser Menschen bewahrt werden kann und sie kann nicht gewahrt werden, wenn wir die Bilder beliebig publizieren würden. Auch weil beispielsweise einer der Ärzte in einem Interview mit Hubert Fichte den Kontext als „neokolonial“ bezeichnet hat. Die Ärzt*innen stammten vor allem aus Paris und haben teilweise die Sprache der Patient*innen nicht gesprochen.  Hinzu kommt, dass hier Patient*innen in einer psychiatrischen Behandlung abgebildet werden und wir nicht sagen können, dass diese im Bewusstsein aller Konsequenzen zugestimmt haben, ob und wie diese Bilder reproduziert werden oder nicht. 

Weggefährtin Susanna Amatosero sagte über Leonore Mau, dass das Medium Fotografie zwar sehr nah am Diebstahl dran sei, sie aber ihre Bilder nicht gestohlen hätte. Was meinte sie damit?

Götte: Das kann ich natürlich auch nur interpretieren, aber ich glaube, das geht ganz stark in diese Richtung. Leonore Mau selbst hatte den Anspruch, nie zu fotografieren, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Und eigentlich alle Aussagen, die ich darüber kenne, wie sie selbst ihre Rolle reflektiert hat als Fotografierende, gehen mit einer ganz großen Demut gegenüber den Menschen, die sich ihr zur Verfügung gestellt haben, einher. Auf diesen Aspekt könnte Amatosero mit ihrer Aussage anspielen, also dass es Leonore Maus Anspruch an sich selbst war, sich ihrer Rolle bewusst zu sein und dass sie diese Menschen nicht als reine Objekte behandelt hat.

Eine andere deutsche Fotografin, die zu ähnlicher Zeit fotografiert hat in Afrika, nämlich im Sudan die Nuba, ist Leni Riefenstahl. Sehen Sie hier Parallelen oder Unterschiede zu Leonore Mau?

Götte: Es wäre eine ganz tolle Aufgabe für jemanden, der beide Werke sehr gut kennt, dazu zu forschen und das zu untersuchen. Ich kenne Leni Riefenstahls Nuba-Bilder nur oberflächlich. Ich glaube aber, dass sich in der Ästhetik der Bilder von Leonore Mau etwas von ihrem Selbstverständnis als Fotografin abbildet und dass ihr Blick auf „das Andere“ oder auf die „andere“ Kultur sich sehr stark unterscheidet von Leni Riefenstahl. Oberflächlich zeigt sich das daran, dass sich bei Leonore Mau sehr wenig Inszenierung und exotisierende Elemente in den Bildern finden, die ich – soweit ich mich an Riefenstahls Bilder erinnere – da durchaus sehe. Und ich erinnere mich auch an ein Zitat von Riefenstahl bezüglich dieser Bilder aus dem Sudan, dass sie gesagt hat, sie jage nach dem Schönen und Ungewöhnlichen. Und das ist etwas, das Leonore Mau über sich selbst nie gesagt hätte.

Porträt einer mittelalten Frau mit Brille im Leopardenprinttop
Priesterin Dona Maria Celeste Santos, eine der drei Leiterinnen des Tempels "Casa das Minas" in São Luís do Maranhão/Brasilien, um 1981 © bpk / S. Fischer Stiftung / Leonore Mau

Stehr: Leonore Mau sagt auch im Interview mit Ingo Niermann, sie finde die Bilder von Leni Riefenstahl zwar sehr schön, aber es erinnere sie schon an Werbefotografie. Das ist sehr eindeutig bei Leni Riefenstahl ein anderer Ansatz gewesen. Bei Leonore Mau stand das Dokumentarische immer im Vordergrund. Sie wollte die Leute so ursprünglich wie möglich abbilden und gerade nicht eingreifen, gerade nicht inszenieren. Es wäre auf jeden Fall sehr spannend, diese beiden Fotografinnen, die auf den ersten Blick ähnlich scheinen und dann doch so verschieden sind, systematisch zu vergleichen. 

Es wurde jetzt ja öfters gesagt, dass Leonore Maus Schaffen eigentlich untrennbar verbunden ist mit dem Schaffen Hubert Fichtes. Teilt sie das Schicksal vieler weiblicher Teile von Künstler*innenpaaren, dass sie in seinem Schatten steht?

Götte: Eindeutig ja. Es ist fast schon erstaunlich, in welchem Ausmaß sie lange Zeit als „Illustratorin“ seines Werkes rezipiert wurde, und das fast ausschließlich. Nach seinem Tod gab es Ausstellungen, wo sie als Künstlerin im Zentrum stand, z.B. 2002 in Basel. Aber ansonsten wurde Leonore Mau als Illustratorin seines Werkes verstanden – wenn überhaupt. Vor wenigen Wochen erreichte mich eine Anfrage nach den Fotografien von Hubert Fichte. Ich habe dann eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass es eigentlich um Leonore Maus Werk geht. Wir hoffen, dass die Website jetzt dazu beiträgt, dass dieser Blick auf ihr Werk verändert wird.

Bei der Ausstellung zu Hubert Fichte „Liebe und Ethnologie“ im Haus der Kulturen der Welt 2019 haben wir versucht, Leonore Mau durchaus mit ins Spiel zu bringen, aber auch da wurde sie nicht besonders deutlich wahrgenommen. Er stand eindeutig im Vordergrund.

Seitenansicht eines sitzenden, vollbärtigen Mannes mit einer Maske auf dem rechten Knie und einer nackten weiblichen Torsomaske vor dem Bauch
Hubert Fichte mit einer Gelede-Bauchmaske (Fruchtbarkeitsmaske) und einer Tonkopf-Maske (Maconde-Tonkopf) auf den Knien, um 1981 © bpk / S. Fischer Stiftung / Leonore Mau

A propos Ausstellung: Diese öfters erwähnte Wandlung auf dem Grat zwischen Ethnologie und Kunst – das wäre ja auch mal eine spannende Thematik fürs Humboldt Forum, oder?

Stehr:  Absolut. Das Werk von Hubert Fichte und Leonore Mau ist aktueller denn je. Gerade weil dieses Thema der Bildethik jetzt so stark diskutiert wird und Hubert Fichte sowohl als Schriftsteller und Ethnograf als Vordenker gilt für post-koloniale Forschung.  Er hat die Ethnologie seinerzeit selber sehr stark kritisiert, wurde dafür auch angegriffen. Damals gab es ja schon einen sehr starken Diskurs, der es wert wäre, einmal wieder abgebildet zu werden. Dabei sollte deutlich werden, dass Hubert Fichte und Leonore Mau diese Richtung auf ihren Reisen gemeinsam entwickelt haben. Sie haben auch sehr eng zusammengearbeitet bei den Textbänden. Das war ein sehr enger Austausch und darüber hinaus gab es eine ganz enge Zusammenarbeit im Kontext von Vortrags- und Ausstellungsprojekten. Es gibt ja viele Facetten, sowohl bei Mau als auch bei Fichte aber gerade diesen besonderen Blick und ihre ethnografischen Forschungen im Humboldt Forum darzustellen und zu untersuchen, wäre wunderbar.

Götte: Der Aspekt der Ambivalenz ist bei beiden ganz wichtig und wenn es gelingen würde, diesen Ambivalenzen Rechnung zu tragen und sie abzubilden, das  wäre ein wichtiger und großer Schritt. 

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