„Die Forschungsagenda darf nicht mehr von Deutschland aus bestimmt werden“

24.08.2021„Die Forschungsagenda darf nicht mehr von Deutschland aus bestimmt werden“

Im September 2021 öffnen die Ausstellungsflächen der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum – gleichzeitig wird der Ruf nach einem Paradigmenwechsel im Umgang mit außereuropäischen Objekten aus kolonialen Kontexten immer lauter. Was sich schon geändert hat, was sich noch ändern muss und wie ethnologische Provenienzforschung funktioniert, erzählt Paola Ivanov, Afrika-Kuratorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin.

Das Gespräch führte Oliver Hoischen

Zwei Personen betrachten vor einer Glasvitrine ein Objekt.
Arbeit im Depot des Ethnologischen Museums im Rahmen des Projekts „Umstrittenes Eigentum“ © Lisa Maier

Frau Ivanov, die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte soll im Humboldt Forum eine zentrale Rolle spielen. Gilt das auch für Tansania?

Paola Ivanov: Das ist bereits seit Jahren so vorgesehen! Das heutige festländische Tansania gehörte in den Jahren 1885 bis 1918 zur Kolonie Deutsch-Ostafrika, wo die koloniale Eroberung besonders grausam war. Darum müssen wir mit den Objekten, die in dieser Zeit nach Berlin gekommen sind, besonders verantwortungsvoll umgehen. Die Tansania-Sammlung des Ethnologischen Museums ist mit mehr als 10.000 Objekten sehr groß. Die Ethnolog*innen in Berlin haben während der Kolonialzeit eine regelrechte Sammelwut entwickelt. Sie baten immer wieder um Objekte aus den Kolonien, die sie dann auf verschiedenen Wegen auch erhielten. Die Menge war am Ende so groß, dass eine wissenschaftliche Bearbeitung nicht mehr möglich war. Wir holen das jetzt nach, nach mehr als hundert Jahren!

Objektfotografie eines runden, goldenen Objektes.
Talisman, talasimu (III E 4585) aus dem Besitz von Hassan bin Omari (Makunganya). Erbeutet von Hans Glauning (1895), Schenkung von Glauning an das Museum (1896); Kupferlegierung (Neusilber), 4,5 × 33,5 × 34 cm. © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum. Foto: Martin Franken

Ab September werden im Humboldt Forum zunächst unter anderem eine Zither und eine Metallschale aus Neusilber – einer spezifischen Kupferlegierung – zu sehen sein. Warum gerade diese Objekte?

Ivanov: Sie sind erst der Anfang. Im sogenannten Schaumagazin stellen wir die Geschichte unterschiedlicher Sammlungen aus Afrika dar. Wir zeigen, auf welch unterschiedlichen Wegen die verschiedenen Objekte des Ethnologischen Museums nach Berlin gekommen sind. Darunter sind auch Objekte aus Tansania. Wir rekonstruieren hier deren Herkunft und die meist gewaltvolle Aneignung durch den deutschen Offizier Hans Glauning. Später wird es mehrere Ausstellungen geben, die sich spezifisch mit den Objekten aus Tansania und der Geschichte des Landes beschäftigen.  Diese bereiten wir zusammen mit Partner*innen aus Tansania vor. Dabei ist uns sehr bewusst: Jede Art der Ausstellung der Objekte in Berlin ist unvermeidlich auch eine gewisse Reproduktion kolonialer Macht.

Zugleich muss diese aber unbedingt für das Publikum, das häufig nicht die Geschichte Afrikas und des europäischen Kolonialismus kennt, sichtbar gemacht und kritisch aufgearbeitet werden. Die Zither und die Metallschale fungieren hier auch als Symbole, sie materialisieren die koloniale Gewalt. Nehmen Sie die Metallschale: Diese wurde dem Museum 1897 von Hans Glauning geschenkt und war eine Kriegstrophäe. Ursprünglich gehörte sie Hassan bin Omari, auch Makunganya genannt, einem einflussreichen Händler im Südosten des heutigen Tansania, den die deutschen Kolonisatoren erst nach jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen festnehmen konnten, zum Tode verurteilten und dann hinrichten ließen. Die Schale war wahrscheinlich ein Talisman, der seinen Besitzer im Kampf beschützen sollte. Über Jahrzehnte schlummerte sie im Depot des Museums – sie war quasi vergessen.

