Bach und Wasserzeichen – Digitalisierung in der Staatsbibliothek

27.01.2021Bach und Wasserzeichen – Digitalisierung in der Staatsbibliothek

Jeder kennt Johann Sebastian Bach, doch die wenigsten wissen, dass vier seiner Söhne ebenfalls Musiker waren. Ihre Werke werden nun wiederentdeckt – und an der Staatsbibliothek zu Berlin digitalisiert. Martina Rebmann, Leiterin der Musikabteilung der Staatsbibliothek, erklärt im Interview, welche Bedeutung Bach und Söhne heute haben und welche wichtige Rolle Wasserzeichen bei ihrer Arbeit spielen.

Das Gespräch führte Sven Stienen

Historisches Schriftstück
C. P. E. Bach: Autograph des Magnificat Wq 215 (Berliner Fassung 1749), Signatur: Mus.ms. Bach P 341, erste Notenseite © SBB-PK

An der Staatsbibliothek zu Berlin läuft derzeit ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Forschungs- und Digitalisierungsprojekt zum „Quellenkorpus Bach-Söhne“. Welche Rolle spielten die Kinder des berühmten Komponisten Johann Sebastian Bach in der Musikgeschichte?

Martina Rebmann: Johann Sebastian Bach hatte sehr viele Kinder und vier seiner Söhne sind selbst Musiker geworden: Wilhelm Friedemann (1710–1784), Carl Philipp Emanuel (1714–1788), Johann Christoph Friedrich (1732–1795) und Johann Christian (1735–1782) haben alle auch als Komponisten gearbeitet und ein sehr großes Oeuvre hinterlassen. Carl Philipp Emanuel, kurz CPE Bach, war musikgeschichtlich der wichtigste unter den Bach-Söhnen, nicht nur aufgrund seiner umfangreichen Arbeit als Komponist, sondern auch weil er das musikalische Erbe seines Vaters, also viele seiner nur handschriftlich erhaltenen Werke, für die Nachwelt gut gehütet hat. Die Staatsbibliothek zu Berlin widmete ihm 2014 eine Ausstellung zu seinem 300. Geburtstag. Er hat 30 Jahre in Berlin als Kapellmeister Friedrichs des Großen gearbeitet und war weitere 20 Jahre Kirchenmusikdirektor in Hamburg.

Was haben uns die Bach-Söhne hinterlassen?

Die Musiker der Zeit haben ihre Musik mit der Hand niedergeschrieben und ihre Werke als so genannte Autographen hinterlassen. Viele dieser Niederschriften sind heute in Berlin, in der 1842 gegründeten Musikabteilung der Staatsbibliothek. Dort hat man im 19. Jahrhundert als eine der ersten Bibliotheken überhaupt angefangen, Autographen und Musikniederschriften, aber auch Musikdrucke im großen Stil zu sammeln, darunter natürlich auch die Werke Johann Sebastian Bachs und seiner Söhne.

Konnten sich die Söhne Bachs von ihrem berühmten Vater emanzipieren?

Johann Sebastian Bachs Musik galt bereits als altmodisch, als seine Söhne in seine beruflichen Fußstapfen traten. Sie probierten viel neues aus und machten einen Sprung in der musikgeschichtlichen Entwicklung: Die Bach-Söhne experimentierten mit neuen Harmonien, Instrumentierungen, Gattungen und standen damit im Kontrast zu den Werken ihres Vaters. Sie hatten bei ihm gelernt, doch ihr eigener Stil war ganz anders – und als professionelle Musiker und Komponisten mussten sie natürlich auch mit der Zeit gehen und auf den sich ändernden Geschmack reagieren.

Welche Bedeutung hat die Musik Bachs und seiner Söhne heute?

Die Musik Johann Sebastian Bachs ist natürlich absoluter Kanon – seine Werke werden bis heute weltweit regelmäßig aufgeführt. Die Musik der Bach-Söhne hingegen ist weniger bekannt, doch sie wird zunehmend wiederentdeckt. In den letzten 20 Jahren wird vermehrt über sie geforscht, die Werke werden herausgegeben und von Musiker*innen immer häufiger gespielt und aufgenommen. Dieser noch weitgehend unbekannte Kosmos ist für viele interessant, die auf der Suche nach Musik jenseits des etablierten Kanons sind. Unser Projekt „Quellenkorpus Bach-Söhne“ trifft den Nerv der Zeit, denn wir wollen die Quellen weltweit kostenlos zur Verfügung stellen.

Was genau passiert in dem Projekt?

Alle Noten werden nach dem internationalen bibliothekarischen Standard RISM katalogisiert und digitalisiert und dann in die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek eingestellt. Dort können Wissenschaftler*innen, Musiker*innen und Verlage frei darauf zugreifen. Besonders Musiker*innen entdecken bei uns viele alte Stücke wieder und können die Originalquellen studieren. Das ist wichtig, denn diese Quellen zeigen oft auch ganz detailliert, wie ein Komponist bestimmte Passagen gemeint hat.

Inwiefern?

