Das Schweigen der Engel

21.11.2018Das Schweigen der Engel

Auf der Schwäbischen Alb wird 1936 das Ehepaar Saulmann enteignet und vertrieben. Eine historische Spurensuche

Text: Ralf Hanselle

Vielleicht ist Hermann Taigel der Letzte. Denn Hermann Taigel hat sie gesehen, flüchtig, zwischen den weißen Wolken und den hohen Wipfeln der Apfelbäume: „Ich erinnere mich noch genau an das Flugzeug“, sagt er. Das habe er als Junge manchmal am Himmel gesehen. Die Stimme des Mannes gerät ins Stocken. Sein Atmen knarzt in der Telefonmuschel. Taigel, der einstige Chronist der Stadt Pfullingen, der zudem Autor eines Standardwerks über schwäbische Mundart ist, will jetzt nicht länger mehr reden. Und sehen will er auch niemanden. Agathe Saulmann aber: Ja, die hat er gesehen. Damals, um das Jahr 1933, als die halbe Stadt von der Arbeit aufgeblickt und neugierig über die grünen Hügel des Echaztals hinweggeschaut hatte. „Da fliegt die Saulmann“, hatten dann alle voller Staunen gesagt. Auch der heute über 90-jährige Hermann Taigel – der Letzte, dem die Fabrikantengattin mit ihrem Leichtflugzeug des Böblinger Konstrukteurs Hanns Klemm durch die Kinderträume geflogen ist.
In dem einstigen Haus des Ehepaars Saulmann in Pfullingen erinnert heute nichts mehr an das Schicksal seiner Bewohner
In dem einstigen Haus des Ehepaars Saulmann in Pfullingen erinnert heute nichts mehr an das Schicksal seiner Bewohner © Christoph Mack

Eine Diva auf dem Dorf

Die anderen in der kleinen Stadt kennen diese Frau heute nur noch vom Hörensagen. „Saulmänne“ nennen sie sie in Pfullingen immer noch. Oder „die Saulmann“ – wie eine Diva. Und in der Tat muss „die Saulmann“, Tochter des Berliner Architekten Alfred Breslauer, die hier 1927 zusammen mit ihrem Mann Ernst ein großes Anwesen am Stadtrand gekauft hatte, eine stattliche Erscheinung gewesen sein. „In einem Ort wie Pfullingen? Ich bitt Sie!“ Eine ältere, gut gekleidete Dame zieht ihre grauen Augenbrauen hoch. In Pfullingen hätte es eine wie Agathe Saulmann ganz sicher nicht einfach gehabt. In den idyllischen Landstrich am Fuße der Schwäbischen Alb, der wie eine Verlängerung der fünf Kilometer nördlich gelegenen Kreisstadt Reutlingen wirkt, hätte eine Frau wie sie sicherlich nicht hineingepasst. 

Agathe Saulmann nämlich trug zuweilen karierte Hosen. Auf einem alten Foto sieht man sie Pfeife rauchen. Und kurz hinter der Kreisstraße 6729 Richtung Gönningen, da wo das vier Hektar große Flurstück „Schweinhatz“ beginnt, ist sie mit ihrer kleinen Klemm in die Lüfte geklettert. „Das wird zu viel gewesen sein für die sonst so bodenständigen Pfullinger.“ Wieder zieht die alte Dame die Augenbrauen hoch. Selbst, sagt sie, habe sie die Saulmänne ja nicht mehr gekannt. Sie sei erst nach dem Krieg in das von Obstbäumen gesäumte Tal gezogen – damals, als man nichts mehr gesehen, aber noch manches Mal was gehört haben wollte.

Und selig sind ohnehin die, die ohne zu sehen glauben können. Vielleicht hat das auch Agathe Saulmann gewusst. In der Kunstsammlung ihres geräumigen Hauses nämlich, dem 1904 von dem Architekten Theodor Fischer errichteten Erlenhof, der noch immer wie ein stilles Denkmal über einem der letzten Hügel am Stadtrand thront, befand sich einst ein kleines Relief. Ein sakrales Kunstwerk aus dem 15. Jahrhundert. Es erzählte vom Glauben, vom Sehen und vom Erinnern: Gefertigt von einem unbekannten Künstler aus Süddeutschland zeigte es ein von drei Engeln getragenes Christuskind. Die Geburt von etwas Göttlichem. Frommen konnte ein solches Bildnis dabei helfen, das Unbegreifliche begreifbar zu machen. 

