Rede von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Pressemitteilung vom 16.10.2009

- Es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte Frau Bundeskanzlerin,
Herr Regierender Bürgermeister,
Herr Staatsminister,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren Abgeordneten,
hochverehrte Festversammlung,

der heutige Tag ist ein historisches Datum, für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, für Berlin und für das ganze Land. Der Anlass ist kein geringer, denn für die Museumsinsel geht heute die Nachkriegszeit zu Ende.

Streift man durch Berlin, und ich tue das bisweilen, so entdeckt man selbst im Jahre 2009 noch immer die eine oder andere Kriegsruine. Es sind aber nur mehr wenige Gebäude, die an jenen unfassbaren Kulturbruch erinnern, der vor 70 Jahren von deutschem Boden ausging und dann mit voller Wucht auf unser Land zurückschlug und eine der großen Kulturnationen Europas auch moralisch in ihren Grundfesten erschütterte, ja sie für immer zu diskreditieren schien. Die Ruine des Neuen Museums stand sinnbildlich dafür!

Erstmals seit 70 Jahren sind mit der Eröffnung des Neuen Museums nun wieder alle fünf Häuser der Museumsinsel für die Öffentlichkeit zugänglich! Das war bisher nur einmal und für sehr kurze Zeit der Fall. Nach über 100 Jahren Bauzeit erlebte die Museumsinsel mit der Eröffnung des Pergamonmuseums 1930 ihre glanzvolle Vollendung, diese „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“, diese gleichsam in die Ebene ausgebreitete Akropolis der Kunst, der Bildung und der Wissenschaft, um die die Welt uns beneidet.

Doch nur neun Jahre später, 1939, begann die kriegsbedingte Schließung der ersten Häuser. Wenige Tage vor Kriegsbeginn fand hier in Berlin noch ein internationaler Archäologenkongress statt, mit Empfängen und Besichtigungen auf der Museumsinsel, man befasste sich mit vergangenen Kulturen, wo doch bald die bestehenden untergehen sollten.

Heute beginnt eine neue Epoche in der Geschichte der Museumsinsel, und wir sind voller Gewissheit, dass es eine glückliche sein wird. Wir leben in einer anderen, friedlicheren Welt, und Deutschland kann sich an just diesem Ort als das präsentieren, was es eben auch ist, nämlich eine weltoffene Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftsnation. Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, bringen dies am heutigen Tage durch Ihre Anwesenheit und durch Ihre Mitwirkung eindrucksvoll zu Ausdruck.

Die Museumsinsel ist weit mehr als nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Mitte Berlins, sie hat unser Geschichtsbild geformt und wird es weiter formen, weil museale Präsentation heute nicht mehr statisch ist, sondern sich in engem Austausch mit Besuchern aus aller Welt und mit Ergebnissen modernster wissenschaftlicher Forschung stetig weiterentwickelt.

Wir sind heute nicht nur glücklich und stolz, sondern empfinden auch große Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die mit uns auf diesen Tag hingearbeitet haben.

Ich erinnere mich noch gut: Im Herbst 1984, vor genau 25 Jahren, kam ich durch den Übergang Friedrichstraße aus Westberlin und verbrachte einen Tag im Pergamonmuseum, um danach am Kupfergraben zu stehen und auf die Ruine des Neuen Museums zu blicken. Fassungslos sah ich, wie Bäume und Büsche aus der Treppenhalle emporwuchsen und das noch stehende Mauerwerk auseinander zu sprengen drohten. Ich konnte damals nicht ahnen, welche Kämpfe die Verantwortlichen der Staatlichen Museen zu Berlin-Ost ausfechten mussten, um die Ruine vor dem Abriss zu bewahren. Auch für sie ist heute ein besonderer Tag, und ich freue mich, Günter Schade, den einstigen Generaldirektor in Berlin-Ost, unter uns begrüßen zu dürfen!

Zwischen der Grundsteinlegung des Neuen Museums 1841 und seiner Eröffnung 1859 lag eine Revolution, die von 1848. Zwischen Schließung und Zerstörung und seiner Wiedergeburt lag erneut eine Revolution, diesmal eine friedliche. Ich denke, das ist auch ein gutes Omen für dieses Haus!

