Die Perspektive wechseln ist Programm

17.10.2017Die Perspektive wechseln ist Programm

„Multikultureller Musterschüler oder Erbe des Kolonialismus?“ – Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Debatte um das Humboldt Forum. In der Kunstzeitung (Ausgabe Oktober 2017) meldeten sich drei Experten zu Wort, darunter Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin.

Von Viola König

Installationsansicht des Humboldt Lab Dahlem „(K)ein Platz an der Sonne“
Installationsansicht des Humboldt Lab Dahlem „(K)ein Platz an der Sonne“ © Uwe Walter
Von Anbeginn bin ich an der Konzeption der Ausstellungen des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum beteiligt. Ebenso lange ist der Perspektivwechsel Programm. Es wurde im In- und Ausland diskutiert, evaluiert und fortlaufend aktualisiert. Ich wundere mich über Behauptungen von Kollegen, die ich nicht nachvollziehen kann: „Das Konzept setze stark auf die Neugier der Besucher, den spektakulären Charakter der Schaustücke“ heißt es, vor „einer Fortsetzung stereotyper Bilder“ wird gewarnt. Natürlich müssen wir die Neugier der Besucher erwecken, z. B. für das Thema Kolonialismus, Interesse für die vielen Facetten europäischer Expansion über die Welt seit 500 Jahren, deren Auswirkungen heute jeder spürt, z. B. die ungerechte Verteilung und Ausbeutung von Ressourcen. Wir müssen aber ebenso auf die Errungenschaften, die Leistungen z. B. ästhetischen Äußerungen, die nicht europäischen Ursprungs sind, aufmerksam machen, auf Weltbilder, die auf Werten beruhen, von denen wir einige heute wieder entdecken wie den Umgang mit der Natur, das Ausbalancieren des Gleichgewichts mit der Umwelt und die Erkenntnis, dass wir selbst „Naturvolk“ darin sind. 
Besucher bei der Ausstellung Living Inside the Story / Humboldt Lab Tanzania (Februar 2017).
Besucher bei der Ausstellung Living Inside the Story / Humboldt Lab Tanzania (Februar 2017). © Pavel Desort Photography
Zahlreiche Objekte aus dem Ethnologischen Museum können solche Zusammenhänge illustrieren, andere sind besonders geeignet postkoloniale bzw. globale Verflechtungen über Zeit und Raum aufzuzeigen, Bezüge herzustellen, die in einem wissenschaftlichen Text für Nichteingeweihte schwer vermittelbar sind. Objekte haben eine starke Wirkkraft, regen zur Reflexion an. Dank des Einsatzes heutiger Medien kann man tiefergehende Informationen anbieten als früher. Ethnologen in den Museen wissen wie schwierig es ist, Erfahrungen aus Aufenthalten bei Angehörigen der sog. ‚Herkunftsgesellschaften’ – das sind keineswegs nur indigene Minderheiten – den Besuchern mit dem Medium der Ausstellung zu vermitteln. 

Die öffentliche Forderung nach Provenienzforschung ist notwendig; nur durch externe Kritik gelingt es Ressourcen zu mobilisieren. Ich erforsche seit dem Studium die Provenienz von Objekten, doch das Ethnologische Museum betreut ½ Million. Heerscharen von Experten werden benötigt, um diese zu erforschen: Provenienz, Kontext und Funktion. Ohne das Humboldt Forum gäbe es diese Debatte nicht. Es gilt nicht nur Objekte auszustellen deren Provenienz bekannt ist, sondern vielmehr den aktuellen Kenntnisstand offenzulegen. Die effektivste Art der Kommunikation mit den Herkunftsgesellschaften erfolgt heute digital. Kritiker fordern ein Moratorium, das vierte seit 2001. Wer sich darauf einlässt riskiert das Ende eines Forums für den „Dialog mit der Weltgesellschaft“ und gegen „koloniale Amnesie“ in der Mitte Berlins. 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Kunstzeitung (Ausgabe Oktober 2017).

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