Und Sie haben sie jetzt wiederentdeckt?

Ivanov: Das kann man so sagen. Durch Provenienzforschung konnten wir sie zunächst wieder in Zusammenhang mit dem ursprünglichen Besitzer bringen. Dann als vor fünf Jahren im Rahmen einer kurzen Forschungsreise tansanische Wissenschaftler die Herkunftsregion des Objekts besuchten, konnten sie die Inschrift auf der Schale von muslimischen Gelehrten transkribieren und übersetzen lassen: Es handelt sich dabei um eine Sure aus dem Koran (54:45, 46), in der von der Bestrafung der Ungerechten am Tag des Jüngsten Gerichts die Rede ist. Und erst seitdem glauben wir zu verstehen, was es mit ihr auf sich hat, welchem Zweck sie diente. Leider kennen wir die genaueren Umstände nicht, unter denen Hans Glauning in ihren Besitz kam, aber wir vermuten, dass sie bei der Plünderung des Ortes, an dem Makunganya sich vor den Deutschen zurückgezogen hatte, in seine Hände fiel.

Großaufnahme von mehreren Objekten auf einem Holztisch.
Forschungsreise im Rahmen des Humboldt Lab Dahlem: Kalebasse, Praxis des Abdallah Said Mkundi, Mohoro, daneben Foto einer Kalebasse aus einem medizinischen Beutel im Ethnologischen Museum Berlin. © Humboldt Lab Tanzania und SMB, Ethnologisches Museum. Foto Lili Reyels

Zusammen mit Provenienzforscherin Kristin Weber-Sinn führen sie verschiedene Projekte zur Tansania-Sammlung des Ethnologischen Museums durch. Worum geht es dabei vor allem?

Ivanov: Zunächst stellen wir die klassischen Fragen der Provenienzforschung: Welche Biographien haben die Objekte? Wer waren die ursprünglichen Besitzer*innen und wer waren eventuelle Zwischenhändler*innen? Wie genau sind die jeweiligen Objekte in den Besitz des Museums gelangt und welche Bedeutungen und Funktionen hatte Sie für die sogenannten Herkunftsgesellschaften? Waren diese Objekte überhaupt veräußerlich – war also ein Tausch oder Verkauf überhaupt möglich? Wichtig ist uns dabei, eine Forschungskooperation mit tansanischen Partnerinnen und Partnern aufzubauen, da wir davon überzeugt sind, dass dieses Kapitel der Geschichte nur gemeinsam bearbeitet werden kann. Zudem brauchen wir diesen Austausch dringend, denn nur so können wir die Sammlung nachhaltig dekolonialisieren. Auch möchten wir die Entscheidung, was mit den Objekten künftig geschehen soll, gerne unseren afrikanischen Partner*innen überlassen. Wir möchten sehr gerne wissen, welche Bedeutung diese Objekte für sie haben. Generell kann man festhalten: Die Forschungsagenda darf nicht mehr von Deutschland aus bestimmt werden. Die langanhaltende und nachhaltige Auseinandersetzung mit den sensiblen Objekten aus der Kolonialzeit sollte ein fester Bestandteil der musealen Arbeit werden. Ich wünsche mir einen Fonds, der eine dauerhafte Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen und Akteur*innen aus den sogenannten Herkunftsgesellschaften der Objekte in Tansania und generell Afrika möglich macht. Wir haben Kooperationen auch mit Akteur*innen aus anderen Ländern, und die Partner*innen müssen regelmäßig zu uns kommen können.

War das bisher nicht möglich?