Nach der Wiedervereinigung haben Bund und Länder der Museumsinsel den Weg in eine glanzvolle Zukunft eröffnet. Bis 2002 wirkten Bund und Berlin eng zusammen, seit 2003 trägt der Bund nun alleine die finanzielle Verantwortung für die Bauvorhaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Bundesregierung sind wir deshalb zu großem Dank verpflichtet. Doch ohne die stetige finanzielle Unterstützung durch das Land Berlin wäre die Stiftung Preußischer Kulturbesitz heute nicht das, was sie ist, insbesondere wenn es um die konzeptionelle Weiterentwicklung und Bespielung seiner Flächen geht, deshalb danken wir auch Berlin.

200 Millionen Euro haben Sanierung, Modernisierung und Wiederaufbau des Neuen Museums gekostet, 33 Millionen weniger als ursprünglich kalkuliert. Und wir liegen nicht nur deutlich unterhalb des Kostenrahmens, sondern auch genau im Zeitplan. David Chipperfield und sein gesamtes Team haben ein Meisterwerk geschaffen. Mit uns gemeinsam sind sie durch Phasen offener, intensiver und auch heftiger Debatten gegangen. Und es hat sich gelohnt! Es war richtig, das Erhaltene zu bewahren, Verlorenes aber nicht einfach zu imitieren, sondern in angemessener Weise in einer modernen Formensprache weiterzuentwickeln.

Gewiss kein Konzept für sämtliche Häuser der Museumsinsel, aber ebenso gewiss das einzig richtige für dieses Gebäude und seine besondere Geschichte, zu der es sich bekennt, ja bekennen muss. Das Neue Museum leugnet nicht das Erbe Stülers, im Gegenteil; es lässt aber auch den neuen Geist unserer Zeit kraftvoll spüren. Das Neue Museum hat sich „archäologisiert“ und bietet eine eindrucksvolle Kulisse für die hier nun zu bewundernden Sammlungen des Ägyptischen Museums, des Museums für Vor- und Frühgeschichte und der Antikensammlung.

Diese glanzvolle Entwicklung verdanken wir vielen Personen, auch solchen, die heute nicht mehr im Amt sind, und die ich herzlich begrüße: In erster Linie sei mein Vorgänger Klaus-Dieter Lehmann genannt. Er hat den von Wolf-Dieter Dube initiierten Masterplan auf den Weg gebracht und mit aller Kraft vorangetrieben. Dabei wurde er kongenial begleitet von seinem Generaldirektor Peter-Klaus Schuster, der auch noch einige Monate „mein“ General war. Aber auch die Direktoren und Mitarbeiter der Museen haben Grandioses geleistet, die ehemaligen ebenso wie die erst seit kurzem amtierenden.

Das Kuratorium Museumsinsel, dem die wichtigsten deutschen Wirtschaftsunternehmen angehören, unterstützt seit Jahren die Aktivitäten der Stiftung für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung dieses zentralen kulturellen Ortes unseres Landes. Dieses Zusammenwirken von Kultur und Wirtschaft ist zukunftsweisend für unsere Gesellschaft, und ich begrüße heute auch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Dr. Henning Schulte-Noelle.

1859, vor genau hundertfünfzig Jahren, war das Neue Museum zum ersten Mal vollendet. Es war das modernste Museum seiner Zeit, nicht nur, weil es das erste dreigeschossige Museumsgebäude überhaupt war und mit vielen technischen Neuerungen aufwartete. Es war auch in seiner inhaltlichen Konzeption ungemein modern und leitete einen Paradigmenwechsel ein: Neben dem Alten Museum, dem „Tempel der Kunst“, entstand mit dem Neuen Museum ein „Tempel der Bildung. Die Auswahl der Exponate erfolgte nicht mehr nur nach ästhetischen, sondern nach wissenschaftlichen Kriterien. Dabei verzichtete man nicht auf spektakuläre Präsentationsformen, sondern man nutzte sie gezielt, um den Besucher staunend in eine andere Welt zu versetzen. Meine Damen und Herren, das Neue Museum steht auch für die fortwährende Veränderung musealer Inszenierung, damals wie heute.

