Demokratische Stadtlandschaft mit autistischen Solitären?

29.11.2016Demokratische Stadtlandschaft mit autistischen Solitären?

Viele namhafte Architekten haben das heterogene architektonische Profil des Kulturforums geprägt: August Stüler, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Scharoun und bald auch Herzog & de Meuron. Ein Überblick.

Modell des Kulturforums: Zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie entsteht der Neubau für das Museum des 20. Jahrhunderts
Modell des Kulturforums: Zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie entsteht der Neubau für das Museum des 20. Jahrhunderts © lindner-fotograf.de

St. Matthäus Kirche: Der einzige historische Bau

Das älteste Gebäude ist die von August Stüler im Stil der oberitalienischen Romanik entworfene St. Matthäus Kirche (1844-46). Weil der dreischiffige Kirchenbau während des 2. Weltkriegs stark beschädigt wurde, musste er von 1956-60 wiederaufgebaut werden. Damit ist auch der einzige historische Bau des Kulturforums genaugenommen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet worden. Mies van der Rohe hat die Neue Nationalgalerie an der St. Matthäus Kirche ausgerichtet, darum bilden die beiden eine Art Gravitationszentrum der ansonsten eher unruhigen Stadtlandschaft.

Die St. Matthäuskirche (1967)
Die St. Matthäuskirche (1967) © bpk/Rudolf Kessler
1966 gab es am Kulturforum nur die Philharmonie und die Kirche
1966 gab es am Kulturforum nur die Philharmonie und die Kirche © bpk / Rolf Koehler

Philharmonie: Scharouns demokratischer Neuanfang

Durch die Teilung Berlins kam in dieser Zeit die Idee auf, mit dem Kulturforum ein neues kulturelles Zentrum im Westteil der Stadt zu schaffen. Maßgeblich orientierte sich die Gestaltung an Hans Scharouns Konzept der „Stadtlandschaft“ aus dem Hauptstadtwettbewerb von 1957. Eine freie, rhythmische Ordnung sollte nach diesem Leitbild das Kulturforum prägen. 1960 begann an der Nordseite des Areals der Bau der Philharmonie nach Plänen Scharouns. Der polygonale Saalbau mit dem zeltartigen Dach verzichtet bewusst auf alle traditionellen Repräsentationsgesten und verkörpert den demokratischen Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg.

Neue Nationalgalerie: Mies setzt einen Kontrapunkt

Von 1965-68 baute Ludwig Mies van der Rohe mit der Neuen Nationalgalerie eine Ikone der klassischen Moderne an die südliche Seite des Kulturforums. Der streng geometrische Bau aus Stahl und Glas setzt einen Kontrapunkt zu Scharouns organischen, asymmetrischen Bauten. Diese Insel der Ordnung in der Stadtlandschaft ist das einzige Gebäude, das Mies nach seinem Weggang ins amerikanische Exil in Berlin gebaut hat. Der Entwurf war ursprünglich ein Vorschlag des Jahrhundertarchitekten für das Bacardi-Hauptquartier in Santiago, das aber wegen der kubanischen Revolution nie realisiert wurde.

Die Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße Ende der 1970er
Die Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße Ende der 1970er © BBR

Staatsbibliothek: Organische Leselandschaften, von Wisniewski vollendet

Östlich von der Neuen Nationalgalerie begrenzt seit 1978 die ebenfalls von Hans Scharouns entworfene und von Edgar Wisniewski vollendete Staatsbibliothek das Kulturforum. Das lang gestreckte Gebäude aus terrassenartigen Bauteilen mit der charakteristischen Sheddachkonstruktion lehnt sich architektonisch an die Philharmonie an. In seinem labyrinthischen Inneren finden sich weiträumige, lichtdurchflutete Leselandschaften. 

Kammermusiksaal und Staatliches Institut für Musikforschung: Scharouns posthume Vollendung

Der in den 1960er Jahren von Hans Scharoun entworfene „tönende Gegenpol“ zur Staatsbibliothek wurde in den 1980er Jahren posthum vollendet: Nach dem Tod des Architekten 1972 modifizierte Edgar Wisniewski ebenfalls die Entwürfe für das Staatliche Institut für Musikforschung mit Musikinstrumentenmuseum (1984 fertiggestellt) und des Kammermusiksaals (1987 fertiggestellt)und plante deren Bau. Die Verbindung zur Philharmonie zeigt sich sowohl in der Fassadengestaltung der Gebäude, als auch in ihrer Ausstattung.

Staatliches Institut für Musikforschung und das Musikinstrumentenmuseum (2001)
Staatliches Institut für Musikforschung und das Musikinstrumentenmuseum (2001) © bpk/SIM/Dietmar Katz

Kunstgewerbemuseum, Kupferstichkabinett, Kunstbibliothek: Brutalistischer Backstein, modifiziert

Die backsteinernen Gebäude für das Kupferstichkabinett und die Kunstbibliothek sowie das Kunstgewerbemuseum (1985) und die charakteristische Piazetta gehen auf Rolf Gutbrods Beitrag zum Wettbewerb für den Bau der Museen der Europäischen Kunst von 1965/66 zurück. Ursprünglich war Gutbrod der Zuschlag für die Planungen von Neubauten der Gemäldegalerie, der Skulpturensammlung, des Kunstgewerbemuseums sowie des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek. Kennzeichnend für seine Architektur ist die Sichtbarkeit konstruktiver Elemente. Aussstellungsräume und Eingangsbereich des brutalistisch anmutenden Kunstgewerbemuseums wurden 2012-2014 nach Plänen des Büros Kühn Malvezzi umgestaltet.

Gemäldegalerie: Schlichte preußische Strenge

Ursprünglich umfasste Rolf Gutbrods Wettbewerbsbeitrag auch einen Entwurf für die Gemäldegalerie, der aber 1985 verworfen wurde. Im Jahr 1987 erhielt das Architekturbüro Hilmer & Sattler den Auftrag für den Neubau der Gemäldegalerie. Im Stil preußischer Strenge erhebt sich das schlichte Gebäude, dessen Räume um eine lichte Wandelhalle mit 32 Klarglaskuppeln gruppiert sind, über der Piazzetta. 1998 wurde die Gemäldegalerie eröffnet. Architektonisch steht sie für die Moderne des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Fast fertig: Die Gemäldegalerie 1995
Fast fertig: Die Gemäldegalerie 1995 © bpk/Dietmar Katz

Museum des 20. Jahrhunderts: Das einende, archetypische Haus

Im Oktober 2016 hat das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron den Wettbewerb zum Neubau des Museums des 20. Jahrhunderts für sich entscheiden können. Auf der Brachfläche zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie entsteht in den kommenden Jahren ein Museum in archetypischer Hausform, die eine Antwort des 21. Jahrhunderts auf die Architekturikonen des 20. Jahrhunderts ist und viele Assoziationen weckt: Scheune, Lagerhalle, Tempel. Das neue Gebäude mit der prägnanten Backsteinfassade soll vor allem die  städtebauliche Einbindung des Kulturforums verbessern. Darum verläuft im Inneren eine „Ost-West-Achse“, die bis zur Piazzetta führt und das Museum  wie ein „Tor“ erscheinen lässt. Sie kreuzt sich mit einem „Nord-Süd-Boulevard“, der unter der Sigismundstraße hindurch vom nördlichen Eingang der Philharmonie bis zur Neuen Nationalgalerie reicht. In den so entstehenden vier Quadranten wird die Sammlung der Nationalgalerie zur Kunst des 20. Jahrhunderts ausgestellt. 

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