Ivanov: Nein, die Besuche der tansanischen Partner*innen waren immer auf einzelne Projekte begrenzt. Und wegen Corona können wir seit mehr als einem Jahr nicht reisen. Aber vor der Pandemie waren Wissenschaftler*innen und Künstler*innen aus Tansania bei uns und wir wiederum sind nach Tansania gereist. Das war sehr bewegend und emotional. Alle Projektpartner*innen haben das große Gewicht der gewaltvollen Geschichte empfunden. Lange Zeit haben in Tansania nicht einmal die Wissenschaftler*innen gewusst, dass es in Berlin so viele Objekte aus ihrer Heimat gibt.

Gruppenfoto von mehreren Menschen vor einem Gebäude.
Gemeinsamer Workshop des National Museum of Tanzania und des Ethnologischen Museums in Dar es Salaam, 2018. © Eva Ritz

Projekte des Ethnologischen Museums

Seit 2016 laufen am Ethnologischen Museum mehrere Projekte, die ausgewählte Objekte und Objektgruppen der mehr als 10.200 Objekte umfassenden Sammlungen aus dem heutigen festländischen Tansania in den Blick nehmen. In dem 2018 abgeschlossenen Projekt „Humboldt Lab Tanzania“ und den weiterhin laufenden, damit inhaltlich eng verknüpften Provenienzforschungsprojekten „Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“ und „Kollaborative Provenienzforschung zu Sammlungen aus Tansania am National Museum and House of Culture in Dar es Salaam und dem Ethnologischen Museum Berlin“ arbeitete und arbeitet das Museum gemeinsam mit Akteur*innen aus Tansania zur Geschichte und der vergangenen und heutigen Bedeutung der ausgewählten Objekte. Hinzu kommt das Projekt „Umstrittenes Eigentum: Die affektive und emotionale Grundierung transkultureller Normenkonflikte um ethnographische Sammlungen im Humboldt Forum“, das Teil des Sonderforschungsbereichs „Affective Societies: Dynamiken des Zusammenlebens in bewegten Welten“ (SFB 1171) an der Freien Universität Berlin ist. Dabei geht es um die Rolle von Affekten und Emotionen im Kontext der Eigentumsdebatte, die um ethnologische Sammlungen entbrannt ist und bei der auch unterschiedliche Auffassungen davon, wie mit der kolonialen Vergangenheit umgegangen werden soll, miteinander kollidieren.

Die intensive Beschäftigung mit den historisch belasteten Sammlungen ist immer noch relativ neu. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ivanov: Meine Kollegin Kristin Weber-Sinn und ich sind nicht selten richtiggehend wütend und auch erschüttert. Die Gewalt der kolonialen Eroberungen war mehr als nur Krieg: Die Lebensgrundlagen ganzer Bevölkerungsgruppen wurden zerstört.  Es gab die Politik der verbrannten Erde. Wir sind immer wieder schockiert, mit welcher Ignoranz und Überheblichkeit die deutschen Kolonisatoren vorgingen und wie ungeniert sich die Militärs mit den Kriegstrophäen brüsteten und sie oft auch zu Geld machten. Die Museumsethnolog*innen damals nahmen die gewaltsame Aneignung der Objekte billigend in Kauf. Für sie waren afrikanische Gesellschaften „Naturvölker“, die keine geschichtliche Entwicklung durchgemacht hatten – im Gegensatz zu den europäischen „Kulturvölkern“. Für Kolonialbeamte und Kolonialoffiziere gehörte das Erbeuten von Objekten für das Berliner Museum zum kolonialdienstlichen Alltag – auch während Kriegszügen, in deren Verlauf ganze Dörfer und Städte geplündert und etwa auch Vieh und Elfenbein geraubt wurden. Es ist gut, dass jetzt ein Prozess begonnen hat, diese Geschichte aufzuarbeiten. Man muss aber auch sagen: Wir stehen noch am Anfang, es handelt sich um einen Lernprozess mit offenem Ausgang. Welche Wirkung unsere Debatten und Dialoge auf die Museumslandschaft in Tansania und Deutschland haben, muss sich noch zeigen.

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