Forschung, Bildung und Vermittlung gehören zu den zentralen Aufgaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die unter dem Dach der Stiftung zusammengefassten Kultur- und Wissensarchive der Staatlichen Museen, der Staatsbibliothek, des Geheimen Staatsarchivs, des Ibero-Amerikanischen Instituts und des Staatlichen Instituts für Musikforschung sind einzigartige Zeugnisse, und nur aus diesen Zeugnissen kann unser Bild von der Geschichte und der vielfältigen kulturellen und geistigen Entwicklung der Menschheit erwachsen.

Zu diesen herausragenden Wissens- und Kulturarchiven gehören auch die Sammlungen außereuropäischer Kulturen, die einst im Berliner Schloss entstanden und später zunächst im Neuen Museum gezeigt wurden. Im Humboldt-Forum im Berliner Schloss werden sie ihre Rückführung in die Mitte Berlins erleben, und sie werden integriert werden in ein völlig neuartiges Kunst- und Kulturerfahrungszentrum.

Die Museumsinsel mit der Kunst und Kultur Europas und des Nahen Ostens war die große Vision des 19. Jahrhunderts, das Humboldt-Forum mit der Kunst und Kultur Afrikas, Amerikas, Asiens, Australiens und Ozeaniens ist die Vision des 21. Jahrhunderts, und zu dieser Vision gehört auch, aus beidem, Museumsinsel und Humboldt-Forum, eine geistige Einheit werden zu lassen, eine lebendige Landschaft der Kunst und Kultur, des Wissens und der Bildung.

Das ist die Zukunft, für die wir arbeiten, um hier im Herzen Berlins einen einzigartigen Ort der Weltkulturen zu schaffen. Und mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums, meine Damen und Herren, feiern wir den Beginn dieser Zukunft!

Dazu gehört aber auch, die Museumsinsel, dieses UNESCO-Weltkulturerbe, in die Zukunft weiterzubauen. Mit dem heutigen Tag ist zwar ein Meilenstein erreicht, doch noch liegt eine große Wegstrecke vor uns. Derzeit werden die Sanierung und Erweiterung von Pergamonmuseum und Altem Museum geplant. Und in den Museumshöfen gegenüber dem Bode-Museum entsteht unser „Kompetenzzentrum Archäologie“, in dem die im Zuge der Sanierung der Museumsinsel ausgelagerten Bibliotheken, Restaurierungslabors und Studiensammlungen zusammengefasst werden. Sie werden dort ein lebendiges Zentrum musealer Forschung bilden, offen für Wissenschaftler aus aller Welt.

Und Ihrem Engagement, Herr Staatsminister, ist es zu verdanken, dass wir bereits im kommenden Jahr die Grundsteinlegung für die James Simon-Galerie begehen können. Wieder werden David Chipperfield und sein Team Hand anlegen, und wir sind fasziniert von der Vorstellung, die Museumsinsel ab dem Jahre 2013 von einem zentralen Eingangsgebäude aus erschließen zu können. Mit der James Simon-Galerie entwickeln wir die Museumsinsel behutsam und entschieden zugleich in das 21. Jahrhundert weiter. Die Museumsinsel wird nicht nur ein Ort der Historie sein, sondern sie wird ihre Besucher auch mit modernsten Angeboten und zeitgemäßer Infrastruktur empfangen.

Die Museumsinsel, meine Damen und Herren, zieht jedes Jahr mehr Menschen aus aller Welt an. Und das Neue Museum wird diesen Trend noch verstärken, mit seiner faszinierenden Mischung aus Geschichte und Moderne, aus geschundener Vergangenheit und kraftvoller Zukunft, aus genussvoller Schönheit und läuternder Kontextualisierung, ein Phönix unter den Museen dieser Welt!

Ab morgen gehört dieses Haus der Öffentlichkeit, und dem Neuen Museum gehört die Zukunft!

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