Und unbegreiflich war ja vieles. Auch später hier in Pfullingen. Das fing irgendwann 1933 an. Während eines ersten Judenboykotts hatte man Agathe Saulmann ihr Flugzeug entzogen. Wie aus dem Nichts heraus schien sich die exzentrische Fabrikantengattin jetzt für viele in Pfullingen in etwas Bedrohliches zu verwandeln. „Es gab hier, wie überall in Deutschland, eine Menge Nazis und Antisemiten“, erzählt Waltraud Pustal, die Vorsitzende des Pfullinger Geschichtsvereins. Nur Juden, die hätte es kaum gegeben. Oben, auf der Alb im Lautertal, sagt Waltraud Pustal, da habe es eine kleine jüdische Ansiedlung gegeben. „Hier in Pfullingen aber? Nur die Saulmanns.“ Ähnlich erzählt es noch heute eine Akte aus den 60er-Jahren. Auf Anfrage der damaligen Stuttgarter Archivdirektion hatte man eine „Dokumentation über Judenschicksale 1933/45“ erstellt: „Anbei ihr ausgefüllter Fragebogen über Ernst Saulmann zurückgeschickt. Außer ihm waren in der Zeit zwischen 1933 und 1945 keine Juden in Pfullingen wohnhaft“, so meldete der damalige Pfullinger Bürgermeister in die baden-württembergische Landeshauptstadt.

Der Erlenhof ist noch immer ein Kleinod am Rande von Pfullingen
Der Erlenhof ist noch immer ein Kleinod am Rande von Pfullingen © Christoph Mack
Zunächst bot der Erlenhof einer Künstlerkolonie Obdach, später kauften die Saulmanns das idyllische Anwesen
Zunächst bot der Erlenhof einer Künstlerkolonie Obdach, später kauften die Saulmanns das idyllische Anwesen © Christoph Mack

Ein ungleiches Paar

Keine außer eben diesen beiden. Der Unternehmer und die Hobbyfliegerin. Im Oktober 1927 hatten sich der damals 46-jährige geschäftsführende Gesellschafter der Mechanischen Baumwollweberei Eningen und dessen 17 Jahre jüngere Ehefrau auf dem Erlenhof niedergelassen. Umringt von Hecken und alten Obstbäumen bewohnten sie ein verträumtes Haus mit Zinnen und Türmchen. Kurz zuvor noch hatte es als Domizil einer weit über die Grenzen der Stadt bekannten Künstlerkolonie gedient. Hermann Hesse und Adolf Hölzel sollen damals dort ein- und ausgegangen sein. Und danach eben die Saulmanns, ein ungleiches Paar; er erfolgreich als Unternehmer, sie sportlich, kunstbeflissen und bereits einmal geschieden. 

66 000 Reichsmark sollen sie für den Erlenhof bezahlt haben. Ein Ankauf, der ab 1933 die Neider und Nazis auf den Plan rufen sollte. Es war die immer gleiche Geschichte: „Kurz vorher“, so erzählte es Agathe Saulmann später einem Journalisten, „ist die Hetzerei losgegangen.“ Dem Fabrikanten wurden die Aufträge gekürzt, und zugesagte Kredite wurden wieder entzogen. Und als hätte all das noch nicht ausgereicht, versuchte man über die Weihnachtstage des Jahres 1935, einen Aufruhr unter Saulmanns Arbeitern zu inszenieren. „Als mir Herr Leger am 25. Dezember 1935 mitteilte, dass Kreisleiter Sponer eine Rede gehalten habe, in der Hoffnung, dass die Belegschaft vor die Fabrik ziehen und nach meinem Mann schreien würde, habe ich den weinenden Mann gegen seinen Willen weggeschafft.“
Heute befindet sich das einst von Theodor Fischer entworfene Haus in Privatbesitz
Heute befindet sich das einst von Theodor Fischer entworfene Haus in Privatbesitz © Christoph Mack

Der Saulmann-Erbe spricht

Felix de Marez Oyens, Erbe des Ehepaars Saulmann, spricht über die Entscheidung, die Engelgruppe im Bode-Museum zu belassen.

Agathe Saulmann vor ihrem kleinen Leichtflugzeug
Agathe Saulmann vor ihrem kleinen Leichtflugzeug © Privat-Archiv, Foto: A. Burgemeister

Agathe und Ernst Saulmann fliehen schließlich über Florenz nach Nizza, wo sie später in die Hände der Deutschen fallen. 1936 wird ihre Fabrik gepfändet, zwangsversteigert und arisiert. Auch die über hundert Objekte zählende Kunstsammlung gelangt in eine Versteigerung. Im Münchner Auktionshaus Adolf Weinmüller kommen die Werke 1936 in insgesamt drei Auktionen unter den Hammer. Wie damals bei Auktionen üblich, wurde der Voreigentümer nicht genannt. Der Erlös aus der Versteigerung dient der Eintreibung der sogenannten „Reichsfluchtsteuer“ – ein perfides Refinanzierungsmodell des nationalsozialistischen Terrors, mit dem sich die Schergen ihr eigenes Treiben von den Opfern bezahlen ließen. Die Saulmanns selbst wird man später in ein Konzentrationslager in Frankreich bringen – vermutlich in das berüchtigte Gurs in den Pyrenäen. Ernst Saulmann stirbt 1946 an den Folgen der Haft. Und nur Agathe wird noch einmal zurückkehren – zurück zu den grünen Hügeln am Fuße der Alb, zu den Fachwerkhäusern und den Apfelbäumen, zu den Orten, wo heute fast nichts mehr an diese furchtbaren Tage erinnert.