Normalerweise sind moderne, praktische Notenausgaben von Musikstücken sehr nüchtern: Die Noten sind „schmucklos“ in schwarz-weiß gedruckt. Bei den Quellen der entsprechenden Werke ist das ganz anders: sie sind als Handschriften zwar schwerer zu lesen, aber enthalten viele Informationen wie zum Beispiel den Schriftduktus des Komponisten, der viel über den musikalischen Ausdruck einer Passage verraten kann. Musiker*innen sind sehr an diesen Informationen interessiert, denn moderne Notenausgaben sind durch die Arbeit an einer Edition immer auch „Interpretationen“ von Musikstücken. Die Originalquellen enthalten eine absolut authentische Fassung.

Können Sie etwas über die Ergebnisse ihrer Forschung an den Quellen berichten?

Besonders spannend ist unsere Forschung zu den Wasserzeichen der Autographen. Dazu haben wir eine neue Methode weiterentwickelt, die inzwischen auch von anderen Einrichtungen für deren Musikhandschriften genutzt wird.

Wasserzeichen einer historischen Handschrift
Wasserzeichen aus der Handschrift des Magnificat von C. P. E. Bach, datiert 1749 (Hirsch mit Baum und Sockel) © SBB-PK

Was sind Wasserzeichen und was verraten sie über die Schriftstücke?

Wasserzeichen wurden historisch von Papiermachern beim Schöpfen von Papieren genutzt, um ihre Produkte zu kennzeichnen. Sie entstanden, indem kleine Drahtgeflechte mit dem jeweiligen Zeichen auf die Schöpfsiebe angebracht wurden. Dadurch lagerten sich dort beim Papierschöpfen weniger Fasern ab und das Papier war hinterher an dieser Stelle dünner. So kam an der Stelle auch mehr Licht durch das Papier und das Wasserzeichen wurde sichtbar – jeder konnte sehen, von welchem Papiermacher ein Blatt stammte. Da jede Papiermühle ihr eigenes Wasserzeichen hatte und diese regelmäßig wechselten, weil die Schöpfsiebe abgenutzt waren, können wir Schriftstücke mit Hilfe der Wasserzeichen heute datieren. Papier war damals sehr teuer und wurde in der Regel nicht lange gelagert oder auf Vorrat gekauft, sondern nach der Anschaffung direkt aufgebraucht. So können wir Autographen mit Wasserzeichen auf wenige Jahre genau datieren:
Wenn wir beispielsweise ein Wasserzeichen von 1755 in einer Handschrift finden – das kann man durch Vergleiche mit anderen, datierten Papieren feststellen –, können wir diese auf einen Zeitraum zwischen 1755 und etwa 1760 datieren. Das ist äußerst hilfreich, weil Handschriften von den Komponisten in der Regel nicht mit einem Datum versehen wurden.

Was ist die spezielle Methode, die Sie zur Identifizierung der Wasserzeichen entwickelt haben?

Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut Braunschweig haben wir an der Staatsbibliothek eine Methode entwickelt, die Wasserzeichen in den Musikhandschriften mittels einer Thermografiekamera sichtbar macht. Mit bloßem Auge oder mit Durchlichtgeräten sind die Wasserzeichen oft kaum zu erkennen, besonders wenn sie von Text oder Notenschrift überdeckt sind. Mit der Thermografie wird Wärme von etwa 39 Grad durch das Papier geleitet und thermografisch gemessen – an den Stellen, wo ein Wasserzeichen ist, strömt mehr Wärme hindurch und das Thermografiebild macht das Zeichen deutlich sichtbar.

Sie stellen die Digitalisate per Open Access, also als frei zugängliche Daten, ins Netz. Bedauern Sie manchmal auch, damit die „Kontrolle“ darüber zu verlieren, was mit den Werken geschieht?

Nein, es ist für mich kein Problem, dass wir diese Rolle nicht mehr haben. Wir sind heute nicht mehr dafür da, dass alle zu uns kommen und um Zugang bitten müssen. Für die Forschung ist der freie Zugang im Internet ein Riesengewinn, schon allein durch die zeitlich und räumlich uneingeschränkte Verfügbarkeit, die durch Digitalisate ermöglicht wird. Meines Erachtens kommen wir damit unserer Aufgabe als öffentliche Einrichtung nach, unsere Quellen der Allgemeinheit und der Wissenschaft global zugänglich zu machen. Außerdem werden durch die Digitalisierung die originalen Handschriften geschont, denn sie müssen nicht immer wieder aus dem Tresor herausgeholt werden, wo sie vor Berührungen, Licht und Klimaschwankungen geschützt sind.

Ist Open Access die Zukunft?

Es ist heute bereits Standard bei digitalen Daten in der Forschung, die ja meist mit öffentlichen Mitteln gefördert ist, und das finde ich aus den oben genannten Gründen sehr sinnvoll. Gleichzeitig ergeben sich durch Open Access auch ganz neue Synergien und Herangehensweisen, denn durch die freie Zugänglichkeit können auch Menschen auf die Daten zugreifen, die vorher vielleicht nie mit Bach oder den Bach-Söhnen in Berührung gekommen wären. So können völlig neue Ideen und Verwendungen für das Material entstehen – und das ist doch eine spannende Perspektive.

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