Eine Brücke wird von zwei Seiten gebaut

04.07.2018Eine Brücke wird von zwei Seiten gebaut

Kulturaustausch, wenn er denn stattfindet, wird von Menschen gemacht. Der Fotograf Maziar Moradi porträtiert Iranerinnen und Iraner, die in Berlin leben, sowie Protagonisten der geplanten Teheran-Ausstellung. Bei seinen Shootings stellte er nur eine Frage: Was darf und was kann kultureller Austausch bewirken?

Anahita Razmi
Anahita Razmi © SPK/ Maziar Moradi

Ich finde es falsch, Kunst als Mittel zum Zweck zu benutzen, einseitig zu politisieren, bewusst oder unbewusst zu zensieren, oder als diplomatisches Tool anzusehen. Gerade im Austausch mit dem Iran gibt es hier sicher viele Stolpersteine, wenn es um internationale Kulturpolitik geht. Mit wem kooperiert man? Kann man mit staatlichen Kunsteinrichtungen im Iran, die ja Zensur als Prinzip betreiben, überhaupt zusammenarbeiten? Wann sind Diplomatie und Kompromiss angebracht, wann sind sie toxisch? Nutze beziehungsweise hinterfrage ich in dem Ganzen meine eigene Position? Als Einzelperson bin ich da ja glücklicherweise freier als zum Beispiel eine Institution: Mir ist es wichtig, unabhängig und kritisch zu arbeiten. Wenn das nicht möglich ist, mach ich es einfach nicht. 

Anahita Razmi, Künstlerin, Berlin, diskutierte mit Azin Feizabadi und anderen Künstlern auf einer Veranstaltung im Rahmenprogramm des Goethe-Instituts „Die Iranische Moderne“ zur geplanten Ausstellung.

Gabriel Montua
Gabriel Montua © SPK/ Maziar Moradi

Eine Brücke wird immer von zwei Seiten gebaut. Ich habe durch die Arbeit an dem Ausstellungsprojekt sowohl im Iran als auch in Europa viele Menschen kennengelernt und freue mich, nun selber eine kleine Brücke sein zu können, um die richtigen Personen in Verbindung zu setzen.

Gabriel Montua, Co-Kurator der Ausstellung „Die Teheran Sammlung. Das Teheran Museum für Zeitgenössische Kunst in Berlin“

Neda Navaee
Neda Navaee © SPK/ Maziar Moradi

Mir geht es sowohl in der Musik als auch bei der Fotografie um das Zeitlose. Um das, was wir nicht in Worte fassen können. Das, was unser Herz berührt und uns Kraft gibt. Ich bin vor etwa zehn Jahren das erste Mal gefragt worden, ob ich ein Ensemble fotografieren kann. Dank Facebook hat sich das von alleine weiterentwickelt, so dass es mit der Zeit zu meinem Beruf geworden ist, was ich sehr genieße und liebe. Die meisten Musiker leben sich in der Musik aus und sind sonst eher verschlossen. Mir geht es darum, in der Zeit, die ich mit den Musikern verbringe, ich selbst zu sein und mich hundertprozentig auf sie einzulassen. Ich will sie verstehen und nicht beurteilen. Das merken sie spätestens nach zehn Minuten. Sie fangen an, sich zu entspannen und sich zu öffnen. Auf dieser Basis fange ich dann an zu arbeiten. Offen und unvoreingenommen kommunizieren wir ohne Worte.

Neda Navaee, Pianistin und Portraitfotografin von Künstlern der Klassischen Musik, verbrachte ihre Kindheit in Iran, Frankreich und den USA

Hana Streicher
Hana Streicher © SPK/ Maziar Moradi

Im Oktober 2017 habe ich gemeinsam mit einer freiberuflichen Kollegin, Anke Klusmeier, konservatorische und restauratorische Arbeiten an drei Werken der Sammlung des TMoCA ausgeführt: Pablo Picasso, „Le Peintre et son Modèle“, 1927; Max Ernst, „Histoire Naturelle“, 1923 und Franz Kline, „Untitled“, 1955. Die notwendigen transportvorbereitenden Arbeiten waren fachlich sehr anspruchsvoll und fanden in sehr engem Zeitrahmen und unter sehr provisorischen Bedingungen in den Depoträumen des TMoCA statt. Trotzdem kann ich sagen dass es großen Spaß gemacht hat. Insbesondere die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des TMoCA vor Ort war eine schöne Erfahrung, flexibel, produktiv und oft auch lustig. Wir sind sehr herzlich auseinandergegangen. Sehr schade, dass die Ausstellung nicht stattgefunden hat und wir die Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde, nicht erwidern können. 