Fünfhundert Kilometer weiter östlich aber, da tauchte 1999 eine erste Spur zurück in die Geschichte der Saulmans auf. Die Staatlichen Museen zu Berlin hatten damals ein kleines Relief aus Lindenholz erworben, ein eigentlich unverdächtiges sakrales Objekt: drei pausbäckige Engel über Wolken; in ihrer Obhut ein kleines und hilfloses Kind. Die Engelsgruppe aus der Kunstsammlung von Ernst und Agathe Saulmann, einst Hilfe für all jene, die erst sehen mussten, um wirklich zu glauben. Noch wusste niemand um die Geschichte des kleinen Objektes.

Dreizehn Jahre später indes, im September 2012, tauchte im Verzeichnis der Online-Datenbank Lost Art eine Suchmeldung auf. Unter der Nummer 459418 recherchierte eine Berliner Anwaltskanzlei im Auftrag des Saulmann-Erben Felix de Marez Oyens, einem Halbbruder von Agathe Saulmanns Tochter aus erster Ehe, nach dem Verbleib der drei schweigsamen Engel sowie zahlreicher anderer Werke aus der Sammlung Saulmann. Von da an sollten noch weitere fünf Jahre vergehen, bis Objekt und Suchmeldung in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Dann aber ging alles ganz schnell: Nachdem die Staatlichen Museen auf die Ähnlichkeit ihres Objektes mit historischen Abbildungen hingewiesen worden waren, begann eine umfangreiche Provenienzrecherche. 

Historische Ansicht des Erlenhofs
Historische Ansicht des Erlenhofs © A. Burgemeister
Reste von Ernst Saulmanns Baumwollweberei
Reste von Ernst Saulmanns Baumwollweberei © Christoph Mack

Verfolgt vor aller Augen

„Die Sachlage war eindeutig“, erklärt Sven Haase, Stellvertretender Leiter des Zentralarchivs der Museen, der dann für die Erforschung der Herkunft des Engelreliefs zuständig war. Der Verfolgungsstatus der Saulmanns, meint er, hätte von Anfang an außer Frage gestanden. Ein Blick in die Zeitung hätte genügt. Und das schon 1936: Im sogenannten „Reichsanzeiger“ nämlich sei damals ein Steuersteckbrief abgedruckt worden, der die Vermögensbeschlagnahmung der Saulmanns öffentlich gemacht hatte. Dem Ehepaar wurde darin zur Last gelegt, dem Deutschen Reich 106.885,75 Reichsmark „Reichsfluchtsteuer“ zu schulden. Es war eine Verfolgung vor aller Augen.

Heute steht hinter der kleinen Notiz in der Lost-Art-Datenbank der Vermerk „Gütliche Einigung“. Im Herbst 2017 hatten die Staatlichen Museen das Objekt zunächst restituiert und anschließend von den Erben wieder erwerben können. Heute sind die drei Engel im Bode-Museum zu bewundern. Dort erzählen sie längst von weit mehr als von einer Geschichte über Anbetung und der Schönheit christlicher Kunst. Doch war mit der Rückgabe der Engel geschehenes Unrecht wiedergutgemacht? Nicht nur Agathe Saulmann hätte da vermutlich Zweifel gehabt. In einem spektakulären Prozess – dem damals größten Wiedergutmachungsverfahren in der einstigen französischen Besatzungszone – kämpfte die Unternehmerwitwe nach dem Krieg um die Rückgabe der Mechanischen Weberei Eningen. Gegen Zahlung einer Abfindung verzichtete sie schließlich auf ihre Unternehmensanteile.

Einen Weg, das Leiden ungeschehen zu machen, hat es niemals mehr geben können: Im Juli 1951 erschien im „Eninger Heimatboten“ eine kleine Notiz: „Frau Agathe Saulmann, die zuletzt in Baden- Baden wohnte, beging Mitte vorigen Monats daselbst, wie erst jetzt bekannt wird – Selbstmord“. Die Beweggründe für die Tat, der bereits vier erfolglose Versuche vorausgegangen waren, schienen für den Redakteur des „Heimatboten“ auf der Hand zu liegen: „Da Frau Saulmann keine finanziellen Sorgen größeren Ausmaßes [hatte], werden als Beweggründe ,manisch-depressive Zustände‘ angenommen.“

Wer indes die ganze Geschichte hätte sehen wollen, dem wäre es aufgefallen: das Unrecht und die schier unerträgliche Ohnmacht einer von den Nationalsozialisten entrechteten Frau. Heute gibt es von Agathe und Ernst Saulmann kaum noch eine winzige Spur. Über dem kleinen Echaztal zumindest legt sich der Abend. Und nur Hermann Taigel, der einstige Pfullinger Stadtchronist, der hat noch gesehen. Als einer der Letzten kann er sich erinnern. An die Saulmann und an ihren kleinen Flieger. Wie ein Engel ist der damals über den weiten schwäbischen Himmel geflogen.

Wo früher die Landebahn war, ist heute eine grüne Wiese
Wo früher die Landebahn war, ist heute eine grüne Wiese © Christoph Mack

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