Hana Streicher, Restauratorin an der Neuen Nationalgalerie

Nasrin Bassiri
Nasrin Bassiri © SPK/ Maziar Moradi

Ich bin Mitbegründerin der Etehade Melli Zanan (Union iranischer Frauen), die kurz nach der Revolution im Iran gegründet wurde. Wir haben auf die fortschreitende Entrechtung der Frau hingewiesen und Proteste gegen die islamische Kleiderordnung organisiert. Wir sind vom Mob und von Sittenwächtern zusammenschlagen und festgenommen worden. Im Sommer 1981 wurde unsere Organisation verboten. Die Akteurinnen, hauptsächlich Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Studentinnen, Lehrerinnen und Frauen, die sich für Frauen und Menschenrechte eingesetzt haben, wurden verhaftet beziehungsweise mussten wie ich ins Ausland flüchten. Frauen protestieren nach wie vor gegen den Schleierzwang. Ihre wütenden, blutigen Gesichter lassen ahnen, dass sie von Sittenwächtern wegen „unislamischer Bekleidung“ angegriffen wurden. Noch heute entscheidet der Ehemann, ob seine Frau studieren oder arbeiten darf, ob sie ins Ausland reisen darf oder nicht. Doch nach massiven Protesten wurde den Eheverträgen eine Seite hinzugefügt: Wenn der Ehemann sie unterschreibt, bevollmächtigt er seine Frau unwiderruflich, all diese Entscheidungen selbst zu treffen. 

Dr. Nasrin Bassiri, Autorin, Journalistin und Frauenbeauftragte an der weißensee kunsthochschule berlin

Omid Bahadori
Omid Bahadori © SPK/ Maziar Moradi

Mit meiner Musikgruppe Sedaa spiele ich weltweit Konzerte. Um Kontakt zu Menschen, insbesondere aus anderen Kulturen zu knüpfen, ist die Kunst eine hervorragende Brücke. Nicht auf eigene Gewohnheiten zu pochen, ist sehr wichtig. Es gehört dazu, sich zu öffnen und auf andere Dinge einzulassen. Nur so können neue Erfahrungen entstehen. 

Omid Bahadori, Musiker, mit zwölf Jahren aus dem Iran ausgereist, fand in einer Hannoveraner Musiker-Wohngemeinschaft zur Musik

Joachim Jäger
Joachim Jäger © SPK/ Maziar Moradi

Ich bin von Anfang an im TMoCA mit sehr offenen Armen empfangen worden. Trotz vieler Besucher vor mir waren die Museumskollegen immer noch neugierig auf unsere Haltung, unsere Meinung. Ich selbst war begeistert von dem ungefilterten Nebeneinander von Westkunst und iranischer Moderne. Der Austausch, die vielen Gespräche und Reisen haben das TMoCA vor Ort verändert. Man ist heute stolz auf die Einzigartigkeit der Sammlung. Man hat sich getraut, unsere für Berlin und Rom vorgenommene Auswahl einmal unter dem hoffnungsvollen Titel „Berlin-Rome-Travellers“ in Teheran auszustellen. Und seit Kurzem hängen im Eingang des Museums zwei Leuchtkästen. Einer zeigt einen Ausschnitt eines Werkes des Iraners Jafar Rouhbakhsh. Der andere Leuchtkasten zeigt ein Detail von Jackson-Pollock. Beides sind – immerhin – kleine Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins.

Joachim Jäger, Leiter der Neuen Nationalgalerie, Kurator der Ausstellung „Die Teheran Sammlung. Das Teheran Museum für Zeitgenössische Kunst in Berlin“

Kani Alavi
Kani Alavi © SPK/ Maziar Moradi

1980 beschloss ich, Iran in Richtung Deutschland zu verlassen. Ich lebte acht Jahre in der Nähe des Checkpoint Charlie. Berlin war für uns ein ghettoisierter Ort der Unbeweglichkeit. Die deutsche Kultur wurde ein Teil von mir. Am Abend des 9. November 1989 beobachtete ich die Gefühle der Menschen und fragte mich: Warum gibt es unterschiedliche Freiheiten? Ich habe die East Side Gallery gerettet, um die Menschen täglich an die Freiheit zu erinnern. Mein nächstes Projekt wird die Demarkationslinie in Korea. 

Kani Alavi, Künstler und Präsident der East Side Gallery Berlin

Ahmad Barakizadeh
Ahmad Barakizadeh © SPK/ Maziar Moradi

Wir können keine Kultur auf der Welt finden, die von einer anderen Kultur abgeleitet wurde. Ich versuche andere Kulturen und Künste in meine Arbeit einzubeziehen. Der größte Fehler eines Künstlers ist es, die Kunst auf eine bestimmte Kultur einzuschränken oder seine eigene höher zu stellen als andere

Ahmad Barakizadeh, Künstler, vor seinem Atelier in Berlin-Marienfelde, erstellt jede Woche eine Karikatur zur Lage im Iran für die Online-Zeitung Kayhan

Azin Feizabadi
Azin Feizabadi © SPK/ Maziar Moradi

Azin Feizabadi, Filmemacher und Bildender Künstler, studierte erst in Berlin und dann zwei Jahre Filmkunst in New York, stellte seitdem unter anderem im Berliner Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters aus

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